Die „Keynote Lectures“
Die dOCUMENTA (13) und die Universität Kassel bieten ab dem 8. Juni eine Reihe von öffentlichen Vorträgen zu Forschung und Wissen an. Die Vorträge sind die Fortsetzung der „100 Notizen – 100 Gedanken“-Notizbuchserie, die im Rahmen der dOCUMENTA (13) veröffentlicht wird.
Wie die Ausstellung selbst, konzentriert sich die Vortragsreihe nicht nur auf ein einzelnes Thema, sondern darauf, wie verschiedene Welten sich verbinden und Allianzen bilden können. Die Vorträge präsentieren verschiedene Herangehensweisen an Fragen und Antworten, an die Vermittlung von Hypothesen sowie unterschiedliche Vortragsstile vom Lyrischen bis zum Akademischen.
8. Juni 2012, 19.00 Uhr
Kwame Anthony Appiah: GLOBAL CONVERSATION AND MORAL REVOLUTION
Wenn ein Gespräch, ein verbales Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht, ein Beispiel für etwas Vertrautes ist, welchen Sinn kann es dann machen von einem Gespräch als Beispiel für die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gesellschaften zu sprechen? Kwahme Anthony Appiah spricht in seinem Vortrag darüber, dass man manche Art und Weise wie sich Gesellschaften gegenseitig beeinflussen sofort versteht; speziell durch Diskussionen über die nationale Ehre, kann man erkennen, dass vieles, was für ein erfolgreiches zwischenmenschliches Gespräch notwendig ist, dem Diskurs zwischen unterschiedlichen Gesellschaften gleicht.
Kwame Anthony Appiah ist Philosoph, kultureller Theoretiker und Romanschriftsteller. Er beschäftigt sich mit politischer und moralischer Theorie, der Philosophie von Sprache und Verstand sowie historischer Geistesgeschichte. Unter anderem hat er über moralische Grundhaltungen geschrieben, die gesellschaftliches Verhalten definieren. Kwahme Anthony Appiah lehrt als Professor für Philosophie am Center for Human Values der Princeton University.
10. Juni 2012, 18.00 Uhr
Michael Taussig: I´M SO ANGRY , I MADE A SIGN
Dieser Vortrag ist die Ethnographie einer Nacht im Oktober 2011, die im Zeichen der Bedrohung durch einen unmittelbar bevorstehenden Polizeiangriff im New Yorker Zuccotti Park stand. Der Park war von Mitte September bis Mitte November 2011 Versammlungsort der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Kunst und Ethnographie vermischen sich ebenso wie Kunst und Politik.
Michael Taussig startete seine berufliche Laufbahn als Arzt in Sydney. Später widmete er sich Themen wie den Gesellschaftswissenschaften, der Psychiatrie, der Lehre und Forschung im Bereich der Lateinamerikastudien und dem Schreiben. Seit 1993 unterrichtet Kulturanthropologie an der Columbia University in New York und publizierte über Schreiben, Gewalt, Terror, die Abschaffung der Sklaverei, Schamanismus, Mimese und Andersartigkeit, Farbe, den Ikonoklasmus, Bataille und Walter Benjamins Grab. Er vermischte Fakten und Fiktion, ethnografische Beobachtungen, archivalische Geschichte, literarische Theorie und Memoiren in etwas, das er „fictocriticism“ nannte. Es überraschte wenig, dass dieser so genannte „fictocriticism“ die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Schreibakt als anthropologischen oder kulturellen Akt lenkte. Darüber hinaus nahm er an der kolumbianischen Revolution in den späten Sechzigern teil.
12. Juni 2012, 17.00 Uhr
Salah M. Hassan: „BETWEEN NEGRITUDE AND NEGROPHILIA“: AFRICAN ARTISTS AND WRITERS CONGRESSES FROM PARIS TO ALGIERS
Diese Keynote Lecture reflektiert kritisch die Nachwirkungen der Konferenz von Bandung 1955. Als ein Meilenstein der Entkolonialisierung zeigte diese Konferenz die Möglichkeit auf, die Hegemonie des Westens zu beenden und versprach eine pluralistischere Welt. Der Vortrag wird die Kongresse afrikanischer Künstler und Schriftsteller Revue passieren lassen, angefangen vom Ersten Kongress schwarzer Schriftsteller und Künstler in Paris 1956 bis zum Panafrikanischen Kunst- und Kulturfestival 1969 in Algier. Die Afrikanische beziehungsweise schwarze Intellektuellenbewegungen, die aus diesen Kongressen entstand, soll ebenso untersucht warden wie die Negrophilie, die die europäische Rezeption afrikanischer Kultur und Kunst dominierte.
Salah M. Hassans Arbeiten werden weithin bestimmt von seiner aktuellen Funktion als Direktor des Africana Studies and Research Center an der Cornell University, an der er auch lehrt. Er hat umfangreiche Forschungen über den afrikanischen Kontinent und seine Menschen durchgeführt. Auf Grundlage dieser Tätigkeit hat er zu diesem Thema Zeitschriften herausgegeben, Bücher veröffentlicht und Ausstellungen kuratiert, darunter „Authentic/Ex-Centric: in and out of Africa“ auf der 49. Biennale in Vendig. Afrikanische und afroamerikanische Kunstgeschichte, afrikanische Ästhetik, afrikanisches Kino, zeitgenössische Kunst und ihre Theorie sind einige der weiteren Themen mit denen er sich beschäftigt.
16. Juni 2012, 18.00 Uhr
Lydia Davis: SHORT AND SHORTER. STORYS BY LYDIA DAVIS
Die amerikanische Autorin Lydia Davis liest aus einigen ihrer jüngsten Werke, sowohl veröffentlichte als auch unveröffentlichte. Einige ihrer Geschichten können als Poesie angesehen werden, während andere meditativen oder philosophischen Charakter haben. Einige sind in traditioneller Form gehalten, andere testen die Grenzen des konventionellen Romans. Der Kritiker James Wood, der für den „New Yorker“ schreibt, sagte, dass ihr Werk, „in der Zukunft als großartiger, seltsamer Beitrag zur amerikanischen Literatur“ angesehen wird. Unter anderem wird sie kleine Geschichten auf der Basis von Flauberts Briefen vortragen, ebenso wie einige Geschichten in deutscher Übersetzung.
Lydia Davis ist eine Autorin, die die traditionelle Wahrnehmung der Kurzgeschichte mit ihrem außerordentlich knappen Schreibstil herausfordert. Auch wenn sie sie als „Geschichten“ bezeichnet, kann man sie doch als Poesie ansehen oder als etwas zwischen Philosophie, Poesie und Kurzgeschichte. Vielleicht handeln sie mehr von dem Ungeschriebenen, von den Geschichten, die über den Wörtern schweben, von den Möglichkeiten des Ungesagten.
Lydia Davis hat auch längere Geschichten und einen Roman verfasst, sowie Proust und andere französische Klassiker ins Englische übersetzt. Tatsächlich glaubt sie, ihr knapper Stil sei eine Antwort auf ihre vormals langen Sätze und Gedanken. „The Collected Stories of Lydia Davis“ sind eine Hommage an ihre Kürze und ihren Humor.
13. Juli 2012, 18.00 Uhr
Jane Taylor: SPEAKING IN TONGUES. PROSOPOPEIA; VENTRILOQUISM; AND MAGICAL THINKING
In ihrem Keynote Lecture beschäftigt sich die südafrikanische Forscherin, Kulturtheoretikerin und Autorin Jane Taylor mit den Bedeutungen, die aus ästhetischen Experimenten zu vokaler Authentizität entstehen. Ihre Bezüge reichen von Marionettentheater und Bauchrednerei bis hin zu Film und Video. Sie stützt sich darüber hinaus auf Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit der Handspring Puppet Company und dem Künstler William Kentridge, mit dem sie in verschiedenen Projekten zusammengearbeitet hat. Ihr Thema ist die Abwesenheit der Stimme in der zeitgenössischen Bildenden Kunst.
Jane Taylor studierte Theaterwissenschaften und Englisch. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Wechselwirkungen von Geschichte und Theater. Sie verfasste Stücke für Theater, Musiktheater und Puppentheater sowie einen Roman, für den sie den renommierten Olive-Schreiner-Preis erhielt. Regelmäßig veröffentlicht Sie Artikel und Rezensionen zu zeitgenössischer, südafrikanischer Kultur. Darüber hinaus hat sie Opern inszeniert und Ausstellungen kuratiert.

