Lehrangebot

#überORTE

Dem (landschafts-)architektonischen Tun unterliegt eine implizite Grundannahme: Jeder konkrete geographische Ort ist so einzigartig, dass er es verdient über ihn gesondert nachzudenken, wenn man gedenkt ihn zu verändern. Dieses Handlungsmuster nennen die der Architektur als Mutterdisziplin zugeordneten planenden Berufe den Entwurf. 

Dieses Nachdenken ist beschränkt: Der Entwurf zielt üblicherweise konstruktiv auf eine tatsächliche Umsetzung. Er findet in einem zeitlichen Rahmen statt. Auch die Aspekte, die in den Entwurf Eingang finden, sind umfangreich, aber nie erschöpfend. Angesichts der zunehmenden Komplexität von Aufgabenstellungen gewinnt jedoch genau diese strategisch subjektive Qualität des Handelns seine Legitimität.

Die programmatische Disposition und die spätere Rezeption eines Ortes sind in den Entwurf eingebunden. Das Lesen und Interpretieren von Räumen erfolgt durch Entwerfer und Nutzer gleichermaßen - phasenverschoben. Diese Wahrnehmungsebene erweitert das Handlungsspektrum.

Der Anspruch an die entworfenen Orte ist hoch. Als gebaute Lebenswirklichkeit in einer urban wie global geprägten Gesellschaft im Wandel dienen Orte ihren Benutzern zur Orientierung, beheimaten, verweisen, balancieren im Spannungsfeld von Integration und Differenz.

Das Studio #überORTE lotet exemplarisch und experimentell aus, wie in konkreten urbanen Situationen vielschichtige Möglichkeitsräume entstehen können, die als starke Orte wirken und einen kulturellen Beitrag über sich selbst hinaus leisten.


SS 2018

#überORTE Klangquartier / Bachelor-und Masterprojekt

Die Dynamik der Münchener Stadtentwicklung steht seit Jahren an der Spitze der nationalen Statistiken. In der Stadt selbst führt insbesondere der angespannte Wohnungsmarkt zu einer steigenden Emotionalisierung bei größeren städtebaulichen Veränderungen. In vielen Projekten gelingt es den Planenden nicht, einen überzeugenden Nutzen für die Allgemeinheit aufzuzeigen, so dass Wachstumsprozesse zunehmend negativ wahrgenommen werden. 

In dieser Situation soll an einer prominenten und komplexen stadträumlichen Intervention untersucht werden, welchen Beitrag die Entwicklung eines innerstädtischen Quartiers, angestoßen durch eine kulturelle Zwischennutzung, leisten kann, um für Anwohner und die Gesamtstadt einen nachhaltigen Mehrwert zu erzeugen. 

Das Selbstverständnis Münchens definiert sich durch eine hohe Lebensqualität, die nicht nur Sport- und Freizeit-, sondern vor allem auch kulturelle Angebote umschließt. Der Gasteig ist das große kommunale Kulturzentrum der Stadt. Dort sind unter anderem Philharmonie, Volkshochschule und Stadtbibliothek untergebracht. Das Gebäude steht an prominenter Stelle am Hochufer der Isar. Es stammt aus den 80er Jahren und muss in Kürze saniert werden. 
Derzeit ist eine Machbarkeitsstudie in Arbeit, die den Umzug bis 2020 gewährleisten soll. Darin wird untersucht, wie für die Dauer der Sanierung, das kulturelle Angebot in einem Interimsquartier untergebracht werden kann. 

Das dafür vorgesehene Areal an der Hans-Preißinger-Straße liegt an zentraler Stelle im Stadtraum, direkt an den Isarauen nahe dem Flaucher und im Anschluss an den Mittleren Ring, der Hauptverkehrsader Münchens. Es war vormals als Werksgelände der Stadtwerke München in Verwendung und umfasst eine denkmalgeschützte Trafohalle mit hoher architektonischer Qualität. Derzeit befindet sich ein bunter Mix aus Zwischennutzungen, Autoschraubern, Kreativmilieus und städtischen Einrichtungen auf dem Gelände. 

Die Zwischennutzung selbst ist nicht Gegenstand des Semesters. Die städtebauliche, landschaftsarchitektonische und verkehrsplanerische Aufgabe wird es sein, eine langfristige Perspektive für den Standort zu entwickeln. Die Programmierung ist inkrementaler Bestandteil des Entwurfs. Rückschlüsse auf die Interimsphase, in der das Quartier für einige Jahre zu einem Zentrum des kulturellen Lebens in der Stadt wird, sind möglich und erwünscht. Es sollen jedoch vorrangig Konzepte gedacht werden, welche den Stadtbaustein in seiner langfristigen Perspektive betrachten. Der Bedarf an Wohnraum auf dem überhitzten Münchener Immobilienmarkt und die Verkehrsprobleme der Stadt bilden die Kulisse für diese Überlegungen. Die Programme sollen aufzeigen, welche positiven Impulse für Nachbarschaft, Isarraum und Gesamtstadt das Klangquartier geben kann. Den Entwürfen muss es gelingen, einen Mehrwert aus der städtebaulichen Entwicklung heraus für die Bürgerschaft aufzuzeigen. Die Konzepte sind in räumlich atmosphärische Entwürfe auszuformulieren. 

Das Projekt findet in Kooperation mit dem Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung | Mobilitätsentwicklung, Prof. Stefanie Bremer statt. Das programmatische Entwurfsstudio arbeitet vertikal, kooperativ, transdisziplinär und richtet sich an MA sowie BA Studierende in höheren Semestern aus A, S und L. 

In S und L kann je nach Entwurfsschwerpunkt und in Absprache mit einer zusätzlichen Vertiefungsleistung ein Profilprojekt belegt werden. 

Im Rahmen des Projekts findet Ende April eine Exkursion nach München statt. 

Das Studio findet wöchentlich am Donnerstag ab 14 Uhr statt. 
Die Einführung erfolgt am 12.04.2018.

Für Teillnehmer des #überORTE Studios Klangquartier wird  außerdem projektbegleitend das Vertiefungsseminar „Quartier der Zukunft / Nachhaltige Stadtquartiere planen und zertifizieren“ (2SWS) angeboten.
Inhalt des Seminars ist die intensive Auseinandersetzung mit Zertifizierungskriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) für  innerstädtische Quartiere. Anhand von Projektbeispielen im Zuge der projektbegleitenden Exkursion nach München sollen die Kriterien der DGNB analysiert und ausgewertet werden. Betrachtet wird dabei die „Gesamtperformance“ der Stadtquartiere mit einem besonderen Schwerpunkt auf Freiraumqualitäten und Infrastruktur. Die Erkenntnisse sollen nachbereitet und dokumentiert in die Projektarbeit des Studios #überORTE Klangquartier einfließen. Die Einführung mit Terminabsprache erfolgt im Anschluss an die Einführung des Studios am 12.04.2018.

#überORTE Landschaftsnarrativ / Seminar

Das Seminar #überOrte Landschaftsnarrativ eröffnet eine globale Sicht auf das Thema Landschaft und Landschaftsästhetik. Im theoretisch-abstrakten Diskurs beschäftigen wir uns mit Orten, die durch soziokulturelle Praktiken, technischen Fortschritt oder industrielle Prozesse geformt werden oder infolge politischer oder wirtschaftlicher Abhängigkeiten entstehen. Diese Orte fallen nicht in den klassischen Aufgabenbereich der Landschaftsarchitektur, sind aber sehr reale und besondere Orte, die einen globalen Alltag beeinflussen und, so die These, narrativ begleiten. 

Die intensive Beschäftigung überOrte wird eingeleitet durch eine theoretisch-analytische Auseinandersetzung mit spezifischen Texten zum Narrativ der Landschaft - u.a. mit Marc Augés Begriff der Nicht-Orte, Christophe Girots Entstehungsgeschichten von Landschaften, zu den Begriffen Landschaftswahrnehmung und Kulturlandschaft u.a. mit Peter Latz, Dieter Kienast, Martin Prominski – und wird in der Betrachtung von Texten wie Alessandra Pontes Abhandlung zu Atomtestgeländen in den USA, „Desert Testing“, weiter detailliert.  

„Toxische Landschaften“ bzw. „radioaktive Landschaften“ mit mehreren Jahrtausenden Halbwertszeit werden eines der Themenfelder innerhalb der phänomenologischen Betrachtung sein. Diese beinhaltet gleichermaßen die Auseinandersetzung mit Endlagern radioaktiver Abfälle, d.h. mit Landschaften, in denen große Radioaktivitätsmengen an definierten Orten umfasst werden.

Beispiele für weitere Phänomene, die uns im Seminar auf landschaftsästhetischer Ebene interessieren, sind Server Farmen von Firmen wie Google, Facebook oder Apple an kühlen Standorten in Skandinavien; Flugzeugfriedhöfe auf weiten, preislich günstigen Flächen mit möglichst wenig Niederschlag und warmen trockenen Temperaturen, auf denen Flugzeuge abgestellt, ausgeschlachtet oder weiter verwertet werden; die bis zu 15m hohen Scherbenberge in der israelischen Negev-Wüste, die zum Zwecke des Glasrecyclings zwischengelagert werden – wegen des Rohstoffes Sand als Grundbestandteil von Glas in der Wüste - und die der Fotograf Oded Balilty in wunderbaren Bildern eingefangen hat;, oder die frühere Kalksteinmine im Ort Boyers in Pennsylvania, wo in über 60m Tiefe Bill Gates ehemalige Corbis images and motion collection, heute Getty Images, gelagert ist. 

Das Seminar versucht, in einer theoretisch-abstrakten Reflexion auf diese Orte einzugehen. Die Suche nach dem Narrativ der Orte wird ergänzt durch grundlegende gestalterische Fragen. Wie kann auf Orte verwiesen werden, an denen es Gefahren gibt, die nicht sichtbar sind? Wie wird der Abdruck durch riesige Rechenzentren und Daten- und Energieströme in der Landschaft spürbar? 

Die Aufgabe wird es sein, neben der einleitenden Zusammenfassung und Präsentation der ausgegebenen Literatur textliche und graphische Essays zu den phämomenologischen Betrachtungen zu erstellen, die wir vorab in der Gruppe diskutieren und auswählen. Ziel ist eine kartographische Sammlung von Phänomenen, die sich unter vergleichbaren Kriterien betrachten lassen, und – auf programmatischer Ebene - eine erste skizzenhafte Überlegung zu Szenarien für die Orte. 

Das Seminar findet freitags von 10 Uhr bis 13h30 in der Hafeka im Raum 0103 statt. Es richtet sich an MA  und BA Studierende in höheren Semestern. Das Seminar arbeitet transdisziplinär, im landschaftlichen Maßstab, und steht offen für alle Studierenden der Fachrichtungen A, S, L. Sehr gute Deutschkenntnisse sind für die Literaturarbeit erforderlich. 

Teil der Abgabeleistung ist die Erarbeitung einer gemeinsamen Abschlussdokumentation und die Organisation einer gemeinsamen Abschlusskonferenz mit Gästen, um die Ergebnisse zu diskutieren. 

Das erste Treffen findet am Freitag 13.4. um 10 Uhr statt. Maßgeblich für die Anmeldung ist nicht der Eintrag im Hispos, sondern eine verbindliche Mail zur Anmeldung bis 12.4. an c.baumgartner@asl.uni-kassel.de und die Anwesenheit beim ersten Treffen.

#exkursionOSLO (14.-19.Mai 2018)

In Oslo sind in den letzten Jahren in den neuen Stadtentwicklungsgebieten wegweisende Quartiere mit hochwertigen Gebäuden und Freiräumen entstanden. Prägend für die Stadtentwicklung ist die Lage am Wasser.

In den 1990er Jahren entstand auf der Fjordseite Oslos mit dem Umbau ehemaliger Werfthallen auf dem Gelände der stillgelegten Aker-Werft in das Einkaufs-, Finanz-, Büro- und Freizeitzentrum Aker Brygge eine attraktive Schauseite zu Fjord und Landschaft. Diese Öffnung hin zum Fjord bzw. der ehemals industriellen Rückseite der Stadt wird in den Stadtteilen Bjørvika (mit der neuen Nationaloper), Tjuvholmen und Vestbanen (mit dem Nationalen Museum für Kunst, Architektur und Design) fortgeführt.

In unserer Exkursion werden wir uns auf städtebaulicher, architektonischer und freiraumplanerischer Ebene mit dem Potential der Stadtentwicklung am Wasseund den strukturellen, funktionalen und ästhetischen Veränderungen durch die Revitalisierung der Wasserlagen am Fjord und an den Flüssen auseinandersetzen. 

Highlights auf unserer Reise werden das im Jahr 2008 eröffnete Neue Opernhaus (Snøhetta) sein, das wichtige Impulse für die Stadtentwicklung gesetzt hat, die Stadtviertel Bjørvika, Tjuvholem und Vestbanen, das Aker Brygge Restaurant (MAPT, 2011), der Vigelandsparken (Gustav Vigeland), das ehemalige Containerhafengelände Sørenga, die Akershus Festung, das Stadthaus Oslo (Arnstein Arneberg / Magnus Poulsson, 1931-50), die Skischanze Holmenkollen (JDS Architects, 2008-10) sowie ein Besuch der NMBU Norwegian University of Life Sciences, Erasmus Partner-Universität der Universität Kassel

Das Pflichtprogramm der Exkursion findet von Dienstag, 15.Mai bis Freitag 18.Mai statt, individuelle An- und Abreise am 14. und 19.Mai.

Die Exkursion ist offen für alle BA- und MA-Studierende der Fachrichtungen A,S,L.


WS 2017/18

#überORTE Grenzfluss / Bachelor-und Masterprojekt

Flüsse trennen und verbinden gleichermaßen. Als naturräumliche Barriere bilden sie oft die Grundlage für politische Grenzen; für Siedlungsorte waren sie gleichsam konstituierend, wie herausfordernd; als aquatisches System lassen sie sich nur übergreifend zu anthropogenen Grenzziehungen oder Verwaltungseinheiten erfassen. 

An der Neiße Grenze zwischen Deutschland und Polen überlagern sich vielschichtige Gemengelagen. In der grundsätzlich strukturschwachen Region mit Schrumpfungsphänomenen finden sich Tagebau-Folgelandschaften, sowie aktuelle und geplante Bergbauvorhaben beiderseits der Grenze. Für Fragen des Hochwasserschutzes gibt es in der Region historische Vorbilder und aktuelle Projekte. Der grenzüberschreitende Umgang mit dem gemeinsamen Flussraum stellt sich insbesondere in der Doppelstadt Guben-Gubin, ursprünglich eine Stadt an beiden Ufern. 

Das überORTE Studio wird sich in diese komplexe Situation einarbeiten, um programmatische, projektive und prozessuale Vorschläge machen zu können.  Dies berührt freiraumplanerische, städtebauliche und architektonische Aspekte. Für zu erwartende wasserbauliche Fragen wird das Studio vom FG Wasserbau und Wasserwirtschaft Prof. Theobald unterstützt.

Das Studio arbeitet transdisziplinär und richtet sich an Studierende der Fachrichtungen A, S, L. Zielgruppe sind MA und BA Studierende in höheren Semestern. 

Für MA Studierende in L ist mit einer zusätzlichen Vertiefungsleistung die Belegung eines Profilprojektes möglich. 

Das Studio findet wöchentlich donnerstags um 14Uhr im K10, Raum 2110, statt. 
Die Einführung erfolgt am 19.10.2017 um 14Uhr. 

#modell versuchs labor 2.0 / Kompaktseminar

Gegenstand des #modell versuchs labors ist die experimentelle Auseinandersetzung mit Atmosphäre und Material in einem mehrstufigen Übersetzungsprozess zwischen Bild und Modell. 

Die Studierenden erüben das gezielte Experimentieren als Methode, welche sich anlehnt an die ‚methode bricolage‘ des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss und an das Prinzip des forschenden Entwerfens

Ausgehend von einer selbstgewählten atmosphärischen Darstellung wird mit Hilfe einer in alle Richtungen offenen Materialpalette nach dreidimensionalen Analogien im Modell gesucht. Die Arbeit am Modell ist ein Experimentieren mit Formfindungsprozessen und eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Materials, ohne Einschränkung durch Typologie, Programm, Maßstab oder Funktion. Der Entstehungsprozess selbst steht im Vordergrund der Betrachtung. Durch die Entwicklung eines Versuchsaufbaus werden Reproduzierbarkeit, Präzision und Kontrolle in den Prozess eingeführt. 
Ziel ist eine Serie von Modellen, deren Entstehung im Arbeitsprozess fortlaufend dokumentiert wird sowie eine selbstständige Bildwelt, die zur Weiterentwicklung anregt. Modelle und Bilder werden Teil einer Ausstellung und in einer gemeinsamen Abschlussdokumentation zusammengefasst.

Vorsicht: Die Teilnahme kann zu nachhaltigen Veränderungen der eigenen ästhetischen Präferenzen führen. 

Das Versuchslabor 2.0 findet vom Montag 6. bis Freitag 10.11.2017 in der Modellbauwerkstatt Brandthaus statt und richtet sich an A,S,L Studierende des BA und MA. Ein kleines Abendprogramm mit Filmen begleitet das Labor. 

In einem Vortreffen am Donnerstag 19.10.2017 werden um 19 Uhr (Hafeka, Raum 2105) die atmosphärischen Darstellungen und Ideen zur Materialwahl besprochen.


SS 2017

#superluogoMARCHE / Bachelor-und Masterprojekt

Zu den räumlich-gesellschaftlichen Phänomenen unserer Zeit gehört die Gleichzeitigkeit und Benachbarung völlig konträrer Entwicklungen. Wachstum und Schrumpfung, Prosperität und existenzielle Fragestellungen finden sich auf engstem Raum.

In der italienischen Region Marken ließ sich schon in vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung beobachten, die für touristische Regionen Europas nicht ungewöhnlich ist: Der direkte Küstenstreifen funktioniert seit Jahrzehnten als Anziehungsort für Urlauber, während das Hinterland eine zunehmende Entleerung mit klassischen Schrumpfungsprozessen erlebt.

Derartige Veränderungen erfolgen üblicherweise schleichend. Sie werden im speziellen Fall von einem aktuellen Katalysator in den Fokus gerückt. In den letzten Jahren haben mehrere Erdbeben die Region erschüttert und dabei die Existenzgrundlage ganzer Landstriche in den Bergen zerstört. Betroffene Bürgermeister beschreiben die Situation als „Stunde Null“. Der Wiederaufbau der in Teilen bis zu 80% zerstörten Bausubstanz wird mindestens ein Jahrzehnt erfordern.

Die strukturellen Probleme der Region werfen im Vorfeld einer Rekonstruktion zunächst grundsätzliche Fragen auf. Das Studio #superluogoMARCHE soll diesen programmatischen Fragen nachgehen und Entwicklungsoptionen aufzeigen. Über demographische und ökonomische Fragestellungen hinaus, geht es um eine tragfähige räumlich- gesellschaftliche Grundausrichtung; wenn man so will um den Entwurf einer Landschaft.

Die Betrachtung der benachbarten Ortschaften Ussita, Visso und Muggia liegt eingebettet in einen starken naturräumlichen Kontext und in das strukturelle regionale Gefüge, welches von den Bergen bis zum Meer reicht. Das Hinterland zeichnet sich durch ein reiches historisches Erbe aus. An der Adria sind die Küstenstädte zu einer urbanen Megastruktur, als „super-adriatic-city“ verwachsen. Dort befinden sich neben den Phänomenen der Tourismusindustrie auch erfolgreiche produzierende Unternehmen.

Begleitend zum Studio findet ein Seminar zum Thema eurovisionLandschaft Entwerfen und in der Exkursionswoche eine Fahrt in die Region Marken statt. Teil der Exkursion wird auch Workshop in einem Coworking-space in Civitanova Marche sein. Die Teilnahme an Exkursion und Workshop wird empfohlen.

Das Projekt im Fachgebiet Landschaftsästhetik im Entwurf wird unterstützt durch Partner: u.a. Fachgebiet Tragkonstruktion (Prof. Manfred Grohmann); Stefano Cammareri (Bollinger+Grohmann Ingegneria S.r.l. Roma); Paolo Fortuna (architetto del paesaggio, Civitanova); Kay Strasser (Architekt, Wien;ehem. architecture for humanity); Bürgermeister Gemeinde Ussita.

Die Aufgabe besteht zunächst darin, ein Verständnis für die lokalen Problemstellung zu entwickeln, daraus eine mögliche Zukunft für die Region zu skizzieren, und schließlich diese Ideen in einen räumlichen Entwurf für konkrete Maßnahmen, die eine Entwicklung anstoßen können, zu übersetzen.Die Bearbeitung erfolgt in Arbeitsgruppen von bis zu 3 Personen. Auf die theoretisch, ästhetisch- planerischen Überlegungen im Sommer 2017 sollen im kommenden Jahr 2018 Summerschools und Workshops vor Ort folgen.

Das Studio arbeitet transdisziplinär und richtet sich an Studierende der Fachrichtungen A, S, L. Zielgruppe sind MA, PRO_2.3_01 und BA PRO-1.3-01 in höheren Semestern.  

Das Studio findet wöchentlich am Donnerstag im K10, Raum 2110 ab 14 Uhr statt.

#eurovisionLANDSCHAFT / Projektseminar

Die naturräumliche Vielfalt des Kontinents und seine intensive und kleinräumige kulturelle Gliederung bildet eine Grundlage für die Gliederung Europas in ein äußerst abwechslungsreiches Gefüge territorialer Einheiten. Eigenständigkeit und Identität entstehen dabei gleichsam aus landschaftlich, räumlichen Parametern wie sozialen bzw. kulturellen Praktiken. 

In Europa schien über Jahrzehnte ein immer weiter fortschreitendes Zusammenwachsen von Märkten, Währungen und gesellschaftlichen Strömungen unumkehrbar und nur eine gemeinsame Zukunft vorstellbar. Aktuelle politische Entwicklungen lassen in dieser vermeintlich urban globalisierten Gemeinschaft massive Tendenzen nicht nur einer Re-Nationalisierung und teilweise emotionalen Entfremdung mit dieser Situation erkennen, sie zeigen auch gravierende Unterschiede und Konfliktpotentiale zwischen den digitalisierten Stadtgesellschaften und ländlich geprägten Lebensstilen auf. Dabei verweisen nicht nur Post-Wachstums Modelle auf die Potenziale von nachhaltigen Daseinsstrategien durch eine stärkere regionale Rückverankerung von Energie- und Finanz- oder Stoffkreisläufen. Gerade die digitale Boheme hat in den Städten genuin ländliche Praktiken der Nahmobilität, des Sharing oder des Selbermachens implementiert. Allmenden oder Genossenschaften nähren vermehrt ein urbanes Selbstverständnis.

Übergeordnete Bezüge des täglichen Lebens werden zunehmend von globalen Wirkmechanismen bestimmt. Globale Muster durchdringen, unterstützt von fortschreitender Digitalisierung, ebenso unsere urbanen Alltagspraktiken und damit auch die Ebene des konkret Lokalen.

Das Seminar unterstellt als These, dass der Reichtum an vielgestaltigen regionalen Bezügen eine wertvolle und ureigen europäische Basis ist, um räumliche Entwurfsansätze im landschaftlichen Maßstab spezifisch zu unterstützen. Das seminaristische Ideenstudio soll diese These mit Recherchen, Fallbeispielen, und gedanklichen Exkursen untersuchen. Der regionale Maßstab wird auf seine entwurflichen Potenziale hin befragt. Im Zuge des Seminars werden aktuelle Tendenzen des europäischen Landschaftsbegriffs exemplarisch erörtert.

Ziel ist es, eine Sammlung von Wirkungsmechanismen, historische Bezüge und funktionale Abhängigkeiten aufzudecken, die für ein entwurfliches Agieren im regionalen Maßstab hilfreich sein können. Die Ergebnisse werden in einer gemeinsamen Schlussdokumentation zusammengetragen.

Das Seminar findet Freitags von 10 Uhr bis 13h30 in der Hafeka im Raum 0103 statt. Es richtet sich an MA  und BA Studierende in höheren Semestern. Das Seminar arbeitet transdisziplinär, im landschaftlichen Maßstab, und steht für alle Studierenden der Fachrichtungen A, S, L.

#exkursionMARKEN (13.-21.Mai 2017)

Am Querschnitt durch die Region Marken lässt sich zwischen Adria und Apennin ein für Tourismusregionen spezifisches Phänomen erkennen. 
Der Küstenstreifen zieht seit Jahrzehnten erfolgreich Besucher an, die Orte am Wasser sind zu einer urbanen Großstruktur zusammengewachsen. Im direkten Hinterland produzieren erfolgreiche Unternehmen, während sich bis zum Fuß der Berge eine kleinteilige Kulturlandschaft mit reichem historischen Erbe erstreckt. 

Dem gegenüber stehen in der Bergregion Ortschaften mit Schrumpfungsproblemen aber naturräumichen Attraktionen, wie dem Nationalpark ‚Monte Sibillini‘. Diese strukturellen Probleme werden im Fall von Civitanova Marche an der Adria und den Orten Muccia, Ussita und Visso im Hinterland überlagert von aktuellen Zerstörung durch die Erdbeben 2016, die ein Teilen 80% der Bausubstanz zerstört haben. 

Die Exkursion der Universität Kassel, Fachgebiet Landschaftsästhetik im Entwurf erkundet die Aspekte dieser räumlich- gesellschaftlichen Situation vor Ort als Basis des Entwurfs-projekts #superluogoMARCHE. Neben dem Transekt vom Apennin zur Adria werden auf der Route herausragende Beispiele der italienischen Garten- und Baukunst besucht.

Ein kleiner Einstig in die umfassende Kultur von ‚bella Italia‘.


WS 2016/17

#überDECKUNG / Bachelor- und Masterprojekt

Die zwei ökonomisch sehr erfolgreichen Städte Böblingen und Sindelfingen bilden mit dem Mercedes Benz Werk sowie weiteren Industriebetrieben auf der Landkarte eine Art Kleeblatt, welches von der Autobahn A81 mittig geteilt wird. Der notwendige Ausbau von vier auf sechs Spuren macht im Stadtbereich umfangreiche Schallschutzmaßnahmen erforderlich. Auf einer Länge von 850 m soll die Autobahn ganz überdeckt werden. Der dadurch entstehende Freiraum ermöglicht erstmals eine Verknüpfung der beiden Nachbarstädte. Die Maßnahme wird in der Bevölkerung derzeit kontrovers aufgenommen. 

Erwartet werden deshalb stadtstrategische Konzepte, deren Strahlkraft eine positive Interpretation als urbaner Möglichkeitsraum zwischen den Städten eröffnet. Eine gleichsam visionäre wie angemessene Entwicklung eines programmatischen Ansatzes soll gefunden und in einem Entwurf räumlich wie atmosphärisch umgesetzt werden. Ziel ist die Schaffung eines prägnanten Ortes, der sich überzeugend in das Gefüge öffentlicher Räume der beiden Städte einbringt.

Die Transformation von infrastrukturell bedingten Raumgefügen zu öffentlichen und aktiven Stadtbausteinen ist eine Aufgabenstellung, die sich Landschaftsarchitekten in dynamischen Metropolregionen häufig stellt. Flächenressourcen werden zunehmend knapper und damit zu kostbar, um sie intensiveren Nutzung vorzuenthalten. Die qualitative Entwicklung solcher Orte bedarf einer ausgewogenen Balance zwischen Integration und Differenz.

Die Studierenden lernen am konkreten Ort und anhand komplexer Gemengelagen mögliche Zukünfte vorzuschlagen, die einen gesellschaftlichen Diskurs anregen (Konzept und Vision). Gerade für urbane Freiräume stellt das Programm einen wesentlichen Entwurfsgegenstand dar. Diese Ebene öffnet in realen Planungssituationen eine entscheidende Teilhabeoption für die Zivilgesellschaft, politische Entscheidungsträger oder lokale Akteure. Im Rahmen des aggregierenden Studios wird dieses koordinierende Moment mit einer diversifizierten Behandlung von Teilaspekten durch Einzelne und der Rückkopplung in der Gruppe angesprochen (Partizipation und Prozess).

Im Rahmen der Aufgabe geht es darum, Besonderheiten des Ortes zu erkennen und als identifikatorisches Potenzial für den Entwurf nutzbar zu erschließen (Kontext, Lesen von Stadtlandschaft). Der Gestalt gebende Findungsprozess für prägnante urbane Freiräume erfolgt am Arbeitsmodell. Vorgeschlagene Maßnahmen und Materialitäten sind angemessen zu wählen sowie als konkret konstruktiver Beitrag einer nachhaltigen Stadtkultur auszuformulieren.

#modell versuchs labor / Kompaktseminar

Das Reisen das ist mal was Nützliches.
Da kriegt die Fantasie zu tun.
Alles andere bringt nichts als Enttäuschungen und Mühsal.
Unsere Reise hier findet ganz und gar in der Phantasie statt.
Das ist ihre Stärke. …“

aus: La Grande Bellezza, Paolo Sorrentino, 2013

im Original aus: Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht“, 1932

Den Ausgangspunkt der Reise stellen unterschiedliche Materialien. Den Weg bilden experimentelle Findungsprozesse. Die Reisenden lassen sich auf eine Auseinandersetzung mit den spezifischen Möglichkeiten der Materialien ein. Die üblichen Einschränkungen von Typologie, Programm oder Funktion bleiben zu Hause. Ein Maßstab kann bei Bedarf zum Ende der Reise eingeführt werden. Die Reduktion ist für eine Woche ein erklärter Feind.

Prozesse zum ge- ver- missbrauch der gestellten und erweiterbaren Materialien werden in spielerisch lustvoller Weise ausgelotet.

Jeder Teilnehmer entwickelt einen eigenen Versuchsaufbau mit dem er bekannte Grenzen verschiebt. Als Ziele kommen neuartige Raumkonfigurationen, unentdeckte Atmosphären oder ungewöhnliche Ästhetiken in Betracht.

Das unmittelbare Ergebnis der Anordnungen wird in einem einheitlichen Rahmen Teil einer kleinen Ausstellung. Eine fotografische Dokumentation begleitet die Reise. Der Exkursionsbericht wird im Nachgang von den Teilnehmendenzusammengestellt.  Ein Abendprogramm begleitet den Anfang der Reise.

Eine Transformation der gefundenen Ansätze in der eigenen Entwurfsarbeit bietet sich an, steht jedoch nicht im Vordergrund. Die Studierenden erüben ein gezieltes Experimentieren als Methode, welches sich anlehnt an die ‚methode bricolage‘ (Claude Lévi-Strauss) und dem Prinzip des forschenden Entwerfens. Gemeinsames Ziel ist eine selbstständige Bildwelt, die zur Weiterentwicklung anregt.

Vorsicht: Die Teilnahme kann zu nachhaltigen Veränderungen der eigenen ästhetischen Präferenzen führen.

Die Reise findet vom 7. bis 11.11.2016 ganztägig statt.

Packliste: Werkzeug, Arbeitskleidung, Skizzenpapier, Fotoapparate.

Die Modelle Experimente erfolgen analog.

Das Versuchslabor richtet sich an Studierende des BA und MA gleichermaßen.

In einem Vortreffen am 28.10.2016 werden die Materialien besprochen. Eigene Präferenzen können als Vorschlag mitgebracht werden.

Eine unvollständige Liste beginnt mit: Gips, Wachs, Stahlwolle, Farbe, Draht, Pigment, Perücke, Sand, Beton, Nylonschnur, Papierzellstoff, Silikon, Wolle, Hasendraht, Algen, Bauschaum, Zuckerwatte, Ytong…fortzusetzen.