Handschriften

Landgräfliche Vorlieben: Mathematik, Astronomie und Alchemie

Unter Wilhelm IV. wurde 1580 der Bücherbesitz des landgräflichen Hauses erstmals zusammenhängend aufgestellt. Der Bestand der Bibliothek, die sich seither im Renthof befand, wuchs jedoch deutlich schleppender als die Notensammlung der Hofkapelle.

Da das Landgrafenhaus die Sammlung von Handschriften und Drucken in der Regel nicht systematisch förderte - ausgenommen im Bereich der Musikalien - war die Bestandsentwicklung von Anfang an stark an die wechselnden Interessensvorlieben der jeweiligen Regenten gebunden.

Während Landgraf Wilhelm der Weise († 1592) sich vor allem mit theologischen, astronomischen und mathematischen Fragestellungen befasste und eine große Sammlung von Inkunabeln und Drucke zu diesen Themen zusammentrug, beschäftigte sich sein Sohn Moritz der Gelehrte († 1632) intensiv mit Alchemie. – Seine über 600 Handschriften und Drucke umfassende Sammlung alchemischer Schriften wurde jedoch erst 1675 in die landgräfliche Bibliothek integriert.


Mittelalterliche Schätze

Während des Dreißigjährigen Krieges kam es unter Landgraf Wilhelm V. zur Plünderung des Fuldaer Kirchenguts durch hessische Truppen. Hierdurch gelangten um 1632 u.a. das Hildebrandlied sowie einer Abschrift des De bello Iudaico von Flavius Josephus aus dem 6. Jahrhundert in die Sammlung.

Auf dem gleichem Weg gelangten auch verschiedene andere hochkarätige mittelalterliche Manuskripte, sowie einige wertvolle spätmittelalterliche liturgische Handschriften an die landgräfliche Bibliothek.


Pfälzer Erbschaft: die Jüngere Palatina

Weiteren bedeutenden Zuwachs an Handschriften und Drucken erfuhr die Kasseler Sammlung 1686 durch einen Erbfall. Nach dem Tod des Kurfürsten Karl II. von der Pfalz († 1685), Enkel des Landgrafen Wilhelm V., und dem seiner Mutter Charlotte († 1686), gelangte die wertvolle Büchersammlung der Pfalzgrafen von Heidelberg an den Kasseler Hof. Dieser Bestand wurde aus verschiedenen älteren Teilsammlungen zusammengestellt oder neu erworben, nachdem die Bibliotheca Palatina als Kriegsbeute nach Rom verschleppt worden war.

Die Jüngere Palatina bereicherte die Bibliothek der Landgrafen um erstklassige, reich illuminierte Codices der Renaissance, wie die Handschrift der Canzone von Petrarca, die Regeln des Ordens vom Goldenen Vlies, oder Bocaccios Il filocolo.


Mittelalterliche theologische Handschriften

Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts kamen zudem einige bedeutende theologische Handschriften als Kriegsbeute oder Geschenke an die Landesbibliothek. So u.a. das Abdinghofer Evangeliar und das heute verschollene Hardehausener/Helmarshausener Evangeliar, die Rudolf Erich Raspe auf seinen Bibliotheksreisen als Geschenke für Landgraf Friedrich II. entgegenehmen konnte.

Nach dem Reichsdeputationshauptschluss und der damit verbundenen Auflösung des Chorherrenstiftes St. Peter zu Fritzlar gelangten neben einer unbekannten Zahl von Drucken auch rund 100 vorwiegend liturgische Handschriften an die landesfürstliche Bibliothek.


Materialtausch mit dem Staatsarchiv 1923

Ein letzter signifikanter Zuwachs an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften sowie Fragmenten erbrachte der Tausch von Akten- und Urkundenmaterial aus dem Bestand der Landesbibliothek gegen Handschriften des Staatsarchivs Marburg im Jahr 1923.


Während des 2. Weltkrieges verlorene Bestände

Anders als die Drucke, hatten die Handschriften und historischen Musikalien der Landesbibliothek, wie auch Teile der Kasseler Grimm-Sammlung, bei der Zerstörung des Fridericianums durch einen Brandbombenangriff im September 1941 kaum Schaden genommen. Bis auf wenige, jedoch besonders wertvolle Codices, die in Schauvitrinen bzw. in Tresoren im Bibliotheksgebäude aufbewahrt und daher stark beschädigt wurden, waren die übrigen Stücke im angrenzenden Zwehrener Turm untergebracht, der dem Brand entging.

Durch Plünderungen an den Auslagerungsorten in Hessen und Thüringen verlor die Bibliothek gegen Ende des 2. Weltkrieges verschiedene wertvolle Drucke und Handschriften. Einige Objekte gelangten, teils allerdings erst nach Jahrzehnten, wieder zurück an die Sammlung.

Zahlreiche Stücke, wie beispielsweise das Hardehausener/Helmarshausener Evangeliar sind jedoch bis heute vermisst. Hierüber informiert die Datenbank Lost Art.