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16.02.2015 12:47

Kommunale Kostenrechnung: Investitionen in Radverkehr für Städte am günstigsten

Für den Autoverkehr müssen Kommunen einen deutlich höheren Zuschuss leisten als für den Radverkehr – darauf deuten Ergebnisse einen Forschungsprojekts der Universität Kassel hin. Ein Forschungsteam hat dafür erstmals eine exakte Methode entwickelt, die kommunalen Kosten für verschiedene Verkehrsträger zu errechnen. Diese Methode wendeten die Wissenschaftler in drei Pilot-Städten an.

Leistungsfähige und ressourcenschonende Verkehrssysteme sind eine Schlüsselaufgabe für die Stadt der Zukunft. Ein wichtiges Instrument zur Planung und Steuerung ist dabei eine exakte Kostenrechnung, die die Aufwände und Erträge der verschiedenen Verkehrsträger deutlich macht. Bisherige Methoden hierzu betrachten teilweise nur das Fernstraßennetz, vermischen Kosten der öffentlichen Haushalte mit Nutzerkosten, berücksichtigen nicht die Gesamtkosten eines Haushaltsjahres oder weisen andere Defizite auf. Experten des Fachgebiets Verkehrsplanung und Verkehrssysteme der Universität Kassel unter Leitung von Professor Dr. Carsten Sommer haben nun erstmals eine Methode entwickelt, die alle kommunalen Aufwendungen und Erträge erfasst und den einzelnen Verkehrssystemen – Radverkehr, Fußverkehr, Autoverkehr und ÖPNV – zuordnet. 

Die Kasseler Forscher berücksichtigen dabei alle Kosten von Bau und Unterhalt bis hin zu Lichtsignalanlagen, Straßenreinigung und begrünten Randstreifen. Die Einnahmen aus Bustickets fließen ebenso ein wie Bußgelder für Falschparker. Neu ist auch die Aufteilung von Gemeinkosten – beispielsweise in der Verwaltung in den Rathäusern – auf die Verkehrsträger nach bestimmten Schlüsseln, die auf dem Verursacher- bzw. Nutzerprinzip fußen; etwa indem sie nach den Flächenanteilen der Verkehrssysteme an der Gesamtverkehrsfläche zugeordnet werden. 

„Um die Ergebnisse aussagekräftig zu machen, haben wir zudem Kennwerte entwickelt, die einen besseren Vergleich zwischen den Verkehrssystemen zum einen und verschiedenen Kommunen zum anderen ermöglichen“, erläutert Prof. Sommer, Leiter des Projekts. Als Ergebnis würden beispielsweise der „Zuschuss pro Einwohner“ und der „Zuschuss pro Verkehrsfläche“ ausgewiesen, zudem der „relative Zuschuss“ je Verkehrssystem – also das Verhältnis zum gesamten städtischen Zuschuss im Verkehr.

Untersuchung in drei Städten: Relativer Zuschuss für Autoverkehr um Vielfaches höher als für Radverkehr

Die Wissenschaftler wandten ihre Methode anschließend für die Haushaltsjahre 2009 bis 2011 in drei Beispielsstädten an, nämlich in Kassel, Bremen und Kiel. „Die Ergebnisse in den drei Städten zeigen, dass der Radverkehr grundsätzlich den geringsten städtischen Zuschuss erhält“, so Sommer. In allen drei Städten lag der relative Zuschuss erheblich unterhalb des Radverkehrsanteils am gesamten Verkehrsaufkommen. Anders gesagt: Der Radverkehr ist besonders günstig. Umgekehrt ist es beim Auto: Der Kfz-Verkehr erhielt die höchsten Zuschüsse. In den drei untersuchten Städten ist der relative Zuschuss mindestens zehnmal höher als der des Radverkehrs. Die absoluten Aufwendungen für den ÖPNV waren zwar im Betrachtungszeitraum höher als für den Autoverkehr, jedoch ergibt sich wegen der höheren Erträge im ÖPNV ein geringerer Zuschuss. „Tendenziell ergibt sich für die Modellstädte nach der Höhe des Zuschusses folgende absteigende Reihenfolge: Kfz-Verkehr, ÖPNV, Fußverkehr und Radverkehr. Wir gehen davon aus, dass diese Ergebnisse im Grundsatz auf andere deutsche Städte übertragbar sind“, erklärt Sommer weiter. 

Nicht berücksichtigt wurden in der Studie sogenannte externe Effekte. Darunter versteht man beispielsweise Umwelt- oder Gesundheitsschäden durch den Autoverkehr. Ebenfalls unbeachtet blieben innerstädtische Autobahnen, da diese nicht aus dem kommunalen Haushalt finanziert werden. Das Projekt „NRVP – Kostenvergleich zwischen Radverkehr, Fußverkehr, Kfz-Verkehr und ÖPNV anhand von kommunalen Haushalten“ lief von Ende 2012 bis Mitte 2014. Die Fördersumme betrug 110.000 Euro. Der Abschlussbericht liegt nun vor. Es wurde finanziert vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans. 

Kontakt: 

Prof. Dr.-Ing. Carsten Sommer
Universität Kassel
Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme
Tel.: +49 (0)561 804-3381
E-Mail: c.sommer@uni-kassel.de