Wer entwickelt die Stadt? Akteure, Strategien, Strukturen, Partnerschaften - Lokale Governance in historischer Perspektive

Am 7. und 8. Dezember 2007 veranstalteten das Fachgebiet Stadterneuerung / Stadtumbau am Fachbereich Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung der Universität Kassel und der Arbeitskreis Planungsgeschichte in der GSU - Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung in Kassel eine Tagung zum Thema „Wer entwickelt die Stadt? Akteure, Strategien, Strukturen, Partnerschaften – Lokale Governance in historischer Perspektive". Die Resultate der Tagung wurden in einer Buchveröffentlichung zusammengefasst: Uwe Altrock / Grischa Bertram (Hrsg.) (2012): Wer entwickelt die Stadt? Geschichte und Gegenwart lokaler Governance. Bielefeld

Projektlaufzeit: Mai 2007 bis Dezember 2008
Tagung gefördert durch die Fritz-Thyssen-Stiftung
Projektmitarbeit: Prof. Dr. Uwe Altrock, Dr. Friedhelm Fischer, Dipl.-Ing. Grischa Bertram

Hintergrund

Es scheint derzeit weitgehend Konsens darüber zu herrschen, dass in Europa eine Phase sozialstaatlicher, etatistischer Regulation zu Ende gegangen sei, in der die öffentliche Hand den dominanten Part in der Stadtentwicklung gespielt habe. Neue Akteurskonstellationen bzw. Prozesse und Strukturen der Arbeitsteilung zwischen politisch-administrativem System, privaten Unternehmen und Zivilgesellschaft haben in dieser Sicht zur Entstehung vollkommen neuer Spielregeln geführt, die einseitig den privaten Akteuren nie gekannte Spielräume eröffnet hätte. So etwa ließe sich eine derzeit weit verbreitete Sichtweise in der stadtplanerisch geprägten Stadtforschung charakterisieren: Diese propagiert auf der normativen Seite neben einer Beteiligung nicht-staatlicher Akteure an Stadtentwicklungsprozessen auch die Bildung von (u.a. öffentlich-privaten) Partnerschaften und die Anwendung kommunikativer Planungsmethoden.

Doch in welchem Maße ist diese Sicht des vollkommenen Novums nicht-staatlicher Teilhabe an der Stadtentwicklung zutreffend?

Tatsächlich zeigt ein Blick auf frühere Phasen der Stadtentwicklung, dass private Akteure insbesondere in einer „liberalistisch" geprägten Phase im 19. Jahrhundert eine für heutige Verhältnisse kaum noch vorstellbare Rolle spielten. Sie waren etwa in hohem Maße am Bau von Stadtteilen oder der verkehrlichen und sozialen Infrastruktur beteiligt. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Phase der „modernen Planung" mit ihren spezifischen Strukturen kommunaler (und anderer hoheitlicher) Verfasstheit als zeitlich und räumlich eng begrenztes Phänomen, möglicherweise als ein Zwischenspiel der Gesellschaftsentwicklung. Daraus leitet sich die Frage ab, welche Vorläufer, Entstehungsbedingungen und Entwicklungspfade heutiger „neuer" Governance-Modelle sich im Verhältnis zwischen dem politischadministrativen System, privaten Unternehmen und der Zivilgesellschaft in Deutschland und im europäischen Vergleich identifizieren lassen.

Ziel der durchgeführten Tagung war eine breitere Einordnung der Genese von „Governance"-Strukturen auf der Ebene des lokalen Staats als die derzeit zu beobachtende Konjunktur seiner Verwendung zumeist zulässt. Die folgenden Fragen erscheinen dabei besonders nahe liegend und wurden in der Tagung näher behandelt:

  • Welche Formen der Kooperation zwischen Städten und privaten Unternehmen oder zivilgesellschaftliche Organisationen haben die liberalistische Zeit des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts geprägt?
  • Welche Rolle haben private Akteure bei der Herausbildung sozialstaatlicher Strukturen (etwa seit dem 19. Jahrhundert und insbesondere im frühen 20. Jahrhundert) gespielt?
  • In welchen Feldern der Stadtentwicklungspolitik gab es auch damals etablierte partnerschaftliche Beziehungen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren und wie waren diese organisiert (etwa in der Wirtschaftsförderpolitik usw.)?
  • Wie unterscheiden sich die Entwicklungspfade bei der Herausbildung sozialstaatlicher Strukturen international im Hinblick auf die Rolle und das Verhältnis öffentlicher und privater Leistungserbringer?
  • Welche historischen Vorläufer, Entwicklungsschübe und unterschiedliche Praktiken in Bezug auf Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Akteuren gab es in der Zeit des sozialen Wohlfahrtsstaats vor der großen Privatisierungs-, Deregulierungsund Partnerschaftswelle (die etwa seit dem vierten Viertel des 20. Jahrhunderts anzusetzen ist)?
  • Welche Rolle spielten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bei diesen Kooperationsformen und inwieweit unterscheiden sie sich zu derzeitigen Tendenzen?
  • Welche Unterschiede lassen sich für die Beziehungsentwicklung zwischen lokalem Staat und verschiedenen privaten Akteuren, etwa zwischen Wirtschaftsunternehmen und Zivilgesellschaft, feststellen?
  • Lässt sich darüber hinaus zwischen der Teilhabe unterschiedlicher nicht-staatlicher Personen an der Formulierung von Stadtentwicklungspolitiken und der Kooperation bei der konkreten Umsetzung dieser differenzieren und wie wären solche Unterschiede zu bewerten?
  • Welche historischen Parallelen zu älteren Phasen der Gesellschafts- und Stadtentwicklung lassen sich ausmachen?
  • Bis zu welchem Grad ist die heutige Einordnung der Partnerschaften und deren Beschreibung als veränderte Governance-Formen auf ein verändertes analytisches Verständnis der Aufgaben des lokalen Staats und seiner „Außenbeziehungen" zurückzuführen bzw. wie stark ist dieses Resultat tatsächlicher Veränderungen der lokalen Politik?

Kooperationspartner

Kontakt


Prof. Dr. Uwe Altrock

+49 561 804-3225
altrock​@​asl.​uni-kassel.​de