Annette Barth


Annette Barth
, Studiengang regenerative Energien und Energieeffizienz (re2) von 2006-2008; aktuelle Beschäftigung: Energiebeauftragte bei SMA Solar Technology AG

Voller Begeisterung erinnert sich Annette Barth an ihr Zweitstudium in Kassel und den für sie daraus entstandenen Chancen. Die diplomierte Architektin mit einem zusätzlichen Masterabschluss in regenerative Energien und Energieeffizienz (re2) ist Energiebeauftragte bei SMA. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit Taiko-Trommeln.

 


Erinnerungen an das Studium

Annette Barth studierte zunächst Architektur an der Fachhochschule Kaiserslautern. Bereits während des Studiums und in den nachfolgenden acht Jahren arbeitete sie in Architekturbüros, in der Software- und Prozessdokumentation, sowie in der Beratung. Ihre Tätigkeit als Freiberuflerin mit ständig wechselnden Projekten und befristeten Arbeitsverhältnissen im Dienstleistungssektor reichten ihr irgendwann nicht mehr aus.

Die Baubranche stagnierte seit einigen Jahren. Daher war es üblich, dass sich auf die wenigen ausgeschriebenen Stellen, Hunderte von Kandidaten bewarben. Projektbezogene Arbeitsverhältnisse waren an der Tagesordnung. Viele Architekten versuchten ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch Weiterbildungen im Bereich Energieeffizienz, Photovoltaikanlagen oder Solarthermischen Anlagen zu verbessern. „Das wollte ich nicht. Ich wollte auf die technische Seite ‚springen‘ und mich gegebenenfalls von dieser Seite wieder dem Baubereich nähern.“ Annette Barth wollte sich grundlegendere, technische Kenntnisse in diesem Feld aneignen. „Plus – ich wollte etwas Lernen, was mich wirklich sehr interessiert. Ein Studium? – Ja. Aber nur wenn es nicht so lange dauert.“

Nach einigen Überlegungen wandte sie eine besondere Methode an: Sie gab fünf Begriffe in Google ein, die für ihre Interessen und ihre Persönlichkeit stehen. Einer der ersten Treffer war ein Zeitungsartikel über die erste Studierendengeneration des Masterstudiengangs re2 an der Universität Kassel. Sie wurde neugierig, verabredete ein Beratungsgespräch mit dem Studiengangskoordinator Prof. Dr. Klaus Vajen und immatrikulierte sich kurze Zeit später für re2.

Anfangs fehlte ihr das notwendige ingenieur- und naturwissenschaftliche Hintergrundwissen, daher musste Annette Barth für die Fächer Mathematik, Thermodynamik und Elektrotechnik heftig büffeln. Aber sie bereute ihre Entscheidung nicht einen Moment.

„Das Studium war einfach toll. Die Professoren waren so unglaublich engagiert. Einer besprach meinen Studienplan mit mir, ein anderer erklärte uns die Relativitätstheorie so enthusiastisch und praxisnah, dass wir am Ende alle dachten, ‚mir hätten’s grad selbst erfunden‘. Und das Prüfungsamt war immer zur Stelle, wenn wir Hilfe benötigten.“ Auch vier Jahre nach ihrem Abschluss steht ihr die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. Die 15 Personen ihres Jahrgangs kamen bunt gemischt aus allen Disziplinen von Architektur und ökologischer Landwirtschaft, über Elektrotechnik und Maschinenbau bis Physik. Die Diskussionen in der Gruppe waren interdisziplinär und der Zusammenhalt stark. Da es im neuen Studiengang noch keine Musterklausuren der Vorjahre gab, teilten sie die Arbeit auf. Sie recherchierten, rechneten, tauschten sich aus und vertrauten darauf, dass der andere seinen Teil sauber gemacht hatte. Das Studium führte so zu einer praktischen Erfahrung der Gruppenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens.

 


Berufseinstieg und aktuelle Stelle

Ihre Masterarbeit „CO2-neutrale Produktion am Beispiel der SMA Solar Technology AG“ war Teil eines Projektes, das die Universität im Rahmen eines SMA-Neubaus durchführte. In der darauf folgenden freiberuflichen Tätigkeit für SMA bildete Annette Barth eine Schnittstelle zwischen internen Abteilungen des Unternehmens und den Externen, die den Bau planten und durchführten.
Ihre berufliche Stärke sieht Annette Barth in ihrem großen Durchhaltevermögen und ihrer sachorientierten Arbeitsweise. Diese Selbsteinschätzung deckt sich mit der Beschreibung durch eine ehemalige Kommilitonin. Sie sieht Annette Barth als „Kämpfergeist. Sie lässt sich nicht unterkriegen und geht den gewählten Weg, selbst wenn er schwierig ist.“

Dass auch andere ihre Arbeitsweise schätzen, spiegelte sich in einem Stellenangebot von SMA während der Masterarbeit wider. Aber sie lehnte ab, um ihr Studium zu Ende zu bringen.

Nach einem Jahresvertrag als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut umweltgerechte Produkte und Prozesse upp bot sich für Annette Barth im September 2009 erneut die Möglichkeit, bei SMA als Festangestellte einzusteigen. Dieses Mal griff sie zu.

Ihre aktuelle Tätigkeit umfasst mehrere Bereiche: Die Einführung eines Energiemanagementsystems ist derzeit ihr Kerngeschäft. „Das ist echte Pionierarbeit“ sagt Annette Barth freudig. Dieser Aufgabenbereich beinhaltet neben dem Umsetzen der Anforderungen der ISO 50001 auch die Sensibilisierung der Mitarbeiter für die Themen Energieeinsparung, Energieeffizienz und Erneuerbare Energien im Unternehmen. Hier plant sie, mit einem Pädagogen zusammenzuarbeiten, um den Mitarbeitern das Thema nahezubringen ohne es ihnen aufzudrängen. Außerdem beinhaltet ihre Arbeit die Zusammenarbeit im Nachhaltigkeitsteam mit den Bereichen Umweltschutz, Arbeitssicherheit und soziales Engagement. Zusätzlich ist sie zuständig für das Mobilitätsmanagement bei SMA.

Seit Januar 2012 ist ihr Aufgabengebiet nicht mehr wie bislang im Gebäudemanagement, sondern an strategischer Stelle im Unternehmen verortet, was die Vernetzung des Themas Energie im gesamten Unternehmen unterstützt.

 


Netzwerk und Kontakt zur Universität

Parallel zur Stelle bei SMA verfolgt Annette Barth eine Dissertation zum Thema „100% erneuerbare Energien in Industrieparks“. „Zugegeben – die Dissertation ist momentan etwas in den Hintergrund gerückt“, gesteht sie. Die Umsetzung des Energiemanagementsystems bei SMA beansprucht ihre volle Konzentration. „Vielleicht wird es nach der Zertifizierung ruhiger und ich kann die Diss nochmal frisch angehen“ hofft die Promovendin.

Der Kontakt zum Fachbereich 15 und zu anderen Alumni von re2 besteht weiter. Prof. Dr. Klaus Vajen, Studiengangskoordinator von re2 erinnert sich gut an die Absolventin: „Frau Barth hatte vor dem re2-Studium schon einige Jahre Berufserfahrung gesammelt und hatte sehr genaue Vorstellungen, was sie noch einmal studieren wollte. Sie war eine der ganz wenigen Architekten in unserem Masterstudiengang, was insofern bemerkenswert ist als dann viele vermeintlich „schwierige“ Fächer wie Mathematik nachzuholen sind. Dies setzt wiederum eine außergewöhnlich starke Motivation voraus. Obwohl der Master-Studiengang bewusst interdisziplinär angelegt ist, tendieren die meisten unserer Studierenden dazu, die eigenen Studienschwerpunkte sehr stark an die Ausrichtung des Erststudiums anzulehnen. Frau Barth hingegen hat sich bewusst nicht auf das Thema Gebäude beschränkt, sondern sich sehr vielseitig interessiert gezeigt an der ganzen Technikbandbreite der regenerativen Energien und deren Zusammenspiel mit Energieeffizienz. Sie hat insgesamt auch viel mehr Kurse besucht als für den Studienabschluss erforderlich waren. Noch heute hält sie engen Kontakt zum Studiengang, nimmt noch an einzelnen Lehrveranstaltungen teil und gibt ihre umfangreichen Erfahrungen so auch an aktuelle Studierende weiter.“

 


Work-Life Balance

Man fragt sich, wie vereinbart Annette Barth Job und wissenschaftliche Arbeit? „Japanisches Trommeln!“ ist ihr Geheimrezept. Zu diesem riesigen, japanischen Schlaginstrument kam sie, wie die Jungfrau zum Kind. Eher widerwillig begleitete sie ihren Stiefvater zu einem Einführungskurs. Doch vom ersten Moment an, machte ihr das Trommeln so viel Spaß, dass sie jahrelang die Strecke Kassel-Kaiserslautern in Kauf nahm, um freitagabends an den Proben der Gruppe teilzunehmen. Eine Gruppe in Kassel ist ihr großer Traum.

 


Empfehlungen für Studierende

„Das Studium genießen und über den Tellerrand schauen!“ Und schmunzelnd gibt Annette Barth einen Tipp an Berufseinsteiger: „Im Job empfehle ich nach der 80-20-Regel zu verfahren: Eine Aufgabe zu 80 Prozent zu erledigen reicht meist aus, die letzten 20 Prozent sind Perfektionismus. Der ist nur in seltenen Fällen notwendig.“

 

(Das Gespräch führte Isabelle Schulze im März 2012.)