Open Access: Erfahrungsbericht Prof. Dr. Christiane Koch

Stand: 19.03.2015

Die finanzielle Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für Artikel, die in Open Access-Zeitschriften publiziert werden, geht in die nächste Runde: 2015 steht der Universität Kassel ein Gesamtbetrag von 20.000 Euro zur Verfügung, der zu 3/4 von der DFG, zu 1/4 von der Universitätsbibliothek getragen wird. Hieraus werden Autorengebühren bezahlt, die den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei der Veröffentlichung von Artikeln in Open Access-Zeitschriften entstehen.

Prof. Dr. Christiane Koch, seit 2010 Professorin für Theoretische Physik an der Universität Kassel, erzählt von ihren Erfahrungen mit Open Access (OA).

Frau Koch, Sie haben den OA-Publikationsfonds der Uni Kassel bereits genutzt. Wie haben Sie das Beantragungsverfahren auf Übernahme der Autorengebühren erlebt?

CK: Es gibt ja kein Verfahren im eigentlichen Sinne. Nachdem vorab die Einhaltung der DFG-Bedingungen mit Dr. Tobias Pohlmann (dem Open Access-Beauftragten der Universität) geklärt waren, genügte es, bei ihm die Rechnung einzureichen. Man muss keinen weiteren Antrag stellen, so dass ich den Vorgang nur als denkbar unproblematisch bewerten kann.

Entscheidend für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist vielmehr die ausreichende Erstinformation über den OA-Fonds. Am Verfahren selbst ist nichts verbesserungswürdig.

Sie haben bereits mehrere Artikel in OA-Zeitschriften publiziert. Wie sind Ihre Erfahrungen zur Rezeption Ihrer Veröffentlichungen?

CK: Ich habe bereits vier Artikel im New Journal of Physics veröffentlicht, zwei davon wurden aus dem Fonds finanziert. Zwei weitere sind derzeit in Begutachtung.

In Bezug auf die Rezeption habe ich keine andere Erfahrung machen können, als bei der Veröffentlichung in konventionellen Zeitschriften, die in der Physik mittlerweile ebenfalls alle online veröffentlicht werden. Bei uns in der Physik sind viele Artikel in arXiv frei verfügbar, zusätzlich zu ihrem Erscheinen in einer subskriptionspflichtigen Zeitschrift. Schon allein deshalb sehe ich zum Thema Rezeption keine qualitativen Unterschiede.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von OA für Ihre Fachrichtung ein?

CK: Ich hätte insgesamt bereits in den vergangenen zehn Jahren eine stärkere Entwicklung in Richtung OA erwartet. Doch bislang ist das New Journal of Physics die einzige OA-Zeitschrift im Bereich der Physik, die sich bereits durchgesetzt hat.
Bei vielen klassischen Zeitschriften, wie z.B. denen der American Physical Society (APS), kann man nur einzelne Artikel in OA freischalten lassen.

Und die bisherigen Geschäftsmodelle von Verlagen wie Elsevier, deren Hauptziel kommerzieller Erfolg ist und nicht die Förderung wissenschaftlicher Kommunikation wie bei den von Fachgesellschaften herausgegebenen Zeitschriften, sind natürlich nicht Sinn der Sache. Daher veröffentliche ich persönlich nicht bei diesen Verlagen und führe dort auch keine Begutachtung durch. Insgesamt finde ich es bedauerlich, dass OA sich nicht schon stärker durchgesetzt hat.

Wie sehen Sie die Zukunft von OA?

CK: In den letzten beiden Jahren ist eine Reihe von neuen OA-Zeitschriften entstanden, sowohl von Fachgesellschaften als auch von großen Verlagen wie Taylor & Francis, aber auch von eher dubiosen Herausgebern. Wie diese sich entwickeln werden ist zur Zeit noch völlig offen.

Die eigentliche Frage ist aber, wie die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens insgesamt aussehen wird. Das ist derzeit nicht abzusehen. Die Anzahl der Publikationen einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers spielt eine immer größere Rolle.

Doch bei all der Publikationsflut stellt sich die Frage, wie die Qualität der Begutachtung bei dieser steigenden Menge aufrechterhalten werden kann. Selbst große Verlage klagen über fehlende Bereitschaft zur Begutachtung. Das stellt langfristig die derzeitige Kultur des wissenschaftlichen Publizierens insgesamt in Frage. In welche Richtung sich das wissenschaftliche Publizieren entwickelt, ist momentan schwer abzuschätzen.

In einigen Fachdisziplinen herrscht die Meinung vor, OA-Artikel seien qualitativ nicht so hochwertig wie Artikel in konventionell erscheinenden Zeitschriften. Wie stehen Sie zu dieser These?

CK: Das trifft in der Physik so nicht zu. Allgemein geht es hier um den Begutachtungsprozess und dessen Qualität. Dieser hängt von der herausgebenden Zeitschrift und deren Editorial Board ab. Sind die Standards einer Zeitschrift für den Begutachtungsprozess gut, so ist es auch die Qualität der Zeitschrift. Unabhängig von OA oder nicht.

Aus meiner Erfahrung lässt sich sagen, dass, wenn eine OA-Zeitschrift von einer renommierten Fachgesellschaft getragen wird, es keine Bedenken geben sollte, dort zu publizieren, im Gegenteil.

Was könnte ein Wissenschaftler tun, um OA zu unterstützen?

CK: Selbst in OA-Zeitschriften publizieren und Begutachtungen für andere Artikel schreiben. Und hierzu auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermutigen.

Derzeit wird der Publikationsfonds noch von der DFG als Anschubfinanzierung unterstützt. Für wie wichtig halten Sie es, dass sich dieses Finanzierunginstrument dauerhaft etabliert?

CK: Der Fonds ist extrem hilfreich. Ich habe unlängst an einem Artikel gemeinsam mit drei Kolleginnen aus Spanien und Frankreich gearbeitet. Diese Kolleginnen hatten keine Möglichkeit der Kostenübernahme, so dass es eine große Erleichterung war, dass sich bei uns die finanzielle Frage gar nicht gestellt hat. Ein dauerhafter Fonds ist wirklich sehr wünschenswert.

Der Anteil an OA-Artikeln, die in der bibliographischen Datenbank Web of Science nachgewiesen werden, ist in den letzten Jahren exponentiell auf mittlerweile 10% angestiegen. Glauben Sie, dass sich diese Entwicklung weiterhin so rasant fortsetzen kann?

CK: Ich wünsche mir für die Verbreitung von OA, dass sich das exponentielle Wachstum fortsetzt. Doch leider spielen ideelle oder wissenschaftspolitische Überlegungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oft keine Rolle, wenn es um die eigenen Veröffentlichungen geht.

Natürlich hat das Renommee einer Zeitschrift die oberste Priorität. Doch ein großer Teil der Veröffentlichungen ist nicht für diese sogenannten High impact-Journale geeignet. Bei diesen Arbeiten ist man in der Wahl der herausgebenden Zeitschrift im Prinzip frei und kann sich für OA entscheiden. Zwei Drittel aller Artikel erscheinen nun mal nicht in High Impact-Journalen.

Leider spielt die Frage nach OA aber oft keine Rolle im Entscheidungsprozess, wo eine Arbeit eingereicht werden soll. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Kolleginnen und Kollegen nicht bewusst machen, dass wir mit unserem eigenen Verhalten Erfolg oder Misserfolg von OA-Entwicklungen und die Entwicklung der Publikationskultur insgesamt steuern. Da würde ich mir insgesamt ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein wünschen.

Das Interview führte Simone Baum, UB Kassel