Profil des Fachgebietes

Geschichtswissenschaft befasst sich, so lautet eine geläufige Definition, mit dem Handeln und Leiden von Menschen in der Vergangenheit. Sie fragt nach den Formen des Zusammenlebens und den Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie interessiert sich also für die Faktoren, die Differenzierung und Zusammenhalt in einer Gesellschaft bedingen, für die Kräfte, die individuelles und kollektives Verhalten motivieren, und nicht zuletzt für die Spielräume, in denen Handlungen möglich und Entscheidungen offen sind. Geschichte ist daher, zugespitzt ausgedrückt, eine Wissenschaft, der es an erster Stelle um menschliche Freiheit geht.

Diesem Postulat ist das Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte in Kassel verbunden. Es betrachtet Geschichte im Zusammenspiel von Einheit und Vielfalt: In allen Disziplinen, ob Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Politik- und Verfassungsgeschichte, Kultur- und Mentalitätsgeschichte, geht es gleichermaßen um die Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Existenz. In allen Regionen und Kontinenten, ob in Europa oder Amerika, in Asien oder Afrika, lassen sich daher bei aller Vielfalt der Gesellschaftsformen und konkreten Konstellationen doch – mit den Worten des Afrikahistorikers Albert Wirz – bestimmte Grundkonstanten und gemeinsame Antriebskräfte sozialen Handelns feststellen, wenn auch in je unterschiedlicher Gewichtung und Mischung: „die Suche nach Anerkennung und Macht, Sicherheit und Solidarität, Abenteuer und Gewinn“.

In diesem Sinn befasst sich das Fachgebiet Neuere und Neueste Geschichte mit der ganzen Breite der europäischen und außereuropäischen Geschichte seit der sogenannten „Sattelzeit“ um 1800 bis zur jüngeren Zeitgeschichte. Räumliche Schwerpunkte in Lehre und Forschung liegen in der deutschen, der europäischen und der afrikanischen Geschichte. Zugleich werden immer wieder regionalhistorische Aspekte und Themen berücksichtigt. Gerade im weiten Blick von der hessischen über die deutsche und europäische bis zur afrikanischen Geschichte wird neben kulturellen Unterschieden auch die Einheit der Geschichte deutlich. Denn nicht nur Verschiedenheit und Vielfalt, sondern auch Austausch und Transfer, Wechselwirkungen und Vernetzungen bestimmen menschliche Gesellschaften. Deshalb verbietet sich jede essentialistische Betrachtungsweise: Afrika zum Beispiel verkörpert nicht das „ganz Andere“, sondern steht manchmal sogar für das erstaunlich Vertraute.

Im Rahmen des hier vorgestellten breiten Ansatzes werden an der Professur für Neuere und Neueste Geschichte Schwerpunkte gesetzt, die sich nicht nur in der Forschung niederschlagen, sondern auch in der Lehre sichtbar werden. Nur zwei Beispiele: Es geht zum einen um die Geschichte des modernen europäischen Imperialismus und Kolonialismus in Übersee, namentlich in Afrika. Der Kolonialismus hat, wie zuvor schon der Sklavenhandel, die Kontinente nachhaltig miteinander verkoppelt. Was in Frankreich und Großbritannien bis heute als selbstverständlich erkannt ist, wird in Deutschland allerdings noch nicht recht wahrgenommen. Aber auch hier zeigt sich: Es gibt eine gemeinsame Geschichte Afrikas und Europas.

Zum anderen stehen die Formen des Umgangs mit Vergangenheit im Blick, also die Erinnerungskulturen, denn diese sagen Wesentliches über Selbstverständnis und Zusammenhalt von Gesellschaften aus. Das reicht von Bauten und Denkmälern über die Verarbeitung von Geschichte in Literatur und anderen Medien bis hin zu Fragen der Geschichtspolitik und „Vergangenheitsbewältigung“ nach Systembrüchen, denen sich alle Gesellschaften stellen müssen. Gesellschaften werden nicht zuletzt durch die Art und Weise zusammengehalten, wie sie über Vergangenheit sprechen – und streiten. Und in der Auseinandersetzung über die Vergangenheit drücken sich nicht nur Gegenwartsinteressen, sondern auch Zukunftserwartungen aus.