Der Senat der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina hat in seiner
Sitzung am 12. Februar 2003 einstimmig beschlossen, die Benennung der Sektion
8 zu erweitern. Diese große Sektion, der hochangesehene Wissenschaftler
aus aller Welt angehören, heißt jetzt "Organismische und Evolutionäre
Biologie". Die von Herrn Professor Dr. Dr. h.c. Bert Hölldobler (Universität
Würzburg) vorgelegte Begründung lautet wie folgt:
"Nothing in Biology makes sense, except in the light of evolution",
dieser oft zitierte Satz stammt von dem großen Evolutionsbiologen und
Begründer der modernen Populationsgenetik, Theodosius Dobzhansky. Heute
wissen wir auf Grund eines vielfachen und vielfältigen Beweismaterials,
dass Evolution der Organismen keine Theorie, sondern Tatsache ist.
Nahezu die gesamte biologische Forschung hat eine mehr oder weniger starke Beziehung
zur Evolutionsbiologie. Allerdings ist keine andere Organisationsebene der Biologie
so unmittelbar von der Evolutionsbiologie geprägt, wie die organismische
Biologie.
Die zwei großen Themen der Evolutionsbiologie, Phylogenese und Adaptation
stehen im Zentrum der Forschungsprogramme der organismischen Biologie. Molekularbiologische
Werkzeuge werden zur Erforschung der Stammesgeschichte der Organismen, der Speziation
und Makroevolution überaus erfolgreich eingesetzt. Moderne Populationsgenetische
Methoden haben in vielfältiger Weise gezeigt, dass Organismen der Angriffspunkt
der Selektion sind, und dass durch Selektionsprozesse (neben genetischer Drift)
Genfrequenzen in Populationen verändert werde. Dies sind wesentliche Forschungsbereiche
der organismischen Biologie. In unmittelbarer Beziehung dazu stehen die analytischen
Untersuchungen der entwicklungsbiologischen, morphologischen, physiologischen
und verhaltensbiologischen Adaptationen von Organismen, die wesentlich dazu
beitragen, die Möglichkeiten und Grenzen von evolutionären Anpassungen
zu verstehen. Die Sektion will sich deshalb in Zukunft auch stärker um
das Gebiet der "evolutionären Verhaltensbiologie" kümmern.
Die Pseudowissenschaft "Creationismus", die in einigen Bundesstaaten
der USA eine beachtliche Anhängerschaft hat, breitet sich in jüngerer
Zeit auch in Deutschland aus. Bisweilen tritt sie unter der Tarnkappe "Intelligent
Design" in Erscheinung und wird als solche sogar auf einer offiziellen
Web-Page des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung, Köln,
propagiert. Um gegen diesen Unsinn auch ein äußeres Zeichen zu setzen,
beantragen wir wenigstens für eine Sektion der Leopoldina den Begriff "Evolutionäre
Biologie" aufzunehmen. Die Sektion 8 ist aus unserer Sicht dafür am
besten geeignet, wenngleich uns natürlich bewusst ist, dass auch in anderen
Sektionen die Evolutionsbiologie eine Rolle spielt.
Mit unserem Anliegen sind wir in sehr guter Gesellschaft. Die National Akademie
der USA hat die Sektion for organismische- und Populationsbiologie in Evolutionsbiologie
umbenannt. In der American Academy of Arts and Sciences gibt es eine große
Sektion "Evolutionary and Population Biologie and Ecology".
Die Leopoldina sollte wenigstens eine Sektion haben, die sich kompetent zu allen
Fragen der Evolutionsbiologie äußern kann.