Italientag 2025

Glamouröse Zeiten – dunkle Vergangenheit

Verknüpfungen zwischen Kassel und Italien vom 18. Jahrhundert bis heute beim 11. Italientag der Universität Kassel

Am Dienstag, dem 24. Juni fand im Kasseler Stadtmuseum der 11. Italientag des Italien-Netzwerks an der Universität Kassel statt. Unter dem Titel Glanz und Abgrund: Italien in Kassel gestern und heute wurde den Gästen ein Nachmittag füllendes Programm geboten, bestehend aus vier verschiedenen Beiträgen aus Kunstgeschichte, Historischer Musikwissenschaft, Zeitgeschichte und aktuellem Schul- und Studienleben, die mannigfaltige Perspektiven auf die Beziehungen zwischen Kassel und Italien eröffneten.

Begrüßt wurden die zahlreich erschienenen Gäste – man musste sogar für zusätzliche Bestuhlung sorgen – von Prof. Dr. Agnieszka Komorowska, der Sprecherin des Italien-Netzwerks, verbunden mit ihrem Dank an das Stadtmuseum Kassel für seine Gastfreundschaft und einem Rückblick auf das vielseitige Programm vergangener Italientage.

Prof. Dr. Martina Sitt und Jan Eining (beide Kunsthochschule Kassel) befassten sich aus kunsthistorischer Sicht in einem dialogisch gestalteten Tandem-Vortrag mit der Thematik Die große Zeit der Oper in Kassel. Dabei veranschaulichten sie anhand von Bildbeispielen zu Architektur und Bühnenbild die Bedeutung Friedrichs des II. für die Referenzen zu Italien im Kasseler Opernleben des 18. Jahrhunderts. Vergleichende Blicke auf die Dresdener Hofoper verdeutlichten nicht allein die Mobilität von italienischen Sängerinnen und Sängern, sondern auch von weiterem Personal der beiden Hoftheater, das mitunter ebenfalls aus Italien stammte. 

Vertieft wurden die somit eröffneten Blicke auf das 18. Jahrhundert daraufhin von dem eigens aus Venedig angereisten Opernexperten PD Dr. Richard Erkens, seit 2023 Direktor des dortigen Centro Tedesco di Studi Veneziani (DSZV) und dem Kasseler Publikum von Prof. Dr. Carolin Krahn vorgestellt. In seinem Vortrag Einmal und nie wieder? Opera buffa in Kassel oder La Frascatana von 1779 widmete sich Erkens einer seinerzeit europaweit erfolgreichen komischen Oper des Komponisten Giovanni Paisiello aus Italien, die heute weitestgehend von den Spielplänen verschwunden ist. Eingedenk der Unterschiede zwischen dem höfischen und nicht-höfischen Theater dieser Zeit gab der Referent zunächst einen historischen Überblick zur Oper La Frascatana, bevor er sich auf die Umstände von deren einziger Aufführung in Kassel konzentrierte. Dabei zeigte sich nicht allein, dass am Kasseler Hoftheater entgegen zeitgenössischer Konventionen scheinbar kaum Opera buffa gespielt worden ist, sondern auch, dass die Aufführung von La Frascatana mit einigen Besonderheiten einherging: So stellte man dem Kasseler Publikum das italienische Libretto mit französischer Übersetzung bereit, obwohl es für Dresden schon eine deutsche Version gab; besetzt wurden vor allem Sängerinnen und Sänger, welche für die Opera seria ausgebildet waren; zudem wurden in der Kasseler Frascatana-Produktion Kastraten eingesetzt – für die Opera buffa durchaus unüblich. Ausgehend von diesen Besonderheiten verdeutlichte der Referent die Relevanz der Forschung in regionalen Quellenbeständen sowie deren Einbettung in den weiteren internationalen Kontext zur Aufklärung der Hintergründe solcher Aufführungsgestaltungen in Kassel.

In der nachmittäglichen Pause gestärkt durch Kaffee, Torte und andere Leckereien, nutzte das Publikum die Gelegenheit zum intensiven Austausch. Der zweite und abschließende Teil des Italientags wurde von Dr. Hans Grote, dem Geschäftsführer des Fachbereichs 02 (Geisteswissenschaften) der Universität Kassel, moderiert. Er begrüßte den im Kollektiv aus Frankfurt am Main angereisten Q2-Leistungskurs im Fach ltalienisch der dortigen Freiherr-vom-Stein-Schule. Die Schülerinnen und Schüler bewegten mit ihrer Multimediapräsentation La libertà si coltiva con la memoria – Zur Ermordung italienischer Zwangsarbeiter in Kassel am 31. März 1945, welche bereits im vergangenen März anlässlich des achtzigjährigen Gedenkens an diesen dunklen Tag der Geschichte am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe zu erleben gewesen war. Bevor die Präsentation gezeigt wurde, erzählten einige Schülerinnen und Schüler mit nachdenklich stimmenden Worten, was genau an diesem Tag geschehen war: Am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe war ein Nahrungsmitteltransport der Wehrmacht liegen geblieben, und nachdem schon Kasselaner den Zug plünderten, taten dies auch hungernde italienische Zwangsarbeiter. Letztere wurden daraufhin an Ort und Stelle von der Wehrmacht ermordet. Die Schülerinnen und Schüler sensibilisierten eindrucksvoll für die Tragik, dass diese Morde zudem kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner Anfang April 1945 geschah. In der Videopräsentation wurde das Geschehen in den weiteren historischen Kontext und die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Italien während des zweiten Weltkriegs eingebettet. Hierbei gingen die Schülerinnen und Schüler auch auf die Auswirkungen von Italiens Anschluss an die Alliierten ein und erläuterten, welche Folgen dies für jene Italienerinnen und Italiener hatte, die sich zu dieser Zeit in Deutschland befanden. Diese gewichtige und mitunter belastende Thematik war von den Schülerinnen und Schülern sehr gut aufbereitet worden. Sie betonten, wie wichtig es sei, sich auch an vermeintliche „Nebenschauplätze“ des Krieges zu erinnern, mit denen zahlreiche persönliche Tragödien einhergingen, die die deutsch-italienische Geschichte ebenso wie die Familie als privatesten Teil der Gesellschaft bis in die Gegenwart geprägt haben. Im Publikum war die Ergriffenheit von diesem Beitrag deutlich spürbar.

Nach dem disziplinär übergreifenden, historisch vom 18. bis in die Gegenwart reichenden Programm sprachen zum Abschluss drei im Rahmen eines Erasmus+-Aufenthalts geförderte Philologie-Studentinnen aus Verona in vergleichender Perspektive über ihre Erfahrungen an den Universitäten in Kassel und Verona. Sie gingen beispielsweise auf die didaktische Unterschiedlichkeit von Lehrveranstaltungen ein (Frontalunterricht versus Diskussion), ebenso auf die Ausgestaltung der Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden (persönlicher Kontakt versus Distanz), die in beiden Universitäten sehr unterschiedlich seien. Zudem zeigten sie, welche neuen beruflichen Perspektiven sich ihnen durch ihr Studium im Ausland eröffnet haben und vor welchen Herausforderungen sie als junge Absolventinnen auf dem italienischen und deutschen Arbeitsmarkt derzeit stehen. In Ergänzung dazu erläuterten sie die Bedeutung von Institutionen, welche interdisziplinär an der Schnittstelle von Italien und Deutschland arbeiten, etwa das Deutsche Studierendenzentrum in Venedig oder die Villa Vigoni in Lago di Como. Betont wurde hierbei auch die starke sprachliche Verbindung zwischen den Ländern angesichts von mehrsprachigen Regionen in Italien wie Südtirol. Generell schienen sie sehr zufrieden mit der Universität Kassel, kritisierten allerdings auf die Nachfrage zu Anregungen für Entwicklungspotenzial, dass einige Seminare bisweilen thematisch nicht so tiefgehend seien wie sie es aus dem italienischen Universitätssystem gewohnt seien.

Zum Abschluss dankte Prof. Dr. Agnieszka Komorowska noch einmal allen Vortragenden und lud alle Anwesenden zu einem abschließenden Umtrunk ein, in Vorfreude auf den nun bereits bevorstehenden 12. Italientag der Universität Kassel im Sommer 2026. 

 

Autorin: Irmtraud Vonderheid, B.A.