Meldung

16.02.2017 12:37

Vortragsreihe: Hessen im Spätmittelalter

Die Universität Kassel und die Volkshochschule Kassel starten im Frühjahr 2017 eine gemeinsame Vortragsreihe mit vier Vorträgen, die sich mit dem Land Hessen im Spätmittelalter beschäftigen. Der erste Vortrag findet am 20. April statt. Die wissenschaftliche Leitung der Veranstaltung übernehmen Prof. Dr. Ingrid Baumgärtner, Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Nadine Rudolph M.A., Uni Kassel. Ort: Saal der VHS, Wilhelmshöher Allee 21 Zeit: jeweils donnerstags um 18 Uhr

Programm:

20. April 2017
Nadine Rudolph M. A. (Kassel)
Landgraf und Landgräfin. Landesherrschaft als Gemeinschaftsprojekt
Die fürstliche Paarbeziehung war nicht zwangsläufig auf Tisch und Bett beschränkt. Auch wenn Regentschaft und Nachfolge den Landgrafen vorbehalten waren, übten ihre Frauen ebenfalls Herrschaft aus. Dafür mussten diese nicht auf das Ableben ihres Gemahls warten, da sie selbst über Handlungsmöglichkeiten verfügten, die in unterschiedlicher Intensität zu nutzen waren. Idealerweise formierten sich die Eheleute zu einem herrschenden Paar, welches die Landgrafschaft gleich einem Familienunternehmen führte. Gemeinsam machten sie etwa Schenkungen und trugen sie Konflikte aus. Aber erst die Arbeitsteilung machte die partnerschaftliche Landesherrschaft aus: Die Landgräfinnen kümmerten sich um Bittsteller wie Schenkungen und fungierten in Abwesenheit der Ehemänner als Stellvertreterinnen. Am Beispiel ausgewählter landgräflicher Paare stellt der Vortrag Formen der Zusammenarbeit im zeitlichen Wandel vor und fragt nach den Gründen, die eine Beteiligung der Landgräfinnen begünstigten.

27. April 2017
Privatdozent Dr. Otfried Krafft (Marburg)
Landgrafschaft ohne Landgraf: Wer regiert wie, wenn kein Herrscher da ist
Was passiert eigentlich, wenn ein Fürstentum ohne Fürst dasteht? An den Jahren nach 1413 lässt sich das gut zeigen. Beim unerwarteten Tod Landgraf Hermanns II. gab es zwei Töchter und einen unmündigen Sohn, Ludwig I., für den sein Onkel, der Welfe Heinrich der Milde von Lüneburg, die Vormundschaft übernahm. Hinter dessen Wirken sind die beiden älteren Schwestern Ludwigs zu erkennen. Gleichzeitig unterstützte ein Kreis adliger Räte diese Art stellvertretender Herrschaft. All diese Umstände spiegeln sich in der hessischen Geschichtsschreibung nur sehr verzerrt: Denn sie entstand um 1500, als erneut eine Vormundschaft absehbar war. Was man damals über die Zeit nach 1413 berichtete, war in Wirklichkeit ein Programm für die Zeitgenossen, das durch die Geschichte legitimiert sein sollte.


04. Mai 2017
Professor Dr. Christian Hesse (Bern)
Vermögend, vernetzt und gebildet. Die „Beamten“ der Landgrafschaft Hessen
Heutzutage sollen Beamte die öffentlichen Interessen vertreten, nicht aber eigene Geschäfte vorantreiben oder gar Familienangehörigen einen Platz im Staatsdienst verschaffen. Doch was heute unweigerlich den Vorwurf von Korruption und Vetternwirtschaft auf sich zöge, war im Mittelalter der Normalfall. Da damals modernere Strukturen der Verwaltung erst langsam entstanden, waren mit der Funktion von Beamten andere Erwartungen verknüpft und daher ihre Auswahl an andere Kriterien gebunden: So musste ein hochrangiger Beamter selbstverständlich auch in der Lage sein, seinem Fürsten ein Darlehen zu gewähren.
Der Vortrag wird der Frage nach der Entstehung landesherrlicher Verwaltung am Beispiel der Landgrafschaft Hessen im 15. und beginnenden 16. Jahrhundert nachgehen. Dabei soll es besonders um die Rolle der Beamten und ihre Qualifikationen gehen, zu denen neben der Ausbildung auch Besitz und soziale Herkunft zählten.

11. Mai 2017
Jasmin Hoven-Hacker M.A. (Göttingen)
Versorgt und vergessen? Nonnen aus landgräflich-hessischem Haus
Im Spätmittelalter (ca. 1250-ca. 1530) lebten auch Töchter von Reichsfürsten in Klöstern und Stiften, darunter auch weiblicher Nachwuchs der Landgrafen von Hessen. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, warum Töchter in geistliche Institutionen verbracht wurden. Ein beliebtes Argument lautet, dass dies vor allem der Versorgung diente, weil es billiger als eine Heirat gewesen wäre. Zudem wären die geistlichen Töchter in der Familienhierarchie und -raison von untergeordneter Bedeutung, ja von ihrer Verwandtschaft nahezu vergessen gewesen. Im Vortrag werden diese Annahmen anhand konkreterer Schicksale in Frage gestellt und mit Hilfe der erhaltenen Quellen überprüft. Es soll aufgezeigt werden, welchen Stellenwert die Nonnen und Stiftsdamen aus dem Hause Hessen in der vormodernen fürstlichen Familienstruktur besaßen.