Stefan Peters

 

Dr. Stefan Peters, Promotion am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften von 2008 bis 2012; aktuelle Tätigkeit: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel.

Dr. Stefan Peters studierte Politikwissenschaft in Marburg und Madrid. Seit 2008 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften am Fachgebiet Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen von Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozial- und Bildungspolitik, Rentengesellschaften sowie Geschichtspolitik vor allem in Lateinamerika. Für seine Doktorarbeit zum Thema „Bildungsreformen und soziale Ungleichheiten in Lateinamerika“ erhielt er den Georg-Forster-Preis 2013 der Universitätsgesellschaft Kassel in Höhe von EUR 3.100. Der Preis wird am Universitätstag, am 9. Mai 2014, verliehen.


Promotionseinstieg

Die Webseiten von Stefan Peters am Fachgebiet Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen sind dreisprachig – Deutsch, Englisch und Spanisch. Stefan Peters spricht fließend Spanisch. Während des Studiums der Politikwissenschaft in Marburg absolvierte er ein Erasmusjahr in Madrid. Dadurch lernte er die Sprache und entdeckte seine Liebe zu Spanien. Seine Abschlussarbeit im Studium thematisierte das Konzept der Nation  in Spanien. Er untersuchte die Diktatur Francos.

Nach dem Studium verfolgte er das Thema der Vergangenheitspolitik und Diktaturen weiter und zwar auf der anderen Seite des Globus. Ein Jahr lebte er in Montevideo in Uruguay. Zum Geldverdienen arbeitete er als Lehrer, Übersetzer und Immobilienmakler, beschäftigte sich aber parallel dazu mit Vergangenheitspolitik und Erinnerungskulturin Uruguay und dem Gedanken zu forschen und zu promovieren. Er verfasste ein Exposé zum Thema Vergangenheitspolitik in Uruguay und bewarb sich um Promotionsstellen.

Als eine Stelle am Fachgebiet Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel ausgeschrieben war, aktivierte er seine alten Netzwerke und informierte sich bei einem ehemaligen Kommilitone aus MarburgerStudienzeiten, der inzwischen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in Kassel tätig war. Im Gespräch wurde Peters klar, dass sein Exposé nicht in die Kernforschung von Professor Hans-Jürgen Burchardt passte. Da ihn jedoch das Arbeitsumfeld und das Thema soziale Ungleichheit reizte, entwarf er bis zum Vorstellungsgespräch ein neues Exposé, das sich mit der Bildungspolitik in Lateinamerika befasste. Er bekam die Stelle.


Thema der Doktorarbeit

In seiner Arbeit beschäftigte er sich mit linksgerichteten Regierungen in Lateinamerika, die mit Hilfe der Bildungspolitik soziale Ungleichheit reduzieren wollten. Trotz sehr unterschiedlicher Reformpfade der beiden Fallbeispiele Venezuela und Uruguay konnten die bildungspolitischen Reformen nicht zu einer substantiellen Reduzierung sozialer Ungleichheiten beitragen.

Die vereinfachte Standardannahme, „je mehr Kinder einen Bildungsabschluss haben, desto höher die Chance, dass sich soziale Ungleichheit verringert“, wird in der Arbeit in Frage gestellt. Die gängigen politikwissenschaftlichen Erklärungsmodelle können diese Politikergebnisse in Lateinamerika nicht befriedigend erklären.

Peters liefert Belege dafür, dass man die bildungspolitische Reformen ihren lateinamerikanischen Kontext einbetten muss. Die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, der Bildungszugang, die Bildungsqualität und die sogenannte hierarchischen Fragmentierung der Bildungssysteme müssen berücksichtigt werden. Unter hierarchischer Fragmentierung der Schularten und Abschlüsse versteht er Bildungsabschlüsse, die formal gleich gestellt sind de facto aber in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt unterschiedlich bewertet und gewertschätzt werden.


Feldforschung

2009 verbrachte Stefan Peters seinen ersten von insgesamt drei Forschungsaufenthalten für die Dissertation in Lateinamerika. Für drei Monate lebte er in Venezuela und Uruguay, um Interviews für seine Dissertation durchzuführen. Stefan Peters befragte in offenen Leitfadeninterviews in spanischer Sprache die unglaubliche Zahl von 120 Personen – eine wahre Herkulesaufgabe.

„Die Spitze waren fünf Interviews an einem Tag,“ erinnert sich Peters. „Die Interviewtermine waren – vor allem in Uruguay relativ leicht zu bekommen. Nachdem ich den ersten politischen Akteur interviewt hatte, war der Rest kein Problem. Die Abgeordneten vermittelten mich an Kollegen, sowohl in der Regierungspartei als auch in der Opposition, weiter. In Venezuela war es etwas schwieriger.“

Da die Terminvereinbarung im Vorhinein nicht geklappt hatte, verbrachte er die ersten zwei bis drei Tage nur am Telefon, um Termine zu vereinbaren. „In Uruguay und Venezuela gibt es eine – wie es einige Kollegen hier an der Uni bezeichnen würden - Präsenzkultur. Vor Ort klärt sich alles leichter,“ empfiehlt Peters anderen Feldforschern in Lateinamerika. Waren die Politiker und hohen Beamten auch telefonisch nicht erreichbar, dann meldete er sich einfach am Empfang des Ministeriums mit fiktiven Gesprächsterminen. Wenn er erst mal vorbei an den Pförtnern in den riesigen Gebäuden war, ergab sich alles Weitere. „Es war oft kein Problem, an den Türen zu klopfen und direkt mit den Entscheidungsträgern zu sprechen. Auf diese Weite verbrachte ich viel Zeit auf dem Flur und mit Beobachten. Daraus kann man viel über Land, Kultur und Arbeitsweise lernen. Das Schneeballprinzip „Sie müssen mit dem und dem sprechen“ tat sein Übriges.“

„Die größte Hürde in der Feldforschung war, dass man Personen interviewte, die seit 20 oder 30 Jahren im Bereich Bildung arbeiten. Und ich hatte mich lediglich durch die Literatur eingelesen. Da hat man schon Hemmungen und Angst nicht für voll genommen zu werden. Aber glücklicherweise merkten die Personen bald, dass ich mich so gut wie möglich vorbereitet hatte und sie freuten sich über das Interesse an ihrer Arbeit,“ berichtet Peters.


Lehre(n) aus der Dissertation?

Der Frage, ob seine Befunde auch auf deutsche Bildungspolitik übertragbar wären, wird er voraussichtlich im Sommersemester 2014 etwas näher kommen. Im ersten Semester des Projektseminars für Bachelor- und Lehramtsstudierende des Fachs Politikwissenschaft werden die Studierenden eine Einführung in die Theorie der sozialen Ungleichheit erhalten und Methoden der empirischen Sozialforschung an Praxisbeispielen erlernen. Sie werden sozio-ökonomische Daten über Kassel sammeln und daraus ableiten, was die interessanten Fragestellungen sind. Wo stellen sich Rätsel? Welche sind die interessanten Schulen in Kassel? Im zweiten Semester werden die Studierende dann an Schulen gehen, Interviews führen, Beobachtungen anstellen und Fragebögen auswerten. „Die Wertigkeit der Bildungstitel stellt sich vielleicht in Deutschland auch auf der Ebene der Masterabschlüsse an Hochschulen. Die soziale Ungleichheit wird nicht so extrem sein wie in Lateinamerika,“ vermutet Peters, „aber ich fände es spannend, zu untersuchen, ob die späteren Berufs- und Lebenschancen eines Absolventen mit einem Abitur der einen Schule signifikant besser oder schlechter sind als desjenigen mit einem Abschluss einer anderen, z.B. privaten, Schule.“

„Die größte Schwierigkeit in der Promotionsphase ist es, irgendwann einen Cut zu machen. Es gibt Berge an Literatur und Quellen und ständig erscheinen neuen Print- und Online-Publikationen. Es ist die Aufgabe des Doktoranden zu filtern und die Entscheidung zu treffen, den Literaturüberblick abzuschließen.

Die Mühe hat sich gelohnt: Dr. Stefan Peters erhielt den Georg-Forster-Preis 2013 der Universitätsgesellschaft Kassel. Die Jury wählte die Arbeit von Stefan Peters unter anderem aus für die innovative, nicht-eurozentrische Auseinandersetzung mit Bildungspolitik und sozialer Ungleichheit. Die gute Verbindung von mehrsprachiger, empirischer Erhebung, d.h. praktischer Interviewarbeit, besten Theoriekenntnissen und methodischer Diversität machen die Arbeit preiswürdig und stehen in der Tradition der Arbeiten Georg Forsters. Die Jury lobte die Arbeit für die kenntnisreiche Auseinandersetzung mit Lateinamerika, ihre Aktualität und für ihre stilsichere, elaborierte und auch für Laien überaus verständliche Sprache.


Berufliche Zukunft

Heute ist Stefan Peters Habilitant am Fachgebiet Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen der Universität Kassel. In seinem „zweiten Buch“ befasst er sich mit dem Thema Erdöl, Politik und Gesellschaft. Da er am Anfang der Habilitation steht, sind Fragestellung und Fallauswahl noch nicht abgeschlossen, es zeichnen sich vorläufig Venezuela und eventuell Ghana und Ecuador als Untersuchungsregionen ab.

Zunächst wird er eine interdisziplinäre Arbeit gemeinsam mit einem Kollegen aus der Romanistik veröffentlichen. Das fächerübergreifende Werk verbindet historische, kultur- und politikwissenschaftliche Perspektiven zum ETA-Attentat auf Luis Carrero Blanco und erscheint in spanischer Sprache.

Peters hat sich für eine Karriere in der Forschung und der Lehre entschieden. Auf die Frage „Was begeistert Sie an der Wissenschaft?“ kommt die überraschende mit einem Schmunzeln vorgetragene Gegenfrage: „Sie meinen, was begeistert mich an der Wissenschaft trotz allem? Trotz der befristeten Stellen, trotz der halben Promotionsstellen bei 60 Stundenwochen und trotz der unsicheren Zukunft, usw.? TROTZ ALLEM arbeite ich sehr gern als Wissenschaftler. Ich finde es toll Themen zu untersuchen, die mich interessieren, Themen, für die ich eine Leidenschaft mitbringe. Ich schätze es, dass ich über meine Forschung und meine Publikationen Debatten zu einem kleinen Teil beeinflussen kann. Ich befasse mich sehr gern mit abstrakten Theorien. Außerdem macht mir die Lehre Spaß, weil ich gern mit Studenten diskutiere. Durch die Aufbereitung meiner Thesen und Forschungsfragen lerne ich selbst sehr viel und die Diskussionen mit den Studierenden sind inspirierend.“


Das Gespräch führte Isabelle Schulze im Februar 2014