Meldung

16.02.2017 11:05

Alumni Workshop mit syrischen Flüchtlingen in Istanbul

Alumnis des Kassler Masterstudiengang Labour Policies and Globalisation haben mit deutschen sowie vor allem türkischen Forscherinnen und Forschern und Aktivistinnen und Aktivisten die Probleme syrischer Flüchtlinge auf dem türkischen Arbeitsmarkt diskutiert. Höhepunkt war das Treffen mit fast 60 Geflüchteten.

Prof. Scherrer (4.v.l.) im Kreise der türkischen Alumnis. Foto: Firat

Der vom Kasseler International Center for Development and Decent Work (ICDD) mit Mitteln des DAAD ermöglichte Workshop sollte eigentlich schon letztes Jahr im Sommer stattfinden, doch der gescheiterte Putschversuch und vor allem die Reaktion der Erdoğan-Regierung auf denselben machten eine Verschiebung und somit eine aufwändigere Vorbereitung notwendig.

Ein erstes Treffen von ICDD-Mitgliedern mit der zehn Personen starken Alumnae-Gruppe im November machte Mut, den Workshop trotz allem durchzuführen. Die Hauptherausforderung war der Zugang zu den syrischen Flüchtlingen. Ursprünglich sollte der Workshop an einer Universität in der Nähe der syrischen Grenze stattfinden, doch die angespannte Sicherheitslage verhinderte dies.

Da Istanbul aufgrund seines größeren und dynamischeren Arbeitsmarktes mittlerweile die meisten syrischen Flüchtlinge beherbergt, konnte der Workshop auf dem sehr schön gelegenen Campus der Boğaziçi Universität stattfinden. Den Kontakt zu syrischen Flüchtlingen stellte vor allem eine Studentin dieser Universität her, die sich als Freiwillige für syrische Flüchtlinge engagiert. In drei Stadtteilen dieser Megastadt hielten sie und eine ehemalige Kasseler LPG-Studentin, Gaye Yilmaz, Gesprächsrunden mit dem Ziel, das Motiv für den Workshop zu erläutern und Vertrauen aufzubauen. Der eigentliche Workshop fand dann vom 10. bis 13. Februar 2017 statt.

Die türkischen Vortragenden schilderten die sehr unterschiedlichen Lebenslagen der mittlerweile deutlich über 3 Millionen syrischen Flüchtlinge, die von Zeltlagern mit saisonaler Arbeit in der Landwirtschaft über einfache Tätigkeiten in der Bau- und Bekleidungsindustrie der Städte hin zu eigenen Gewerbebetrieben reichen. Gemeinsam sind aber fast allen die Diskriminierungserfahrungen. Auch wenn in Deutschland oft die religiöse und kulturelle Differenz als Problemursache genannt wird, ist es keinesfalls so, dass die überwiegend muslimische Bevölkerung der Türkei die überwiegend muslimischen Flüchtlinge aus Syrien mit offenen Armen aufnehmen würde. Als großes Problem erweist sich dabei auch die Sprachbarriere – denn in der Türkei beherrschen nur wenige Arabisch und in Syrien nur wenige Türkisch. Dies mag angesichts der langen gemeinsamen Grenze und der geteilten osmanischen Geschichte zunächst erstaunen, jedoch beherrschen auch in Deutschland nur sehr wenige Polnisch.

Für die Berichte der syrischen Flüchtlinge wurde das Format eines Fish-Bowls mit professioneller Moderation gewählt, wobei in drei 90-minütigen Sitzungen die Themen Zugang zum Arbeitsmarkt, Erfahrungen bei der Arbeit und allgemeine Lebensbedingungen behandelt wurden. Manche der Geflüchteten konnten recht schnell über schon bestehende Kontakte zu anderen Syrern Arbeit finden; andere, die nicht über solche Kontakte verfügten, mussten lange suchen und manche fanden aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands gar keine Arbeit.

Mehrere Eltern, die aus solchen Gründen von der Möglichkeit der eigenen Erwerbstätigkeit abgeschnitten waren oder deren geringer Lohn schlichtweg nicht reichte, um die Familie zu ernähren, berichteten, dass nun ihre jugendlichen Söhne – und in wenigen Fällen auch Töchter – gezwungen sind, für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen, während sie selbst nur zu Hause sitzen können. Somit trägt die syrische Fluchtmigration zur Vermehrung der Kinderarbeit in der Türkei bei, von der gerade in den Sommermonaten insgesamt bis zu einer Millionen Kinder betroffen sind.

Die geschilderten Arbeitsbedingungen erinnern an Sklaverei. Die meisten erhalten deutlich weniger Lohn als ihre türkischen KollegInnen und sind gezwungen deutlich länger zu arbeiten als diese – teils mehr als 12 Stunden am Tag ohne Feiertage, ohne Sozialversicherung und ohne Schutz vor Arbeitsunfällen. Ohne ausreichendes Einkommen und ohne gültigen Ausweis ist den meisten auch der Zugang zur Gesundheitsversorgung verwehrt. Istanbul bietet zwar Arbeitsmöglichkeiten, aber die Mieten in dieser Metropole mit 17 Millionen Einwohnern sind hoch, so dass sich ganze Familien mit einem Raum begnügen müssen. Hinzu kommt die Diskriminierung im öffentlichen Raum – beispielsweise in Schulen –, die durch die Schlagzeilen der türkischen Medien angeheizt wird.

Die Fish-Bowl-Sitzung endete mit der Aufforderung aufzulisten, welche Maßnahmen ihre Lebens- und Arbeitssituation verbessern könnten. Da dies auf Arabisch geschrieben wurde, muss noch auf die Auswertung gewartet werden. Die Diskussionen mit den türkischen Expertinnen und Experten ergab, dass die Datenlage hinsichtlich der Zahl der arbeitenden Syrerinnen und Syrern, ihrer vornehmlichen Branchen und ihrer Qualifikationen verbessert, das Verhalten der lokalen Verwaltungen erforscht und der fremdenfeindlichen Stimmung in den Medien begegnet werden müsse. Den Flüchtlingen müssten mehr Informationen über ihre Rechte zur Verfügung gestellt werden, und zwar sowohl mittels auf Arabisch formulierten Infoblättern als auch mittels erklärender YouTube-Clips.

Smartphones seien unter ihnen sehr verbreitet, da sie die Kontaktpflege von durch die Flucht zerrissenen Familien sehr erleichtern. Und schließlich sei ein Erfahrungsaustausch mit Helferorganisationen in Deutschland wünschenswert.
Manche der türkischen Vortragenden sind selbst in einer prekären Situation. Einige sind auf Grundlage von Ausnahmezustands-Verordnungen der Regierung bereits von ihren Universitäten entlassen worden, und zwar zum Teil ohne Pensionsansprüche und unter Entzug ihres Reisepasses; andere fürchten, dass sie als nächstes Opfer der Notstandsgesetze werden, mit denen ohne Anhörungsrechte regierungskritischen Stimmen, seien sie aus dem islamischen Gülen-Lager, aus der kurdischen Bevölkerung oder aus linken Zusammenhängen, die berufliche Lebensgrundlage entzogen wird.

Auch für manche unser Alumnae kann Unterstützung bald notwendig werden. Wir wollen ihnen dann zur Seite stehen. So wie das während des Workshops draußen tobende Schneetreiben am Ende der Sonne Platz machte, hoffen wir, dass sich sowohl in Syrien als auch in der Türkei die Zeiten zum Besseren wenden.

Christoph Scherrer für das ICDD Team, 14.2.2017