Heike Müller

Heike Müller, Studiengang Sozialwesen (heute Soziale Arbeit) von 1987-1993; aktuelle Beschäftigung: Sozialpädagogin bei der Sozialtherapie Kassel e.V.

Das Kennenlernen von Heike Müller beginnt mit einer spontanen Gebäudebesichtigung der Motzstraße 3: Gemütliche Caféräume mit bunten Bildern einer Aquarellausstellung, vielen Topfpflanzen, hellen Sofagesprächsecken, ein Atelierraum, ein professionell ausgestatteter Konferenzraum, ein kleiner Garten und intensiv genutzte Büroflächen: 400 Quadratmeter zählen zum Gebäude, in dem die Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin Heike Müller arbeitet. In den 18 Jahren Berufserfahrung bei der Sozialtherapie Kassel hat Heike Müller viele psychisch kranke und behinderte Menschen persönlich begleitet. Heute leitet sie die Tagesstätte und das Café März des Psychosozialen Zentrums.


Erinnerungen an das Studium

Im Alter von 12 Jahren überraschte Heike Müller ihre Eltern damit, dass sie später auf jeden Fall mit behinderten Menschen arbeiten wolle. Sie dachte hierbei ausschließlich an körperlich behinderte Menschen. Dass sie nun in einem Zentrum arbeitet, das Menschen mit psychischen und sozialen Problemen unterstützt, war eine Kette von bewussten Entscheidungen, glücklichen Zufälle und logischen Konsequenzen.

Um mit behinderten Menschen zu arbeiten, machte sie nach ihrem Realschulabschluss zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin. Als ihre Ausbilderin nach der bestandenen Abschlussprüfung in die Runde fragte „Ist Frau Müller geeignet für diesen Beruf?“, war sie schockiert. Sie hatte endlich das Zertifikat für ihren Traumberuf in der Tasche und wurde in Frage gestellt. Durch diesen Kommentar wurde ihr schmerzlich bewusst, dass eine Abschlussurkunde nicht gleichbedeutend ist mit der Befähigung für den Beruf. Dieses Erlebnis bezeichnet sie jedoch rückblickend als einen der Stolpersteine, durch die sie persönlich gewachsen sei. Mit knapp 20 Jahren hatte sie - im Nachhinein betrachtet – wirklich noch nicht die Lebenserfahrung und Souveränität, die sie heute zu einer guten Sozialpädagogin machen.

Eine Krankheit brachte sie ab 1985 dazu, über ihre Zukunft nachzudenken. Ihr Lehrberuf erschien ihr auf Dauer nicht mehr ausreichend. „Da muss noch was passieren!“ sagte sie sich. Also holte sie die Fachhochschulreife nach und immatrikulierte sich für den Studiengang Sozialwesen (heute: Soziale Arbeit). Das Studium empfand sie anfangs als sehr ungewohnt und anstrengend. „Man muss lernen, die Freiheit auszuhalten und damit umzugehen“, fasst sie die ersten Monate in der neuen Umgebung zusammen. Selbstverantwortlich die Kurse zu wählen, war neu. Später machte ihr jedoch gerade diese Selbstorganisation die größte Freude am Studium.

 


Berufseinstieg und berufliche Tätigkeiten

Seit 1994 arbeitet Heike Müller bei der Sozialtherapie Kassel e.V. - einem Verein mit ca. 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Ziel des Vereins ist es, Ausgrenzung zu verhindern. Gemäß seinem Leitbild sorgt er in den Lebensbereichen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur dafür, dass auch behinderte, in Krisen befindliche oder psychiatrieerfahrene Menschen den ihnen angemessenen Raum bekommen. Die Tagesstätte, in der Heike Müller arbeitet, hat aktuell 16 Plätze und bietet eine Vielfalt an Kursen und Angeboten für die Klientinnen - vom Wanderausflug, über Englischsprachkurse bis zur Gartenarbeit. "Reden und reden lassen" – ist das Motto des Café März, das seit ca. 1985 ein beliebter Treffpunkt in den Räumen des Vereins ist. Im Café begegnen sich Menschen, die ähnliche Sorgen haben, um mal wieder unter Leute zu kommen, um eine warme Mahlzeit zu genießen, ein offenes Ohr und Rat zu finden oder um eine Verabredung für morgen zu treffen. 

Von der persönlichen Beratung, Begleitung und Unterstützung der Klientinnen in der Tagesstätte entwickelte sich das Aufgabengebiet von Heike Müller immer weiter. Heute koordiniert sie nicht nur die Tagesstätte sondern auch das Café März mit seinen ca. 30 Freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie leitet jüngere Kolleginnen und Praktikantinnen an. „Diese Leitungsfunktion hat sich so ergeben“, spielt Heike Müller ihre Rolle herunter. Aber wenn sie von den tausend kleinen Dingen des Alltags erzählt und man die Begeisterung für ihre aktuellen Aufgaben spürt, lässt sich erahnen, dass die Arbeit an der Basis oftmals kräftezehrend war und sie die Freiheit ihrer Koordinationsaufgaben umso mehr schätzt.

Mit psychisch kranken Menschen hatte Heike Müller abgesehen von Praktika in der Psychosomatischen Klinik und in der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen keine Erfahrung. Im Studium hatte sie vor allem Kurse gewählt, die sich mit körperlicher und geistiger Behinderung, aber nicht mit seelischer Behinderung beschäftigten. Aber eine Fähigkeit, die sie ihrem Studium verdankt, ist das selbständige Erarbeiten von Wissen: so brachte sie sich die notwendigen Grundlagen und Methoden für die Arbeit mit psychisch kranken Menschen selbst bei und vertiefte ihre Kenntnisse systematisch durch Fort- und Weiterbildungen, z.B. in Transaktionsanalyse.

Seit Wintersemester 2011/2012 ist Heike Müller nebenberuflich Lehrbeauftragte am Institut für Sozialwesen. Im „Begleitseminar für BerufspraktikantInnen und Auswertungsseminar“ betreute sie Studierende des Praxismoduls (BPS) sowie des Berufspraktikums, die im psychosozialen Bereich und mit psychisch kranken/seelisch behinderten Menschen arbeiten. Anhand der Praxiserfahrungen, die die Studierenden machen, erarbeitet sie mit ihnen gemeinsam Aspekte der professionellen und persönlichen Lernerfahrung.

Heike Müller möchte Studierende und junge Nachwuchskräfte in der Sozialarbeit begleiten und ihnen zurückgeben, was sie selbst durch andere bekommen und erfahren hat. Daher engagiert sie sich teils ehrenamtlich teils als Lehrbeauftragte an der Universität Kassel. Sie formuliert zusammen mit anderen Alumni der Universität Kassel für das Hochschulteam der Agentur für Arbeit Kassel und das Referat für berufspraktische Studien am Institut für Sozialwesen die Arbeitgebererwartungen an Sozialpädagogen/innen. Ihre Motivation für die Kooperation mit der Universität Kassel hat jedoch auch noch einen weiteren Grund. „Ich suche neue Herausforderungen und Möglichkeiten wie ich meine professionellen und persönlichen Erfahrungen weitergeben kann. Ich möchte junge Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen stärken, damit sie ihre Berufsrolle und ihre Haltung finden.“

 


Fähigkeiten und Stärken

Spaß macht Heike Müller an ihrer Arbeit vor allem die Kommunikation mit dem Menschen, den wertschätzenden Umgang. Auf Berichte schreiben und Verwaltungsarbeit könnte sie gerne verzichten, doch diese Aufgaben sind inzwischen zur Routine geworden.

Die Klientinnen und Klienten mit psychosozialen Problemen werden im Volksmund flapsig als „Verrückte“ bezeichnet. Heike Müller sieht in dem Begriff ein Stück Wahrheit. Ihre Klientinnen und Klienten seien häufig gezwungen, ihre Realität zu „verrücken“, um ihr Schicksal überhaupt irgendwie aushalten zu können und  es ist eine Art Schutzraum. Das nötige Selbstbewusstsein, um mit ihren die Erfahrungen und Einschränkungen zu leben ertragen, müssen sie sich erst erarbeiten.

Wertschätzung und Respekt den Menschen entgegen zu bringen, ist daher eine wichtige Fähigkeit, um in der sozialen Arbeit gut zu sein. „Anderen Meinungen oder anderen Realitäten muss man Gehör schenken, da sie aus der jeweiligen Perspektive Anerkennung verdienen,“ betont Heike Müller. Nicht umsonst war ihr Lieblingsobjekt auf der documenta (13) die asymmetrische Uhr am Hirschgraben in der Karlsaue. Das Werk von Anri Salas sieht von jedem Standpunkt anders aus. Auch bei ihrer Arbeit möchte Heike Müller die Situationen, die Probleme und die Menschen von möglichst vielen verschiedenen Seiten betrachten. Sie arbeitet daher gerne im Team, das unterschiedliche Dinge an einer Sache beleuchtet.

Wenn man einem Klienten zum x-ten Mal eine Sache erklären muss oder ihn an Termine und Pflichten erinnert, ist nicht – wie landläufig angenommen – Geduld das A & O, sondern die „Echtheit im Umgang miteinander“. Auch Sozialarbeiter sind ganz normale Menschen, die, laut Heike Müller, nicht immer nur gelassen und besonnen sein können. Wichtig sei jedoch, dass man dem Gegenüber ruhig sagt, dass man an einen Punkt kommt, an dem die Geduld ausgeht. Nach einem Konflikt müsse man wieder aufeinander zugehen. Eine Klientin war total überrascht, als Heike Müller ihr eines Tages auf eine Frage antwortete „Das weiß ich nicht.“ Aber gerade als Beraterin sei es auch wichtig, Schwächen zuzugeben und so das Selbstbewusstsein der Klienten zu stärken, indem man aufzeigt, niemand ist perfekt.

Die Fähigkeit, Vertrauen in das Team zu haben, ergibt sich durch die Notwendigkeit der Aufgaben. Die Sozialtherapie kann zum Beispiel ohne Abend- und Wochenenddienste nicht funktionieren. Der Verein  muss sich daher hundertprozentig darauf verlassen können, dass die diensthabenden Kolleginnen und Kollegen, die Betreuung der Klienten verantwortlich übernehmen. Eine suizidgefährdete Person darf auch nach Feierabend nicht allein gelassen werden. Die Sozialtherapie nutzt daher ein Verfahren aus persönlichen Absprachen unterstützt durch moderne Software. Die Klienten werden darüber informiert, wer sie am Wochenende anrufen oder besuchen wird. Parallel dazu wird in einer Kommunikationsplattform für die Kollegen notiert, wer, wann und warum in den Randzeiten kontaktiert werden muss. Die Mitarbeiter des Betreuten Wohnens sind darüber hinaus mit Smart Phones ausgestattet, so dass sie bei Entscheidungen in Notlagen jederzeit von unterwegs auf den fachlichen Rat eines sogenannten Hintergrunddienst, in der Regel sind dies Teamleiter oder andere erfahrene Sozialarbeiter, zurückgreifen können.

Verschiedene Teamsitzungen ermöglichen den kollegialen Austausch über die Klientinnen sowie die Kommunikation im Verein. Eine Abgrenzungsgruppe begleitet die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmal monatlich, um den nötigen Abstand zu schwierigen Patienten und Situationen zu bekommen. Außerdem stellen sich alle Sozialarbeiter und Sozialpädagogen der Sozialtherapie regelmäßig einer Supervision. Heike Müller schätzt diesen institutionellen Rückhalt. Um den Kopf frei zu bekommen, spricht sie über schwierige Fälle noch am selben Tag mit Kollegen oder Vorgesetzten. „Wenn ich nach Feierabend nach Hause gehe, schließe ich ganz bewusst die Bürotür zu und lasse die Arbeit dort zurück.“

 


Wendepunkte und Herausforderungen

Natürlich gab es in ihrem Werdegang immer wieder Punkte, an denen Heike Müller neue Aufgabenbereiche bewusst übernommen oder abgelehnt hat. Es gab aber auch solche richtungsweisende Veränderungen, die eher schleichend daher kamen. Erst im Nachhinein wurde Heike Müller bewusst, dass es berufliche Alternativen gegeben hätte, die sie damals intuitiv ausschloss. Heute empfindet sie vergangene Berufs- und Lebenskrisen - die „Stolpersteine“ – als die Wegweiser ihres beruflichen Werdegangs.

 


Empfehlungen für Studierende

Unterschiede im Studium zwischen ihrer eigenen Studienzeit und heute sieht sie vor allem in „viel Wissen und wenig Praxis“. Eigenverantwortung müsse jedoch gelernt werden. Als Beispiel schildert Heike Müller ein Vorstellungsgespräch, das sie vor Kurzem mit einer potentiellen Praktikantin geführt hat. Auf ihre Frage, „Was erwarten Sie von dem Praktikum?“, antwortete die Studentin „Ganz viel Wissen.“ „Solche Absolventen müssen noch sehr viel lernen. Ohne Praxiserfahrung geht gar nichts,“ meint Heike Müller.

Ihr Tipp für Studierende ist, zusätzlich zum Studium eine Berater- oder Therapieausbildung zu machen, um ein Gespür für die Situation der Klienten in der psychosozialen Arbeit zu bekommen. Auch eigene Lebenskrisen kann man ihrer Ansicht nach positiv für den Beruf nutzen: Lernen, Hilfe anzunehmen, erleichtert es beispielsweise, sich in die Patienten hineinzuversetzen. Entscheidend ist für Heike Müller in allen Lebenslagen „Nicht was passiert ist wichtig, sondern wie man damit umgeht.“

Ihr heimlicher Wunsch ist, dass die nachfolgende Generation den Beruf des Sozialarbeiters und Sozialpädagogen aus einem ähnlichen Grund wie sie selbst wählen: In einem Vorstellungsgespräch möchte sie so gern auf die Frage „Welche Erwartungen haben Sie an die Arbeit/die Stelle?“ irgendwann mal ein überzeugtes und ehrliches „Begeisterung und Freude!“ hören.

 

(Das Interview führte Isabelle Schulze im Juni 2012.)