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27.09.2012 12:05

Bildnis der Märchenerzählerin Dorothea Viehmann entdeckt

Eine Radierung aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Kassel ist als bislang unbekanntes Bild der Märchenerzählerin Dorothea Viehmann identifiziert worden. Die „Viehmännin“ gilt als die wichtigste Quelle für die Märchensammlung der Brüder Grimm.

Die Porträtskizze stammt offenbar von Ludwig Emil Grimm, dem jüngeren Bruder der beiden Sprachforscher und Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm, und zeigt Viehmann wenige Monate vor ihrem Tod 1815. „Das bisher nicht erkannte Viehmann-Porträt fand sich in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Kassel bei den erhalten gebliebenen Resten der alten Kasseler Grimm-Sammlung“, berichtete Prof. Dr. Holger Ehrhardt, Leiter des Fachgebiets Werk und Wirkung der Brüder Grimm. Die Radierung sei in einem Konvolut mit anderen Studien Ludwig Emil Grimms aufgetaucht. Dieser hatte Dorothea Viehmann bereits im August 1814 ein erstes Mal gezeichnet. Eine nach dieser Vorlage gefertigte Radierung wurde dem zweiten Band der „Kinder- und Hausmärchen“ ab der zweiten Auflage vorangestellt und machte das Gesicht der „Märchenfrau“ in aller Welt bekannt. Rund 40 Märchen, die in die Sammlung der Brüder Grimm Eingang fanden, stammen von der in einfachen Verhältnissen lebenden Dorothea Viehmann, die im heutigen Kasseler Stadtteil Niederzwehren wohnte.

Die in der Kasseler Universitätsbibliothek jetzt erstmals eingehend untersuchte Radierung zeigt neben einem Hund und einem Mädchen in Denkerpose auch drei menschliche Porträts. Das Werk ist insgesamt nur 4,4 mal 8,8 Zentimeter groß. „Diese Entwurfsradierung ist schon lange bekannt, ohne dass Dorothea Viehmann darauf erkannt worden wäre“, erklärte der Grimm-Forscher. Bereits in einem 1874 zusammengestellten Werkverzeichnis Ludwig Emil Grimms wird die Radierung beschrieben. Bislang übersehen wurde allerdings eine handschriftliche Notiz direkt über dem mittleren der drei Porträtköpfe: „Viehmännin“ ist hier mit Bleistift vermerkt. Die dargestellte Person sei somit eindeutig als Dorothea Viehmann identifiziert, betont Ehrhardt: „Der Vergleich des Namenszuges auf der Bleistiftzeichnung von 1814 mit dem auf der neu aufgefundenen Radierung zeigt, dass auch hier die Beschriftung von Ludwig Emil Grimm stammt.“ Der Bleistiftvermerk auf der Radierung lasse vermuten, „dass das Blatt aus dem Nachlass des Künstlers stammt“.

Ehrhardt stieß auf das Werk bei Recherchen zu einem Sammelband über Dorothea Viehmann, der im kommenden November veröffentlicht werden soll. Der Bleistiftvermerk war für Betrachter auf den ersten Blick nicht sichtbar, da die Radierung zum Schutz vor Beschädigung seit Jahrzehnten in einem Passepartout steckte.

Im kommenden Dezember jährt sich das Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen zum 200. Mal. Aus diesem Anlass veranstaltet die Universität Kassel einen internationalen Grimm-Kongress, zu dem Wissenschaftler aus aller Welt erwartet werden.

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Info  
Prof. Dr. Holger Ehrhardt
Universität Kassel
FB 02- Geistes- und Kulturwissenschaften
Institut für Germanistik
Fachgebiet Werk und Wirkung der Brüder Grimm
Tel.: 0561/804-7455
E-Mail: holger.ehrhardt@uni-kassel.de