Intelligentes
Design und Evolution
(publiziert in Biologen heute 6, S. 13 - 14, 2002)
In meinem Lehrbuch (1) und in dem kürzlich in dieser Zeitschrift erschienenen Nachruf zu S. J. Gould habe ich Herrn Dr. W.-E. Lönnig, wiss. Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln (Abt. Molekulare Pflanzengenetik), als Kreationist bezeichnet und dessen Erklärungsversuch zur Entstehung der Arten durch intelligente Schöpfung als pseudowissenschaftlich klassifiziert. In dem Artikel "Verbieten statt diskutieren ?" hat Herr Lönnig seine Position dargelegt und mir schwerwiegende Vorwürfe gemacht (u. a. Wissenschaftsfeindlichkeit). In diesem Beitrag möchte ich auf die vier Punkte seines Briefes eingehen und die deutschen Biologen über die aktuelle Intelligent Design-Kontroverse in den USA informieren.
Toleranz in den Wissenschaften.
Im Februar 2002 habe ich nach Aufforderung durch Fachkollegen dem Leiter der
Abt. Molekulare Pflanzengenetik des MPIZ Köln einen Brief geschrieben.
In dieser Anfrage finden sich die folgenden Sätze: "Die Aussagen von
Herrn Lönnig (auf der MPIZ-Homepage) sind z. T. eindeutig gegen die international
akzeptierten Grundsätze der Naturwissenschaft Biologie gerichtet und dienen
der Verbreitung einer religiösen Weltanschauung, zu der sich der Autor
in klaren Worten bekennt. .... Trotz des Disclaimers' des MPIZ möchte
ich anfragen, ob Sie es für richtig halten, dass die Max-Planck-Gesellschaft
derzeit als Verbreitungsorgan einer pseudowissenschaftlichen Ideologie missbraucht
wird. Herr Lönnig hat selbstverständlich das Recht, seine kreationistische
Weltansicht als Privatmann im Internet zu präsentieren. Es ist meiner Ansicht
nach jedoch nicht akzeptabel, dass sein Arbeitgeber durch Bereitstellung von
Internetseiten mit MPI-Logo diese religiös motivierte (anti-naturwissenschaftliche)
Missionstätigkeit unterstützt. Über eine kurze Stellungnahme
wäre ich sehr erfreut". Ende März 2002 teilte mir der angeschriebene,
für die Homepage verantwortliche Abteilungsleiter mit, dass er seinem Mitarbeiter,
Herrn Lönnig, Meinungsfreiheit zubillige, denn "Toleranz beflügelt
die Wissenschaft". Diese offizielle Ansicht des MPIZ Köln habe ich
zur Kenntnis genommen. Eine Anfrage mit entsprechendem Antwortschreiben würde
ich nicht als "Verbotsversuch" interpretieren. Ich nehme mir allerdings
die Freiheit heraus, in Publikationen auf diesen Sachverhalt hinzuweisen.
Definition Kreationismus. Herr Lönnig behauptet, er sei kein Kreationist,
da er gewisse religiöse Dogmen nicht akzeptiere. Diese Aussage steht im
Widerspruch zu den folgenden Dokumenten, die ich der MPIZ-Homepage von Herrn
Lönnig entnehme: a) Publikation 4: Lönnig, W.-E.: Auge-widerlegt Zufalls-Evolution.
Ein paar Fakten und Zitate zur Widerlegung des Neodarwinismus und zum Beweis
der Schöpfungslehre. 2. Aufl., Köln 1989. b) Publikation Nr. 38: Lönnig,
W.-E.: Artbegriff, Evolution und Schöpfung. 3. Aufl., Köln 1993. Schlüsselzitat:
"Die primären Arten sind nicht auf blinde Zufälle zurückzuführen,
sondern das Ergebnis intelligenter Schöpfung". c) Beitrag Nr. 49:
Rezension des Titels "Evolution. Ein kritisches Lehrbuch" von R. Junker
und S. Scherer, 5. Aufl. 2001. In dieser positiven Besprechung (Zitat: "hohe
wissenschaftliche Qualität") wird für das Standardwerk des deutschen
Kreationismus geworben. Ich habe in meinem Evolutionsbuch eine Widerlegung der
Argumente von R. Junker / S. Scherer publiziert, auf die hier verwiesen werden
soll (1). d) Internet-Beitrag W.-E. Lönnig: Gesetz der rekurrenten Variation
(2002). Nach seitenlangen Abhandlungen zieht der Autor die folgende Schlussfolgerung:
" Sind die genial-komplexen kybernetischen Systeme in den Organismen nicht
bereits substantial evidence' für intelligent design ?". ...
Die Befunde sprechen ganz klar für intelligentes Design. Der Genetiker
W.-E. Lönnig ist somit offensichtlich vom Anhänger der Schöpfungslehre
(d. h. Kreationist) zum Intelligent Design-Theoretiker mutiert.
Aktuelle Diskussion zum Intelligent Design. Wie Herr Lönnig auf seiner
Homepage und in der Publikation (b) schreibt, soll es ein "evolutionistisches
Denkverbot" mit folgendem Inhalt geben: "Frage auch bei den komplexesten
und genialsten Konstruktionen in der Natur niemals nach dem Konstrukteur."
Dieses postulierte übernatürliche Schöpfer-Wesen wurde vor zweihundert
Jahren von dem Theologen W. Paley (1743-1805) in die Debatte gebracht (Buchtitel:
Natural Theology: On Evidences of the Existence and the Attributes of the Deity,
London 1802). Dieses metaphysische Konzept ist noch heute unter dem Motto "design
must have a designer" bekannt. Die design-Argumentation der deutschen Kreationisten
konnte durch Sachargumente widerlegt werden (1). Leider spielt das uralte Intelligent
Design (ID)-Konzept derzeit in der Kreationismus-Debatte in den USA eine zentrale
Rolle und bereitet den amerikanischen Evolutionsbiologen Probleme (s. Bericht
in Nature 416, S. 250, 2002). Wie der Anti-Kreationist R. Moore (2) in einem
aktuellen Übersichtsartikel dargelegt hat, ist der Begriff ID nichts anderes
als ein Euphemismus für den "wissenschaftlichen Kreationismus".
Vor einem US-Gericht wurde kürzlich das folgende Urteil verkündet:
" Are proposals for intelligent design different from those for creation
science ? No". (Freiler v. Tangipohoa Parish Board of Education, zitiert
in Rev. 2). Es besteht somit Konsens unter Fachleuten, dass zwischen einem Anhänger
der Schöpfungslehre (Kreationist) und einem Verkünder des ID-Dogmas
kein grundsätzlicher Unterschied besteht (3), da der "Designer"
nicht näher definiert wird und z. B. mit dem Gott in der Bibel identisch
sein könnte. ID wird derzeit von den US-Kreationisten als "Trojanisches
Pferd" benutzt, um die Schöpfungslehre im Schulunterricht zu verankern:
Wird dieser metaphysische Glaubenssatz einmal zum Lehrstoff, kann "bei
Nacht und Nebel" der Kreationismus ausgepackt und verbreitet werden.
Der Biologe B. A. Palevitz (4) hat in einem gerade erschienenen Beitrag offengelegt,
dass die US-ID-Kreationisten in einem "Center for the Renewal of Science
and Culture" (ein Seitenzweig des "Discovery Institute", Seattle)
zusammengefasst sind. Die ID-Bewegung ist finanziell bestens ausgestattet und
wird u.a. von der John Templeton Foundation unterstützt. Ziel: Etablierung
einer "theistischen Wissenschaft" in den USA. Im neuen ID-Journal
"Progress in Complexity, Information and Design" wird dieser Gedanke
nochmals präzisiert: "... retraining the scientific imagination to
see purpose in nature". In einer Region des Bundesstaats Atlanta haben
ID-Vertreter inzwischen erreicht, dass Biologie-Schulbücher mit einer "Evolution
disclaimer" versehen werden müssen. Aus diesen Gründen fordert
Palevitz im US-Journal Evolution seine Kollegen auf, etwas gegen die ID-Kreationisten
zu unternehmen: "Do something about it" (4).
Ist das ID-Konzept als naturwissenschaftliche Theorie zu bewerten? Diese entscheidende
Frage wird im nächsten Abschnitt beantwortet.
Makroevolutionistisches Meinungsmonopol. Herr Lönnig wirft mir vor, ich
würde die Synthetische Theorie als "endgültig verifiziert"
betrachten. In meiner Evolutionsbiologie (1) habe ich jedoch auf vielen Seiten
dargelegt, dass die erweiterte Synthetische Theorie der biologischen Evolution
ein offenes System ist, welches stetig durch neue Befunde ergänzt und modifiziert
wird. Da es keine plausible naturalistische Alternative gibt, liefert diese
Theorie die einzige allgemein akzeptierte, durch Fakten untermauerte Erklärung
für den evolutionären Artenwandel. Kurz gesagt: Evolution ist eine
Tatsache, die durch das Aussagen-System "Synthetische Theorie" beschrieben
und erklärt wird. In den Naturwissenschaften gilt seit etwa 200 Jahren
das Prinzip des Naturalismus: Nur reale Dinge sind erforschbar und in die Theorienbildung
einzubeziehen. Das auf W. Paley zurückgehende ID-Argument ist daher außerhalb
der Naturwissenschaften, d. h. im Bereich des subjektiven Glaubens, anzusiedeln.
ID kann weder überprüft noch widerlegt werden. Anders formuliert:
Die "ID-Theorie" erklärt alles - und somit nichts (3, 4). Die
Tatsache, dass berühmte Physiker, wie z. B. Max Planck, an Planmäßigkeit
im Universum geglaubt haben, ist für die Biologen heute irrelevant. Ich
wäre sehr darüber erfreut, wenn ID-Vertreter wie Herr Lönnig
auf wissenschaftliche Originalarbeiten und Review-Artikel verweisen könnten,
in denen Dokumente und Experimente zum Wirken des "Intelligenten Designers"
nachlesbar sind. Die "ID-Forschung" hat seit Paley (1802) keine Erkenntnisse
hervorgebracht, die in die wissenschaftliche Literatur eingegangen sind und
das klassische Postulat durch verifizierbare Fakten untermauert hätten
(4). Da derartige Dogmen, wie z. B. auch der Leitsatz der Homöopathie (geistartige
Wirkung ohne Wirkstoff), nicht überprüfbar sind, stehe ich zu meiner
Aussage, dass es sich hierbei um eine scheinwissenschaftliche Weltanschauung
(pseudowiss. Ideologie) handelt. Dieses nüchterne Sachargument sollte nicht
als "Diffamierung Andersdenkender" umgedeutet werden.
Aus meiner Sicht sollten Kreationisten, ID-Vertreter und andere Gläubige
ihre Dogmen nicht unter dem Deckmantel der Naturwissenschaften verbreiten. Gemäß
dem Motto "wer glaubt, wird glücklich", bin ich der Ansicht,
dass metaphysische Glaubensinhalte Privatsache jedes Einzelnen sind. Dieser
Grundsatz gilt auch für Biologen. Die akademische Freiheit sollte daher
nicht zur Verbreitung religiöser Inhalte missbraucht werden, auch wenn
ein Naturwissenschaftler in seinem Privatleben einer Glaubensrichtung anhängt.
Der traurige Zustand der Evolutionslehre in den USA (2, 4) ist ein Beleg dafür,
dass Wissenschaft und Glaube nicht durchmischt werden sollten. Das hierbei gebildete
"Gebräu" schmeckt keiner Seite und ist insbesondere für
aktive Evolutionsforscher (die darüber hinaus die aktuelle Literatur kennen)
ungenießbar.
Fazit: Wissenschaftsfeindlichkeit ist auf der Seite der Kreationisten (bzw. ID-Vertreter) anzusiedeln und nicht jenen Biologen zu unterstellen, die sich redlich bemühen, durch Originalarbeiten den Erkenntnisfortschritt voranzubringen. Eine ernsthafte, sachliche Diskussion mit der Gegenseite ist aus meiner Sicht sinnlos, da der subjektive Glaube stärker ist als das objektive Wissen.
Literatur:
1. Kutschera, U. (2001) Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung.
Parey Buchverlag, Berlin.
2. Moore, R. (2002) The sad status of evolution education in American schools.
The Linnean 18, 26 - 34.
3. Charlesworth, B. (2002) Evolution by design? Nature 418, 129.
4. Palevitz, B. A. (2002) Intelligent design creationism: None of your business?
Think again. Evolution 56, 1718 - 1720.
Prof. Dr. U. Kutschera,
Universität Kassel
E-mail: kut@uni-kassel.de