Dr. Baumann

 

Hans D. Baumann studierte von 1970 bis 1976 an der Kunsthochschule in Kassel, hat als Chefredakteur in verschiedenen Magazinen gearbeitet und gilt als Pionier der digitalen Bildbearbeitung in Deutschland. 2002 rief er das Magazin DOCMA ins Leben– demnächst erscheint mit Heft 75 die Jubiläumsausgabe.



AlumniK:
Herr Baumann, Sie haben an der Kunsthochschule in Kassel studiert? 

Baumann:
Ja, von 1970 bis 1976, danach folgte bis 1979 meine kunstwissenschaftliche Promotion. Mein Studium hat etwas länger gedauert, da ich mich intensiv in den Hochschulgremien engagiert habe. Außerdem habe ich zu Beginn der 70er Jahre gemeinsam mit Kommilitonen einen Buchladen in der Frankfurter Straße aufgebaut. Das hat viel Zeit gekostet, wurde aber als Projektgruppenarbeit anerkannt, und hat mir für meine spätere Berufspraxis ähnlich viel gebracht wie die Hochschulausbildung selbst.
Vor dem Studium in Kassel habe ich zunächst ein Praktikum als Bühnenbildner am Kasseler Staatstheater absolviert und danach je ein Semester in Marburg und in Düsseldorf studiert.

AlumniK:
Sie haben also schon vor Ihrem Studium in Kassel gelebt?

Baumann:
Ja, ich bin in Kassel geboren und aufgewachsen, in der Ysenburgstraße, nur ein paar hundert Meter von der Uni entfernt.

AlumniK:
In den 70er Jahren verlief das Studium sicher ganz anders als heute und Studiengänge wie Freie Kunst, Produktdesign und Visuelle Kommunikation gab es wahrscheinlich noch nicht.

Baumann:
Doch, die gab es durchaus. Ich habe eigentlich Kunstpädagogik studiert und 1976 mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Die Studiengänge waren von der Struktur her sehr frei. Ich habe einen kunsttheoretischen Schwerpunkt gewählt und eine kunstwissenschaftliche Promotion über den Bildbegriff an das Studium gehängt, wobei es weder den Studiengang Kunstwissenschaft noch eine Promotionsordnung gab. Das war ganz praktisch und vor allem interdisziplinär, denn ich hatte als Betreuer einen Kunstphilosophen, einen Sozialphilosophen, einen Linguisten und einen Neuroethologen. Nach Abschluss der Promotion arbeitete ich an einem Forschungsprojekt über die Ausbildung und Berufstätigkeit von Künstlern.
Im Anschluss daran hatte ich eigentlich vor mich um eine Professur für Kunstphilosophie zu bewerben. Dieses Vorhaben habe ich nach diesem tieferen Einblick in die universitären Strukturen allerdings verworfen, zu viel gab es da, das ich nicht hätte mittragen wollen.

AlumniK:
Und wie sah Ihr Alternativplan aus?

Baumann:
Ich hatte parallel ein eigenes Forschungsprojekt zur Ikonographie von Motorradtankbemalungen begonnen. Darüber bin ich – ohne Motorradführerschein und ganz zufällig – in die Rockerszene gerutscht. Nachdem ich einige Jahre für verschiedene Zeitschriften geschrieben hatte, erst über Motorradtanks, dann über Clubs, wurde ich 1983 Chefredakteur des Motorradrocker-Magazins „Bikers News“. Als ich die Zeitschrift übernahm, war das ein dünnes 16-Seiten-Heft, das als Abo an gerade mal 800 Rocker-Clubs ging. Und als ich sie 1996 abgab, hatte sie eine Auflage von fast 70.000 mit 150 Farbseiten.

AlumniK:
Wurde damals schon alles komplett digital gelayoutet?

Baumann:
Ja, bereits seit 1985. Ich glaube, das war in Deutschland die erste Zeitschrift überhaupt, die digital erstellt wurde, weil ich damals schon mit den ersten Layout-Programmen experimentiert habe, zunächst nur Text und Seitengestaltung, später auch die Abbildungen.

AlumniK:
Das hört sich ganz nach einem fließenden Übergang vom Studium bzw. der Promotion ins Berufsleben an.

Baumann:
Stimmt! Die Arbeitsmarktsituation war 1980 noch ganz anders als heute. Ich hatte verschiedene berufliche Möglichkeiten und neben den notwendigen Qualifikationen hatte ich auch immer eine gute Portion Glück.
1986 habe ich zum Beispiel das Filmbuch zu Umberto Ecos‘ „Der Name der Rose“ geschrieben und gestaltet. Ich kam durch einen puren Zufall zu den Dreharbeiten im Kloster Eberbach, weil ich in der Nähe wohnte – als Eco-Fan hatte ich das Buch natürlich längst gelesen. Ich erkundigte mich bei Bernd Eichinger, dem Produzent, ob bereits ein Filmbuch geplant sei. Ihm gefielen meine bisherigen Bücher und ich bekam die Zusage für das Projekt. Die Erstellung des Buchs erfolgte dann unter enormem Zeitdruck. Daher schlug ich vor, ein neues Belichtungsverfahren anzuwenden: das Desktop Publishing (DTP). Der erste deutsche Laserbelichter war gerade in Frankfurt in Betrieb genommen worden. So entstand also in Deutschland das erste Buch mit diesem Verfahren und es wurde mit 100.000 verkauften Exemplaren auch gleich ein Bestseller.
Dieser glückliche Zufall hatte große Auswirkungen auf meine weitere Karriere, denn plötzlich gab es viele Interessierte für das Desktop Publishing aus der Kreativwirtschaft, und ich wurde gebeten, über die Produktion meines Buches und später über die digitale Bildbearbeitung in Fachmagazinen zu schreiben. 




AlumniK:
Sie verwenden also seit Mitte der 80er Jahre die digitale Bildbearbeitung

Baumann:
Richtig, ich habe schon 1984 damit angefangen. Damals habe ich mir meinen ersten Apple Mac gekauft, mit einem internen 400 Kb-Diskettenlaufwerk und einem zusätzlichen externen – ein Riesenluxus! Zu der Zeit gab es „Mac Paint“, das gerade mal schwarze und weiße Pixel abbilden konnte.
Im Laufe der Jahre schrieb ich dann für verschiedene Computer- und Fotozeitschriften und machte immer wieder die Erfahrung, dass manche der von mir angebotenen Themen zu komplex waren und umfangreiche Workshops oder Tutorials erfordert hätten, in den Magazinen jedoch kein Platz für derart umfangreiche Artikel war. Ein Kollege von mir hatte ähnliche Erfahrungen gemacht, sodass wir beschlossen, unsere eigene Zeitschrift zu gründen, in der es nur um digitale Bildbearbeitung gehen sollte. So riefen wir 2002 das Magazin DOCMA ins Leben – demnächst erscheint mit Heft 75 die Jubiläumsausgabe. Jährlich schreiben wir im mitteleuropäischen Bereich den DOCMA-Award für digitale Bildbearbeitung aus, dazu werden oft über tausend Werke eingereicht. Die besten Arbeiten präsentiert das Frankfurter Museum für Kommunikation.
Inzwischen ziehe ich mich ein bisschen aus der Heftproduktion zurück. Ich arbeite seit 1991 an einem Roman und versuche, mehr Zeit zum Schreiben zu finden.

AlumniK:
Das klingt sehr spannend. Wovon handelt der Roman?

Baumann:
Die Handlung setzt in der Zeit von Augustus und Herodes ein. Es geht um Verschwörungstheorien, um Kirchengeschichte, ein Holbein-Gemälde, den Kasseler Professor Raspe, Jack the Ripper, es geht natürlich auch um digitale Bildbearbeitung und es gibt zwei bibelfeste Rocker. Der Roman hat also auch mit persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen zu tun. Kassel spielt inzwischen eine zentrale Rolle. Das war zunächst gar nicht so geplant – ich habe 40 Jahre in Mittelhessen auf dem Land gelebt –, aber meine Recherchen deuteten zunehmend auf Kassel und insbesondere auf den Herkules.
Aktuell arbeite ich noch an einem weiteren Projekt: Anlässlich der 300-Jahr-Feier des Herkules-Denkmals 2017 schreibe ich einen Beitrag über das Riesenkopfbecken. In diesem Becken liegt ein großer Stein, der ursprünglich aussah wie der Kopf eines Riesen. In dem Beitrag wird es um die Identität dieses Riesen gehen.

AlumniK:
Herr Dr. Baumann, wenn Sie auf Ihren bisherigen Werdegang zurückblicken: Haben Sie jemals bereut, den freieren Weg gegangen zu sein ohne die Absicherung, die der Lehrberuf bietet?

Baumann:
Nein, nie. Ich konnte so viel freier und ohne Vorgesetzte arbeiten, habe als Chefredakteur gut verdient und hatte meine Ruhe (lacht). Ich habe nichts bereut.

AlumniK:
Sie sind jetzt 66 Jahre alt, spielen Sie mit dem Gedanken, sich zur Ruhe zu setzen?

Baumann:
Nein, meine Arbeit macht mir weiterhin viel Freude. Und nach dem Eintritt ins offizielle Rentenalter kann ich mir noch mehr aussuchen, was ich tun möchte und was nicht. Ich sehe keinen Grund, mit der Arbeit aufzuhören.

AlumniK:
Vielen Dank für das interessante Gespräch.