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07.01.2014 11:56

Studie beziffert Wertschöpfung alternativer Stromerzeugung in Nordhessen auf über 115 Mio. Euro jährlich

Erneuerbare Energien tragen in erheblichem Umfang zur regionalen Wertschöpfung bei. Das belegt eine Studie der Universität Kassel. Zugleich geben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Empfehlungen, wie beim Bau von Anlagen das regionale Wertschöpfungs-Potenzial genutzt werden kann.

Prof. Dr. Reinhold Kosfeld

Eine Forschungsgruppe unter Führung von Prof. Dr. Reinhold Kosfeld, Leiter des Fachgebiets Statistik an der Universität Kassel, untersuchte für die Studie, welche regionalwirtschaftlichen Effekte die verschiedenen Strom-Erzeugungsarten Photovoltaik, Windkraft, Wasserkraft und Biogas haben. Sie vergleicht dabei die fünf Modellregionen Landkreis Dithmarschen, Planungsregion Lausitz-Spreewald, Landkreis Rhein-Sieg, Planungsverband Westmittelfranken sowie Nordhessen (genauer: der Regierungsbezirk Kassel). „Diese fünf Regionen haben wir ausgewählt, weil sie für die verschiedenen Energieerzeugungsarten jeweils spezifische Vorteile und Schwerpunktsetzungen aufweisen“, erläutert Prof. Kosfeld. „Entsprechend unterschiedlich fallen die Ergebnisse aus.“

So summiert sich für die Region Nordhessen die regionale Wertschöpfung auf über 115 Mio. Euro jährlich – und das obwohl die Studie sich auf Anlagen konzentriert, die nach dem EEG-Gesetz gefördert werden. Großanlagen wie das Edersee-Kraftwerk fließen nicht mit ein. Außerdem lässt die Studie Energieerzeugungsarten wie die Geothermie aus der Rechnung, die bislang nur in geringem Umfang zur Energiegewinnung beitragen. Den größten Anteil zur Wertschöpfung steuert in Nordhessen demnach mit rund 90,4 Mio. Euro die Photovoltaik bei. Daneben spielen auch Windkraft (12,2 Mio. Euro) und Biogas (12,0 Mio. Euro) eine große Rolle. Die Wasserkraft trägt – ohne das Edersee-Kraftwerk – nur einen kleinen Teil zur Wertschöpfung bei (0,8 Mio. Euro). Die jährliche Wertschöpfung pro Kopf beträgt in Nordhessen 94,30 Euro. „Zu beachten ist, dass wir in unserer Untersuchung regionalwirtschaftliche Effekte ermitteln. Das schließt nicht aus, dass Anlagen aus anderen Gründen anders bewertet werden können“, stellte Prof. Kosfeld klar. „Das können Gründe des Energiemixes sein, aber auch betriebswirtschaftliche Gründe. Ein anderes Beispiel sind Pumpspeicherwerke, die nur eine geringe Wertschöpfung haben, deren Vorteil aber in der Stabilisierung des Netzes liegt.“


Der Wert des Handwerkers aus der Nachbarschaft: Zur Methode

Berücksichtigt wurde in der Studie nur die Stromerzeugung, nicht die Erzeugung anderer Energie (wie Wärme- oder Biosprit-Gewinnung). Zudem beschränkt sich die Studie auf die Betriebsphase der Anlagen, die Anfangsinvestitionen für den Bau der Anlagen fließen nur als Betriebskosten über die Abschreibungen ein. Eine Rechnung, die die Anfangsinvestitionen in ihrer vollen Wirkung einbezieht, hätte allein auf volkswirtschaftlicher Ebene Sinn. Die Hochrechnung der Kasseler Forschungsgruppe basiert auf der Ende 2011 tatsächlich installierten Leistung. Die Methode zur Errechnung der Wertschöpfung leitet sich aus der Entstehungs- und Verteilungsrechnung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ab. Neben dem Wert des erzeugten Stromes wurden dabei auch jährlich anfallende Kosten etwa für Wartung, Versicherung oder Fremdkapitalzinsen eingerechnet. Höhere Kosten können dabei zu einer höheren regionalen Wertschöpfung führen – insbesondere, wenn sie noch durch entsprechende Erlöse gedeckt werden und das ausgegebene Geld in der Region bleibt. „Übernimmt ein Handwerker aus der Nachbarschaft die Wartung, erhöht das die regionale Wertschöpfung; kommt der Handwerker von weit her, dann versickert der regionale Effekt“, erläutert Prof. Kosfeld. Zudem berücksichtigten die Statistiker die Wirkung von Steuern und indirekten Effekten wie Abschreibungen. Und nicht zuletzt berechneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die sogenannten induzierten Effekte: Die Einnahmen aus der Stromerzeugung lösen nämlich eine Kaskade weiterer Wertschöpfung aus. Vereinfacht gesagt: Der Besitzer einer Anlage gibt seine Einnahmen zu einem bestimmten Anteil für Waren und Dienstleistung aus der Region aus, wovon wiederum andere Gewerbetreibende profitieren – und so weiter.


Biogasanlagen haben den höchsten Effekt

Die Forschungsgruppe bezifferte nicht nur die Wertschöpfung alternativer Stromerzeugung für ganze Regionen, sie führte darüber hinaus auch auf, wie viel einzelne, typische Anlagen pro installierter kW zur Wertschöpfung beitragen. Ergebnis: Die Effekte zwischen den einzelnen Energiearten differieren stark. Den größten Beitrag pro kW weisen dabei kleine eigenbetriebene Biogasanlagen auf (in Nordhessen 750 Euro pro kW). Dies ist primär auf die vergleichsweise hohen Vergütungssätze zurückzuführen, die insbesondere dann ins Gewicht fallen, wenn die Landwirte in der Biogas-Produktion nachwachsende Rohstoffe und Gülle in größerem Umfang einsetzen. Windkraft und Photovoltaik führen hingegen aufgrund eher geringer Betriebskosten zu deutlich niedrigeren Wertschöpfungseffekten. Aber auch innerhalb einer Energieart fallen die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen auf - begründet im Wesentlichen durch die standortspezifische Ertragslage und durch die unterschiedlichen regionalen Importquoten, die von der Größe und der Wirtschaftsstruktur der Regionen bestimmt werden. So ist der Beitrag pro kW installierter Leistung von Windkraftanlagen in Dithmarschen naheliegenderweise höher als im Binnenland.

Plädoyer für Kapital aus der Region

Die Autoren schließen ihre Studie mit konkreten Handlungsempfehlungen. Die Nutzung erneuerbarer Energien könne „seitens der Regionalplanung im Sinne ihrer Entwicklungsfunktion nicht nur als regulative Aufgabe, sondern auch als ökonomische Chance für die Region beworben werden“, heißt es darin. „Je größer der Wertschöpfungseffekt einer erneuerbaren Energie ist, umso nachhaltiger ist ihr Beitrag zur Regionalentwicklung, wodurch sich insbesondere auch in strukturschwachen ländlichen Räumen völlig neue Perspektiven ergeben können.“ So empfehlen die Autoren die Finanzierung von Anlagen über regionale Banken und Fonds oder über die Bereitstellung von Bürgerkapital – denn nur dann bleiben auch die Erlöse in der Region.

Das Fachgebiet Statistik der Universität Kassel führte die Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung durch. Kooperationspartner war die Firma MUT Energiesysteme, Kassel.


Kontakt:
Prof. Dr. Reinhold Kosfeld
Universität Kassel
Institut für Volkswirtschaftslehre
Fachgebiet Statistik
Tel.: +49 561 804-3084 o. -2502
E-Mail: rkosfeld@wirtschaft.uni-kassel.de


Sebastian Mense
Universität Kassel
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 561 804-1961
E-Mail: presse@uni-kassel.de