Nachwuchsgruppe „Jenseits einer Politik des Strafens“

Steigende Gefangenenraten, sinkende Bewährungsstrafen, Forderungen nach elektronischen Fußfesseln und das Verlangen nach einem verschärften Jugendstrafrecht – in diesen Phänomenen manifestiert sich eine neue Lust am Strafen. Kriminalpolitik und Strafrecht sind nicht allein Reaktionen auf Kriminalität, sondern spielen eine aktive Rolle in sozialen Prozessen. Strafrecht diente bereits in ehemals kolonisierten Ländern als Mittel der Beherrschung und Kontrolle. In den meisten westlichen neoliberal orientierten Ländern geht erhöhte Punitivität mit der Privatisierung von öffentlicher Infrastruktur, Einschnitten in den Wohlfahrtsstaat und aktivierenden Arbeitsmarktpolitiken einher.


Vor diesem Hintergrund erscheint Strafen als eine Alternative zu politischen Wegen der Konfliktlösung und geht mit der Reproduktion und sogar Intensivierung von struktureller Gewalt einher. Die Nachwuchsgruppe „Jenseits einer Politik des Strafens“ erforscht daher den Nexus von neoliberaler Reform, strafrechtlichen Trends und Ungerechtigkeit auf unterschiedlichen Achsen der Unterdrückung im transnationalen Vergleich mit einem besonderen Fokus auf die Institution des Gefängnisses. Aus einer sozialphilosophischen Perspektive problematisiert sie das immanente Verhältnis von Recht, Gewalt und Macht auf und erforscht Politiken „jenseits des Strafens“.


Podiumsdiskussion und Workshop "Strafen und Neoliberalismus. Was ist gerecht unter ungerechten Verhältnissen? Inhaftierung in Deutschland"

3. November 2016, 18 Uhr c.t. (Podium)
4. November von 9 bis 14 Uhr (Workshop)
Kassel, Gottschalkstraße 28a, Saal 0150 / 0160


International stellen Rechtssoziologen eine neue Lust am Strafen in neoliberalen Gesellschaften fest. Punitivität als Regierungstechnik zielt darauf ab, Armut und soziale Desintegration kontrollierbar zu machen und den durch die flexibilisierte Ökonomie verursachten Ängsten breiter Schichten durch härtere Bestrafung entgegenzuwirken. Zugleich bewirkt sie eine Spirale des sozialen Abstiegs bei Inhaftierten: Der Verlust der Wohnung, der vorherigen Lohnarbeit und bestehender sozialer Netzwerke führt generell zu hohen Rückfallquoten, sozialer Desintegration und Altersarmut. Strafende „Gerechtigkeit“ produziert demzufolge paradoxerweise soziale Ungerechtigkeit.
Den Trend einer neuen Lust am Strafen möchten wir in Bezug auf Deutschland kritisch überprüfen: Inwiefern ist der Strafvollzug hierzulande in eine Gouvernementalität neoliberaler Ökonomie eingebettet? Wie verschränkt sich der Strafvollzug mit migrationsrechtlicher Kontrolle? Führt Inhaftierung in Deutschland zu Armut und Ausgrenzung? Was für eine Rolle spielt heute das Ziel der Resozialisierung? Was für Besonderheiten gibt es im Frauen- und Jugendstrafvollzug? Und was für eine Rolle können abolitionistische Perspektiven angesichts dieser Entwicklungen übernehmen?

Diese und weitere Fragen diskutieren Prof. Mechthild Bereswill (Universität Kassel), Prof. Christine Graebsch (FH Dortmund) und Prof. Tobias Singelnstein (FU Berlin). Die Moderation übernimmt Joachim Tornau (Journalist). Die Veranstaltung ist organisiert von der Nachwuchsgruppe „Jenseits einer Politik des Strafens“, Universität Kassel.

Ein Workshop mit den Referent*innen findet am Freitag (4.11.) von 9 bis 14 Uhr statt. Es wird um vorherige Anmeldung gebeten.

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