Alexander Koisser

Alexander Koisser Geschäftsführer & Leiter Zirkutopia e.V., Zirkus Buntmaus.

Studiengang, Studienzeitraum: Soziale Arbeit, von 1996 bis 2002


Aktuelle Beschäftigung: Geschäftsführer & Leiter Zirkutopia e.V., Zirkus Buntmaus 


Beim Zirkus Buntmaus steht der Mensch und sein Talent im Vordergrund, das kann ein Behinderter sein oder ich. : „In der ersten Aufführung habe ich nicht erkannt, wer behindert ist und wer nicht. Das hat mich fasziniert.“ Als Familienvater von zwei Kindern verbindetder diplomierte Sozialpädagoge eine feste Teilzeitstelle im Gesundheitsamt mit dem integrativen Bildungs- und Freizeitangebot für sozial benachteiligte und behinderte Kinder. So lassen sich für ihn berufliche Leidenschaft mit professioneller Kenntnis behördlicher Strukturen verknüpfen.

F: Erzähl mir doch mal, was du studiert hast.


A: Ich habe von 1996-2002 Soziale Arbeit studiert. Das habe ich zu einer Zeit studiert, als das Studieren in diesem Fachbereich noch sehr frei war. Das heißt wir Studenten mussten viel mehr als heute selbst bestimmend lernen. Das war auf der einen Seite einfacher, auf der anderen Seite viel schwerer, weil man sehr viel Selbstdisziplin haben musste. Daraus resultierte auch mein langes Studium, weil ich nebenbei immer gearbeitet habe. Ich hatte leider nie die Möglichkeit, Bafög zu bekommen, aber ich denke, die Freiheit und der Überlebenskampf ist eigentlich eine gute Qualifikation zum Sozialarbeiter.

F: Wie bist du dazu gekommen, Soziale Arbeit zu studieren?


A: Ich habe zunächst Werkzeugmacher gelernt und sollte die Firma meines Vaters übernehmen. Das war aber nichts für mich, da man da viel mit der Styroporindustrie gearbeitet hat und ich sehr umweltbewusst bin. Ich bin dann durch den Zivildienst mit Sucht- und Alkoholkranken zusammengekommen. Während meines Fachabiturs in Fachrichtung Sozialwesen wurde ich bestätigt „das ist meins“. Zur vorherigen Arbeit mit Maschinen war das allerdings schon ein großer Unterschied.

F:Im Nachhinein betrachtet, wie könnte man aus deiner Sicht das Studium verbessern? Was hat dich gestört?


A: Ich finde es ein Unding, dass die Uni Sozialpädagogen/Sozialarbeiter ausbildet, ohne das Berichtswesen in irgendeiner Weise im Studium zu behandeln. Als Sozialarbeiter muss ich so viele Berichte schreiben, wir werden immer mehr zu Sozialverwaltern und arbeiten immer weniger pädagogisch. Auch junge Studenten berichten mir noch heute „Berichtswesen, das gibt es nicht“. Genauso wenig lernt man das Antragswesen an der Uni. Außer du stellst einen Bafög-Antrag (lach).

F: Man wird also ins kalte Wasser geworfen?


A: Wenn du Glück hast, wirst du eingearbeitet.

F: Musstest du während deiner Studienzeit Praktika machen?


A: Ich musste zwei Praktika machen. Eines habe ich beim Theater Chaosium gemacht, das ist ein Theater mit Psychiatrie-Erfahrenen. Das war für mich eine ganz tolle Erfahrung, weil ich Verrückte erwartet habe und dann auf einmal völlig professionelle Schauspieler vor mir hatte (lach). Mein zweites Praktikum habe ich dann beim Zirkus Buntmaus gemacht.

F: Was war besonders an deinem Studium?


A: Ungewöhnlich war, dass ich schon während des Studiums viel in den Bereichen Theater und Kunst gemacht habe. Das war auch eine Freiheit, die ich sehr genossen habe.

F: Erzähl mir wie es nach der Uni weiterging. Wie war für dich der Einstieg ins Berufsleben?


A: Ich habe 2002 meinen Abschluss gemacht und habe dann eine Arbeit gesucht, mit der ich meine Familie ernähren kann. Meine erste Stelle war ein Projekt für arbeitslose Jugendliche in Kassel, d.h. wir haben aufsuchende Sozialarbeit gemacht und ein Internetcafe betrieben. Wir hatten viele Jugendliche mit psychischen Erkrankungen und aus sehr schwierigen Verhältnissen. Das war eine gute Basiserfahrung, die ich ein Jahr lang gemacht habe. Danach bin ich für vier Jahre zur Drogenhilfe gewechselt, hatte zwischendurch aber einen Hirntumor. Durch die Krankheit habe ich mich nochmal zurückbesonnen, was ich wirklich will. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Zirkus Buntmaus die halbe Leitungsstelle frei.

F: Und die hast du dann angenommen und bist bis heute geblieben. Gute Entscheidung?


A: Es war eine super Entscheidung. Wenn ich heute an die belastende Arbeit von der Drogenhilfe denke, will ich nicht wieder zurück.

F: Du leitest den Zirkus Buntmaus mit deiner Frau zusammen, oder?


A: Meine Frau hatte ein Jahr vor mir ein Praktikum im Zirkus Buntmaus gemacht. Sie ist also schon länger dabei. Dass wir uns die Leitung teilen, hat sich über die Jahre so entwickelt.
Ein Nachteil ist ganz klar, dass wir beide sehr viele Überstunden machen und noch bis zehn Uhr abends über Buntmaus sprechen, am Wochenende natürlich auch.

F: Was bringt die Leitung mit sich? Viel Verwaltungsarbeit sagtest du schon. Viel Freiheiten wahrscheinlich auch?


A: Ich arbeite drei Stunden pädagogisch in der Woche, der Rest ist Verwaltung oder praktische Arbeit, wie z.B. Zeltaufbauen. Im Zirkus Buntmaus habe ich nicht so viele Freiheiten, weil wir versuchen, bei Entscheidungen das Team mit einzubeziehen, d.h. wichtige Entscheidungen werden nicht nur von der Leitung, sondern vom ganzen Team getragen. Das ist mir ganz wichtig, denn sonst könnte ich die Verantwortung auch nicht stemmen. Hauptsächlich kümmere ich mich um die Finanzierung des Zirkus, so dass es irgendwie weitergeht. Ich habe viele Kontakte zu Sponsoren und arbeite auch mit den Ämtern, wie mit dem Gesundheitsamt, dem Jugendamt und in Einzelfällen auch mit dem Sozialamt, eng zusammen. Wir haben viele Netzwerktreffen vom Jugendamt, wo es um unseren Abenteuerspielplatz geht. Da müssen wir die städtische Verwaltung immer berücksichtigen. Das sind oft lange Wege, für die man Ausdauer braucht. Man kann da nicht einfach machen, sondern muss alles zuerst durch die verschiedenen städtischen Instanzen laufen lassen.

F: Und die Kommunikation mit den Ämtern ist positiv?


A: Sie ist positiv. Da ich selbst neben dem Zirkus im Gesundheitsamt arbeite, kenne ich die Strukturen. Das ist hilfreich.

F: Erzähl mir mehr über den Zirkus. Was für Kinder kommen zu euch?


A: Eigentlich alle Kinder. Also es sind Kinder von Menschen mit viel Geld, es sind Kinder von Menschen mit wenig Geld. Es sind Kinder mit Besonderheiten, es sind Kinder, die haben noch mehr Besonderheiten, es gibt Kinder, die haben ganz viele Besonderheiten. Also wenn man jetzt nur nach Krankheitsbildern fragt, was Behinderungen betrifft, haben wir alles von A wie Autismus bis mir fällt jetzt nix mit Z ein (lach). Also wir haben die verschiedensten Störungsbilder dabei und noch ein paar exotische Geschichten inzwischen. Aber das interessiert uns in erster Linie nicht. Uns interessieren nicht die Krankheiten, sondern das was die Kinder können, woran sie Lust haben, was ihnen Spaß macht. Das probieren wir zu fördern.

F: Und diese Kinder kommen dann zusammen in Gruppen und lernen bei euch.

A: Ja genau, man kann sich für die Gruppe anmelden. Wir haben eine Zirkusschule, das ist ein bezahltes Projekt, was spaßorientiert ist.

F: Und was kostet die Teilnahme an euren Projekten?

A: Wir haben den Teilnehmerbetrag auf 20 Euro im Monat erhöht. Unser Grundsatz ist, dass kein Kind wegen finanziellen Problemen ausgeschlossen werden soll und wir machen eine Teilnahme auch ohne die 20 Euro möglich. Selbst wenn wir für jedes Kind diese 20 Euro Monatsbeitrag bekommen würden, könnten wir nicht existieren. Ohne Fördergelder und Spenden könnte Buntmaus nicht überleben.

 

 


F: Was ist euer Programm?


A: Der Zirkus ist prinzipiell für alles offen, aber es gibt natürlich die klassischen Sachen wie: Jonglage, Trapez, Seillaufen, Feuerspucken, Kugellauf, Stelzenlauf, Clownschule, Theater spielen wir auch gern. Wir sind auch offen für Skateboard, für Fahrradfahren und alle anderen sportlichen Dinge, die Kinder können. Manchmal kommt das Programm auch von den Kindern. Wir haben gerade z.B. einen Zauberer da. Er ist 12 Jahre alt, konnte aber schon mit sechs viel professioneller Zaubern als wir. Der lernt jetzt bei uns Jonglage.

F: Wie ist der Beruf mit dem Privatleben vereinbar, gerade in Bezug auf die Zusammenarbeit mit deiner Frau?


A: Unsere Kinder sind im Zirkus aufgewachsen. Sie sind selbst schon in so einer Teamer-Funktion und da gehört der Zirkus auch zur Familie. Das ist schon so, man bringt sein Privatleben mit in den Zirkus und die Arbeit mit nach Hause.

F: Was waren für dich große Herausforderungen, die sich durch Studium und Beruf ergeben haben?


A: Im Studium war die Herausforderung die Diplomarbeit, die ich auch mit meiner Frau zusammen geschrieben habe. Thema war natürlich Zirkus. Wir haben bundesweit das erste Zirkusprojekt in einer Drogentherapieeinheit gemacht. So etwas hatte es zuvor noch nicht gegeben und es war ein absolutes Aha-Erlebnis. Im Nachhinein betrachtet hatten wir nie wieder die Möglichkeit, unsere Arbeit so gut zu reflektieren wie in dieser Phase. Wir haben das Projekt praktisch durchgeführt, die Vorbereitungen dokumentiert, jeden einzelnen Trainingstag sowie jede Aufführung belegt, und haben gleichzeitig an dem Effizienzwettbewerb Start Social teilgenommen.
Im Zirkus war das Realisieren unserer Träume die große Herausforderung. Wir haben geträumt, dass wir ein Zirkuszelt besitzen. Nach fünf Jahren haben wir dann eines besessen. Wir haben von einem festen Standort geträumt, auch den haben wir nach langem Suchen bekommen. Es war auch unser Traum, ein Ort zu gestalten, wo sich Menschen begegnen, egal ob sie behindert sind oder nicht und an dem alle gleich behandelt werden. Wir versuchen bei jedem Kind seine individuellen Fähigkeiten zu fördern.

F: Das gibt den Kindern sicher ein gutes Gefühl. Fällt dir da spontan ein Beispiel ein?


A: Einen unserer Teilnehmer kenne ich seit seiner frühesten Kindheit. Er war bis zu seinem 16. Lebensjahr immer wieder in Zirkuscamps dabei. Er hat jedes Mal beim Zeltaufbau geholfen, schwer geschleppt und richtig fitte und intelligente Vorschläge gemacht. Dann verschwindet die Behinderung. Das ist für mich das Phänomen Zirkus Buntmaus, dass die Behinderung egal wird. Der Mensch ist wichtig, das kann ein Behinderter sein oder ich. Das war für mich auch immer der Grund, wie ich zum Zirkus kam: In der ersten Aufführung habe ich nicht erkannt, wer behindert ist und wer nicht. Das hat mich fasziniert

F: Wie lang sind denn in der Regel die Kinder bei euch? Wie lang begleitet ihr sie?


A: Am längsten waren zwei geistig sehbehinderte Männer bei uns. Sie waren von 1992 bis 2011 – also fast 20 Jahre – im Zirkus. In der Regel kommen die Kinder mit 6 Jahren zu uns und verlassen uns so mit 14/15 Jahren.

F: Gab es nach dem Abschluss deines Studiums noch Kontakt zur Uni?


A: Ich hatte zu einem ehemaligen Professor im Fachgebiet Behinderung immer wieder Berührungspunkte. Wir von Buntmaus wurden z.B. bei der Gestaltung von Spielplätzen in der Aue und in Unterneustadt einbezogen. Fachlicher Austausch dieser Art hat großes Potential, hier würde ich mir eigentlich noch mehr Verbindung zur Hochschule wünsche.

F: Für die Zukunft: Wie stellst du dir deinen weiteren Berufsweg vor?


A: Ich denke irgendwann werde ich an einem Punkt sein, an dem die jungen Absolventen mich ablösen. Bei der täglichen praktischen Arbeit merke ich sowieso schon, dass die Jungen unwahrscheinlich engagiert rangehen und viel frischen Wind reinbringen. Irgendwann ist es dann an der Zeit, mich rauszuziehen. Das ist so eine Wahnsinnspower, die wir in den Zirkus reinstecken und ich werde nicht jünger. Ich habe ja noch eine halbe Stelle beim Gesundheitsamt und fühle mich da sehr wohl. Sie ist ein Gegenpol ist zu der unsicheren Arbeit bei Buntmaus, bei der man ständig um Finanzierung kämpfen muss. Man zittert, ob es klappt: Kommen genug Freiwillige? Man steht immer vor so vielen Unsicherheiten. Bei meinen Vorgängern, den Gründern vom Zirkus Buntmaus, war es ähnlich. Irgendwann hat man seinen Beitrag geleistet und ein Jüngerer löst ab. Nur so bleibt der Zirkus flexibel und entwickelt sich weiter.

Das Interview führte Fabian Hilbich. Mai 2012.