Adelheid Fiedler


Dr. Adelheid Fiedler,
Studiengang Mehrdimensionale Organisationsberatung von 2009-2012; aktuelle Tätigkeit: Selbständige Supervisorin, Coach und Organisationsberaterin.

Die Biologin und promovierte Theologin Adelheid Fiedler absolvierte in Kassel den berufsbegleitenden Studiengang Mehrdimensionale Organisationsberatung (MDO). Ihre Masterarbeit „Gott im Coaching?“, für die sie den ASSCO-Preis 2012 erhielt, beschäftigt sich mit einem Pionierthema: Die Verknüpfung von Seelsorge und säkularer Beratung wurde bislang von der Profession der Coachs und Supervisoren kaum reflektiert. Adelheid Fiedler, die gern quer zu traditionellen Fächergrenzen denkt, widmete sich dieser aktuellen Frage. Von den Einsichten und Erkenntnissen aus ihrem Weiterbildungsstudium profitiert sie heute als selbständige Beraterin. 


Studium und Promotion

Adelheid Fiedler studierte Biologie und Theologie auf Lehramt an der Universität Tübingen, stellte jedoch fest, dass der Beruf der Lehrerin nicht das Richtige für sie ist. Um beruflich mehr Möglichkeiten und Freiheiten zu haben, entschied sie sich für eine Promotion. Ein Stipendium gestattete ihr, ihre Zeit und Kraft voll auf die Dissertation zu konzentrieren. Auf ihr Thema „Ich war tot und ihr habt meinen Leichnam geehrt: Unser Umgang mit den Verstorbenen“ kam sie durch einen einjährigen Studienaufenthalt in Kamerun. Die Begegnung mit einer afrikanischen Kultur mit Blick auf die Themen Sterben und Tod war für sie sehr inspirierend.

Der Umgang mit dem Leichnam ist in Deutschland ein tabuisiertes Sujet und daher war kaum Literatur dazu vorhanden. Die Erstellung ihrer stark praxisorientierten Doktorarbeit, die u.a. auf Befragungen von Pfarrern und Bestattern beruht, empfand sie als eine große Bereicherung und eine ausgesprochen spannende Zeit. Um verschiedene Aspekte des Themas kennenzulernen, machte sie beispielsweise ein Praktikum in einem Hospiz. Nach einem ihrer Vorträge über den Umgang mit dem Leichnam meldete sich eine Architektin bei ihr, die durch die Präsentation sensibler für das Thema geworden war und daraufhin in ihren Plänen für den Bau eines Altersheims einen Abschiedsraum für Verstorbene vorsah, den es sonst nicht gegeben hätte. Für Adelheid Fiedler ist diese Anekdote bezeichnend für unseren Umgang mit Verstorbenen. „Die kurze Zeitspanne zwischen Tod und Bestattung wird in Deutschland fast völlig ausgeblendet und bei der Planung von praktischen Dingen daher oft vergessen. Dieses Ignorieren einer so wichtigen Phase ist für andere Kulturen, wie z.B. die afrikanischen, vollkommen unverständlich,“ betont Fiedler. Zugleich zeigt die Rückmeldung der Architektin, wie leicht es sein kann, etwas zu verändern, wenn ein Bewusstsein für ein Anliegen vorhanden ist.  


Berufseinstieg

Nach der Promotion arbeitete Adelheid Fiedler unter anderem bei einem Wohlfahrtsverband und entwickelte dort im Rahmen eines Modellprojektes – analog zum Freiwilligen Sozialen Jahr für Jugendliche – einen Freiwilligendienst für Erwachsene. Ihrem Team ist es gelungen, eine Struktur für einen neuen Freiwilligendienst aufzubauen, der deutschlandweit einzigartig ist und der in Sachsen längst über die Modellphase hinaus weiter geht. Nach dieser Aufbauphase war für Adelheid Fiedler dran, wieder etwas Neues zu wagen: „Ich bin vom Typ her Pionierin. Und Pioniere bauen Brücken, sie verwalten sie nicht. Die Freiwilligenarbeit, die mir ein echtes Herzensprojekt war, ist jetzt bei ehemaligen Kollegen in besten Händen.“


Weiterbildungsstudium

Mit ihrer Hochschulausbildung in Biologie und Theologie und ihrer Arbeitserfahrung im sozialpädagogischen Bereich sah sich Adelheid Fiedler als Generalistin, die sich in unterschiedlichen Bereichen auskannte. Wegen ihrer Freude an der Arbeit mit Menschen wollte sie ihre professionellen Grundlagen als Beraterin ausbauen und begann, Mehrdimensionale Organisationsberatung zu studieren: „Ich wollte meine Vielfalt professionalisieren. Das Konzept der Mehrdimensionalität des MDO sprach mich besonders an.“ Adelheid Fiedler und ihre Kommilitonen lernten intensiv durch Selbst- und Gruppenreflexion, eigene Beratungspraxis und Theorie. Nach drei Jahren berufsbegleitendem Studium bildete ihre Masterarbeit den krönenden Abschluss.

Fiedler verfasste ihre Abschlussarbeit über das Verhältnis von Seelsorge und Coaching. Sie ging der Beobachtung nach, dass diese beiden Beratungsformate sich derzeit gegenseitig annähern. Existentielle Lebensfragen, die häufig mit Religion und Spiritualität assoziiert werden, treten zunehmend in der berufsbezogenen Beratung – insbesondere im Coaching – auf, müssen jedoch mit religiöser Neutralität und Offenheit bearbeitet werden. Welche Bedeutung dies für das Professions- und Rollenverständnis des Coachs hat, wurde in der säkularen Beratungsausbildung bislang kaum reflektiert, das schwierige Verwandtschaftsverhältnis von Seelsorge und säkularer Beratung tendenziell tabuisiert. „Dieses Bermuda-Dreieck forderte mich zu großer Sorgfalt heraus“, erläutert Adelheid Fiedler die Entstehungsphase der Arbeit. Ihre Mühe wurde belohnt. Im Oktober 2012 erhielt sie den ASSCO-Preis, der vom Verein der Absolventinnen und Absolventen des Diplomstudienganges Supervision und des Masterstudienganges Supervision, Coaching, Organisationsberatung an der Universität Kassel e.V. für hervorragende Masterarbeiten vergeben wird.


Herausforderungen

Biologie und Theologie als Studienfächer miteinander zu kombinieren, ist für viele „schräg“, wenn nicht sogar widersprüchlich. Für Adelheid Fiedler, die gerade (scheinbare) Gegensätze interessant findet, geht es in der Biologie ebenso wie in der Theologie um das Leben, unterschiedliche Aspekte von Lebendigkeit und den großen Zusammenhang. Damit hängt wohl auch zusammen, dass Adelheid Fiedler immer Pionierthemen, tabuisierte Themen und Fragen, über die quasi keine Literatur besteht, angreift. „Ich denke quer zu Schubladen und habe wenig Scheu vor Ungewöhnlichem. Ich muss mich aber gar nicht zwingen, eine andere Perspektive einzunehmen, ich kann gar nicht anders. Über den Tellerrand hinweg schauen ist etwas sehr Natürliches für mich, da ich den Tellerrand oft gar nicht erst sehe.“


Aktuelle Tätigkeit und Gründung

Um Lebendigkeit und um das Vernetzen von ungewöhnlichen Sichtweisen geht es Adelheid Fiedler auch in der Beratung. Mit ihrer Mischung aus Kommunikationsfähigkeit und struktureller Analyse finden die unterschiedlichen Facetten ihrer Interessensfelder und Ausbildungen nun im Beruf der Beraterin zusammen.

Mit dem MDO-Master in der Tasche hat sie sich am 1. Juli 2012 als Supervisorin, Coach und Organisationsberaterin selbständig gemacht. „Mein Angebot reicht von Einzelsupervision und Coaching über Teamsupervision bis zur Organisationsberatung. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt in der Beratung zur Orientierung bei beruflicher Veränderung.“ Mit ihrem Masterstudium MDO ist sie zufrieden: „Ich bin jetzt angekommen in der Profession der Beraterin.“ Im Frühjahr 2013 wurde ihr Buch „Gott im Coaching?“ bei Kassel University Press veröffentlicht. Wenn ihre darin dargelegten Überlegungen einen Impuls dazu geben, dass Beraterinnen und Berater ihr eigenes Professionsverständnis neu reflektieren, hat sie ihr Ziel erreicht.  Gerade in der Beratung kommt es darauf an, immer wieder quer zu den vorgegebenen Schubladen zu denken.

(Das Gespräch führte Isabelle Schulze am 10.12.2012)

Weiterführende Links: