Stadterneuerung und Festivalisierung | Tagung am 10. und 11. Juni 2010

Festivals zu veranstalten, ist stadtpolitisch en vogue. Gerade hat Rio de Janeiro Anfang Oktober 2009 den Zuschlag zur Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2016 bekommen. Rio de Janeiro, eine Stadt mit massiven stadtentwicklungspolitischen Herausforderungen, ergreift die Chance, internationale Aufmerksamkeit zu genießen und Mitspielerin im internationalen Städtewettbewerb zu werden – und vielleicht gegenüber São Paulo national Stärke zu demonstrieren. Durch Rios Nominierung flammt wieder einmal die Frage auf, welche Bedeutung Großereignisse wie die Spiele für die Stadtentwicklung in ihrer Vorbreitung, Durchführung und ihren Folgen insgesamt haben.

Nun ist es allerdings nicht sogleich die Ausrichtung von Olympischen Spielen, die so manch einen Stadtvater in hiesigen Landen in erster Linie begeistert und bewegt. Zu derartigen stadtentwicklungspolitischen „Ideen" gehören weitere Großereignisse wie Kulturhauptstadtbewerbungen auf europäischer oder Bewerbungen um Bundesgartenschauen auf bundesdeutscher Ebene. Dass es Stadtpolitikern erst einmal gar nicht so sehr um das Festival an sich geht, sondern das Festival als strategisches Instrument der Stadtpolitik eingesetzt wird, ist kein großes Geheimnis mehr: In Zeiten des Strukturwandels hin zur tertiären Ökonomie hat sich der Zusammenhang zwischen Großereignissen und Stadtentwicklung vertieft, und Festivalisierung wird derzeit systematischer als vor einigen Jahrzehnten als Instrument der Stadtpolitik eingesetzt. Seit Walter Siebel 1992 in der Wochenzeitung Die Zeit das Phänomen auf den Begriff „Festivalisierung der Politik" brachte, ist das Phänomen fast durchgängig Gegenstand von Stadtforschung und Planungstheorie geblieben.

Geht es allerdings heute mehr denn je um Ressourcenschonung, die Verwendung knapper Haushaltmittel und die Frage, wie die Weiterentwicklung vorhandener baulicher, städtebaulicher, sozialer und ökonomischer Strukturen vor diesem Hintergrund qualitativ gestaltet werden kann, wird deutlich, dass die Veranstaltung von Großereignissen aus der Perspektive von Stadterneuerung und Stadterneuerungspolitik unterbelichtet ist. Wo Festivals als strategisches Instrument der Stadtpolitik nicht mehr wegzudenken sind, geht es um eine qualitative Verbesserung der Integration von Festivals nicht nur in den stadtpolitischen Alltag, sondern auch um die strategische Nutzung von Festivals für die Pflege und Weiterentwicklung des gesamten städtebaulichen Bestands. Dabei muss eine nachhaltige Aufrechterhaltung seiner Qualitäten für sämtliche Nutzer und Nutzerinnen das Ziel sein.

Hierzu werden zwar Fragen der Nachnutzung von in Anspruch genommenen Flächen und errichteten Bauten seit neustem des Öfteren zum Thema gemacht. Denn diese muss gesichert sein - ansonsten wird der Zuschlag für ein Großereignis gar nicht erst erteilt und die damit verbundenen Fördermittel fließen nicht. Aber inwiefern ist das ein erstes Anzeichen dafür, dass sich eine neue Qualität von Festivalstrategien durchsetzt und inwiefern tragen Großereignisse zur Stadterneuerung bei? Inwiefern haben sich die Qualitäts- und Erfolgskriterien im Verlauf der letzten Jahrzehnte verändert? Inwiefern halten Festivals ihr „Versprechen", einerseits das städtische Wachstum zu stärken, andererseits aber auch bezüglich der ureigenen Aufgaben der Stadterneuerung, städtebauliche Missstände zu beseitigen, die Bausubstanz zu erhalten und die Stadtteile in ihren Funktionen zu stärken einen Beitrag zu leisten?

Tendenziell werden Festivals von der Politik geliebt und von der Stadtforschung aufgrund ihrer sozialräumlichen „Nebenwirkungen" kritisch beäugt. Noch heute ist offen, wie berechtigt Zweifel an der „Politik der Festivalisierung" und der „Festivalisierung der Politik" sind. Denn in der Forschung sind noch viele Fragen offen, die sich nicht nur auf die Folgewirkungen beziehen, sondern bereits auf den Prozess von Vorbereitung und Durchführung eines Großereignisses. Drei thematische Schwerpunkte wurden auf der Tagung beleuchtet und nicht zuletzt auch an den Großereignissen und Festivals mit explizitem Stadterneuerungsbezug wie etwa den Internationalen Bauausstellungen näher untersucht:

  • Diskursiver und planerischer Prozess bis zum Festival aus politischer, städtebaulicher, sozialer Sicht – Debatte um Rahmenbedingungen und Ressourcen für ein gesamtstädtisch „erfolgreiches" Großereignis (Vorbereitungsphase)
  • Stadtpolitische und planerische Herausforderungen bei der Durchführung von Festivals (Durchführungsphase)
  • Folgen von Festivals: Nach-/Umnutzung, zurück zum Alltagsgeschäft (Nachbereitung und Effekte)

Der Arbeitskreis Stadterneuerung hat sich 1989 gegründet und ist vor allem durch sein seit 1990 jährlich herausgegebenes Jahrbuch Stadterneuerung bekannt. Dieses Jahrbuch behandelt in jeder Ausgabe einen Themenschwerpunkt. Die Tagung „Stadterneuerung und Festivalisierung" im Juni 2010 bot die Gelegenheit, Beiträge aus der Wissenschaft zum genannten Themenfeld zu diskutieren und anschließend im Jahrbuch Stadterneuerung 2011 zu veröffentlichen.


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