Wu­DiD (BMBF)

Will­kom­mens­kul­tur und De­mo­kra­tie in Deutsch­land. Flücht­lings­po­li­ti­sche In­itia­ti­ven als Or­te ak­ti­ver Bür­ger­schaft, kol­lek­ti­ver Kon­flikt­aus­hand­lung und de­mo­kra­ti­schen Ler­nens

BMBF-Verbundprojekt der Universitäten Tübingen, Osnabrück und Kassel

Das durch das BMBF geförderte Verbundvorhaben der Universitäten Tübingen, Kassel und Osnabrück zu "Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland" versteht Willkommenskultur als Prozess, der unterschiedliche Bereiche gesellschaftlicher Teilhabe umfasst. Seit dem sogenannten "Sommer der Migration" 2015 sind soziale Strukturen, Organisationen und die Zivilgesellschaft herausgefordert bzw. steht der soziale Zusammenhalt erneut zur Diskussion. Das Verbundvorhaben widmet sich an den drei Forschungsstandorten der Analyse von a.) Initiativen und Organisationen der Unterstützungsarbeit für und mit Geflüchteten (TP Kassel), b.) der Arbeitsmarktinklusion von Geflüchteten anhand von betrieblichen Programmen (TP Tübingen) und c.) Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen (TP Osnabrück). In diesen drei Bereichen werden – so die Forschungshypothese – Räume aktiver Bürgerschaft, kollektiver Konfliktaushandlung und demokratischen Lernens konstituiert. Das Verbundprojekt widmet sich insbesondere den Initiativen, Programmen und Organisationen der Flüchtlingsarbeit sowie dem daraus entstandenen Engagement und fragt danach, wie sich gesellschaftlicher Zusammenhalt im Kontext gegenwärtiger Krisen (u.a. der staatlichen Steuerung, der Erosion des demokratischen Grundkonsenses, der Repräsentation über den Modus der Staatsbürgerschaft) stabilisiert, erodiert und rekonfiguriert.

Projektleitung:
Prof. Dr. Elisabeth Tuider

Projektmitarbeit:
Dr. Olaf Tietje
Tom Fixemer, M.A.

Studentische Mitarbeit:
Marlene Göhl
Eunice Njoki
Ronja Schröder

Finanzierung:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Laufzeit: 10/2017–03/2021


Das Teil­pro­jekt der So­zio­lo­gie der Di­ver­si­tät: "Eh­ren­amt­li­che und pro­fes­sio­nel­le Un­ter­stüt­zungs­ar­beit mit und für Ge­flüch­te­te"

Das Teilprojekt an der Universität Kassel "Ehrenamtliche und professionelle Unterstützungsarbeit mit und für Geflüchtete" fokussiert vor allem auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Aushandlungsprozesse in Bezug auf Flucht beziehungsweise den Zuzug Geflüchteter unter dem Stichwort "Willkommenskultur". Hier stehen die diskursiv-medialen und politischen Aus- und Verhandlungen zwischen den diversen Akteur_innen ehrenamtlicher Unterstützungsarbeit sowie professioneller Hilfen und den Geflüchteten, zivilgesellschaftlichen (Kollektiv)Akteur_innen und Organisationen im Mittelpunkt. Das Teilprojekt Kassel fokussiert vor allem auf die Initiativen und ihre Arbeit mit Geflüchteten sowie deren Auseinandersetzungen mit infrastrukturellen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Veränderungen. In Interviews mit ehrenamtlich und professionalisiert in der Flüchtlingsarbeit Tätigen wurden die Infrastruktur der Flüchtlingsarbeit, die Professionalisierung derselben und die diskursiven Effekte des Sprechens von "Willkommenskultur" (mitsamt der impliziten Rassismen und Nationalismen und Vergeschlechtlichungen und Heteronormativität), als auch Bezüge zu demokratischem Lernen als Praktiken gesellschaftlichen Zusammenhalts fokussiert. Auf diese Weise wurde am ausgewählten Beispiel der Willkommenskultur die Bearbeitungen gesellschaftlicher Krisen nachvollzogen.


Er­geb­nis­se aus dem Teil­pro­jekt

Im Teilprojekt Kassel „Ehrenamtliche und professionalisierte Unterstützungsarbeit mit und für Geflüchtete“ wurden zu Beginn der Forschung mittels einer Diskursanalyse (vgl. Keller 2011) die Bilder von Flucht und „Fluchtmanagement“ von Geflüchteten und Krisen staatlicher Steuerung im Bereich der Infrastruktur für Geflüchtete in den Jahren 01/2015-01/2018 rekonstruiert.

Grundlage der Rekonstruktionen bildeten lokale Zeitungen an den jeweiligen Forschungssites. Hierzu wurden am Standort Kassel vor allem jene Zeitungsartikel recherchiert, ausgewählt und analysiert, die sich mit den Themen Gesundheit, Bildung und Unterbringung und Flüchtlingsinitiativen bzw. Willkommenskultur an den sechs Untersuchungssites befassen (Dresden,  Hamburg, Kassel, München, Osnabrück & Tübingen) (Nges=435).

    Im Themenspektrum Bildung wurde eine deutliche Ambivalenz sichtbar: Geflüchtete wurde ein hoher Bedarf an Deutschkursen attestiert, die insbesondere medial als ausgesprochen wichtig für den Austausch und das Ankommen in der Deutschen Gesellschaft angesehen wurde. Zugleich wurden diese Deutschkurse aber nur in einem sehr geringen Umfang durch kommunale beziehungsweise staatliche Strukturen organisiert oder sogar verweigert. Medial wird diese Diskrepanz teilweise kritisiert und zivilgesellschaftliche Akteur*innen angerufen, diese auf der praktischen Ebene auszugleichen. Die zum Teil selbstorganisierten Sprachkurse sind oftmals allerdings nicht zertifiziert und finden insofern in geringerem Maße Anerkennung. Zugleich wurden medial besonders die Leistungen von Universitäten den Zugang für Geflüchtete zu erleichtern hervorgehoben.

      In Bezug auf die Gesundheitsversorgung wurde in der Diskursanalyse deutlich, dass Geflüchtete einerseits große Ängste in der Bevölkerung hervorrufen, die auch immer wieder genannt werden, u.a. die Angst, dass im Rahmen des Flüchtlingszuzugs „unbekannte Krankheiten“ in größerem Maße auftreten könnten. Andererseits wird in der Medienanalyse die strukturelle Unterversorgung der Geflüchteten sichtbar, z.B. wenn die langen Wartezeiten in Bezug auf psychosoziale Anliegen angesprochen werden. Zusätzliche, in Teilen kommunal oder von zivilgesellschaftlichen Trägern selbstorganisierte medizinische Angebote haben gerade zu Beginn des „Sommers der Migration“ die medizinische Grundversorgung der Geflüchteten auffangen müssen, um die staatliche Unterversorgung auszugleichen.

        Medial wurde insbesondere auf die schlechten Bedingungen der Unterbringung von Geflüchteten Bezug genommen. Die schlechte Essensversorgung und Hygienebedingungen sowie geringe Privatsphäre in den Großunterkünften waren die drängendsten Themen. Die improvisierten Unterkünfte wurden zu Beginn als Ausdruck staatlicher Überforderung akzeptiert, aber gerade vor dem Hintergrund von Witterung und Lebensstandard zunehmend kritisiert, bis auch Kommunen hier nachgebessert haben.  Zugleich standen die Kommunen immer vor der Problematik der Standorte für angemessene Unterkünfte, da diese in vielen Nachbarschaften nicht gerne gesehen waren und zu Protesten und Gewalt an Geflüchteten führten – zum Teil aus Angst vor Geflüchteten, zum Teil wegen erfolgender Nachverdichtung ohnehin knappen Wohnraums, aber auch aufgrund eigener Angst vor Privilegienverlusten.

        Weiter wurden vom Teilprojekt Kassel 58 Expert*inneninterviews (vgl. Meuser/Nagel 1991) an den sechs Forschungssites durchgeführt. Hier wurden unterschiedliche Akteur*innen der freiwilligen und professionalisierten Unterstützungsarbeit ausgewählt und bezogen auf die Schwerpunkte Alltagsunterstützung und Wohnen/Unterbringung Geflüchteter interviewt. Die Interviews wurden anschließend in MAXQDA kodiert und mit der Situationsanalyse (vgl. Clarke 2018; Tietje/Tuider 2019) analysiert.

        Hier zeigte sich:

        • In der Thematisierung von Geflüchteten in öffentlich-medialen Diskursen werden queere Geflüchtete unsichtbar gemacht oder verbleiben auf untergeordneten Positionierungen. Geschlecht wird als eine Kategorie zur Unterscheidung von ‚gewalttätigen geflüchteten jungen Männern‘ und geflohenen mehrfach ‚viktimisierten Frauen‘ mit Kindern als Mütter oder Familien genutzt;
        • Die Motivationen von Unterstützer*innen der Arbeit mit und für Geflüchtete changieren in einem großen Spektrum. Hier geht es vielfach darum, sich selbst „gut zu fühlen“ und in der Unterstützung „Dankbarkeit erfahren“ zu können. Aber auch solidarische Praktiken der Unterstützung und das Bedürfnis politischer Mitbestimmung spielen eine Rolle;
        • Die Unterbringungen Geflüchteter funktioniert als eine staatliche Strategie der Isolierung von Geflüchteten die mit einer Architektur der Abschreckung und Kontrolle verbunden auf die Ausreise von durch das Asylrecht geschützter Personen abzielt;
        • Grenzen und Grenzräume werden auch jenseits der nationalstaatlichen Demarkationslinie im Alltag der Geflüchteten – auch durch die freiwillige Unterstützungsarbeit – hergestellt;
        • Die Teilhabe Geflüchteter an der Gesellschaft verbleibt daher umkämpft zwischen Staat und Zivilgesellschaft - und Unterstützungsarbeit wird zwischen humanistischen Idealen und Solidarität ausgehandelt. Transformative Potentiale liegen hierbei insbesondere in den letzteren aber auch in den aus selbstbestimmten Tätigkeiten und Engagement resultierenden Überschüssen zivilgesellschaftlichen Engagements.

        Pu­bli­ka­tio­nen aus dem Pro­jekt

        Do­ku­men­tar­fil­me der Fil­me­ma­che­rin An­ne Fri­si­us er­schie­nen

        Die Teilhabe Geflüchteter an der Gesellschaft ist durch die mangelhafte Wohnraumversorgung gefährdet. In vielen Unterkünften für Geflüchtete sind Enge, wenig Privatsphäre und damit verbunden auch ein hoher Lärmpegel an der Tagesordnung. Eingeschränkte Möglichkeiten sich selbst Essen zuzubereiten, fehlender Wohnraum und infolgedessen überbelegte Zimmer und Wohnungen, willkürliche Zimmerbelegungen aufgrund derer einander unbekannte Menschen gemeinsam auf wenigen Quadratmetern leben, tragen zu einem hohen Stresslevel bei. Queere Geflüchtete leiden zusätzlich unter Diskriminierung und Gewalt - auch durch andere Geflüchteten.

        In diesem Dokumentarfilm spricht die Filmemacherin Anne Frisius mit Geflüchteten, Beratungsstellen, (ehemaligen) Mitarbeiter*innen aus Unterkünften für Geflüchtete und freiwillig Engagierten in Hamburg, Kassel und Tübingen über ihre Arbeit und Erfahrungen.

        Auf ohnehin angespannten Wohnungsmärkten eine Wohnung zu finden, ist gerade in größeren Städten schwierig. Die wenigen verfügbaren Wohnräume werden oftmals nicht an Geflüchtete vergeben. Vermieter*innen bevorzugen Menschen mit sicheren Arbeits- oder Ausbildungsverhältnissen und schrecken vor erwarteten oder unterstellten Kommunikationsbarrieren zurück – noch einmal mehr, wenn queere Geflüchtete auf der Suche nach Wohnraum sind. Die Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt können allerdings durch Beratungsstellen, Wohnraumkoordinationen oder selbstorganisierte Projekte, die Geflüchteten Wohnraum schaffen, zumindest in Teilen ausgeglichen werden.

        Anne Frisius porträtiert unter anderem das Wohnprojekt "Neue Nachbarn" in Tübingen. Dieses stellt ein Beispiel für gelungenes Zusammenwohnen dar, bei strukturellen Problemen auf der Verwaltungsebene. Die Wohnungskoordination in Kassel ist äusserst erfolgreich bei der Vermittlung von Wohnungen für Geflüchtete.

        Sprachliche Schwierigkeiten, fehlende Qualifikationsnachweise und eine restriktive staatliche Politik erschweren die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. Geflüchtete sind in der Folge besonders gefährdet, im Rahmen der Arbeit ausgebeutet zu werden (z.B. da Löhne einbehalten, Urlaubsansprüche nicht abgegolten oder Überstunden nicht bezahlt werden). Beratungsstellen, ehrenamtlich Engagierte und solidarische Netzwerke unter Geflüchteten ermöglichen es dennoch, dass der Prozess der Arbeitsmarktintegration in vielen Fällen relativ reibungslos abläuft. In ihrem Dokumentarfilm spricht Anne Frisius mit Geflüchteten, Ehrenamtlichen und Beratern in Stuttgart und Tübingen über ihre Erfahrungen.

        Der politische Aktivismus von Geflüchteten hat in Hamburg in den vergangenen Jahren tiefe Spuren hinterlassen. Lampedusa in Hamburg, die Proteste gegen Abschiebungen nach Afghanistan, aber auch öffentlich weniger sichtbare selbstorganisierte Räume der Begegnung und des Empowerments (z.B. Frauengruppen wie das MUT Projekt von DaMigra) trugen dazu bei, alltägliche Probleme von Geflüchteten öffentlich zu machen. In ihrem Dokumentarfilm spricht Anne Frisius mit Aktiven über ihre Erfahrungen in den letzten Jahren. Alltägliche Diskriminierung, Frustration und Ohnmacht kommen dabei ebenso zur Sprache wie Erfolge der Bewegungen. Selbstorganisierte Flüchtlingsproteste, so wird deutlich, machen nicht nur auf die prekäre Situation von Geflüchteten aufmerksam, sondern verweisen auf grundlegende Probleme von Demokratie und Grenzen sozialer Teilhabe (z.B. bei Wohnungs- oder Arbeitslosigkeit).

        PEGIDA und gewaltbereite neonazistische Mobilisierungen (z.B. in Freital oder Heidenau) prägten in den vergangenen Jahren die öffentliche Wahrnehmung der Debatten über Geflüchtete in Dresden und umliegenden Orten. Medial weniger sichtbar war, dass sich in der Region auch eine aktive zivilgesellschaftliche Willkommenskultur für Geflüchtete entwickelte. In ihrem Dokumentarfilm spricht Anne Frisius vor Ort mit Geflüchteten und flüchtlingspolitischen Initiativen über ihre Erfahrungen mit Rassismus, rechten Mobilisierungen und solidarischer Unterstützung im Alltag.

        Ver­an­stal­tungs­rei­he: "So­li­da­ri­tät und Kämp­fe" - Zur Ge­flüch­te­ten­un­ter­stüt­zung nach dem 'Som­mer der Mi­gra­ti­on'

        Zusätzlich zu zwei von Anne Frisius gedrehten Dokumentarfilmen zum Aktivismus Geflüchteter in Hamburg und Geflüchtetensolidarität in Dresden werden Elisabeth Tuider und Olaf Tietje mit Janina Haupt von der Caritas Kassel gegenwärtige Entwicklungen in der Unterstützungsarbeit für Geflüchtete diskutieren.

        Dienstags, 18-20h in der Arnold-Bode-Straße 2 Raum 0401

        Dr. Tine Haubner von der Friedrich-Schiller-Universität Jena wirdaus ihrer aktuellen Forschung zur Resstrukturierung des Wohlfahrtsstaates mit Blick auf die Unterstützungsarbeit von Geflüchteten berichten.Gemeinsam mit ihr möchten wir einen Blick auf die Entwicklung der freiwilligen Unterstützungsstrukturen für Geflüchtete werfen: Wie lässt sich die unbezahlte Arbeit der freiwilligen Unterstützer*innen vor dem Hintergrund einer aktiven Bürgergesellschaft einordnen? Geht es hier nicht eigentlich um originär staatliche Aufgaben? Und welche Freiräume könn(t)en hier auch entstehen?