Forschungsprofil des Fachbereichs Geistes- und Kulturwissenschaften

Forschungsschwerpunkt „System und Text“

Beschreibung
Der philologienübergreifende linguistische Forschungsschwerpunkt „System und Text“ untersucht das Zusammenspiel von Sprachsystem und Sprachgebrauch unter besonderer Berücksichtigung der Interaktion von Routine und Kreativität. Analysiert werden Texte – verstanden als mündliche oder schriftliche sprachliche Handlungen – in ihrer historischen und kommunikativen Situiertheit. Grundlage für sprachliche Handlungen bildet das einzelsprachliche, varietätenbezogene Wissen, das als ein komplexes System von interagierenden Teilsystemen modelliert wird. Diese Teilsysteme werden in ihren kombinatorischen Potenzialen erfasst, um die strukturellen Merkmale semantisch-syntaktischer Grundstrukturen und deren Interpretation aus sowohl einzelsprachlicher als auch sprachvergleichender Perspektive zu erklären. Entsprechende Schnittstellenthemen werden in ihren Implikationen für das systemische Verständnis von Sprache ebenso erforscht wie für Belange von Mehrsprachigkeit, Fremdspracherwerb und schulischem Sprachenlernen.

Projekte des Schwerpunkts
Syntaktische Grundstrukturen des Neuhochdeutschen. Zur grammatischen Fundierung eines Referenzkorpus Neuhochdeutsch (GiesKaNe); The representation of motion events: An empirical investigation of grammatical and cognitive factors determining the conceptualization of motion components; Reference to names: Quotation and the lexicon-pragmatics interface; Lernersprachliche Konstruktionen in kooperativen Unterrichtssettings: Status, Merkmale, Funktionen.

Beteiligte
Prof. Dr. Vilmos Ágel
Prof. Dr. Karin Aguado
Prof. Dr. Olaf Gätje
Prof. Dr. Holden Härtl

Forschungsschwerpunkt „Text – Diskurs – Gesellschaft“

Beschreibung
Dieser Forschungsschwerpunkt steht für eine interdisziplinär aufgestellte, kulturorientierte Textwissenschaft. Texte werden als mündliche oder schriftliche sprachliche Formationen aufgefasst, die Diskurse konstituieren, welche eine medial vielgestaltige Gesellschaft mitprägen. Erforscht wird die Trias Text – Diskurs – Gesellschaft aus sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive.

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive werden sprachliche Phänomene vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher, philosophischer, religiöser, fach- und wissenschaftsbezogener, künstlerischer und alltagsweltlicher Zusammenhänge erforscht. Sprache wird untersucht als Medium, mit dem der Mensch ‚Welt’ gestaltet. Dabei lassen sich – unter Berücksichtigung multimodaler Faktoren – in Texten und Diskursen Muster und Traditionen erkennen. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Verhältnis von Sprache und Erkenntnis bzw. der sprachlichen Generierung von Wissen und Meinungen im öffentlichen Raum.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive werden Texte auf der Mikroebene (Strukturen, Stil, Narrativik) ebenso wie auf der Makroebene (in ihrem Bezug zu gesellschaftlich-kulturellen Kontexten) untersucht. Berücksichtigt werden dabei sowohl fiktionale als auch faktuale Zeichenkomplexe. Diese formieren sich zu (kritischen, affirmativen, theoretischen, praktischen) Diskursen, in denen eine Gesellschaft sich selbst reflektiert. Besonders in den Blick genommen werden Konfigurationen von Ordnung und Unordnung, Norm und Subversion, Tradition und Bruch.

Projekte des Schwerpunkts
Die Stasi und die DDR-Subkultur: operative Zersetzungsversuche; Digitale Lexikographie/Wortgeschichte (Wortgeschichte digitalWGd); Kunstkommunikation (Zentrum für Ausstellungsstudien/documenta Institut); Tier-Mensch-Narrative (Teilprojekt im LOEWE-Schwerpunkt „Tier – Mensch – Gesellschaft“); mittelalterliche Geschlechterdiskurse; gesellschaftliche Normierungsdiskurse/Zensur (Kasseler Liste); Textkompetenz und Textkomplexität (Teilprojekt in PRONET und PRONET2, Qualitätsoffensive Lehrerbildung); Diskurse über Krisen und Krisenbewältigung in Lateinamerika (Schwerpunkte: soziale Ungleichheit, ökologische Transformation, regionale Identitäten, CALAS).

Beteiligte
Prof. Dr. Holger Ehrhardt
Prof. Dr. Andreas Gardt
Prof. Dr. Michael Mecklenburg
Prof. Dr. Nikola Roßbach
Prof. Dr. Angela Schrott

Forschungsschwerpunkt „Erzählen und Wissen“

Beschreibung
Der interdisziplinäre Forschungsschwerpunkt widmet sich verschiedenen Konstellationen von Erzählen und Wissen aus philologischer, philosophischer und theologischer Sicht.

Vor dem Hintergrund einer komplexen Forschungstradition (Wissenspoetologie, Diskursanalyse, Epistemologie, literature-and-science-studies etc.) geht es darum, die Verflechtungen und Verhandlungen epistemischer und narrativer Textphänomene sowie transmedialer Narrative genauer zu erforschen.

Die textlichen Begegnungen von Erzählen einerseits – verstanden als kulturelles Tun und textlicher Darstellungsmodus zugleich, bei dem Akteur*innen, Ereignisse, Gegenstände, Räume in textlicher Kohärenz repräsentiert werden – und Wissen andererseits – verstanden als kulturell konstruierte und historisch dynamische Formation von begründeten Kenntnissen – finden in verschiedener Weise statt, z.B. als Korrelation, Rezeption, Transformation oder Subversion. Bei der Erforschung dieser Begegnungen sind gängige Dichotomien zu hinterfragen (faktual/fiktional; historisch/literarisch; begrifflich/narrativ etc.).

Zentral für den Forschungsschwerpunkt sind epistemisch-erzählerische Schnittstellenphänomene auf der Ebene des Textinhalts (z.B. Traumwissen, Reisebeschreibungen fremder Länder, naturwissenschaftliches Erzählen), der Textstruktur (Perspektive als Vermittlungs- und Beglaubigungsfunktion narrativ vermittelten Wissens; Tempusgebrauch), aber auch auf der Ebene der Textproduzent*innen (Historiografin, Prophet).

Projekte des Schwerpunkts
Bücher und Bibliotheken als Wissensspeicher; Reiseerzählungen; Wissenskonstruktion in Stasi-Narrativen; Poetisierung von Wissen in Lebenswissenschaft und –philosophie; Traum-Wissen in Literatur und Film; Zeit, Film und Erzählen; mystische Erfahrung und der theologisch-poetologische Ort des Erzählens; historisch-politische Narratologie der Samuelbücher (AT); Erzählen/Wissen/Geschlecht in der Frühen Neuzeit; Tempus, Aspekt, Narration in den romanischen Sprachen; personale Repräsentation im lateinamerikanischen Diktatorenroman.

Beteiligte
Prof. Dr. Susanne Bach
Prof. Dr. Daniel Göske
Prof. Dr. Holger Ehrhardt
Prof. Dr. Kristian Köchy
Prof. Dr. Stefanie Kreuzer
Prof. Dr. Mirja Kutzer
Prof. Dr. Ilse Müllner
Prof. Dr. Nikola Roßbach
Prof. Dr. Angela Schrott
Prof. Dr. Jan-Henrik Witthaus

Forschungsschwerpunkt „Bildung – Lernen – Medien“

Beschreibung
Bildung
, Lernen und Medien sind epistemische, kategoriale und methodische Leitlinien der Lehr- und Forschungspraxis der beteiligten Disziplinen der Philosophie, der Deutschdidaktik, der anglistisch/amerikanistischen Fremdsprachenlehr- und -lernforschung und der Religionsdidaktik.

Unter der Leitlinie Bildung im Sinne von Praktiken zum persönlichen Erwerb vernünftiger Selbstbestimmung werden sprachliche, diskursive und textuelle Aneignungsprozesse in formellen und informellen Institutionen fokussiert. Ein besonderes Interesse richtet sich auf die durch die Digitalisierung forcierte Standardisierung und Ökonomisierung von Bildung und ihre gesellschaftlichen Folgen.

Unter der Leitlinie Lernen als einem zentralen Moment der Lebenspraxis geht es u.a. um digitale Literalität in der Schule und darum, das Spannungsverhältnis zwischen der Trägheit institutionsgebundener schulisch-literaler Lernverhältnisse und der außerschulischen digitaltechnischen Multimedialisierung der Alltagskultur theoretisch zu konzeptualisieren und für die empirische Unterrichtsforschung zu operationalisieren.

Unter der Leitlinie Medien geht es um mediengestützte Lehr- und Lernarrangements und die Frage danach, welche Lernmöglichkeiten durch digitale Formate eröffnet, welche eingeschränkt werden. Im Besonderen untersucht werden z.B. Lehr-Lern-Prozesse im Internet im Umfeld von Schule und Hochschule, die Medialität und Literalität softwaregestützter Schülerpräsentationen, die Relevanz von digitalen Medien für religiöses Lernen sowie kooperative Problemlösungsprozesse und ko-konstruktives Wissen in digitalen Lernumgebungen.

Projekte des Schwerpunkts
Sprechen, Multimodalität und Digitalität; digitale Onlinekooperation: Internationalisierung der Lehrerbildung; didaktisch-empirische Schreibforschung (dieS); Schreiben und Digitalität; Relevanz von Medien in Unterrichtsgesprächen; Kritische Bildungstheorie und digitale Medien

Beteiligte
Prof. Dr. Claudia Finkbeiner
Prof. Dr. Olaf Gaetje
Prof. Dr. Norbert Kruse
Prof. Dr. Annegret Reese-Schnitker
Prof. Dr. Dirk Stederoth

Forschungsschwerpunkt „Interpretation und Unverfügbarkeit“

Beschreibung
Dieser Forschungsschwerpunkt zielt auf die Untersuchung des Verhältnisses von Interpretation und interpretiertem Gegenstand. Aus theologischer, sprach- und literaturwissenschaftlicher Perspektive wird das Phänomen der Zugänglichkeit bei gleichzeitiger Unverfügbarkeit eines zu interpretierenden Gegenstandes erforscht.

Interpretation – die als geleitetes Verstehen(wollen) eine grundlegende Methode unserer Disziplinen darstellt – dient der Erfassung von etwas Vorgegebenem, z.B. einem Text. Zugleich generiert sie etwas Neues, indem die potenziell unerschöpflichen Sinnpotenziale des Textes als Bedeutungszuschreibung teilweise realisiert werden.

Ein zentraler theoretischer Bezugspunkt des Forschungsschwerpunkts ist die aktuelle Realismus-Konstruktivismus-Debatte. Vor ihrem Hintergrund wird das Verhältnis zwischen konstruktivistischem Zugriff und realistischem Bezugspunkt einer Interpretation erforscht. Dabei gilt, dass Interpretation einen Gegenstand nur im Aneignungsmodus, nicht in erkenntnisunabhängiger Reinform hervorbringen kann.

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive wird nach dem Wahrheitswert von Interpretationen und nach multimodaler Bedeutungsbildung gefragt; aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nach dem postulierten, aber unverfügbaren Bedeutungskern; aus theologischer Perspektive nach dem Verhältnis von Exegese und Interpretation, nach der Unverfügbarkeit der versprachlichten Gottesbegegnung und nach den Bedingungen aneignenden Verstehens religiöser Rede und Texte im Kontext von Verstand, Vernunft und Glauben.

Projekte des Schwerpunkts
Bestimmung einer Phänomenologischen Linguistik; literarische Übersetzung des Neuen Testaments; Unübersetzbarkeit; Theologie der synoptischen Evangelien; Ausarbeitung einer theologischen Hermeneutik und Enzyklopädie im Rahmen einer Systematischen Theologie.

Beteiligte
Prof. Dr. Andreas Gardt
Prof. Dr. Daniel Göske
Prof. Dr. Tom Kleffmann
Prof. Dr. Paul-Gerhard Klumbies

Lehr- und Forschungsschwerpunkt „Climate Thinking“

Beschreibung

Was haben die Geistes- und Kulturwissenschaften jenseits von „elegantem Unsinn“ im Diskurs um den Klimawandel anzubieten? Die landläufige Überzeugung ist, dass die Veränderung des Klimas als ein Umweltproblem ausschließlich in den exploratorischen und explanatorischen Zuständigkeitsbereich der Naturwissenschaften falle. Diese bestimmen den Gegenstandsbereich, erforschen die Probleme und schlagen Lösungen vor, die dann üblicherweise technischer Art sind.

Der naturwissenschaftliche Blick allein berücksichtigt jedoch nicht, dass die Wissenschaften selbst und auch das von ihnen erforschte Phänomen in komplexen kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen eingebunden sind. Gerade diese Verflechtungen in den Blick zu nehmen, ist eine Aufgabe der Geistes- und Kulturwissenschaften.

Das Projekt zeigt in seinem transdisziplinären Zugriff auf, dass ökologische Transformationen ohne eine vertiefte geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung nicht geleistet werden können, denn nur diese Disziplinen erfassen und erforschen, wie über Klimawandel gesprochen, von ihm erzählt und über ihn nachgedacht wird.

Jeder dieser drei Teilbereiche – über Klimawandel sprechen, vom Klimawandel erzählen, über Klimawandel nachdenken – wirft eigene Fragestellungen auf, die jeweils aus den Perspektiven und mit den Methoden der dem Fachbereich angegliederten Disziplinen angegangen werden.

Projekte des Schwerpunkts

Fachbereichsweiter Forschungs- und Lehrschwerpunkt mit transdisziplinärem Austausch und fachübergreifender Vernetzung der Lehrveranstaltungen. Pilotprojekt startete bereits im SoSe 2020; Ausweitung des Lehrschwerpunktes mit breit aufgestelltem Lehrangebot ist ab WiSe 2020/21 geplant. Ringvorlesung mit Ansätzen externer Referent*innen bei steter Reflexion aus Perspektive der Geistes- und Kulturwissenschaften mit innovativem Format. Digitale, interdisziplinäre Fachpublikationen; zusätzlich öffentlichkeitswirksame Präsentationen und Anregung eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses durch verschiedene Kooperationspartner*innen der Stadt Kassel (bspw. Staatstheater).

Beteiligte

Tamara Bodden
Martin Böhnert
Dr. Dagobert Höllein
Nicole Kasper
Dr. Nils Lehnert
Philippe-André Lorenz
Anna-Carina Meywirth
Dr. Paul Reszke
Murat Sezi
Jan Sinning
Felix Woitkowski