Aust & Amelung

 

Miriam Aust, Sebastian Amelung, Studiengang Produkt-Design von 2004-2010; aktuelle Tätigkeit: selbständige Produkt-Designer. aust & amelung, Kassel.

Der Geruch von feuchtem Beton und Kaffee steigt in die Nase. Ein Kettenrad surrt. Im Hintergrund läuft Musik. Sebastian Amelung steht in der kleinen Küche mit Blick zum Hinterhof, in dem Feuerbohnen blühen. Er gießt Kaffee auf. Klassischen Kaffee, der durch einen Filter direkt in eine Porzellankanne wie aus Omas Beständen läuft. Die zierlichen Tässchen mit Goldrand stehen zwischen MacBooks und den Modellen der neuen Möbel. Der hohe Raum wird von Oberlichtern lichtdurchflutet. Auf einem der vielen Stühlen, die so schön und unterschiedlich wie auf dem Flohmarkt sind, sitzt Miriam Aust und arbeitet an einer großen Tischplatte. Betonlampen, Stehleuchten, Sofas und Vasen mit Topfpflanzen, alles Produkte, die die beiden Jungdesigner Aust und Amelung selbst entworfen und gebaut haben, werden hier ausgestellt. In diesem Atelier entstehen die Produkte von aust & amelung.


Studium

Miriam Aust und Sebastian Amelung studierten Produkt-Design an der Kunsthochschule Kassel. Sie kommt aus Göttingen, er aus Gießen. Sie lernten sich 2004 beim Auswahlworkshop für den Studiengang kennen. Angefangen zusammen zu arbeiten, haben sie aber erst nach ihrem Abschluss. Während des Studiums verfolgten beide ihre eigenen Projekte. Aust entwickelte in ihrer Diplomarbeit die Lampe „Vase & Leuchte“, Amelung bastelte seine erste Maschine, um Körper aus ultrahochfestem Beton zu gießen.

Sebastian Amelung arbeitete während seiner Diplomarbeit zusammen mit der Firma G.tecz, einer Alumni-Ausgründung der Universität Kassel, die sich auf ultrahochfestem Beton spezialisiert hat. Amelung entwickelte eine Apparatur aus einem simplen Holzrahmen mit Gelenken, Zahnrädern, einer Art Fahrradkette und einem Elektromotor. In den Holzrahmen wird eine Schablone, z.B. in Form eines Lampenschirms, eingespannt. Schaltet man den Motor der Maschine an, dreht sich die eingespannte Form dreidimensional im Raum. Füllt man in die Form Beton, sorgt die Drehbewegung dafür, dass sich der Beton hauchdünn auf der Schablone verteilt. Vier Stunden lang. Erst dann darf der Beton trocknen und fest werden. Es entstehen Gebilde, die filigran anmuten und doch stabil sind. „In der Diplomarbeit entstand ein überdimensionierter Donut aus Beton,“ erinnert sich Amelung lachend, „aber die Voraussetzung war geschaffen.“

Später entwickelte er die Maschine und vor allem die Schablone gemeinsam mit Miriam Aust weiter. Sie kam auf die Idee, die Schablonen aus grobem Papier herzustellen, auf dessen rauer Oberfläche der Beton anders haftet. Der Beton verteilt sich gleichmäßiger über die ganze Form. Außerdem ergibt sich dadurch eine einzigartige Oberflächenstruktur, die den Lampen den Namen Like Paper gaben. Nachdem die Form gegossen ist, muss sie noch geschnitten, geschliffen und gesäubert werden. Jeder Lampenschirm wird so zum Einzelstück. Amelung berichtet: „Pro Tag gießen wir etwa acht Leuchten.“ Vertrieben werden die Leuchten von DUA, einer anderen Ausgründung der Universität Kassel, deren künstlerischer Leiter ebenfalls ein Alumnus der Kunsthochschule Kassel ist.

Leuchte "Like Paper". (Fotograf: Minu Lee)

Fähigkeiten und Handwerkszeug

 Die Kunsthochschule war der Ort, an dem viele Kontakte entstanden sind, die ihnen heute helfen. Aber nicht nur das Netzwerk hat die ehemaligen Studierenden Aust und Amelung auf das Berufsleben vorbereitet. „Das Studium vermittelt die Grundlagen fürs Design,“ erklärt Amelung. „Vorallem lernt man aber, wie man sich einem neuen Projekt durch Recherchieren und Ausprobieren annähert und entwickelt eigene Entwurfsmethoden.“ Für Miriam Aust hat das „Halbwissen“ des Designers über Techniken und Material auch etwas Positives. Als Designer ist man selten Fachmann für ein bestimmtes Material, vielmehr muss man einen übergreifenden Blick über Möglichkeiten entwickeln: „Der Vorteil ist, dass man unvoreingenommen an einen Entwurf heran geht und dann im Dialog mit den Experten ein Produkt entwickelt. Dabei entstehen neue Herangehensweisen.“

Einige Standardkriterien, denen ein Produkt genügen muss, zählen zu den Grundlagen, die man an der Kunsthochschule lernt. Die Form folgt der Funktion, ein Produkt muss verpackbar sein, etc. Präsentationen und Grafiken zu den Produkten zu erstellen, ist Teil der Grundausbildung an der Kunsthochschule. Das Motto „weniger ist mehr“ ist ein Leitprinzip, das für Gestaltung generell gilt. Aber das Wichtigste ist nach Auffassung von Aust und Amelung „der Freiraum zu lernen und sich auszuprobieren, nur so lässt sich ein persönliches Profil entwickeln“. „Vieles kann nicht beigebracht werden,“ ist Aust überzeugt „aber man lernt im Studium, wo man die Informationen und das Experten- und Erfahrungswissen findet, wenn man sie benötigt. Ein Sofa zu polstern, habe ich erst gelernt als ich mein erstes entworfen und gebaut habe.“

Spannend findet Aust am Prozess, dass der Fachmann in die Entwicklung eingebunden wird. Sie hat während ihrer Diplomarbeit auf die Fachkenntnis der Glaswerkstatt am Aufbau- und Verfügungszentrum der Uni Kassel, bekannt als AVZ, zurückgegriffen. „Die Mitarbeiter der Glaswerkstatt haben mich mit Ehrgeiz bei meinem Projekt unterstützt,“ erklärt Aust. „Glaskörper mit 28cm Durchmesser machen sie auch nicht jeden Tag. So ein Projekt ist sicher eine spannende Abwechslung vom Alltagsgeschäft.“

Doch wie kommt man an die Leute ran, die das Handwerk beherrschen? Die Experten zu motivieren, sei ein wichtiger Teil der Arbeit des Designers, sind sich beide einig. Voraussetzung ist eine gemeinsame Sprache zwischen Designer und Fachleute. Amelung vertritt die Auffassung: „Eine technische Zeichnung ist immer ein klares Mittel der Kommunikation. Da trifft man sich auf derselben Ebene.“

Miriam Austs Produkt „Vase & Leuchte“ ist ein mundgeblasener Glaskorpus, der wie eine Vase, mit Wasser befüllt und flexibel bepflanzt wird. In der Mitte des Glases ist eine Leuchte, deren Licht sich an den Wurzeln und Blättern der Pflanze bricht. So wird der Besitzer der Vase zum Mit-Designer, denn je nachdem, welche Pflanze er in die Vase setzt, entstehen höchst unterschiedliche Schattenbilder. (Fotograf: Jan Köhler)

Selbständigkeit und Gründung

2011 machten Miriam Aust und Sebastian Amelung sich gemeinsam selbständig. Als Unternehmer lernen sie jeden Tag dazu. Aust gesteht, dass sie die IHK und deren Fortbildungsangebote zu schätzen gelernt hat und bemängelt: „Steuererklärung, Buchhaltung, Pressemitteilungen schreiben, sich um Bildrechte kümmern, all das sind Aufgaben, mit denen wir im Studium nicht konfrontiert wurden.“

An der Selbstständigkeit schätzt sie den Spaß, die Flexibilität, das Freie-Zeit-Einteilen. Bedeutsam sei für sie, dass ihr Arbeitsplatz und ihre Entwürfe mit ihrem persönlichen Stil vereinbar sind. Das ist bei einem anderen Arbeitgeber nicht unbedingt gewährleistet. Dafür nimmt sie die negativen Aspekte der Selbstständigkeit in Kauf - langen Arbeitszeiten, das finanzielle Risiko und den geringen Verdienst in den Anfangsjahren.

„Wir arbeiten an verschiedene Entwürfe parallel, da nicht von Beginn eines Projektes an absehbar ist, wie lang die Zeitspanne zwischen Prototyp und vertriebsfertigem Produkt ist.“ erklärt Aust.


Messeauftritt und Vermarktung

„Unser Ziel ist es, eine Marke zu schaffen, die als aust & amelung erkennenbar ist.“ Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war der if concept design award 2014. Bei dem weltweiten Wettbewerb für Nachwuchsdesigner des Vereins Industrie Forum Design e.V. haben sie sich gegen 11.800 Mitbewerber aus 71 Ländern durchgesetzt und einen von elf Preisen erhalten.

Um ihrer Produkte auf dem Markt zu etablieren, Pressekontakte zu knüpfen und Produzenten zu finden, sind Messeauftritte und Ausstellungen unabdingbar. So präsentierten Miriam Aust und Sebastian Amelung ihre Produkte mittlerweile auf Interieur Design Biennale Kortijk und der Kölner Möbelmesse einem internationalen Publikum.

2014 nahmen die beiden das erste Mal gemeinsam an der Mailänder Möbelmesse teil. „Die Messeausstellung mit den vielen Prototypen war sehr inspirierend, vor allem haben wir den Austausch mit anderen Designern genossen,“ so Amelung.


Ausgleich zum Beruf

Lange Arbeitstage in der Werkstatt, auf Messen und in Wettbewerbsphasen hindern Miriam Aust und Sebastian Amelung nicht an der Pflege ihrer Hobbies. „Als Selbständiger denkt man ständig – auch in der Freizeit – an die aktuellen Projekte. Umso wichtiger ist ein Schutzbereich außerhalb der Arbeit.“ Miriam näht gern und liebt Pflanzen. Sebastian begeistert sich auch mal für einen sommerlichen Grillabend im Hof.

 

Das Gespräch führte Isabelle Schulze im Juli 2014