Heidrun Stenzel

Name: Heidrun Stenzel



Studiengang, Studienzeitraum: Supervision, 1994 bis 1999



Aktuelle Beschäftigung: Lecturer, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Institut für Geschlechterstudien (IFG)


Als Diplom-Sozialabeiterin im Gesundheitssektor und in der Familienberatung, als selbstständige Diplom-Supervisorin, Karriereberaterin für Nachwuchswissenschaftlerinnen, Coach und Hochschuldozentin - Heidrun Stenzel hat Berufserfahrung in sehr unterschiedlichen Bereichen. Sie liebt den Wechsel und die Weiterentwicklung. Über den Alumni-Verein ASSCO hält sie Kontakt zu ehemaligen KommilitonInnen. 


Studienzeiten

Heidrun Stenzel hat Freude am Lernen, anders kann man sich ihre verschiedenen Abschlüsse kaum erklären. Nach dem Abitur studierte sie in ihrer Heimatstadt Bielefeld Sozialarbeit an der Fachhochschule. Danach folgten das Studium der Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld und schließlich das Diplom als Supervisorin an der Gesamthochschule Kassel 1999.

Kassel war zur Zeit ihres Studienbeginns die einzige Universität in Deutschland, an der Supervision als akademische Ausbildung, im Postgraduiertenstudiengang angeboten wurde. Es war die Möglichkeit für Diplom-SozialarbeiterInnen eine Laufbahn in der Wissenschaft einzuschlagen. Auch um Studium und Beruf zu kombinieren, war Kassel die richtige Adresse.

Heidrun Stenzel lebte und arbeitete weiterhin in Bielefeld und mietete sich in Kassel für zwei Tage pro Woche ein Zimmer, um montags und dienstags an den Seminaren teilzunehmen. Lachend erinnert sich Heidrun Stenzel an den Beginn des Studiums als sie schwanger war. Die Vermieterin des Zimmers hatte ihre Ankunft für die Schlüsselübergabe vergessen und Heidrun Stenzel stand im tiefsten Winter mit dickem Bauch auf der Straße. Es blieb ihr nichts anders übrig, als sich ein Hotelzimmer zu nehmen.

Bemerkenswert fand sie damals den sehr persönlichen Umgang zwischen Studierenden und Dozenten. Der Jahrgang im Studiengang Supervision war klein, die Motivation derer, die die Doppelbelastung von Beruf und Studium auf sich nahmen, groß und Kassel strahlte eine einladende Atmosphäre aus.


Selbstständige Beraterin

Kurze Zeit nach dem Abschluss als Dipl.-Supervisorin machte sich Heidrun Stenzel selbstständig. Sie gründete zusammen mit ihrem Mann 1996 die Praxisgemeinschaft für Organisationsberatung, Supervision und Fortbildung in Bielefeld. Ihre Beschäftigung als angestellte Sozialarbeiterin, gab sie etwas später auf, um selbstständiger und freier arbeiten zu können.

Heidrun Stenzels Arbeitsschwerpunkte in der Praxis sind Einzel-, und Gruppensupervision, Coaching sowie Fortbildungen und Workshops. Ihre Kunden kommen aus den Bereichen Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Gesundheitswesen, Schulen, Öffentliche Verwaltung und Vereine.

Mit einer vierjährigen psychoanalytischen Ausbildung als Balint-Gruppenleiterin ergänzte sie zwischen 2002 und 2006 ihre durch Studium und Praxis erworbenen Qualifikationen. Als Balint-Gruppenleiterin gibt Heidrun Stenzel Gruppen von professionellen BeraterInnen Impulse zur Reflektion bei der Bearbeitung von konkreten Fällen.


Eine neue Lebensphase – neue berufliche Herausforderungen

Im Oktober 2010 nahm Heidrun Stenzel parallel zu ihrer Selbstständigkeit eine Stelle an der Universität Bayreuth im Büro der Frauenbeauftragten an. Zum Ende der Familienphase nahm der berufliche Spielraum wieder zu.

Ihre Aufgabe war es, Nachwuchswissenschaftlerinnen, meist aus den Naturwissenschaften in deren Lebens- und Karriereplanung zu beraten. Dabei stellte sie häufig die Frage ‚Wer ist Ihr berufliches Vorbild?‘ „Da war dann sehr schnell Schicht im Schacht,“ resümiert Heidrun Stenzel. Manche Doktorandinnen und Habilitandinnen hätten zwar eine Chefin gehabt, deren Lebensweise jedoch für sich selbst abgelehnt. „‘so will ich auf keinen Fall werden‘“ sei eine häufig Reaktion gewesen.

Den Nachwuchswissenschaftlerinnen werde oft vermittelt, dass sie rund um die Uhr arbeiten müssen, um in ihrer Profession erfolgreich zu sein. „Wissenschaft ist wie ins Kloster gehen“, nur das es dort neben der geistigen auch um persönliche Entwicklung gehe, während es in der Wissenschaft nur um kognitive Leistungen gehe, findet Heidrun Stenzel „Die jungen Akademikerinnen wollen heute Familie haben, sind aber selten in berufliche Netzwerke integriert, in denen sie andere Frauen um Rat nach der praktischen Vereinbarkeit fragen können.“ Die Erwartung, dass es in einem Job in der Industrie deutlich anders werde, sei jedoch eher unrealistisch. Emanzipation bedeute für Heidrun Stenzel daher: Frauen sollen einen Arbeitsplatz finden, der ihnen Spaß macht.

Im März 2012 hat sie eine neue Herausforderung angenommen. Als Lecturer, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Institut für Geschlechterstudien (IFG) begleitet Heidrun Stenzel nun angehende Sozialarbeiterinnen.

Obwohl die Beratung von Nachwuchswissenschaftlerinnen in Bayreuth und die Konzeptentwicklung sehr erfolgreich war, wechselte sie nach Köln, wo ihr eine unbefristete Stelle in der Hochschullehre angeboten wurde. Die Entscheidung wurde auch dadurch begünstigt, dass sich das Engagement, das sie in die Stelle gesteckt hat – Pendeln, ein zweiter Wohnsitz, - finanziell nicht ausgezahlt habe und ein Umzug nach Bayreuth aus familären Gründen nicht in Frage kam.

In der Hochschullehre in Köln kommt ihr nun zugute, dass sie auch als selbstständige Beraterin immer wieder als Dozentin in der Ausbildung von Alten- und Krankenpflegern tätig war und Weiterbildungsprogramme konzipiert und durchgeführt hat.


Fähigkeiten

Es ist für Heidrun Stenzel selbstverständlich, sich regelmäßig selbst in Supervision zu begeben. „Das gehört sich so und ist eine Frage der professionellen Haltung“, betont sie energisch. „Man muss sich im Beruf als Supervisorin und Organisationsberaterin immer auf Neues einlassen, anders könnte man sich gar nicht in immer neuen Organisationen mit vielfältigen Strukturen und unbekannten Personen zurechtfinden.“

„Soziale Arbeit wird gesellschaftlich nicht angemessen wertgeschätzt,“ stellt Heidrun Stenzel fest. Trotz dieser mangelnden Wertschätzung engagierten jungen Menschen bei der Entwicklung eines professionellen Selbstbewußtseins zu helfen – das sei ein lohnendes Ziel. Sie selbst treiben die Neugier an und der Wunsch, Menschen in ihrem persönlichen Wachstum zu begleiten. Dies spiegelt sich auch im Leitbild der Praxis, das da lautet „… Wir glauben, dass jeder Mensch in seinem Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Handeln verantwortlich ist. Deswegen unterstützen wir die Fähigkeit zur Selbstentwicklung, zum Lernen. Wir geben Anregungen, fördern und begleiten….“

Das Logo der Gemeinschaftspraxis ist ein Ring aus Bällen, von denen ein Ball aus der Reihe tanzt. Für Heidrun Stenzel ist dieses Bild ein gutes Symbol für ihre Fähigkeiten. „In der Supervision und Beratung jongliert man mit verschiedenen „Bällen“ – Themen und Beziehungen –, die alle im Spiel bleiben wollen und meist nicht in wohlgeordneter Form auftreten.


Netzwerk und Kontakt zur Uni

Den Kontakt zu ehemaligen Studienkollegen pflegt Heidrun Stenzel im Alumniverein ASSCO. Der Verein der Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge Supervision, Coaching und Organisationsberatung an der Universität Kassel verfolgt den wissenschaftlichen und berufspraktischen Austausch zwischen den Alumni der Studiengänge Supervision, Coaching, Organisationsberatung an der Universität Kassel und setzt sich für die Fort- und Weiterbildung der Mitglieder ein.

Für ihren Einstieg in den Verein sprach die Vernetzung: "Als Selbstständige ist man oft genug auf sich gestellt und genießt daher den Kontakt zu anderen mit ähnlichem fachlichen Hintergrund. Der Verein ist für mich auch eine Art Heimatpflege - ''aus welchem Stall komme ich?''", erklärt Heidrun Stenzel. Außerdem schätzt sie den kollegialen freundlichen Umgang der Mitglieder miteinander. Wer einmal an der jährlichen Mitgliederversammlung im Hotel Villa Seeberg in Kassel - das übrigens von einer anderen Alumna der Universität Kassel geleitet wird - teilgenommen hat, versteht, was Heidrun Stenzel meint. In stilvollem Ambiente ist die Wiedersehensfreude der Mitgliederglieder förmlich spürbar und intensive Gespräche entwickeln sich.

Um Verantwortung für kommende Generationen von SupervisorInnen und Coaches zu übernehmen, aber auch um diese mit den Vereinsmitgliedern in Kontakt zu bringen, lobt der Verein 2012 einen Preis für Abschlussarbeiten in Form eines Druckkostenzuschusses in Höhe von EUR 500 aus. Als Vorstandsmitglied ist Heidrun Stenzel im Sommer 2012 Teil der ehrenamtlichen Jury, die über die Preisvergabe entscheidet. Auf die Frage, ob sie sich nicht vor Stapeln an dicken Arbeiten fürchtet, die es zu begutachten gibt, entgegnet sie, dass die Auseinandersetzung mit den anderen Jurymitgliedern über die Arbeiten inspirierend und dadurch weniger Arbeit als vielmehr intellektuelle Bereicherung seien.


Lebensstilintegration

Die Grenzen zwischen Privatem um Beruflichem lösen sich bei Heidrun Stenzel auf. Für manche Menschen sei die Abgrenzung von Familie und Arbeit sehr wichtig, bei ihr gehe der eine Bereich fließend in den anderen über. Mit ihrem Mann betreibt sie die gemeinsame Praxis. Den Vorteil dieser Lebens- und Arbeitsform sieht sie vor allem in der Flexibilität der Tageseinteilung.

Auch ihre Hobbies bzw. ihr ehrenamtliches Engagement sind nicht scharf vom Beruf zu trennen. Die Vorstandsarbeit für den Alumnivereins ASSCO schiebt sie wenn immer möglich, dazwischen, gleichzeitig helfen ihr die privaten Kontakte zu ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen auch in der ein oder anderen beruflichen Frage weiter.


Berufliche Alternativen, Wegkreuzungen und Herausforderungen

Der abwechslungsreiche und vielfältige Werdegang von Heidrun Stenzel zeigt offensichtlich, dass sie häufig in ihrem Berufsleben vor richtungsweisenden Entscheidungen stand. Man gewinnt den Eindruck, als würde sie sich selten für den einfachen, ganz geraden Weg entscheiden. Meist fiel ihre Wahl auf eine Umkehr, eine Kurve oder ein zusätzliches Standbein.

Natürlich kann sie sich vorstellen, dass theoretisch auch eine klassische Karriere als Sozialarbeiterin mit dem Ziel einer Expertin oder leitenden Position für sie möglich gewesen wäre. Aber das ist nicht ihr Ding. Karriere ist für Heidrun Stenzel „dass ich meine Werte realisieren kann“. Es ist ihr ein natürliches Bedürfnis, in Bewegung zu bleiben und so kann sie sich mit dem Begriff „horizontale Karriere“ wesentlich besser identifizieren als mit einem hierarchischen Aufstieg.


Empfehlungen für Studierende

Heidrun Stenzels Empfehlung an Studierende ist, Herausforderungen anzunehmen, sich nicht im Status quo einzurichten und vor allem dem eigenen Lebensentwurf zu trauen, denn – so ihr Motto - „Nicht von Antwort zu Antwort wachsen wir, sondern von Frage zu Frage.“


(Das Gespräch führte Isabelle Schulze im Mai 2012.)