Ehemaliges Polizeipräsidium Kassel

Mahn- und Erinnerungsort an die Geheime Staatspolizei in Kassel

Bild: Philipp Oswalt
Ehemaliges Polizeipräsidium, der Gefängnisflügel rechts im Bild (Foto: Philipp Oswalt)

Von dem documenta-Mythos verdeckt, hat sich die Stadt Kassel in der Vergangenheit oft nur zögerlich und widerspenstig ihrer NS-Geschichte gewidmet. Aber auch die Erinnerung an rechtsterroristische Anschläge und der Umgang mit rassistischen und antisemitischen Vorgängen war und ist immer wieder ungenügend.

 

Das frühere Polizeipräsidium am Königstor war einst sitzt der Kasseler Gestapo-Stelle, welche für die zwei Millionen Einwohner Nordhessens zuständig war. Während in anderen Städten wie Köln, Stuttgart oder Halle für solche Orte eigene Institutionen gegründet wurden, die sich der historische und politische Bildung widmen, gab es in Kassel bereits gegen die Anbringung einer kleinen Gedenktafel in den 1990er jahrelang massiven Widerstand. Nach 25 Jahren provisorischen Nutzungen wird das Kasseler Gebäude demnächst frei werden. Es steht unter Denkmalschutz und befindet sich in Landesbesitzt. Was soll nun damit passieren? Das Land Hessen bereitet eine Entwicklung und Verwertung der Immobilie vor.

 

Im Rahmen einer Lehrveranstaltung unseres Fachgebiets Architekturtheorie und Entwerfen zu Denkmalkontroversen in Kassel im SoSe 2021 entstand die Bachelorarbeit von Til, Skrupin, der erstmals eine Vorschlag von einem Gedenk- und Lernort im Gebäude am Königstor aufzeigte. Die Zukunft des Gebäudes war dann auch Thema beim dreitägigen öffentlichen Symposion im Oktober 2021 zum Abschluss der Lehrveranstaltung.

 

Im Sommer 2023 haben sich auf Initiative von Philipp Oswalt zahlreiche Akteure der Stadtgesellschaft zusammengetan und mit einem Brief an das Land Hessen gewandt, um die Schaffung eines Erinnerungsortes einzufordern.

 

Offener Brief an Kultusministerin Angela Dorn und Finanzminister Michael Boddenberg

 

Die Politik zeigte sich dem Anliegen gegenüber wenig aufgeschlossen. Im September gründete sich daher die "Initiative Gedenkort Polizeipräsidium Königstor“, um längerfristig dem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Bald darauf ließ sich die Initiative als gemeinnütziger Verein eintragen und wurde Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Hessen.

 

Seit Herbst 2023 bietet das Fachgebiet jedes Semester Lehrveranstaltungen zum Gedenken an den Nationalsozialismus und rechtsradikale Gewalt in Nordhessen an, die neben umfangreichen Recherchen auch eine Beschäftigung mit heutigen Gedenkkulturen umfasste, wozu auch mehrere Exkursionen zu Erinnerungsprojekte und –initiativen in anderen Städten gehörten. Die Arbeit ist  interdisziplinär und bezieht Studierende der Architektur, der Stadtplanung, der Kunstwissenschaft, der Bildenden Kunst und der Visuellen Kommunikation mit ein. Die Arbeit mündete u.a. in der Entwicklung des ORBIT -offener Raum für Begegnung, Intervention, Treffen. Dieser wurde in der leerstehenden Tankstelle neben dem Polizeipräsidium gegründet, die inzwischen auch von der Initiative angemietet wurde. Seitdem realisieren Initiative und Fachgebiet hier zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen, oft mit anderen Partner, wie etwa Jüdische Gemeinde Kassel, Staatstheater Kassel, Volkshochschule Kassel, Freunde des jüdischen Lebens Werra-Meissner-Kreis u.v.m.

 

Website der Initiative: https://gedenkort-koenigstor.de/