Promotionsprojekt

Arbeitstitel: Grenzen des Komischen? Satire und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland und Frankreich am Beispiel der Zeitschriften Titanic und Charlie Hebdo (1990-2017)

Im Januar 2015 gipfelten die seit dem sogenannten „Karikaturenstreit“ 2006 geführten Debatten um Mohammed-Karikaturen, die vor allem immer wieder im französischen Satireblatt Charlie Hebdo veröffentlicht wurden, in einem Attentat auf die Redaktion. Zwei Attentäter hatten im Auftrag des Islamischen Staates zahlreiche Redaktionsmitglieder ermordet; der Prophet sollte gerächt werden. Das Attentat rief ebenfalls eine globale Debatte über die Grenzen des Sag- und Zeigbaren hervor. 2006 rückte Satire erstmals in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, als die Mohammed-Bilder, die in der dänischen Tageszeitung Jyllands Posten abgedruckt worden waren, eine Debatte um die Grenzen des Sag- und Zeigbaren hervorriefen und sogar Ausschreitungen mit Todesopfern zur Folge hatten. In den 1990er Jahren noch machte es den Anschein, Satire dürfe weitgehend alles, denn nur selten und in einem viel kleineren Rahmen wurden die Grenzen des Sag- und Zeigbaren debattiert bzw. den gegen Satiremagazine eingereichten Klagen stattgegeben. Gerichte urteilten über Satire weitgehend liberal und der Bundesgerichtshof verteidigte eine weite Auslegung der Meinungsfreiheit, da sie grundlegender Bestandteil demokratischer Gesellschaften sei.
Diskussionen um die Grenzen des Sag- und Zeigbaren blieben nicht allein wie im „Karikaturenstreit“ oder im Kontext des Attentats auf die Charlie Hebdo-Redaktion auf islamkritische Satire beschränkt. 2010 stand beispielsweise die Titelseite des deutschen Satireblattes Titanic, die sich auf den Skandal um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bezog, im Fokus der medialen Debatte. Abermals wurden die Grenzen des Sag- und Zeigbaren mit Blick auf religionsbezogene Satire diskutiert, wie auch 2012, als Titanic Papst Benedikt XVI. im Zuge der „Vatileaks-Affäre“ mit einer besudelten Soutane zeigte.
Die an einigen Ereignissen verdeutlichte Entwicklung seit den 1990er Jahren zeigt, dass sich die Wahrnehmung der Grenzen des Sag- und Zeigbaren grundsätzlich gewandelt haben, dass religionsbezogene Satire in der jüngsten Vergangenheit deutlich intensiver debattiert wird als noch unmittelbar vor der Jahrtausendwende. An den Beispielen zeigt sich zudem, dass sich vor allem religionsbezogene Satire im Zentrum dieses Wandels befindet.
Das Dissertationsprojekt widmet sich daher der Frage, wie sich das Spannungsverhältnis zwischen religionsbezogener Satire und den Grenzen des Sag- und Zeigbaren zwischen 1990 und 2017 wandelte. Einesteils wird danach gefragt, wie sich in der Satire auf Religionen bezogen wird, welche Akteure dargestellt und mit welchen Themen Religionen in Verbindung gebracht werden. Auf der anderen Seite wird verhandelt, wie über die Grenzen des Sag- und Zeigbaren mit Blick auf religionsbezogene Satire debattiert, wie mit religionsbezogener Satire umgegangen und was in der Öffentlichkeit bzw. in Teilöffentlichkeiten als anstößig empfunden wird. Die diachrone Perspektive des Projektes, die den Zeitraum 1990 bis 2017 umfasst, erlaubt es, etwaige Verschiebungen sichtbar zu machen. Ein Vergleich der deutschen Satirezeitschrift Titanic mit der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermöglicht darüber hinaus, nationale Besonderheiten herauszuarbeiten. Deutschland und Frankreich eignen sich vor allem wegen ihres unterschiedlichen Verhältnisses von Staat und Kirche als Vergleichsgrößen.

Zur Beschreibung des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Gesamtprojektes