Alte Liebe

 

Nadja Ruby & Elisa Steltner, Produktdesign (2012), Initiatorinnen und Geschäftsführerinnen:

Ruby & Steltner GbR, Gottschalkstraße 22, 34109 Kassel, www.alte-liebe.com

Nadja Ruby und Elisa Steltner studierten gemeinsam Produktdesign. Elf Semester verbrachten sie an der Kunsthochschule Kassel und schlossen im Januar 2012 erfolgreich mit ihrem Diplom ab. Als Schwerpunkt wählten die beiden System Design, das sich mit der Gestaltung von Problemlösungsansätzen befasst. Dabei wird die Lösung nicht immer allein durch ein Produkt vorgegeben, es kann jedoch Teil einer Lösung sein.

Was System Design bedeutet, haben die beiden mit der Gründung von „Alte Liebe“ verdeutlicht: Das beobachtete Problem ist der demographische Wandel und die Vereinsamung im Alter. Immer weniger ältere Menschen können auf die Unterstützung der Familie bauen. Nadja und Elisa greifen dieses Thema auf und geben älteren Damen durch ihr Projekt „Alte Liebe“ eine sinnstiftende Tätigkeit. Zugleich schaffen sie es, die verschiedenen Generationen zusammenzubringen.


Die Ruby & Steltner GbR - Das Projekt „Alte Liebe“

Alles beginnt mit einem Gruppennachmittag in einer Seniorenanlage. Dabei kommen ältere Damen zusammen, um in liebevoller Handarbeit Mützen zu häkeln. Das fertige Unikat wird verpackt und signiert. Besonders bei jungen Leuten finden die stylischen Mützen in grellen Farben sehr großen Zuspruch. Durch das Zurücksenden der beigelegten Postkarte können sie mit der Schöpferin in Kontakt treten. Damit beginnt der Austausch zwischen Jung und Alt.

Das Konzept, das hinter „Alte Liebe“ steckt, wird dabei unter dem Dach der Ruby & Steltner GbR angeboten, welche die beiden im Juli 2010 gründeten. Diese Gesellschaft bürgerlichen Rechts ist eine Beratungsfirma, die für Immobilienunternehmen und Seniorenanlagen ein Betreuungsangebot, das sich an ältere Menschen richtet, anbietet. Diese haben die Möglichkeit durch Lizenzverträge das Serviceangebot „Alte Liebe“ im eigenen Haus offerieren zu können. Die Idee findet eine gute Resonanz, da hierbei ein Generationenaustausch stattfindet.

Die Geschäftsidee ist selbsttragend, erklärt Nadja: „Von den Einnahmen aus den verkauften Mützen werden neue Wolle, Verpackungsmaterialien und weitere Projekt erhaltende Maßnahmen, wie Vertriebs- und Lagerkosten, als auch Grafiker u.a. bezahlt. Der Rest des Geldes wird für Ausflüge genutzt, wie ein Schlossbesuch in Bad Arolsen oder ein Jazzkonzert.“


Andere berufliche Tätigkeiten

Als wäre „Alte Liebe“ nicht genug arbeiten Elisa und Nadja zusätzlich beim UniKasselTransfer Inkubator. Dabei engagieren sie sich beim Ideenwettbewerb Unikat'12, einem hochschulweiten Ideenwettbewerb. Hier werden die Ideen der Studenten auf die unternehmerische Tragfähigkeit geprüft. Auch am „Machen-Seminar“ sind Elisa und Nadja beteiligt, indem sie bei der Planung und Konzeption mitwirken. Hier werden Studierende motiviert, über den Tellerrand zu schauen und kreativ eigene Ideen zu entwickeln. Zudem geben die beiden selbst Workshops und halten Vorträge an der Universität in Braunschweig. Die Themen sind hierbei die Sensibilisierung für Barrieren in unserer Gesellschaft und „Design im Alter“, wodurch die beiden in ihrem Metier bleiben.

Was beide bedauern ist, dass die Kreativität oft durch Organisatorisches und Bürokratisches gebremst wird. Um jedoch gute Ideen zu haben, braucht es eine gewisse Lockerheit und Ungebundenheit.

Elisa und Nadja sind sich einig, dass sie wahnsinnig Glück gehabt haben und sagen: „Es gibt einen unglaublich großen Bedarf an genau dem, was wir anbieten. Und das haben wir für uns entdeckt. Außerdem haben wir den Vorteil, dass wir jung sind und dadurch mit neuen und frischen Ideen an das Thema „Alter“ herantreten können.“


Gründung & Zusammenarbeit

Bestärkt wurde die Idee zu „Alte Liebe“ von zwei Freunden: Johann Schorr und Timo Bäcker (shifting minds), die sich mit Social Design auseinander setzen. Durch die beiden haben sich Nadja und Elisa gefragt, was Design für sie bedeutet und es wurde klar: „Design kann auch bedeuten, etwas Soziales zu starten und die Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft mit Design zu unterstützen. Wir wollten an der Basis anfangen und mitgestalten. Die Gestaltung selbst soll dabei etwas Positives erschaffen.“

Alte Liebe wurde somit im April 2010 als Hauptprojekt ihres Studiums ins Leben gerufen. Die Planungszeit betrug dabei nur drei Wochen. Dann haben die Beiden etwas Geld in die Hand genommen und Wolle gekauft. Der erste Mützenverkauf startete bereits drei Monate später.

Über die Gründung ihrer Gesellschaft sagen beide, dass es eine Art Selbstläufer war. Anfangs war „Alte Liebe“ nur als Semesterprojekt vorgesehen. Aber plötzlich gab es kein Zurück: Die älteren Damen, die den beiden sehr ans Herz gewachsen sind, hatten eine neue Aufgabe und verließen sich auf Elisa und Nadja. Sie konnten und wollten die Seniorinnen nicht enttäuschen. So wurden das Semesterprojekt zur Unternehmensgründung und der Businessplan zur Diplomarbeit. „Wir hatten einfach Glück, dass wir zum Studienende ein Projekt auf die Beine gestellt haben, das bei den Menschen angekommen ist.“

Elisa ergänzt, dass sie die Zusammenarbeit mit Nadja sehr schätzt. Die beiden sind oftmals derselben Meinung und in Ihren Kompetenzen ergänzen sie sich sehr gut: Elisa übernimmt den konzeptionellen Bereich der Organisation und Planung im Bezug auf Projektmanagement sowie Dienstleistungsentwicklung. Nadja ist hingegen mehr in den kommunikativen und strategischen Bereich involviert. Sie kümmert sich um Marketing, Vertrieb und die strategische Ausrichtung ihres Unternehmens.

Elisa meint, dass gerade für Designer eine Zusammenarbeit im Team wichtig sei: „Als Designer darf man nicht in seinem stillen Kämmerchen sitzen und entwickeln. Damit eine Idee beim Nutzer ankommt, muss man mit vielen Menschen in Kontakt sein und sich für viele Kleinigkeiten interessieren.“


Studium

Auf die Frage, warum sie sich für ein Studium an der Kunsthochschule Kassel entschieden haben, antwortet Elisa, dass sie das offene Studium und die vielen Schwerpunktmöglichkeiten fasziniert haben. Außerdem kommt sie aus der näheren Umgebung. Nadja hingegen kommt aus Siegen und die Kunsthochschule Kassel bot für sie die ergänzenden Lehrinhalte aus Technologie und Fertigungstechniken, aber gleichzeitig die Freiheit, sich eigenständig zu entwickeln und selbst Entscheidungen zu treffen.

Beiden hat besonders gefallen, dass das Studium kreativ und offen war: „Dadurch haben wir gelernt, uns selbst zu organisieren. Außerdem hat dies uns die Möglichkeit gegeben, unsere eigenen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen.“

Der Studiengang umfasst nur ca. 20 Leute pro Semester. Dadurch ist die Atmosphäre sehr familiär. Positiv in Erinnerung haben beide auch, dass einem alle Türen offen standen, wenn man die Angebote anderer Fachbereiche genutzt hat. „Wir haben gelernt, dass man nur gemeinsam wächst. An der Kunsthochschule Kassel schauen sich die Studenten gegenseitig auf die Finger, um voneinander zu lernen, statt sich als Konkurrenz anzusehen. Sie sind mit Herz und Seele dabei. Das ist eine viel bessere Motivation.“

Jedoch wünschen sich beide eine stärkere interdisziplinäre Vernetzung, die für Projektarbeiten unabdingbar ist. Elisa und Nadja denken dabei vor allem an eine Vernetzung zwischen den Fachbereichen und die Möglichkeit, die Vielfalt dieser besser ausschöpfen zu können: „Gutes, zukunftsfähiges Design kann isoliert von anderen Disziplinen nicht funktionieren. Es muss sich auch auf andere Fachbereiche stützen: Design sollte bereit sein, diese zu bereichern und im Gegenzug sich bereichern lassen.“

Eine Tatsache ist auch, dass Design ständige Veränderungen durchäuft. Beide haben jedoch den Einfluss innovativer Ideen und neuer Perspektiven in ihren Studieninhalten vermisst und hätten sich mehr neuen Wind und etwas Frische gewünscht. 


Kompetenzen

Durch das kreative und offene Studium haben Elisa und Nadja sowohl Selbstmanagement als auch Eigenverantwortung gelernt. Auch mussten sie sich selbst eine Struktur schaffen und lernen effektiv an Aufgaben heranzugehen. Durch die Möglichkeit alles zu durchlaufen (von System bis Produkt), haben sie ein breites Basiswissen erlangt, das von Fachkenntnissen wie Textil-, Möbel-, Industrie- und Systemdesign bis hin zu Soft-Skills wie Präsentationstechniken und Problemanalysen reicht.

Das Studium hat den beiden ein Basiswissen und einen Werkzeugkoffer mit Problemlösungsstrategien an die Hand gegeben. Diese Strategien nutzen sie nicht nur beruflich, sondern sie finden auch im Privatleben Anwendung: „Wir haben gelernt, unvoreingenommener zu sein, zu hinterfragen und Probleme als Chance zu sehen. Und nur so kann man weiterkommen. Auch die gelernte Eigenverantwortung ist äußerst wichtig für das, was wir heute machen. Sich selbst motivieren zu können und für die eigenen Ideen einzustehen ist von großer Bedeutung, wenn man ein eigenes Unternehmen gründen möchte.“

Nadja Ruby und Elisa Steltner sind durch ihr Studium ehrgeiziger geworden, was sie auch für ihren Beruf, gerade in ihrer Selbstständigkeit, gut gebrauchen können: „Wir haben gemerkt, wenn wir es nicht tun, tut es niemand für uns.“


Tipps

„Wagt es über den Tellerrand hinauszuschauen und nutzt das Machen-Seminar“, sagen Elisa und Ruby. Besonders wichtig fanden beide, dass man nicht zu lange plant und nachdenkt, sondern einfach macht – frei nach dem Prinzip „trial and error“. Vielleicht wird ein Projekt gegen die Wand gefahren, dafür kann ein anderes ein voller Erfolg werden.

Zu Elisa hat ein Professor mal gesagt: „Wenn Sie schlau sind, schaffen Sie sich ihren eigenen Beruf oder suchen sich ein Berufsfeld, in dem Sie dringend gebraucht werden.“ Diesen Rat haben beide beherzigt.

 

(Das Gespräch führte Marleen Stein im Mai 2012.)