IM-PORT//EX-PORT-REGATTA: Selbstgebaute Boote stehen erfolgreich das Rennen durch
Das Boot fängt an leicht zu schaukeln. Sein feines Holzgerüst ist deutlich zu sehen, das helle Türkis der Außenhaut zeichnet sich klar vom dunklen grün-grauen Wasser der Fulda ab. Hanna Zimmermann setzt vorsichtig den Fuß in den zweisitzigen Kanadier, der noch an der Außenplattform des Schiffs „Stadt Kassel“ an der Schlagd dockt.
Gemeinsam mit etwa 100 Kommilitonen und unter der (An)Leitung von Andreas Eschment hat die Studentin der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung die zwei Boote gebaut. Nun will sie zusammen mit Lia Pollak, die ebenfalls der Schiffsbau-Crew angehört, das fertige Produkt testen. Angekleidet in leuchtenden Rettungswesten legen die zwei ab und paddeln an die Startlinie, wo bereits im zweiten Self-made-Boot ihre Gegner auf sie warten. Die Testfahrt ist zugleich als ein Mini-Rennen gedacht – von der Karl-Branner-Brücke bis zur Drahtbrücke.
„Schiff“ als Thema künstlerischer Grundlagen
Im Rahmen des Seminars „Künstlerische Grundlagen“, das in diesem Sommersemester in das Projekt „IM-PORT//EX-PORT“ eingebettet wurde, haben sich Studierende des Themas „Schiff“ angenommen. Wasser als Transport- und Handelsweg sowie Schiffe als die größten beweglichen Bauwerke zur Nutzung dieses Wegs wirken sich ganz zentral auf die Wahl der Siedlungsorte von Menschen und ihr Leben insgesamt aus. So wurde das Thema „Schiff“ als Sinnbild für den Aufbruch zu neuen Ufern und zum Anlass genommen neue künstlerische Arbeitsweisen kennenzulernen.
Der Bootsbau war eins von vier Modulen, die Zeichnen, Fotographie, Filmproduktion und Werft umfassten und eine praxisnahe Antwort auf die Frage gaben, wie Architektur und Kunst auf das Feld der Schifffahrt reagieren können. Alle Seminarteilnehmer sind wie in einem Staffellauf durch alle vier Teilmodule durchgegangen. Der über dem Bootsbau-Team wachende Andreas Eschement, ist mit den Früchten der mehrmonatigen Arbeit zufrieden. „Seit April haben wir einmal die Woche auf der Werft im Atelier K10 an den Booten gearbeitet und dabei immer wieder aufs Neue die Grenzen des praktisch und technisch Möglichen ausgelotet“, sagt der Lehrbeauftragte und blickt dabei auf die zwei auf der Fulda gleitenden Kanus.
Vom Anfang bis Ende ein Do-it-yorself-Projekt
„Die Kanadier basieren auf einem relativ einfachen Plan aus den USA. So sind zum Beispiel Bug und Heck gleich aufgebaut, um die Anzahl komplizierter Details gering zu halten“, erläutert der konzeptuelle Künstler aus Braunschweig. Dies ist von großer Bedeutung angesichts der Tatsache, dass weder die Studierenden noch Eschment selbst mit dem Bauen von Booten vertraut waren. „Deshalb war das Seminar so erfahrungsreich und praxisnah“, berichtet Hanna Zimmermann nach ihrer Kanufahrt enthusiastisch: „Wir bekamen die Einführung in die Maschinenkunde und konnten in allen Phasen des Projektes sehr selbständig arbeiten“, ergänzt die 21-jährige, die sich am meisten für die Arbeit mit Holz begeisterte.
Die nur leicht gebogenen Teile des Gerüsts bestehen aus Fichte, die Querspanten aus Esche, einem Holz, was sich gut unter heißem Wasserdampf biegen lässt. Bei der Anfertigung wurde eine moderne Form der „skin on frame“-Bauweise benutzt, bei der eine dünne mit einem üblichen Bodenlack beschichtete Polyesterbahn auf die Holzleistenform gezogen wurde. „Um dem Ganzen mehr Stabilität zu verleihen, wurde dazwischen eine Diagonalverspannung aus Aramidroving hinzugefügt – eine Technik, die auch im Bau von manchen Flugzeugen verwendet wird“, erläutert Eschment. Auf die ihm von den Beobachtern zugerufene Frage: Ist schon jemand nass geworden? antwortet er mit Blick auf den bleiernen Himmel gelassen: „Nur von oben!“
„IM-PORT//EX-PORT“, ein transdisziplinäres Projekt, in dessen Rahmen die Präsentation „Regatta“ stattfand, startete im April unter der Leitung von Prof. Heike Klussmann. Das Ziel der sich als schwimmende Plattform für Kunst und Wissenschaft verstehenden Initiative ist, Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende und Lehrende an einem außergewöhnlichen Ort, dem stillgelegten Schiff, zusammen zu bringen. Thematische Leitlinie ist die Idee des Austauschs – das Leben am Fluss. Das Interesse von „IM-PORT//EX-PORT“ richtet sich auf das Initiieren und Nutzen wechselseitiger Impulse von Kunst, Wissenschaft und Technik, ihre inhärenten Ähnlichkeiten, Parallelentwicklungen und Verschiedenheiten sowie auf das Untersuchen von Arbeitsprozessen und Vorgehensweisen.
Aleksandra Czajkowska
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