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24.07.2017 09:58

Documenta 14 als Lernort für Deutschlernende: vom sprachlosen Staunen zum angeregten Dialog

Der Besuch einer Kunstausstellung, insbesondere einer Ausstellung für zeitgenössische politische Kunst wie der documenta 14, ist häufig mit Hürden verbunden. Selbst für die kunstversierte Besucherin oder den kunstinteressierten Besucher ist es eine Herausforderung, sich den unter Umständen irritierenden Werken anzunähern, einen Weg zur Auseinandersetzung zu finden und sich darüber auszutauschen. Der notwendige Austausch über Kunst im Generellen sowie die Entwicklung von Bild- und Medienkompetenz im Besonderen können nur gelingen, wenn sie auch begrifflich tragen, also die angemessene Sprache dafür vorhanden ist. Im Hinblick darauf planen und erproben Studierende Unterrichtskonzepte für außerschulische Lernorte.

Bild 1: Roter Teppich für alle: Studierende entwickeln selbst Sprachlernkonzepte zur documenta; Foto: Tanja Fohr

Bild 2: Aktion in der Neuen Neuen Galerie (Hauptpost): Beim dritten „documenta-Spaziergang“ werden Körper und Sprache bei der Erkundung eingesetzt; Foto: Tanja Fohr

Wie kann es gelingen, mit einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern (oder erwachsenen Lehrkräften), die Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache (DaFZ) sprechen und/ oder keinerlei Vorerfahrung mit zeitgenössischer Kunst sammeln konnten, für die Auseinandersetzung mit Werken auf der documenta 14 zu motivieren? Und wie schafft man es als Lehrkraft, die Gruppe von einem sprachlosen Staunen hin zu einem angeregten Gespräch über das Wahrgenommene anzuregen?

Dieser Fragestellung widmete sich die Veranstaltung „Projektarbeit im Kontext der documenta 14“ im Sommersemester 2017 von Tanja Fohr, die im Fachgebiet Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaFZ) tätig ist. Sie ist u.a. Kunstpädagogin und forscht derzeit zu integrierter Sprachbildung an der Nahtstelle von Kunst und DaFZ.

Übergeordnetes Ziel ihrer Lehrveranstaltung passend zur documenta war es, Projekt- sowie Unterrichtsideen und Methoden für den Besuch außerschulischer Lernorte zu entwickeln und zu erproben. Diese Konzepte sollten es ermöglichen, Hemmungen abzubauen, mit einer Gruppe von DaFZ-Lernerinnen und Lernern den Klassenraum zu verlassen und exemplarisch zu Kunstwerken der documenta über ihre verschiedenen Sichtweisen und Emotionen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Für die meisten der 16 teilnehmenden DaFZ-Masterstudierenden waren sowohl der Besuch einer Weltkunstausstellung wie der documenta als auch die Betrachtung und Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und die Gestaltung und Umsetzung von Besuchen außerschulischer Lernorte Neuland. Im ersten Teil der Veranstaltung näherten sich die Studierenden unter der Anleitung der Dozentin Tanja Fohr durch die Betrachtung von Kunstwerken früherer documenta-Ausstellungen und Diskussionen um das Verständnis von Bild und Kunstwerken dem Thema an. Die Erschließung von Kunst und der Rolle der Sprache wurden im Rahmen des Kennenlernens und Erprobens von unterschiedlichen Methoden zum Bildumgang diskutiert. Des Weiteren erschlossen sich die Studierenden das didaktisch-methodische Modell des Lernarrangements zur Vor-und Nachbereitung sowie Durchführung von Besuchen außerschulischer Lernorte. Weiterer wichtiger Gegenstand war die Auseinandersetzung mit der Projektmethode, ihrer Geschichte, den Zielen, ihrem Mehrwert gegenüber vorgegebenen Herangehensweisen sowie ihrer Konkretisierung im Rahmen von verschiedensten Produkten und deren Präsentation.

Nach der Erarbeitung dieser wesentlichen Grundlagen für die selbstständige Auseinandersetzung mit Kunst, Ideenfindung und Planung der eigenen Projekte besuchte die Gruppe vier Mal die Ausstellung. Bereits vor der Eröffnung diente ein von der Dozentin geplanter Rundgang dazu, sich anhand von verbliebenen Werken vergangener documenta-Ausstellungen mit möglichen Sprachvermittlungsmethoden auseinanderzusetzen. Die drei folgenden Spaziergänge durch die Ausstellung wurden begleitet von Choristen, die die Gruppe dazu angeregten, über ausgewählte Werke mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Das Konzept der Spaziergänge geht auf Lucius Burckhardt zurück, der sich in den achtziger Jahren mit der „Promenadologie“ beschäftigt hat. Diese zielt darauf ab, die eigene Umweltwahrnehmung durch experimentelle Praktiken zu erweitern und zu reflektieren.

Die documenta 14 hat dieses Konzept wieder aufgegriffen, sodass die von Choristen begleiteten Touren nicht nur die Kunst, sondern vor allen Dingen den Austausch über die eigene und fremde Wahrnehmung der Werke unterstützen – ganz im Sinne der Lehrveranstaltung: Anders als bei klassischen Führungen durch Museen steht hier nicht das Zuhören und die Wissensaufnahme im Vordergrund, sondern der Austausch verschiedener Perspektiven auf die Kunst. So war eine wertvolle Erfahrung, wie sich dieser Austausch durch die Diskussion im Seminarraum, der Methodenerprobung und im Verlauf der documenta-Besuche von einem zögerlichen Äußern hin zu einer aktiven Auseinandersetzung mit sprachlicher und gestisch-mimischer Beteiligung entwickelte und an Selbstverständlichkeit gewonnen hat. Die Studierenden konnten so an sich selbst erfahren, wie Hemmungen, über Kunst zu sprechen, abgebaut wurden. Selbstbewusst eigene Perspektiven einzubringen sowie unvoreingenommen verschiedene Sichtweisen einzunehmen und Unbekanntes zu akzeptieren, waren ein Gewinn für alle Beteiligten.

Diese Erfahrung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, später mit der eigenen DaFZ-Lerngruppe Besuche außerschulischer Lernorte so zu planen und umzusetzen, dass die Herausforderungen, Frustrationen und Erfolgserlebnisse der eigenen Lernenden antizipiert und reflektiert werden können.

Zum Abschluss der Veranstaltung sollen die gemachten Erfahrungen von den Studierenden schließlich in eigene Lehrprojekte transferiert werden, die den eigenen Interessen der Studierenden Rechnung tragen.
Angedachte Projektideen sind beispielsweise, einen Spaziergang zu ausgewählten Kunstwerken der documenta für DaZ-Schülerinnen und Schüler, die eine Integrationsklasse besuchen, zu planen, zu erproben und zu reflektieren. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler sich nur einige Monate in Deutschland aufhalten, ist es Ziel der Projektgruppe, sie zu einem Austausch über die Werke mit verschiedenen Methoden anzuregen.

Das Museum für Sepulkralkultur, das in diesem Jahr auch Ausstellungsort der documenta ist, ist Ziel einer Exkursion, die von einer weiteren Projektgruppe organisiert wird. Bei dem Besuch des Museums und der Betrachtung einzelner Werke geht es dem Projektteam nicht nur darum, mit den an der Exkursion teilnehmenden chinesischen DaF-Lernenden ins Gespräch zu kommen, sondern auch herauszufinden, wie das Thema Tod, welches je nach kulturellem Hintergrund der Lernenden tabuisiert und damit selten Gegenstand in DaFZ-Unterricht ist, in diesem Museum präsentiert und von den chinesischen DaF-Lernenden wahrgenommen wird.

Eine andere Gruppe plant, mit Kindern, die Deutsch als Fremdsprache im Ausland lernen, die documenta 14 zu besuchen, ausgewählte Kunstwerke anzuschauen, sich darüber auszutauschen und die Kinder ihre Perspektive erklären zu lassen. Das Projekt „Kinder erklären die documenta“ soll mit Videoclips festgehalten und als Lernressource zur Verfügung gestellt werden.

Diese spannenden Konzepte werden im Verlauf des kommenden Monats umgesetzt, und die Ergebnisse der Projektarbeit werden am 18. Oktober von den verschiedenen Gruppen in Form von Plakaten präsentiert.

Termin:
18. Oktober 2017
16:00 Uhr, Kurt Wolters Str. 5, Raum 2004

Kontakt:
Tanja Fohr
Institut für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
Universität Kassel
Tel. 0561 – 804 3305
E-Mail: tfohr@uni-kassel.de