Stellungnahme zur Umsetzung des Modellversuchs Praxissemester

In der politischen Diskussion zu einem Praxissemester im 3./4. Semester des Lehramtsstudiums hatte sich die Universität Kassel in der Vergangenheit sehr kritisch zu den Planungen des Landesgesetzgebers geäußert. Sie hatte eine Reihe von inhaltlichen Gründen angeführt, insbesondere, dass die Einführung eines Praxissemesters eine strukturelle Reform der Lehrerbildung erfordert und eine Verlängerung der Regelstudienzeit für die erste Phase der Lehrerbildung benötigt. Hinzu kommt, dass eine Reduktion von bisher mehreren studienbegleitenden Praxisphasen auf einen einzigen langen Praxiskontakt in der frühen Phase des Studiums einen Rückschritt in der bewährten Lehrerbildung an unserer Universität bedeutet.

Nach dem Beschluss des Landtags, einen Modellversuch zur Erprobung eines solchen Praxissemesters durchzuführen, hat sich die Universität Kassel bereit erklärt, in den beiden Schulstufen Grundschullehramt und Haupt-/Realschullehramt den Modellversuch umzusetzen und gleichzeitig kritisch analysierend mit Evaluationen zu begleiten. Der erste Jahrgang von Studierenden wird nach den Sommerferien mit dem Praxissemester in den Schulen beginnen. Eine große Zahl von Hochschulangehörigen hat in den vergangenen Wochen mit Hochdruck an den Vorbereitungen des Praxissemesters gearbeitet, um den Studierenden dieses Jahrgangs trotz der aus unserer Sicht ungünstigen Rahmenbedingungen eine ertragreiche
Praxis­phase zu bieten.

Der Universität Kassel ist sehr daran gelegen, dass der ursprüngliche Protest jetzt nicht in eine Boykotthaltung mündet, die auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen wird. Die politische Diskussion über gute Lehrerbildung muss unabhängig von der Umsetzung des Modellversuchs weiter geführt werden bei gleichzeitig bestmöglicher Förderung aller Studierenden unter den jeweils gegebenen gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen.

Wir werden daher an der Universität Kassel den Modellversuch Praxissemester wie geplant umsetzen. An die Schulen geht unsere Bitte, die Universität dabei zu unterstützen und Mentorinnen und Mentoren zur Verfügung zu stellen. Uns ist bewusst, dass die Betreuung der Studierenden eine signifikante Zusatzbelastung für alle Lehrkräfte ist, die als Mentoren wirken. Insbesondere im Grundschulbereich fehlen momentan noch viele Plätze, nachdem einige Schulen ihre Angebote kurzfristig zurückgezogen haben. Nach Abschluss des Modellversuchs muss dann eine sehr kritische Diskussion mit allen Beteiligten geführt werden, bei der neben dem Kompetenzerwerb der Studierenden Kapazitätsfragen auf Seiten von Schule und Hochschule zu berücksichtigen sind.

Mit diesem Schreiben möchten wir Studierenden, Lehrern/-innen, Schulleitern/-innen und Hochschulangehörigen die Sicherheit geben, dass die Universität Kassel zur Durchführung des Modellversuchs Praxissemester in der geplanten Form und auf der Basis der rechtkräftigen Prüfungsordnungen steht.

In unserem gemeinsamen Interesse an einer guten Lehrerausbildung bitten wir die Schulleitungen nachdrücklich, an ihrer Schule weiterhin Praktikumsplätze anzubieten.

Prof. Dr. Dorit Bosse und Prof. Dr. René Matzdorf
Zentrum für Lehrerbildung, Universität Kassel