Geschichte der Landesbibliothek

Die Anfänge

Unter Landgraf Wilhelm IV. (regiert 1567-1592) war 1580 der Bücherbesitz des landgräflichen Hauses erstmals zusammenhängend aufgestellt worden. Über die Jahrhunderte erweiterte sich der Bestand um zahlreiche Drucke, Handschriften und Musikalien.

Landgraf Wilhelm IV. war stark interessiert an wissenschaftlichen Fragestellungen und beschäftigte sich sowohl mit theologischen Streitfragen seiner Zeit, als auch mit komplexen Problemen in Mathematik und Astronomie. Während seiner Regentschaft wurden zahlreiche Drucke und Inkunabeln auf Buchmessen und über Händler wie auch durch den Ankauf kleinerer nachgelassener Gelehrtenbibliotheken erworben.

Das 16. und 17. Jahrhundert

Der Marstall um 1900

Wilhelms Nachfolger Moritz der Gelehrte (1592-1627) brachte dem weiteren Aufbau der Bibliothek nur wenig Interesse entgegen, obgleich er im Umkreis seines Hofes Bildung und Wissenschaft ebenso förderte wie Theater und Musik.

Aus Moritz‘ Regierungszeit gelangten, wenn auch teils erst Jahrzehnte später, die systematisch erworbene und aufgebaute Notensammlung seiner Hofkapelle sowie seine herausragenden Bestände alchemischer Schriften an die Bibliothek.

Während der Regentschaft Wilhelms V. (1627–1637) kam es im Verlauf kriegerischer Handlungen des Dreißigjährigen Krieges durch die Truppen des Landgrafen zu Plünderungen des Fuldaer Kirchenguts. Dabei wurden wertvolle theologische Handschriften und Drucke u.a. aus den Beständen der Reichsabtei Fulda nach Kassel verbracht.

Nach dem Tod des Kurfürsten Karl II. von der Pfalz († 1685), Enkel des Landgrafen Wilhelm V., und dem seiner Mutter Charlotte († 1686), führte die Pfälzer Erbschaft die außerordentlichen Handschriften- und Buchbestände der Jüngeren Palatina aus Heidelberg nach Kassel. Durch sie gewann die landgräflichen Bibliothek, die sich seit längerem im Marstall befand, neben anderem qualitativ hochwertige französische und italienische Renaissancehandschriften wie auch fremdsprachige Drucke hinzu.

Lesesaal der alten Landesbibliothek im Museum Fridericianum
Lesesaal der alten Landesbibliothek im Museum Fridericianum

Umzug ins Museum Fridericianum

Unter Landgraf Friedrich II. (1760-1785) wurde die Bibliothek 1779 aus den alten Räumen im Marstall in das für die vielfältigen fürstlichen Sammlungen eigens neu errichtete Museum Fridericianum verlegt.

Hier verblieb die Sammlung bis zur kriegsbedingten Zerstörung des Fridericianums durch Brandbomben im Oktober 1941, bei der 90% des Druckbestandes der Landesbibliothek verbrannten.

Die Landesbibliothek im 19. Jahrhundert

Infolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, der die Aufhebung verschiedener geistlicher Stifte und Klöster auch auf dem Gebiet der Landgrafschaft zur Folge hatte, gelangten umfangreichere Bestände an Hand- und Druckschriften (insbesondere auch aus der Bibliothek des Stiftes St. Peter zu Fritzlar) an die kurfürstliche Bibliothek.

Zwischen 1807 und 1813 kam es, nach der Errichtung des Köngreichs Westphalen unter Jérôme Bonaparte, zur fast völligen Stillegung des Betriebes der alten landesfürstlichen Bibliothek. Die Bestimmung, dass eine Buchausleihe nur mit ausdrücklicher Zustimmung der neuen Regierung erfolgen durfte, lähmte den Tagesbetrieb ebenso wie die von Jérôme angeordneten umfangreichen Umbauarbeiten im Fridericanum.

Bewerbung Jacob Grimms um eine Stelle in der Landesbibliothek (1815)

Mit dem Abzug der Franzosen und der Wiedererrichtung des Kurstaates wurde der Buchbestand wieder leichter zugänglich und übernahmen alte bewährte Bibliothekare erneut die Verantwortung für die wertvollen Sammlungen. 

In dieser Zeit gelang es Wilhelm Grimm, eine Anstellung als Sekretär an der kurfürstlichen Bibliothek zu erlangen. Gut zwei Jahre nach seinem Bruder trat dann auch Jacob Grimm im April 1816 als 2. Bibliothekar seinen Dienst in der Bibliothek an. Beide wirkten dort bis zu ihrem Weggang nach Göttingen 1829 und widmeten sich während dieser Zeit intensiv ihren Forschungen und Studien zu Märchen, Sagen, mittelalterlicher Literatur, Rechtsgeschichte und Sprache. 

Nachdem Hessen-Kassel 1831 eine liberale Verfassung erhalten hatte, wurde die kurfürstliche Büchersammlung von der Hofverwaltung getrennt und als Landesbibliothek in die allgemeine Staatsverwaltung übernommen.

Erst 1897 vereinigte man die Königliche Wilhelmshöher Schlossbibliothek, die vorwiegend Drucke und Tafelwerke enthielt, mit der Landesbibliothek. Ihre Bestände gingen 1941 beim Brand des Fridericianums jedoch weitgehend unter.

Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg

Historische Ansicht der Murhardschen Bibliothek

Nach der Zerstörung des Fridericianums fanden die geretteten Bestände der Landesbibliothek nach Zwischenstationen Aufnahme im Gebäude der Murhardschen Bibliothek. 

Im August 1948 konnte die Landesbibliothek in einem Raum der Neuen Galerie provisorisch ihren Publikumsverkehr wieder aufnehmen, bevor sie ab Dezember desselben Jahres auch im Ständehaus weitere Räumlichkeiten für die Ausleihe erhielt und einen Lesesaal einrichten konnte.

Nachdem 1957 die Verwaltung der Landesbibliothek und der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel zusammengelegt worden war, erfolgte 1959 auch die räumliche Zusammenlegung der beiden Bibliotheken in der Murhardschen Bibliothek am Brüder-Grimm-Platz.

1976 wurden die Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel und die Landesbibliothek mit sämtlichen Beständen in die damalige Gesamthochschulbibliothek (seit 2003 Universitätsbibliothek) eingebracht.