"Ma­den­sack, Fleischs­brod, Dok­torba­rett". Lu­ther und die Va­lenz des Ma­te­ri­el­len

Fragen nach der Bedeutung des Materiellen und der Materialität der Geschichte haben derzeit Hochkonjunktur. Anstelle poststrukturalistischer und konstruktivistischer Textorientierung fokussieren Sozial- und Kulturwissenschaften seit einiger Zeit die „Welt der Dinge“ (Nietzsche) unter der Perspektive der „materiellen Kultur“. Dinge erscheinen dabei nicht mehr „nur“ als Repräsentationen von Bedeutungssystemen und symbolischen Ordnungen, sondern über ihre Verweisfunktion hinaus im Sinne Bruno Latours „symmetrischer Anthropologie“ als „eigenständige Komponenten in sozialen Netzwerken und Praktiken“, die in der ihnen je eigenen Materialität mitbestimmen, „welche sozialen Praktiken und Netzwerke in ihnen und mit ihnen möglich sind.“ (Reckwitz 2008) Mit der Gewichtung des Materiellen als gleichrangige Komponente des Sozialen werden auch die geläufigen Dualismen zwischen Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Person und Ding, agency und patiency, Materialität und Immaterialität und die damit vielfach verbundenen gängigen modernen Konzepte in ihrer Wirkmächtigkeit in Frage gestellt. Dies gilt insbesondere für ihre Übertragbarkeit auf die eminent religiös geprägten Gesellschaften der Vormoderne, in der (auch) andere Kategorien und wiederum andere (tendenzielle) Binaritäten relevant waren und diskursiv vermessen wurden, wie Leib und Seele, Äußerlichkeit und Innerlichkeit, Transzendenz und Immanenz. In den religiösen Kontexten der Vormoderne birgt die Frage nach der Bedeutung leiblich-materieller Dimensionen nicht nur in theologischer, sondern auch in alltagsweltlicher Sicht einen besonderen Erkenntniswert, weil – so die Grundthese dieser Tagung – theologische Konzepte und leiblich-dingliche Wahrnehmungen und Praktiken vielschichtig miteinander verquickt waren.

In ihrem Essay „Der feiste Doktor“ von 2012 zeigt Lyndal Roper, wie das Leibliche als physisch real erfahrbare Qualität vom Körper bis hin zu den Exkrementen für Luthers Theologie eine wichtige Rolle spielte. Dass Luthers Fokussierung auf die Leiblichkeit jedoch nicht zwingend auf eine grundsätzlich positive Einstellung zum Körper und allem Körperlichen schließen lässt, legen Volker Leppins Studien zu Luthers Leiblichkeit in dessen monastisch geprägter Verachtung des Körpers als „stinckender Madensack“ ebenso nahe wie Luthers nicht nur geistig, sondern auch körperlich geführter Abwehr- und Endzeitkampf gegen den Teufel, auf den besonders Heiko Augustinus Oberman hingewiesen hat. Eine weitere Bedeutungsdimension des Leiblich-Materiellen ergibt sich aus dem nach Luther mit Jesus Christus leiblich gewordenen Wort. Das in der Eucharistie von Luther als „Fleischsbrod“ oder „Leibsbrod“ verstandene Brot mag über die „sinn- und leibliche Apperzeption“ zur Vergegenwärtigung des Heils (Thomas Kaufmann 2012) hinaus „auch die leiblichen Gegebenheiten dieser Welt in eine neue geistliche Wirklichkeit“ heben (Volker Leppin 2015).

Luthers Hadern zwischen „Madensack“ und „Fleischsbrod“, zwischen Verachtung und Aufwertung des Leiblich-Materiellen lässt sich einerseits als eine Ambivalenz beschreiben, die dem in Luthers Biographie fassbaren „Gleichzeitigen“ (Achim Landwehr 2012) geschuldet ist. Andererseits schwächt sich der Eindruck einer ambivalenten Haltung etwas ab, wenn man über den ‚frühen‘ Luther hinaus verstärkt auch ‚den‘ Luther nach 1525 in den Blick nimmt. Denn mit Eheschließung und Familiengründung eröffneten sich Luther auch und gerade in körperlicher und materieller Hinsicht neue Wahrnehmungen und Erfahrungen. Indem Luther zum Hausvater wurde, sich weltlich mit Schaube und Barett kleidete (Ulinka Rublack 2012) und dinglichen Besitz erwarb, verhielt er sich affirmativ zu Materialität und Körperlichkeit der nicht-monastischen Welt. Als ein in großer Nähe zum Landesherrn stehender Wittenberger Professor führten Luther und die Seinigen das auch in materieller Hinsicht privilegierte Leben des Gelehrtenstands. Zwei für Luthers Theologie und die Ausbreitung seiner Lehre zentrale Bereiche – Tischgenossenschaft einerseits und eheliche Sexualität andererseits – leiteten sich unmittelbar aus dieser Lebensführung ab.

Vor diesem Hintergrund ist danach zu fragen, inwiefern die Dinge für Luther generell einen neuen Wert bekamen und wie sich erfahrungspraktische Wahrnehmungen mit Luthers theologischen Überzeugungen und religiösen Praktiken verschränkten. Zu diskutieren ist des Weiteren, inwiefern sich das gewandelte Verhältnis zu den Dingen in einer veränderten Relation von Immanenz und Transzendenz begreifen lässt, durch die Reliquien, liturgisches Gerät oder liturgische Kleidung neu bestimmt wurden. Nach Gerd Schwerhoff kann für die Reformationszeit von einem Wandel gesprochen werden, der wegführt „von einer Dominanz der Präsenz-Symbole als Verkörperungen des (eigentlich) Abwesenden (bzw. Jenseitigen) – zu einer Vorherrschaft von Repräsentanz-Zeichen, die ‚nur‘ zeichenhaft auf das Abwesende verweisen.“ (Gerd Schwerhoff 2013). Zu fragen wäre mit Blick auf Luther, wie sich seine Lehre – etwa in den Fragen der Realpräsenz oder der Adiaphora – zu diesem Wandel verhält, inwiefern also weltimmanenten Dingen nicht gerade in ihrer Leiblichkeit bzw. Materialität immer auch eine geistgewirkte Transzendenz eignet.

 

Der mit dieser Tagung avisierte Blick auf Luthers Leib und auf das reformatorische Verhältnis zu den Dingen dürfte so ein weiteres Mal an dem seit Max Weber kanonisch mit der Reformation verbundenen Entzauberungs- bzw. Rationalisierungsparadigma rütteln.

    Eine Publikation zur Tagung befindet sich in Vorbereitung.

    S. in diesem Zusammenhang auch Anne-Charlott Trepp, Luther 1525. Vom "feisten Doktor", von brünstigen Jungfrauen und toten Bauern, in: Pars pro toto. Historische Miniaturen zum 75. Geburtstag von Heide Wunder. Hg. Alexander Jendorff/Andrea Pühringer, Neustadt 2014, S. 85-98.

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