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18.12.2012 14:25

Lernen im Projekt „Bau Kunst Erfinden“: Deutschlands höchstdotierter staatlicher Preis für Lehre geht an die Uni Kassel

Wissenserarbeitung statt Wissensvermittlung: Eine Professorin in Kassel hebt mit ihrer Projektgruppe die Grenzen zwischen Lehrern und Schülern auf, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, Kunst und Grundlagenforschung, Seminar- und Projektarbeiten. Heraus kommen wunderbare Dinge – wie leuchtender Beton und ein schwimmendes Konferenzzentrum.

„Transdisziplinär“ ist ein Schlüsselbegriff für Heike Klussmann, Künstlerin, Designerin, Filmerin und seit 2005 Professorin für Bildende Kunst an der Universität Kassel – wohlgemerkt nicht an der inkorporierten Kunsthochschule, sondern im Fachbereich Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung der Uni. „Ich wollte von Beginn an nicht in Ressorts denken und ich wollte nicht in klassische Lehrstrukturen verfallen“, sagt die 44-Jährige. „Lehren im Zeitalter der ubiquitären Wissensverfügbarkeit muss neu gedacht werden. Es geht um Wissenserarbeitung statt um Wissensvermittlung und um Vernetzung statt um Nischendenken.“ Ausdruck ihres Ansatzes ist das Lernprojekt „Bau Kunst Erfinden“, für das Prof. Klussmann und ihr Team mit Thorsten Klooster, Karen Winzer, Florian Gwinner und Roman Polster am 18. Dezember 2012 den Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre bekommen. Ihr erster Preis in der Kategorie „Projekt einer Arbeitsgruppe oder Organisationseinheit“ ist dotiert mit 125.000 Euro.

Die kooperative Lern- und Forschungsplattform „Bau Kunst Erfinden“ hebt die gewohnten Strukturen universitären Lehrens und Forschens auf. Sie vereint Studierende sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen Bildende Kunst, Architektur, Produkt- und Interaktionsdesign, Stadtplanung, Experimentalphysik und technologische Materialforschung. Lehrende, Forschende und Studierende arbeiten gemeinsam in gemischten Teams. Die Studierenden können zu Beginn eines Semesters selber festlegen, welche Ziele sie erreichen, welche Forschungsfragen sie bearbeiten wollen, welcher Teilgruppe sie sich anschließen und welchen Umfang ihre Studien haben sollen. Für die einen mündet die Arbeit in „Bau Kunst Erfinden“ in eine Seminararbeit, andere machen ein Studienprojekt daraus. Es findet eine intensive individuelle Betreuung statt. Regelmäßig werden zudem Gastkritiker zu Projekt-Präsentationen eingeladen. Die Ergebnisse werden in Zusammenarbeit mit Industriepartnern realisiert und international auf Ausstellungen und Konferenzen präsentiert, unlängst u.a. auf der Detour Hongkong, dem London Design Festival und dem Future Cities Laboratory Singapore.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Gruppe ist die Entwicklung neuartiger Materialsysteme im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft. „ Wir verorten uns im Bereich aktueller Entwicklungen, die mit dem Terminus der intelligenten Oberflächen zusammengefasst werden können. Hintergrund ist der Prozess der fortschreitenden Technologien von Materialien, die erhebliches Potential für das Design und das Bauwesen liefern“, erläutert Thorsten Klooster, Projektleiter Forschung. „In unseren Forschungsprojekten überlagern sich künstlerische Strategien, Grundlagenwissenschaft und anwendungsorientierte Ingenieurswissenschaft“, stellt Prof. Klussmann fest. „Die Zusammensetzung und die Offenheit der Gruppe setzen unglaubliche Dynamiken frei. Wir begreifen jedes Resultat – von resultare, zurückspringen – als neuen Anfang.“

Ein Ergebnis dieser Dynamiken ist „BlingCrete“, ein Licht reflektierender Beton. Der Baustoff spiegelt Lichtstrahlen exakt in Richtung der Lichtquelle wider und kann nicht nur überraschende Effekte in der Architektur erzielen, sondern auch beispielsweise Gefahrenstellen sichern. BlingCrete wurde unter anderem mit dem iF gold award 2012 ausgezeichnet, einem der renommiertesten deutschen Design-Preise, der vom International Forum Design verliehen wird. Andere Teilgruppen entwickelten eine Do-it-yourself-Photovoltaik-Folie, eine Methode der Oberflächenstrukturierung durch Magnetismus oder aber das schwimmende Konferenz- und Veranstaltungszentrum „IM-PORT//EX-PORT“. Dabei handelte es sich um einen ausrangierten Ausflugsdampfer, den drei Studenten während der documenta 13 in eine Plattform für Kunst, Wissenschaft und transdisziplinären Dialog verwandelten.

Die Lern- und Forschungsplattform „Bau Kunst Erfinden“ wurde 2009 gegründet. Sie befördert zunehmend auch den fachlichen Austausch und die Zusammenarbeit der Lehrenden der verschiedenen universitären Fachbereiche.

Heike Klussmann studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und der Universität der Künste Berlin. 1999/2000 und 2003 hatte sie eine Gastprofessur am Art Center College of Design in Pasadena/USA inne. Sie erhielt zahlreiche Preise für Kunst, Design und Architektur.

Der Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der gemeinnützigen Hertie-Stiftung vergeben und ist die deutschlandweit höchstdotierte staatliche Ehrung dieser Art. Er würdigt die Entwicklung und die Umsetzung von zukunftsweisenden Lehrkonzepten und innovativen Prüfungsmethoden. Die offizielle Bekanntgabe und Preisverleihung durch Ministerin Eva Kühne-Hörmann findet am 18. Dezember im Schloss Biebrich in Wiesbaden statt.

 

 

Info   
Prof. Heike Klussmann
Universität Kassel
Fachbereich ASL, Fachgebiet Bildende Kunst
Tel: +49 561 804-2380
E-Mail: klussmann@asl.uni-kassel.de

Thorsten Klooster
Universität Kassel
Fachbereich ASL, Fachgebiet Bildende Kunst
Tel: +49 561 804-2396
E-Mail: thorsten.klooster@blingcrete.com

Sebastian Mense
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 561 804-2474
E-Mail: mense@uni-kassel.de