CER­RA­DO-TAG UNI KAS­SEL

Der Cerrado ist die artenreichste Savanne der Erde, er ist der Lebens- und Wirtschaftsraum von traditionellen Völkern und Gemeinschaften, die landwirtschaftliche Region in der tausende Sorten traditionellen Saatguts von seinen Bewohner*innen bewahrt werden und er ist Quellgebiet der meisten großen Flüsse Brasiliens.
Im Cerrado ist aber auch in den letzten Jahrzehnten mehr als 50 Prozent der natürlichen Vegetation vernichtet worden, in ihm sind alle traditionellen Völker und Gemeinschaften akut oder potenziell bedroht, in ihm dehnen sich exportorientierte Monokulturen und Rinderweidewirtschaft weiterhin massiv aus und seine Flüsse sind durch Bergbauabfälle drastisch verseucht.
     Aber, der Cerrado ist in den großen internationalen Debatten kaum beachtet. Um dem Cerrado mehr dringend benötigte Aufmerksamkeit zu verschaffen, wird am Donnerstag, den 25. November (einen Tag vor der Tagung Runder Tisch Brasilien) die Forschungsgruppe Traditionelle Völker und Gemeinschaften an der Universität Kassel in Kooperation mit KoBra, dem FDCL und Rettet den Regenwald sowie der Universidade Estadual de Montes Claros (Unimontes) und dem Centro da Agricultura Alternativa (CAA) den Cerrado-Tag durchführen.
     Die ökologische Bedeutung des Cerrado kann kaum überschätzt werden. Er ist einer von 34 Hotspots der Biodiversität der Erde. Die Artenvielfalt umfasst mindestens 10.000 Pflanzenarten (davon 45% endemisch), 6.000 Baumarten, 837 Vogelarten, 67 Säugetierarten und 120 Reptilienarten. Seine soziale Diversität ist beeindruckend. Er ist Lebens- und Wirtschaftsraum für etwa 80 indigene Völker in mehr als 100 ausgewiesenen indigenen Territorien, in ihm sind bisher etwa 800 Gemeinschaften der Quilombolas bekannt und es gibt mindestens 25 unterscheidbare Kategorien traditioneller Gemeinschaften, die in etwa 3000 Gemeinschaften leben. Alle diese traditionellen Völker und Gemeinschaften sind akut oder potenziell gefährdet. Einige wenige von ihnen haben garantierte Territorien, die zumindest einen gewissen Schutz garantieren.
     Seine ca. zwei Millionen Quadratkilometer Fläche (mehr als fünfmal die Fläche Deutschlands) waren bis vor 60 Jahren nahezu vollständig mit der vielfältigen Savannenlandschaft bedeckt. Seit der Gründung von Brasília 1960 als neue Hauptstadt begann ein Verdrängungsprozess der ursprünglichen Bewohner*innen und ein Zerstörungsprozess der ursprünglichen Vegetation. Seit den 1970er Jahren expandiert die sogenannte Agrarfront im Cerrado mit Rinderweidewirtschaft, Soja-, Zuckerrohr- und Eukalyptusanbau. Diese sind neben Bergbau, Energiegewinnung und anderen die wesentlichen Ursachen der sozialen Konflikte und der ökologischen Zerstörung. Die Dynamik dieser Zerstörung ist erschreckend. 2018 galten 51 Prozent der ursprünglichen Vegetation des Cerrado als zerstört, dies ist mehr als eine Millionen Quadratkilometer oder etwa dreimal die Fläche Deutschlands. Jährlich werden derzeit ca. 7.000 km² ursprüngliche Vegetation (0,3% - 0,4% der Gesamtcerradofläche) vernichtet. Das Soja-Moratorium für Amazonien hat die Sojaexpansion im Cerrado weiter verschärft. Diese Vernichtung geht einher mit massiven Land- und Territorialkonflikten. Die Abholzungsgrafik des brasilianischen Instituts für Raumaufklärung INPE zeigt, dass die abgeholzten Flächen etwa denen Amazoniens entsprechen, obwohl er nur etwa die Hälfte der Fläche Amazoniens umfasst.
     Zudem ist der Cerrado ein wichtiger Wasserspeicher Südamerikas. Er ist Quellgebiet für die meisten der großen Flusssysteme Brasiliens: Amazonas, Araguaia-Tocantins, São Francisco, Paraná, Paraguay. 14 Prozent des brasilianischen Flusswassers kommt aus dem Cerrado.

Am Cerrado-Tag werden zehn Referierende aus Wissenschaft und von sozialen Bewegungen die Herausforderungen aus sozialer, ökologischer, politischer und agrarökologischer Sicht diskutieren.

Veranstaltungsform und Anmeldung

Der Cerrado-Tag wird als Hybridtagung durchgeführt. Die Hauptveranstaltungssprache wird Deutsch sein. Portugiesische Referate werden übersetzt.

Online-Teilnahme ist nach Anmeldung kostenlos möglich mit einer mail an p.klein[at]uni-kassel[dot]de (mit dem Hinweis Teilnahme Cerrado-Tag)

Der Link wird den Teilnehmer*innen kurz vor dem Cerrado-Tag zugemailt.


Programm Cerrado-Tag, Do. 25.11.21

UhrzeitReferent*inHintergrundThema
11:00  Begrüßung
11:15Dr. Dieter Gawora Soziologie, Uni KasselCerrado und andere Weltregionen
11:45Dr. Anna Abrahão Ökologin, Uni Hohenheim

Die Biodiversität des Cerrado

12:15Ullrich Ide Agrarwissenschaftler, HEKSDas Wasser im Cerrado. Fallbeispiel Rio Pardo
12:45  PAUSE
14 :00 Prof. Dr. Aderval CostaEthnologe. Universidade Federal de Minas Gerais, Belo HorizonteDie soziale Vielfalt des Cerrado. Traditionelle Völker und Gemeinschaften
14:30Ana Carolina BrugneraArchitektin und Landschaftsplanerin. Instituto Pequi do Cerrado, BocaiúvaDas kulturelle Erbe des Cerrado
15:00Joeliza BritoGeraizeira. Vertreterin der traditionellen Gemeinschaften, Comissão de Agrobiodiversidade des CAAAgrodiversität und traditionelles Saatgut, Saatgutmärkte
15:30  PAUSE
16:00Lucas Bernalli Fernandes RochaGeograf und Archäologe. Instituto Pequi do CerradoDie nationale Cerradopolitik in Brasilien
16:30Dr. Thomas FatheuerKooperation Brasilien, FDCLCerrado im internationalen Kontext
17:00Prof. Dr. Klemens LaschefskiGeograf. Universidade Federal de Minas Gerais, Belo HorizonteKonflikte der exportorientierten Monokulturen mit traditionellen Lebens- und Nutzungsformen im Cerrado
17:30  PAUSE
18:00Tatinha AlvesApanhadora de Flores Sempre-vivas. Vertreterin der Articulação Rosalina GomesRegionale Kooperation
18:30  SCHLUSSDEBATTE