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Vor­trag: Prof. Dr. Hel­la von Un­ger (LMU Mün­chen): Stand­ort­ge­bun­den­heit der For­schung – (Wie) lässt sich „Othe­rin­g“ in der Flucht- und Mi­gra­ti­ons­for­schung ver­mei­den?

Sozialwissenschaftliche Forschung hat ein problematisches Vermächtnis: hat sie doch nicht unwesentlich zu der gesellschaftlichen Konstruktion von Migrant*innen (und weiteren Gruppen) als „anderen“ beigetragen. In den letzten Jahren hat die migrationssoziologische Forschung im deutschsprachigen Raum deutlich an Dynamik, Differenziertheit und Reflexivität gewonnen, nicht zuletzt dank postmigrantischer Ansätze und postkolonialer Kritik. Die grundlegende Frage bleibt jedoch bestehen: Inwiefern tragen Forschende auch heute noch willentlich oder unwillentlich zu ‚Veranderungs‘- und Exklusionsprozessen bei? Welchen Einfluss haben die sozialen Positionierungen der Forschenden auf die Reproduktion gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsstrukturen in und durch Forschung? In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, was aus wissenssoziologischen Prämissen zur Standortgebundenheit von Erkenntnis und konstruktivistischen Annahmen zur Involviertheit von Beobachter*innen für die Flucht- und Migrationsforschung in methodischer und methodologischer Hinsicht folgt. Ist „Othering“ unausweichlich – zum Beispiel wenn Forschende ohne Migrationsgeschichte und/oder weiße, deutsche Mittelschichts-Akademiker*innen die Situation von Migrant*innen erforschen? Oder greift eine solche Schlussfolgerung zu kurz? Ohne Frage muss die Personalstruktur der Wissenschaft diverser werden, um so verschiedene „Standorte“, Perspektiven und biographisch geprägte Wissensbestände einzubinden und auch impliziten Formen von Rassismus, Heteronormativität, und weiteren Unterdrückungsverhältnisse besser auf die Spur zu kommen. Gleichzeitig muss einem erkenntnistheoretischen Reduktionismus jedoch widersprochen werden. Jeder Standpunkt geht mit Einschränkungen einher, die sich – jenseits des Intendierten - nachteilig auf Forschungsprozesse auswirken können. In diesem Vortrag entwickele ich Argumente für eine reflexive, (selbst-) kritische Forschungspraxis, die alle Forschenden auffordert, ihre Positionierungen zu reflektieren, Essentialisierungen zu meiden, scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und systematisch Perspektivverschränkungen zu suchen, um so Erkenntnis- und Transformationspotentiale durch qualitative und partizipative Forschungsstrategien zu erweitern.

Anmeldung unter: https://veranstaltungen.uni-kassel.de/event/iag-unger

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