Barbara Dickhaus

Kurzexposé zur Promotion von Barbara Dickhaus:

Qualitätssicherung in der Hochschulbildung im Transformationskontext:
Aushandlungsprozesse um Qualitätsdefinitionen, Rolle des Staates und Kommodifizierung von Hochschulbildung in Chile und Südafrika

Thema und gesellschaftliche Relevanz des Themenfeldes
Hochschulbildung ist von zentraler gesellschaftlicher Relevanz, sowohl aus sozialer und politischer Sicht (individuelle Entwicklung, gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten) als auch aus ökonomischer Perspektive (positive Externalitäten). Die gesellschaftliche Rolle von Universitäten und Hochschulbildung ist dabei insbesondere in Bezug auf die Frage des Zugangs („Elitenbildung“) vielfach diskutiert und untersucht worden, und hat sich mit einer weitgehenden Öffnung („Massification“) der Hochschulbildung für andere gesellschaftliche Gruppen grundlegend verändert. Historisch gesehen hat sich zwischen Universitäten und „dem Staat“ bzw. staatlichen Institutionen ein Verhältnis herausgebildet, das oftmals von einer weitgehenden Autonomie der Hochschulen in Bezug auf die Gestaltung von Lehrinhalten und internen Organisationsstrukturen geprägt war. Grundsätzlich agieren Universitäten dabei jedoch in einem staatlich geformten Kontext - durch staatliche Finanzierungspolitiken, staatlich beeinflusste Curriculum-Entwicklungen sowie politisch institutionalisierte Marktsstrukturen im Hochschulsektor. In den 1990-ern wurden in zahlreichen Ländern so genannte Qualitätssicherungspolitiken im Hochschulsektor eingeführt: durch institutionell ausgelagerte, externe Evaluationen und Akkreditierungsprozesse von Hochschulen, deren Studienprogrammen und/oder ihrer Managementstrukturen sollen v.a. neue Rechenschaftsstrukturen (accountability) etabliert werden (vgl. Westerheijden 2007).

Mit dem Aufkommen derartiger, institutionell ausgelagerter, d.h. Universitäts-externer Qualitätssicherungspolitiken in der Hochschulbildung finden oftmals konfliktive Aushandlungsprozesse um Re-Regulierungen des Verhältnisses Staat - Hochschulen, die Definition von Qualitätsstandards, „moderner“ Managementstrukturen, universitärer Autonomie sowie die gesellschaftliche Rolle von Hochschulbildung statt.

Chile und Südafrika haben im Zuge des Transformationsprozesses von Diktatur bzw. Apartheid zur Demokratie seit Mitte/Ende der 1990-er ebenfalls Strategien zur „Qualitätssicherung“ im Hochschulsektor eingeführt. Dies geschah in einem Kontext, in dem die Autonomie der Universitäten und das Verhältnis vom Staat und Universitäten durch Diktatur- und Apartheidregime grundlegend geformt worden war. Unter der chilenischen Militärdiktatur wurde der Hochschulsektor liberalisiert, privatisiert und marktförmig gestaltet. Universitäre Autonomie wurde durch die Besetzung zentraler Positionen im Hochschulsystem mit Militärangehörigen fundamental eingeschränkt. Im Apartheidsystem wurde ein stark segregiertes, staatliche getragenes aber teilweise kommodifiziertes (Studiengebühren) Hochschulsystem etabliert, in dem der Besuch der besser ausgestatteten und zentral gelegenen Universitäten und auch die Lehr- und Forschungstätigkeit weitgehend der weißen Minderheit vorbehalten war. In beiden Ländern stehen die Re-Regulierungsbestrebungen in Bezug auf Qualitätssicherung daher auch in engem Zusammenhang mit der aus diesen historisch etablierten Bedingungen abgeleiteten Notwendigkeit, den Hochschulsektor zu restrukturieren. Damit geht eine fundamentale Re- und De-Privilegierung bestimmter Akteure im Hochschulsektor in Bezug auf Reputation, Definitionsmacht in Bezug auf Qualitätskriterien, Autonomiegrade, Zugang zu staatlichen Finanzierungsmechanismen etc. einher, so dass die Reformen mit oftmals konfliktiven Aushandlungsprozessen verbunden sind.  Im Kontext der zeitgleichen Öffnung von Universitäten für neue Studierendengruppen und der politischen Transformation sind diese Re-Regulierungen daher auch als Aushandlungsprozesse um die Re-Definition öffentlicher Dienstleistungen/Güter zu sehen.
Sowohl Chile als auch Südafrika haben bei der Entwicklung von Qualitätssicherungssystemen Bezug auf bestehende Konzepte und Strategien internationaler Akteure genommen, so dass Ideentransfer und Normendiffusion stattgefunden haben. Dabei sind beide Länder unterschiedlich stark institutionalisierte Bündnisse mit verschiedenen internationalen Akteuren eingegangen, die – anders als in vielen anderen Ländern des Südens – nicht durch internationale Akteure oder Institutionen forciert wurden. Somit hat in diesem Politikfeld kein über wirtschaftspolitische Konditionalitäten durchgesetzter Politiktransfer stattgefunden, vielmehr wurde der Transfer von Politikkonzepten über Kooperationen umgesetzt.

Fragestellungen und Bezugspunkte der vergleichenden Analyse
In dem Promotionsvorhaben wird der Frage nach den Aushandlungs- und Durchsetzungsprozessen und der Konstituierung von Qualitätssicherungspolitiken in den Hochschulsektoren Chile’s und Südafrika’s nachgegangen. Hierbei sollen die institutionellen, akteursbezogenen und diskursiven Aspekte der Aushandlungsprozesse in den Blick genommen werden, um die Verallgemeinerung von Problemdefinition und Politiken in politischen Prozessen zu analysieren.

Konkret ergeben sich für die Forschung folgende Fragestellungen:

  • Wie werden Politiken von Qualitätssicherung in Chile und Südafrika durchgesetzt, d.h. mit Bezug auf Problemdefinition, Politikformulierungs- und Entscheidungsprozesse: wie wird Qualitätssicherung institutionell und diskursiv durchgesetzt, wie werden Interessen in diesem Prozess konstituiert bzw. artikuliert und repräsentiert?
  • Welche Relevanz hat der Transformationsprozess in Chile und Südafrika für die Ausgestaltung und Durchsetzung von Qualitätssicherungspolitiken?
  • Inhaltlich: gehen mit der Transformation zur Demokratie auch eine Orientierung auf „Demokratisierung der Curricula“ einher, oder findet eine Orientierung auf ökonomische Konzepte wie Humankapital, employability und Wissensgesellschaft, oder auf New Public Management-Strategien und damit eine Kommodifizierung von Hochschulbildung statt?
  • Gelegenheitsstruktur: stellen die Transformationskontexte besondere Bedingungen zur Durchsetzung der Qualitätssicherungspolitiken und spezifischer Inhalte dar? (Sind im Transformationskontext Referenzen auf Konzepte wie Demokratie, Entwicklung etc. legititmierende Faktoren?
  • Welches sind die spezifischen Rezeptionsbedingungen und Politikformulierungs-prozesse in Chile und Südafrika mit Bezug auf die Rolle des Staates in der Hochschulpolitik, Policy Transfer und die Rolle internationaler Akteure und Konzepte?
  • Welche veränderten governance-Strukturen im Bildungssektor und welches veränderte Verhältnis zwischen Universitäten und Hochschulen bzw. zwischen „Öffentlich“ und „Privat“ entstehen im Zuge der Reformen, z.B. durch die Einführung privater Akkreditierungsinstitutionen?

Sowohl Chile als auch Südafrika haben in einem Transformationskontext Qualitätssicherungspolitiken im Hochschulsektor eingeführt, was auch einen weltweiten Trend zur Durchsetzung derartiger Re-Regulierungspolitiken im Hochschulsektor widerspiegelt. Beide Länder weisen eine Bezugnahme auf internationale Akteure und Konzepte auf, wobei zum einen teilweise auf unterschiedliche Akteure Bezug genommen wurde, und die Qualitätssicherungskonzepte zum anderen auf sehr unterschiedliche Weise rezipiert und umgesetzt wurden. Ein Vergleich der Qualitätssicherungspolitiken der beiden Länder ist auch deshalb spannend, da die Hochschulbildungssysteme sehr unterschiedlich strukturiert sind: in Südafrika besteht ein weitgehend staatliches bzw. öffentliches System, Chile weist ein stark kommodifiziertes und privatisiertes System auf. Die Rolle staatlicher Akteure im Bildungssektor sowie das Verhältnis Staat – Universitäten ist somit anders ausgestaltet und historisch geprägt. Somit stellt sich die Frage, welche ähnlichen oder unterschiedlichen Akteurskonstellationen, Diskurse (über Qualität, universitäre Autonomie, Transformation etc.) und Institutionalisierungsprozesse bei der Durchsetzung von Qualitätssicherungspolitiken in Chile und Südafrika zu identifizieren und analysieren sind.

Theoretische und methodologische Bezugspunkte
Grundsätzlich wird eine macht- und hegemonietheoretische Perspektive eingenommen, um die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse zu analysieren, wobei auf (neo)-Gramscianische Ansätze Bezug genommen wird (Jessop 2005; Scherrer 1999). Historisch-institutionalistische Ansätze eröffnen dabei den Blick für institutionelle Dynamiken und historical legacies. Mit einer Diskurs-orientierten Inhaltsanalyse können Aushandlungsprozesse um Problemdefinitionen, die Konstitutionen von Akteuren und Bündnissen sowie diskursiver Wandel nachgezeichnet, und zugleich institutionelle Perspektiven erweitert werden (Thelen 1999; Fischer/Forester 1993; Scherrer 2004). Policy Transfer-Theorien und Ansätze zur Normendiffusion werden in Bezug auf die Frage der Rolle internationaler Akteure und Konzepte und spezifischer Rezeptionsbedingungen dieser Akteure und Konzepte in Chile und Südafrika aufgegriffen (Dolowitz/Marsh 1996; Steiner-Khamsi 2000; Bohle 1999).
Die Forschung wird mit qualitativen Methoden durchgeführt und wird neben der Analyse wissenschaftlicher Texte zu dem Themenfeld auf Inhaltsanalyse und qualitativen ExpertInnen-Interviews basieren.

Literaturangaben
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