Blog (in German)

Naja, was heißt hier "Blog". Hier notiere ich alles, was (inhaltlich und sprachlich) auf die anderen Fachgebietsseiten nicht passt. Das meiste, aber sicher nicht alles, mit Bezug zu Studium und Lehre. Nichts Prüfungsrelevantes.

22. Oktober

Semesteranfangsstress! Seit vor acht Tagen, genau zu Vorlesungsbeginn, Esther Duflo zusammen mit Abhijit Banerjee und Michael Kremer den Nobelpreis für Ökonomik erhielt, will ich auf ihren TED-Talk verlinken, den ich als kurzweilig und instruktiv in Erinnerung habe, aber ich komme nicht dazu, ihn mir nochmal in Ruhe anzusehen, daher nun hier, ohne weitere Kommentare, der nackte link. (Wer's unbedingt braucht - hier eine deutsche Übersetzung.)

*) Eine Bezeichnung, an der herumzumäkeln ich langweilig finde; interessant erklärt wird sie hier.

12. Oktober

Diese Geschichte ist etwas lang für nur eine Pointe, aber sie enthält auch eine Buchempfehlung und eine Einsicht, nämlich die, dass die meisten Menschen doch Facetten haben, mit denen man zunächst nicht rechnet.

In Snow White: A Graphic Novel, erschienen 2016, lässt Matt Phelan die Schneewittchen-Geschichte zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in New York spielen. Die Stiefmutter ist immer noch böse, kann allerdings nicht wirklich zaubern, die Zwerge sind sieben, aber keine wirklichen Zwerge, am Ende taucht ein Mr. Prince auf, der keineswegs adlig ist, doch das ist alles sehr stimmig, und das Happy End ist sogar noch anrührender als im Original. Publishers Weekly empfiehlt das für Leser ab 10 Jahren.

Die Entdeckung dieses Buches verdanke ich einem Zufall. Vor dem Besuch eines Konzerts in einer größeren deutschen Stadt, die ich aus Datenschutzgründen nicht nenne, hatte ich eine Stunde Zeit und entschied mich für den Besuch eines Comicladens mit einer großen Abteilung für englische Comics und Graphic Novels im Untergeschoss.

Außer mir sind da unten nur zwei junge Frauen. Die eine ist offenkundig die Verkäuferin, hat schwarz gefärbte Haare und ist dezent gepierct (Oxymoron konzediert). In Ermangelung eines Namens werde ich sie X nennen, oder besser XXX. Die andere arbeitet entweder auch im Laden, oder sie ist bloß mit XXX befreundet, das wird sich mir nicht erschließen. XXX fragt freundlich, ob sie mir helfen kann, und ich antworte, dass ich mich erstmal umsehe und Bescheid sage, wenn ich eine Frage habe. Später hüte ich mich dann, die beiden zu unterbrechen; in ziemlich unbekümmerter Lautstärke führen sie ein enthusiastisches Fachgespräch über Comics. Sie lieben beide Harley Quinn, interessieren sich offenkundig aber vor allem für Werke, mit deren Zurschaustellung im Regal die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht einverstanden wäre. Ohne selbst Grenzen zu überschreiten kann ich aus diesem Gespräch nur Bruchstücke zitieren - wie etwa "wenn mein Freund das mit mir machen würde, würde ich ihn aus dem Fenster werfen" oder "... und dann wird sie noch vom Wolf gef****". Phasenweise kann ich dem Gespräch nicht recht folgen, weil sich mir die anatomischen Zusammenhänge nicht erschließen.

Nun gut, ich habe mich für Snow White entschieden und gehe zu XXX an die Kasse. "Oh, Snow White", ruft XXX entzückt, "das ist ja sooo schön."

14. April

Diesem "Blog" fehlen wesentliche Funktionen eines üblichen Blogs, man kann ihn nicht abonnieren, teilen oder kommentieren (wenn man davon absieht, dass ich mich natürlich über E-Mails freue). Ein richtiger Blog ist der schöne Literaturblog "Frau Hemingway". Ich traf die Bloggerin auf der Leipziger Buchmesse, das Ergebnis ist dieses Interview.

11. April 2019

Neulich im ICE. Auf der anderen Seite des Ganges sitzen Mutter und Tochter einander gegenüber; die Tochter hat sich um einen Psychologie-Studienplatz beworben, ich weiß nicht, an welcher Hochschule, aber zum Auswahlverfahren gehört ein Gespräch. Die beiden sind entweder auf dem Weg zu diesem Gespräch, oder es steht unmittelbar bevor. Die Mutter deklamiert die ganze Zeit den Text, den die Tochter ihrer Meinung nach abliefern sollte: "Das ist das, was ich schon immer unbedingt machen wollte", so die Mutter, "in der Psychologie gibt es kein Schwarz oder Weiß. Mich interessiert die Kommunikation zwischen Menschen, ich will helfen...." undsoweiter. Dann sagt die Tochter den Text auf und die Mutter wirft ihr vor, dass das aufgesagt wirkt. "Schau mir in die Augen dabei," sagt sie. "Fall nicht so zusammen, so bist du nicht, setz dich gerade hin, du bist selbstbewusst. Und sag nicht 'Ich glaube, dass das was für mich ist'. Ich weiß, dass das mein Traumstudium ist."

Irgendwann darf die Tochter wieder unter ihren Kopfhörer kriechen. Ich wünsche ihr einen Studienplatz, für den sie zu Hause ausziehen muss. Wäre die Mutter mal auf die Zugtoilette gegangen, dann hätte ich der Tochter geraten, den Bullshit zu vergessen, und ihr vielleicht sogar verraten, womit sie wirklich jede akademische Auswahlkommission überzeugt. Das steht irgendwo weiter unten in diesem Blog, ein bisschen Mühe muss man schon aufwenden, um an den Geheimtipp zu kommen.

11. Februar 2019

"Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler" (Philippe Dijan). Wenn Ihnen das auch so geht, dann könnte ich Ihnen was verschreiben, ab heute ist es lieferbar. Kostet 22 Euro, von denen die Krankenkassen leider rein gar nichts erstatten. unibuch in der Gottschalkstraße hat ein paar Exemplare vorrätig, auch diese Buchhandlungen haben es auf jeden Fall, bestellen kann man es überall.

(Wenn Sie vor dem Kauf mal schauen wollen, worum es geht: Hier entlang, bitte.)

P.S.: Am 19.2. kam eine schöne Besprechung im Deutschlandfunk. Am 16.3. dann eine nicht minder schöne in der FAZ (derzeit nicht online, Zusammenfassung im Perlentaucher hier). Am 21.3. zog "Der Freitag" sehr freundlich nach und am 25.5. die taz.

27. Juli 2018

Letzte Nacht saß ich auf dem Balkon und stellte fest: Zum Schreiben braucht man weniger Licht als zum Lesen. Die Wirklichkeit produziert manchmal Gleichnisse, die einfach nicht hinhauen.

11. Mai

Als ich jung war, lebten noch viele Menschen, deren Musikgeschmack in den 20er und 30er Jahren geprägt worden war. Im Fernsehen und im Radio liefen Sendungen mit Hits aus der Jugend dieser Senioren: Wochenend und Sonnenschein, Ich wollt' ich wär' ein Huhn, Ich bin die fesche Lola, Nur nicht aus Liebe weinen - solche Sachen. Damals fragte ich mich manchmal, wie das sein würde, wenn ich alt bin: Hören wir dann immer noch die Musik unserer jungen Jahre: Blood, Sweat and Tears, Janis Joplin oder Ten Years After? Die langen grauen Bärte wippen im Takt, während das Pflegepersonal milde über die musikalischen Antiquitäten spöttelt? Das konnte ich mir damals nicht so recht vorstellen, aber jetzt wurde meinem Vorstellungsvermögen auf die Sprünge geholfen: Eine Bob Dylan Coverband spielt im Altersheim!

12. April

Ein schönes Museum in Berlin, das man leicht übersieht, ist der me Collectors Room: Interessante Wechselausstellungen und als dauerhafter Kern die „Wunderkammer Olbricht“ - Kunst und Kuriositäten im Geiste der barocken Wunderkammern, dazwischen auch Zeitgenössisches, am Auffälligsten zwei Arbeiten von Patricia Piccinini. Die australische Künstlerin macht seltsame Silikon-Plastiken von eigentlich sehr hässlichen Hybrid-Fabelwesen, die aber alle Mitleid und Beschützerinstinkte hervorrufen, das ist sehr interessant. Hier auf der Universitätsseite will ich lieber keine Urheberrechte verletzten und verlinke nur: Dies ist ein erster Eindruck auf YouTube, und dies erhält man bei der Google-Bildersuche.

Eine der Berliner Figuren ist „The Student“. Dieses blasse Wesen hat im Verhältnis zum Rest des Körpers einen zu großen Kopf, schwächlich anmutende Arme und Beine, mit denen es nicht anders als unbeholfen sein kann, eine zerfurchte Stirn, wache Augen, große Ohren und einen prägnanten Rüssel.

Wenn ich es recht bedenke, kenne ich solche Studenten gar nicht. Wo sind die Bücherwürmer, denen man zurufen möchte: „Es gibt noch was anderes als das Studium! Gehen Sie mal raus ins echte Leben, darum geht es doch letztlich in der Ökonomik, lassen Sie sich inspirieren, man kann sich nicht alles durch Lesen erschließen!“ So ein Beratungsgespräch würde ich ja gern mal führen, aber es war noch nie nötig. Stattdessen hoffe ich auf einen Hauch mehr Patricia Piccinini, ein bisschen Bücherstubenblässe, ein paar Falten in der Stirn, mehr Zeichen vom Ringen mit der Lektüre. Aber vielleicht bin ich auch ungerecht und verkenne ich diese Zeichen; gut möglich, dass die Studenten heute andere nonverbale Dialekte sprechen als damals, als Patricia Piccinini (fast mein Jahrgang) und ich studierten.

7. März 2018

Ich wohne in der Nähe einer Schule, an deren Zaun zu Beginn der Abiturprüfungen bemalte Bettlaken mit mehr oder weniger lustigen Motivationssprüchen und Bildchen aufgehängt werden. (Beliebt sind "Du schaffst das", Akrostichons mit den Vornamen, Glücksschweinchen, Sportsymbole und neuerdings Einhörner.)
Diesen Brauch kenne ich aus meiner eigenen Jugend nicht, deshalb finde ich das besonders interessant. In diesem Jahr habe ich sogar verstanden, woher bestimmte Defizite rühren, mit denen einige Abiturienten hier antreten... Das betrifft nicht Möscheel und Babbel, die ein originelles Plakat gestaltet haben - so kreative Studierende wünscht man sich. Nico allerdings...
 

30. November 2017

20. August

Semesterferien und noch immer noch nicht so viel Zeit. Daher muss ich zum Jagen getragen werden; dies schrieb mir meine große Tochter:

Gemeint ist Geldgerinnung, eine Art Wirtschaftskrimi, den ich zusammen mit Johann Graf Lambsdorff geschrieben habe. Informationen zum Buch gibt es hier beim Verlag oder auf unserem (langsam entstehenden) Blog zum Buch

UniBuch in der Gottschalkstraße hat einen ziemlich optimistischen Stapel des Buches auf Vorrat. Support your local business!

16. Juni

Jetzt schon an Weihnachten denken! Unter dem Titel "Affen im Hörsaal" sind im Gemma-Verlag "95 wahnwitzige Uni-Geschichten" erschienen, fünf davon stammen vom Verfasser dieser Zeilen. Das Büchlein kostet schlappe 8,95 €, herausgegeben hat es meine sehr geschätzte Kasseler Kollegin Susanne Bach.

Nachdem ich jetzt zwei Drittel des Bandes durchgelesen habe, fällt mir ein, dass die folgende wahre Geschichte auch gut gepasst hätte:

Zu meinen besseren Professoren an der Universität Hamburg gehört in den 80er Jahren der Finanzwissenschaftler Professor T., der kein großer Schreiber war*), dafür aber ganz kurzweilig vortragen konnte. Es geht nun eines Tages um die Gerechtigkeits- und Anreizprobleme des Ehegattensplittings. "Meine Damen und Herren, ich will Ihnen mal ein Beispiel geben", sagt Professor T, grauharig, hager, rund 60 Jahre alt. "Wenn ich eine Geliebte habe..." Sofort einsetzende Heiterkeit, die auch T. ansteckt. "Das war jetzt vielleicht kein gutes Beispiel", gibt er zu. Jetzt sind wir nicht mehr zu halten: Ungebremstes Lachen. T. wartet ab, bis wir uns beruhigen, schaut uns mit mild-freundlich tadelndem Blick über seine schmale Lesebrille an und stellt fest: "Meine Damen und Herren, Sie unterschätzen mich."

*) Zitat T.: "Wer viel schreibt, kann nicht viel lesen. Ich les' aber lieber."

21. April

Der Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist jetzt, 10 Tage später, vermutlich aufgeklärt. Der Plan des Verhafteten war gewesen, durch das Attentat die Börsenkurse des BVB zum Sinken zu bringen. Da er mit einer Put-Option genau darauf gewettet hatte, hätte ihn das Fallen der Kurse reich gemacht. Die Put-Option garantiert ihm, dass er die Aktien zu einem bestimmten Preis verkaufen kann, und wenn er die Gelegenheit bekommt, sie vorher billiger als für diesen Preis zu kaufen, dann kassiert er die Differenz als Gewinn. Der Spiegel meint: "Der Fall dürfte beispiellos in der deutschen Kriminalgeschichte sein". Mag sein, aber trotzdem nicht überraschend (obwohl: Hinterher hat man's meist vorher gewusst). Jedenfalls nicht ohne Beispiel - in dem letzten Buch, das ich gelesen hatte, spielen zwei (fiktive) Attentate in Pakistan eine Rolle, die zum Kurssturz führen und diejenigen, die von den Attentaten wissen oder sie gar planen, reich machen. Es handelt sich um das spannende Theaterstück "The Invisible Hand" von Ayad Akhtar. Vielleicht hatte sich der Attentäter von Dortmund dadurch inspirieren lassen?

Und die FAZ hatte vor Kurzem über eine keineswegs fiktive Firma mit dem schönen Namen "Gotham City Research" berichtet. Diese Firma wettet ebenfalls auf fallende Kurse (allerdings technisch etwas anders, mit Leerverkäufen), und sie hat natürlich eine Strategie, wie sie die Kurse zum Fallen bringt: Nicht durch Attentate, sondern durch "Research-Berichte", in denen Schwächen des Unternehmens "enthüllt" werden, deren Kurse sinken sollen. Allerdings ist es strafbar, in solchen Berichten zu lügen. Auch das Attentat auf die BVB-Spieler verstößt gegen diverse Gesetze, aber wenn die zweite der drei Bomben besser platziert gewesen wäre, wenn der Schaden also wesentlich höher gewesen wäre und der Kurs der Aktie tatsächlich gesunken wäre - nach welchem Gesetz hätte der Staat eigentlich den Gewinn einkassieren können? Normalerweise würde ich das jetzt meine große Tochter fragen (bzw. die größere der beiden großen), aber leider steckt die mitten im 1. Staatsexamen und darf sich mit viel verzwickteren Fragen befassen. Wer dies bis zum 28.4. liest, bis zum Tag der letzten Klausur, darf Paulina gern die Daumen drücken. Danke!

12. Februar

Vorin auf dem Campus gefunden: Ein Bucstabe. Ic frag mic, wer sowas verliert. Das muss man doc merken.

P.S.

Der Buchhstabe war, wie sichh jetzt (2.3.) hherausstellte, aus Pappe. Der Regen hhat ihhn aufgeweichht, der Wind hhat ihhn in zwei Teile geteilt und ein Stückchhen weitergewehht. Da hhabe ichh ihhn aufgehhoben, mit in mein Büro genommen und auf die Hheizung gelegt. Es gehht ihhm gut.

7. Februar 2017

Weil mir sonst gerade nichts einfällt, hier Nr. 2 der Reihe "Foto und Filmzitat neu kombiniert". Das Zitat ist aus dem Film "Die Überglücklichen", den ich vor drei Wochen im Bali gesehen habe. 

17. Oktober

"Foto und Filmzitat neu kombiniert" - Könnte mal eine Serie werden, dies wäre Folge 1, das Zitat ist von Eva Green als Miss Peregrine in "Die Insel der besonderen Kinder"; schöner Film übrigens, wenn man Tim Burton mag. Das Foto zeigt, glaube ich, eine Abschlussarbeit aus dem Fachbereich Architektur. Leider ist dieses Gebilde, das jahrelang vor meinem Büro nicht zuletzt die akademische Freiheit feierte, zugunsten einer sinnlosen Abstellflächenpflasterung abgerissen worden.

12. September

Ich lese gerade in dem interessanten Buch "On Air", das Rundfunkbeiträge und -interviews von John Maynard Keynes sammelt. Zu Fragen der Makroökonomik äußert er sich darin naturgemäß einfacher und klarer als in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, wofür ich als Nichtspezialist durchaus dankbar bin. In einigen wenigen Kapiteln geht es auch mal um was anderes, zum Beispiel um "Akademiker im Geschäftsleben", zu Lebzeiten von Keynes nicht so selbstverständlich wie heute. Keynes spricht mir wie folgt aus der Seele:

"Meiner Ansicht nach (...) wäre es ein Fehler, wenn die Universitäten sich auf die Berufsausbildung verlegen würden. Ihr Geschäft ist es, den Intellekt und Charakter eines Menschen in einer Weise zu entwickeln, dass er relativ rasch in der Lage ist, die besonderen Einzelheiten jenes Gewerbes zu erfassen, dem er sich anschließend zuwendet. Ich bin überzeugt, dass die spezielle Ausbildung (...) etwas ist, das nur Geschäftsleute Geschäftsleuten beibringen können." (S.161 der deutschen Ausgabe)

Das erinnert mich daran, dass ich bei einer privaten Feier zufällig mal neben dem Leiter des Wertpapierhandels der Dresdner Bank in Luxemburg saß. Der fand es, glaube ich, ziemlich cool, mir zu erzählen, dass Universitätsabsolventen, die bei ihm anfangen, überhaupt nichts von dem können, was sie brauchen. Alles müsse seine Abteilung denen selbst beibringen. Wirklich alles? Ich fragte ihn, warum sie dann Universitätsabsolventen und nicht Schulabgänger einstellen, die seien doch viel billiger. Das fand er so merkwürdig, dass das Gespräch sofort versandete. Aber meine Frage merkwürdig zu finden und zu glauben, dass eine Universitätsausbildung, die keine Berufsvorbereitung ist, wertlos ist, passt nicht zusammen.

Tja, und die Dresdner Bank gibt es nicht mehr.

22. Februar

Die Brotvermehrung ist das einzige der Wunder Jesu, von dem alle vier Evangelien erzählen. Quizfrage: Wieviele Menschen wurden von fünf Broten und zwei Fischen satt?

5000 ist die falsche Antwort. Richtig ist: Man weiß es nicht, denn die Frauen und die Minderjährigen, die an der sogenannten "Speisung der Fünftausend" teilnahmen, wurden nicht gezählt. (Siehe Matthäus 14, 21: "Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.") 

Die eigentlich schwierigere Frage ist, wie Jesus das gemacht hat. Das habe ich kürzlich erst herausgefunden: Sehr wahrscheinlich verwendete er "Jean Luc Baguettes zum Fertigbacken" von Netto. Die hier abgebildete Backanleitung legt das jedenfalls nahe.

14. Februar 2016

Berlinale. Dank netter Leute, die Karten organisieren, gucke ich ab und zu mal einen Film auf der Berlinale, dieses Jahr Indignation, Philip Roth-Verfilmung mit 50er Jahre US-Campus-Flair, sehr zu empfehlen für Leute, die nichts gegen längere Dialoge haben (hat schon einen deutschen Verleih, aber noch keinen Starttermin).
Vor dem Zoo-Palast stehen Teenager und Fotografen am Roten Teppich und warten auf die Stars. Noch keine Spur von Sarah Gadon und Logan Lerman. Die Fotografen vertreiben sich die Zeit mit ihren Superkameras, die Geräusche machen wie Spielzeugmaschinengewehre, und fotografieren sich gegenseitig. Das finde ich seltsam. Wir Professoren zum Beispiel halten ja auch keine Vorlesungen, wenn keine Studenten da sind. Naja, jedenfalls hoffe ich das. Großes Sorry falls ich mich irre.

29. Dezember

Dieses Kärtchen ist ein Andenken an den Besuch des Thalia-Theaters in Hamburg am 22.12., den ich der Begeisterung meiner großen Tochter für den Regisseur Antú Romero Nunes verdanke. Ja, es kam zu Wasser- und Farbspritzern. Keine echte Farbe, sondern Theaterblut, um noch genauer zu sein Theater-Walblut, denn es ging um Moby Dick. Sehr zu empfehlen und irgendwie auch inspirierend, eine Weile lang dachte ich, wie schön es wäre, solche Kärtchen in Vorlesungen und Seminaren auslegen zu können:

"Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, da es vereinzelt zu ..... kommen kann, finden Sie zu Ihrem Schutz ..... auf Ihrem Platz. Wir wünschen eine aufregende Lehrveranstaltung! Ihr Institut für Volkswirtschaftslehre"

Die Lücken, dachte ich, müssten sich doch sinnvoll füllen lassen. Aber nach ein paar Tagen ging mir auf, dass das - wie so mancher Versuch einer Analogie - nicht hinhaut. Was könnten denn Blut und Wasser in volkswirtschaftlichen Vorlesungen und Seminaren sein? Ökonomische Zusammenhänge sind wichtig, ob man das will oder nicht. Funktionierende Institutionen, die wir ökonomisch analysieren, sind wichtig, bis hin zu Fragen von Wasser und Blut, wenn wir Korruptions- oder Ressourcenökonomik behandeln. Im mehr übertragenen Sinne sollte in ökonomischen Lehrveranstaltungen Herzblut stecken, und manchmal schwitzen wir Blut und Wasser, während wir versuchen, den ökonomischen Argumentationsstrang kohärent hinzubekommen. Wie auch immer, die Studierenden sollen ruhig etwas abbekommen davon. Wir wollen doch, dass sie in Vorlesungen und Seminaren berührt werden und in einer anderen Weise verändert als bloß ermüdet nach 90 Minuten den Raum verlassen. Oft genug liegt es an uns Lehrenden, dass das nicht klappt, aber manchmal auch an den Studierenden, die sich ihren "Schutz" gleich mitbringen, keine Decke zwar, aber Gleichgültigkeit, Ambitionslosigkeit, den Gedanken an effizientes Erlegen von Credits oder einfach Smartphones. Da spritzen wir dann mit Wasser und Blut und es perlt einfach ab.

28. Oktober

Jetzt hat auch meine jüngste Tochter begonnen zu studieren (Spanisch und Philosophie auf Lehramt). Eines der Gebäude, in denen sie nun wöchentlich eine Lehrveranstaltung hat, kam ihr vor "wie eine verlassene Psychiatrie". Darin stecken zwei gute Nachrichten. Erstens bin ich natürlich stolz auf eine Tochter, die nebenbei solche Sprachbilder raushaut, und zweitens studiert sie in Berlin und nicht in Kassel, wo es die eine oder andere Unzulänglichkeit gibt, aber letztlich doch einen Wohlfühlcampus.

15. September

Letzten Donnerstag war ich im Büro, und ich arbeitete bei offener Tür. Dieser glückliche Umstand verhalf mir zu einem interessanten Erlebnis. Am späten Nachmittag hörte ich, wie drei Personen, zwei Frauen und einen Mann, langsam über unseren Flur gingen und sich Türschilder und Aushänge vorlasen. Ich verstand sie, zunächst auch gar nicht interessiert, nur bruchstückhaft:

"... Mikroökonomik ... guck mal das Plakat hier ... Finanzwissenschaft ... hier war früher ..."

Erst dachte ich an einen nostalgischen Ex-Studenten mit Anhang, aber dann hörte es sich noch ein bisschen anders an:

"... warst du nicht im zweiten Stock?... nein, hier im dritten, werd ich ja wohl noch wissen ... aber doch vor zwanzig Jahren zuletzt hier gewesen ... "

Ich brauchte mehr nicht lange die Ohren zu spitzen. Der Mann, ein hochgewachsener, freundlicher Herr, reichlich runzlig, aber sehr rüstig, klopfte an meine offene Tür, betrat ohne zu zögern mein Büro und stellte sich vor. Bress sei sein Name. "Ach, Bress", murmelte ich, redete dann aber nicht weiter und behielt für mich, was ich über meinen Besucher schon wusste. Also fing er an zu erzählen: Dass er der erste VWL-Professor an dieser Hochschule gewesen sei, und dann sei er ja in der Berufungskommission für die nächsten Professoren gewesen, aber jetzt sei keiner mehr da, den er kennt, Eckey nicht und Nutzinger nicht, naja, er sei jetzt 82 Jahre alt, bis 1995 habe er an der Uni gearbeitet. Eine der Damen auf dem Flur sagte leise etwas zu Bress, was wohl eine Aufforderung gewesen sein mag, hier nicht länger den Betrieb zu stören, jedenfalls verabschiedete er sich bald.

Ein wirklich sympathischer Mann, gewiss hätte ich versucht, ihn noch in ein längeres Gespräch zu verwickeln, wenn ich nicht schon so viel gewusst hätte über ihn - zum Beispiel hatte er 1995 die Altersgrenze für Professoren noch gar nicht erreicht, er wurde in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, nachdem rausgekommen war, dass er als "IM Berger" 30 Jahre für die DDR spioniert hatte. Meist berichtete er über die ökonomische DDR-Forschung, zu der er Zugang hatte, weil er seine akademische Karriere als Assistent von Paul Hensel begann, der Mitglied des "Forschungsbeirats für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands" war. Später gehörte Bress zum "Radein-Seminar", zusammen mit einigen wichtigen Ökonomen, die über die Wirtschaft der DDR forschten. Diese erregen sich noch heute über den Verrat von Bress, wenn sie daran denken, dass sie abweichlerische Ökonomen aus dem Ostblock, etwa aus der Tschechoslowakei, zu Gast hatten und ihnen versicherten, hier könnten sie offen reden, man sei ganz unter sich. Die DDR behing ihn mit mehreren Orden und Medaillen.

Und jetzt steht der alte Mann da und ich denke: Was soll's.

(P.S.: Ludwig Bress starb am 27. November 2018)

7. Juli

Am letzten Wochenende wurde mal wieder der Bachmann-Wettbewerb ausgetragen. Juror Klaus Kastberger vergibt den Preis in seiner undotierten persönlichen Nebenwertung "Bester erster Satz des Bachmannpreises 2015" an Ronja von Rönne, die er so zitiert: "Ich wache auf und mir ist schlecht". Tatsächlich ist der Satz länger, was ihm aber nicht schadet: "Ich wache auf und mir ist schlecht, das klingt immer so harmlos, nach Ausrede von dicken Mädchen im Sportunterricht, aber wirkliche Übelkeit ist die Hölle."

Dass gute erste Sätze wichtig sind, weiß man schon länger. 2007 kürte eine Jury den "schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur", es gewann dieser Einstieg in den Roman "Der Butt" von Günter Grass: "Ilsebill salzte nach".

Auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur gibt es starke erste Sätze. Hier ein Beispiel: "One of the biggest risks in life is the family one is born into." [Farhi/Werning (2010), Progressive Estate Taxation, QJE 125, 635-673] Weitere Vorschläge nehme ich gern entgegen. Im Gegensatz zum Kollegen Kastberger würde ich sogar was springen lassen und den Einsender (oder die Einsenderin) des besten ersten Satzes aus der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur zu einem Eiskaffee einladen. 

P.S.: Außer der Kastbergerschen Würdigung hat Ronja von Rönne nichts gewonnen, es gab einige sehr gute Texte in diesem Jahr; von denen, die keinen der drei Preise bekommen haben, gefällt mir dieser hier besonders gut: "Zum Paradies" von Tim Krohn. 

22. Mai

Ich hoffe, es geht trotzdem gut aus für diese sympathische junge Familie, mit der ich gestern auf der Fahrt nach Berlin ein ICE-Abteil teilte. Die Mutter ist eine nette Frau, die sich dauernd entschuldigt, nur weil ihr Sohn sich wie ein normaler Zweijähriger verhält. Der Vater spricht akzentfrei Deutsch, redet aber Englisch mit seinem Sohn. Sie hat schwarze Haare und eine schwarze Hornbrille, genau wie ihr Mann, was mir erst jetzt, beim Schreiben, auffällt. Dennoch mag das der Grund für meinen ersten Eindruck gewesen sein, dass sie gut zueinander passen. Um den kleinen Colin kümmern sie sich abwechselnd, jeder geht mal mit ihm auf dem Gang spazieren. Nicht bei jedem von Colins Wünschen sind sie sich einig, ob er erfüllt werden soll, aber sie streiten sich nicht. Und doch...

Früher fand ich es ja lustig, wenn Eltern mit ihren kleinen Kindern reden und dabei eigentlich Botschaften an den Partner loswerden. Jetzt nicht mehr.

In Wolfsburg ist ein CinemaxX direkt neben dem Bahnhof. "Guck mal, Colin, ein Kino", sagt sie. "Ich war schon ewig nicht mehr im Kino." Keiner hier glaubt, dass Colin weiß, was ein Kino ist. "Gehen wir mal ins Kino, Colin? Dazu musst du aber größer werden, noch bist du zu klein."

Ihr Mann antwortet nicht. Der Zug fährt an. "Oh, guck mal, Colin, ein Campus Outlet. Ich brauche wirklich mal neue T-Shirts. Gehen wir Samstag shoppen, Colin?"

Es antwortet: Colin. "Shoppen," sagt er.

Aber was macht Ihr, wenn Colin mit dem Laptop auf dem Bauch und Kopfhörer über den Ohren auf seiner Jugendzimmercouch liegt und auf keinen Fall bei den Hausaufgaben gestört werden will? Glaubt einem alten Mann, all das Unausgesprochene schlägt eines Tages über Euch zusammen.

16. Mai

https://de.wikipedia.org/wiki/Ich-Denkmal

ICH. Ich ich ich. Ich schreib das jetzt mal hier hin, um zu demonstrieren, dass man als Wissenschaftler "ich" schreiben kann, ohne dass es einen gleich in die Luft sprengt. An anderer Stelle [dort auf der letzten Seite] hatte ich schon begründet, warum man auch in Seminar- oder Abschlussarbeiten ruhig "ich" schreiben sollte. Wer das trotzdem nicht will (oder - bei manchen Betreuern - nicht darf), der hat es nicht leicht; manche Satzkonstruktionen verunglücken furchtbar. Meinem Kollegen Guido Bünstorf verdanke ich einen Namen für eine dieser Macken; in einem Gutachten beklagte er kürzlich:

"Auch verwendet (...) mehrfach das unschöne Kasseler Studierendenpassiv (z.B. auf Seite 14: 'Orientiert wird sich hierbei größtenteils an …')."

Richtig wäre natürlich "Hierbei orientiere ich mich größtenteils an...". Das folgende Beispiel für den Kasseler Studierendenpassiv ist mir gerade in einer sonst brauchbaren Masterarbeit untergekommen: "Passend zu dem breiten Spektrum des beschriebenen Forschungsfeldes wird sich damit bewusst für eine relativ offene Fragestellung entschieden."

Passivkonstruktionen sind meist unschön und sollten in der Regel vermieden werden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die besonders hässliche Form des Kasseler Studierendenpassivs entsteht, wenn eine Passivkonstruktion auf reflexive Verben angewendet wird, was eigentlich nicht geht. Das Problem verschwindet nicht automatisch mit Studienabschluss - hier ein (Nicht-Kasseler) Professorenzitat: "Um zu beurteilen, ob dies auch für die einzelnen Bundesländer zutrifft, wurden verschiedene Bundesländer angeschrieben und sich nach der Zielerreichung für die vier Qualitätsziele erkundigt."

Man kann sich mit dem Kasseler Studierendenpassiv nicht nur die eigenen Texte verderben, sondern, wenn man Spaß daran hat, auch die anderer Leute. Hier zunächst die ersten und die letzten vier Zeilen des Gedichts "Sozusagen grundlos vergnügt" von Mascha Kaléko:

     Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
     Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
     Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
     Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
     (...)
     Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
     Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
     Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
     Ich freue mich, daß ich ... Daß ich mich freu.

Und hier dasselbe umgeschrieben in den Kasseler Studierendenpassiv:

     Es wird sich gefreut, daß am Himmel Wolken ziehen
     Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
     Es wird sich auch zur grünen Jahreszeit gefreut,
     Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
     (...)
     Es wird sich gefreut, dass sich an das Schöne
     Und an das Wunder niemals ganz gewöhnt wird.
     Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
     Es wird sich gefreut, daß sich ... Daß sich gefreut wird.

(Den vollständigen Text des Gedichts findet man beispielsweise hier oder hier)

21. März

 

Heute ist Welttag der Poesie. Damit ich hier kein Gedicht preisgeben muss, ist gleichzeitig Indiebookday. Man soll heute in einen Buchladen gehen, sich ein Buch aus einem unabhängigen kleinen Verlag kaufen und ein Foto dazu in einem sozialen Netzwerk verbreiten, mit "#Indiebookday". Für solches Hashtagzeugs bin ich aber zu alt, daher empfehle ich einfach ein Buch aus einem "Indie-Verlag", das ich mir zwar nicht heute gekauft habe (sonst könnte ich es ja noch nicht empfehlen), aber immerhin in diesem Jahr:

Tatjana Gromača: Eines Tages, Edition Korrespondenzen 2014. Ein aus leichtfüßigen Prosaskizzen zusammengesetzter Kurzroman, kurze Leseprobe hier.

30. Januar 2015

In dieser Woche fanden mal wieder Hochschulwahlen statt, diverse studentische Gruppen warben um Wählerinnen und Wähler. Dazu ein kleines Quiz: Die meisten der folgenden Forderungen oder Versprechungen sind echt, nur eine habe ich mir ausgedacht - welche?

1. "Für uns besteht Kultur nicht nur aus Partys (...) Die Frauen-Fußball-WM wollen wir übertragen und kritisch begleiten."

2. "Für ein opportunitätskostenfreies Studium! Die Studiengebühren wurden abgeschafft, aber wir bleiben nach wie vor auf den Opportunitätskosten sitzen, das heißt, als Studierende verzichten wir auf Einkommen, das wir ohne Studium hätten. Wir fordern die Erstattung entgangenen Einkommens in Höhe von 1.250 € je Monat und Studierender*m."

3. "Ehrenamtliche Arbeit muss als Teil des Studiums gewürdigt und grundsätzlich angerechnet werden."

4. Eine Liste "verlost als Dank für die Unterstützung unter allen Wähler*innen wahlweise eine Kiste Bier, zwei Schachteln Schnaps-Pralinen oder drei Sack Kartoffeln."

Zusatzaufgabe: Der Protagonist welcher Trilogie hat einen kaum stillbaren Appetit auf Schnapspralinen?

Lösungen ganz unten in diesem Blog.

21. Dezember

Das letzte Mal, als der Björn Frank-Ähnlichkeitswettbewerb ausgetragen wurde, hatte ich keinen Bart und war, es lässt sich nicht leugnen, etwas jünger. Kein Wunder, dass es nun einen neuen Preisträger gibt. Leo Kottke wurde abgelöst von Michael Neuenschwander vom Schauspiel Köln, im Foto rechts als Jakob in "Genesis".

7. November

Was ich hier berichte ist wahr, aber man glaubt es nur, wenn man weiß, dass es sich in Nord-Holland abgespielt hat. Das ist ein Kasseler Stadtteil, von dem ein vorsichtigerer Kollege mir sagte, dass er ihn nach 18 Uhr meidet. Ich wohne da und finde es nicht ganz so schlimm, jedenfalls nicht vergleichbar mit Berlin-Neukölln.

In Nord-Holland gibt es am Westring eine Rewe-Filiale, die bis 24 Uhr geöffnet hat. Neulich um 23 Uhr: Aus dem Supermarkt schaut ein Mann, der direkt am Ausgang steht, schräg nach draußen. Irgendetwas ist seltsam. Er steht da ganz reglos, das Gesicht nah an der Glastür. Mehr als nah, eine Gesichtshälfte hat auf einer postkartengroßen Fläche direkten Kontakt mit der Scheibe.

Ich komme näher und die Tür gleitet automatisch zur Seite. Der junge, deutlich übergewichtige Mann, der an der Scheibe lehnte, wird mit ihr zur Seite gezogen, kommt ins Stolpern, fängt sich aber rechtzeitig und verliert nicht mal seine Bierflasche. Eine Sekunde ist er verdattert, das ist wohl der Moment, in dem sich entscheidet, ob er sauer sein wird oder nicht. Er ist es nicht. "Ey Mann - ich... hab hier echt geschlafen, Mann", ruft er und lacht. Dann geht er hinaus in die Kasseler Nacht, mit unerwartet sicheren Schritten. War wohl ein Powernap.

Weiter ist nichts passiert. Ich sag doch, kein Neukölln hier.

26. Oktober

Foto: soil-net.com

Tierbilder kommen immer gut an. In diesem seriösen Blog gibt es Tierbilder natürlich trotzdem nur, wenn sie ausnahmsweise zum Text passen. Was heute der Fall ist: In letzter Zeit häuften sich, vermutlich zufällig, die Tiervergleiche, die mir nach der Lektüre nicht mehr aus dem Sinn gehen. Zwei, weil sie besonders geglückt sind, und einer, weil er auf instruktive Weise misslungen ist.

Erster Tiervergleich: Wie hält man ein Unternehmen (oder sich selbst) offen für Neues? Indem man eine Umgebung schafft, "die es für einen selbst oder das eigene Unternehmen leichter macht, mit dem Neuen zu experimentieren", und weil das ein bisschen abstrakt ist, erfindet die Verfasserin dieser Zeilen, die ziemlich schlaue Kathrin Passig, folgenden Vergleich: "Igel im Garten sind beliebt, aber wenn man einen haben möchte, geht man nicht auf die Suche nach einem Igel. Sie sind schwer zu finden, unangenehm nach Hause zu tragen, und am Ende will der Igel wahrscheinlich auch gar nicht bleiben. Wenn man jedoch eine igelfreundliche Umgebung schafft, kommen sie von allein. Für Igel ist diese Umgebung zum Beispiel ein Laubhaufen." Die Frage, ob ich mir und anderen eigentlich genügend Laubhaufen anbiete, finde ich ganz eingängig.

Noch ein schöner Tiervergleich, gefunden in dem Buch "Deadline. Wie man besser schreibt" von Constantin Seibt, ich habe ja am 15.10. versprochen, dass ich drauf zurückkomme. Seibt erzählt eine Geschichte nach, die sein Bruder ihm erzählt habe; ich vermute, sie stimmt nicht, aber das ist egal. In einem halb mit Wasser gefüllten Aquarium hätten, so Seibts Bruder, Wissenschaftler Ratten schwimmen lassen, die keine Chance hatten herauszuklettern. In der einfachsten Variante des Experiments ertranken sie nach anderthalb Stunden. Eine zweite Gruppe von Ratten bekam nach einer halben Stunde für fünf Minuten die Gelegenheit, sich auf einem Inselchen auszuruhen. Dann ließen die Forscher die Insel wieder verschwinden, aber nun hielten die Ratten noch einmal drei Stunden am Stück durch - sie gaben nicht auf, weil sie hofften, die Insel käme wieder.

"Wie diese Ratten", so zitiert Seibt seinen Bruder, "so sind die Leser."

Seibt stimmt ihm zu: "Man muss ihnen in jedem Text früh eine Insel Hoffnung geben. Je länger der Artikel ist, je härter, je ernster und abstrakter das Thema, desto dringender ist der Einbau von Ratteninseln. (...)  Dann kann man den Lesern fast alles zumuten: komplexe Argumentationen, Volkshochschule, Statistiken, Predigten, Differenzierungen, welchen harten Stoff auch immer. Denn die Leser werden bis zum Ende folgen, weil sie die Hoffnung haben, dass die Insel wieder auftauchen wird."  (S.77f)

Und jetzt nochmal (vgl. den Eintrag vom 16. August) Byung-Chul Han, der in seinem Buch "Psychopolitik" beschreibt, wie die Ausbeutung von Arbeitern abgelöst wird durch die Selbstausbeutung von Subunternehmern, die sich als Projekt ständig neu erfinden. Was er diesem alten Hut hinzufügt, ist u.a. dieser Vergleich: Der Arbeiter sei der Maulwurf, der sich "in vorinstallierten Räumen" bewege (S.30). Das überzeugt mich nicht, denn kaum ein Tier verändert seine Umgebung so sehr wie der Maulwurf. Vorinstalliert ist da nichts. Und es ist praktisch unmöglich, Maulwürfe in Gefangenschaft zu halten. Im Gegensatz zu Schlangen, die bei Han für die besagten (Sub-)Unternehmer stehen; sie beseitigten die Begrenzungen des Maulwurfs "durch neue Bewegungsformen" (ebd.). Neue Bewegungsformen? Schlangen? Im Gegensatz zu Vergleichen können Schlangen nicht mal hinken. Wenige Tiere sind so sehr auf 2 Dimensionen beschränkt wie die Schlange. Aber die Schlange musste es sei, denn sie erlaubt Han folgende Assoziationskette: "Die Schlange verkörpert vor allem die Schuld, die Schulden, die das neoliberale Regime als Herrschaftsmittel einsetzt." (S.30f). Andere Sprachen haben übrigens völlig unterschiedliche Begriffe für Schuld und Schulden. Mit einer Gesellschaftsanalyse, die auf Sprachspielen beruht, die nur auf Deutsch funktionieren, kann ich nichts anfangen.

15. Oktober

Erste Vorlesungswoche, alles hektisch und stressig, wir unterbrechen für eine kurze Werbepause. Ich empfehle das Buch "Deadline. Wie man besser schreibt" von Constantin Seibt. Es geht darin eher um journalistisches als um wissenschaftliches Schreiben, aber für Ökonomen ist zumindest das Kapitel interessant, in dem der Erfolg von Paul Krugman überzeugend erklärt wird.
Dass Krugman (nach diesem Ranking) Autor des bedeutendsten Ökonomie-Blogs überhaupt ist, wussten wir ja schon. Aber das ist nicht alles. Seibt schreibt: "Fragt man sich, wer heute der meist zitierte US-Journalist ist, so trifft man auf (...) einen bärtigen Gelehrten in Gesundheitsschuhen mit riesigen Kinderaugen. Einer, der nie das harte Handwerk der Recherche lernte. Und für den Journalismus nur der Nebenjob ist. Weil er im Hauptberuf Professor, Ökonom und seit 2007 Nobelpreisträger ist: Paul Krugman. Er wurde von der «New York Times» 2000 als Kolumnist verpflichtet. Eigentlich zu exotischen Themen wie Globalisierung und Wirtschaftsgeographie. Stattdessen schrieb er die gesamte amerikanische Presse an die Wand.
Wie schaffte er das?"
Die Antwort gibt es in Deadline auf Seite 53 ff, oder hier in Seibts Blog, aus dem sich das Buch speist. Demnächst vielleicht mehr darüber.

30. September

So, Kinder, ich erzähle euch jetzt mal was von früher. Von ganz früher. Ganz früher heißt: Als ich studiert habe. Computer gab es schon, aber ich hatte keinen eigenen, die Textverarbeitung war noch nicht so toll und die Nadeldrucker produzierten hässlichen Text, weshalb die meisten eine Schreibmaschine benutzten. Ich schrieb auf einer Olympia, die mein Vater sich ungefähr 1962 gekauft hatte.

Ihr wisst wahrscheinlich, dass man mit Kraft auf die Tasten hauen muss, und dann knallt der Typenhebel auf das Farbband vor dem Papier. Und jetzt wollt ihr wissen, was man macht, wenn man sich vertippt? Den Buchstaben nochmal draufknallen, aber nicht auf das Farbband, sondern auf Tipp-Ex-Papier, das den falschen Buchstaben weiß einfärbt.

Das war jetzt der einfache Teil. Nun kommt das echte Problem: Wie kommen durchnummerierte Fußnoten auf die Seite? Na?

Also: Man schreibt den ganzen Haupttext. Da, wo die Fußnotennummer hin soll, bleibt eine kleine Lücke. Dann schreibt man alle Fußnoten, bis auf die Nummern. Man schneidet den Haupttext so auseinander, dass die Fußnoten für diese Seite noch drunterpassen. Und dann klebt man Haupttext und Fußnoten der nächsten Seite, und so weiter. Jetzt kommen die Fußnotennummern. Die hat eine Firma namens Letraset, die im Zuge der digitalen Revolution krachend pleite gegangen sein muss, als Rubbelbogen hergestellt. Einfach die passenden Nummern in die Lücken rubbeln und fertig.

So, Kinder, und jetzt fragt ihr euch: Wenn die ganzen 15 Seiten zusammengeklebt und die Fußnotennummern reingerubbelt sind, und man hat noch eine Idee, welchen Absatz man auf Seite 1 einfügen könnte, was hat man dann gemacht? Tja, dafür gab es keine gescheite Lösung. Aber jetzt wisst ihr, warum die alten Akademiker immer nachdenken wollen, bevor sie was schreiben.

P.S.: Letraset gibt's noch, lebt aber jetzt von was anderem.

3. September

Postskriptum zu meinem Eintrag vom 16. Juni: Der Fleischautomat hat nun wirklich Schaden angerichtet. Am 12.8. hatte ein Fotograf die Idee, dieses Kuriosum professionell zu fotografieren, mit allem Drum und Dran, zum Beispiel mit Scheinwerfer, der mit Strom versorgt werden musste. Die Verlängerungsschnur geriet allerdings an eine Oberleitung, was dazu führte, dass ein ICE mit 400 Personen eine Stunde lang im Bahnhof stand. Hier ein Screenshot des Hessenschau-Berichts dazu. Mal sehen, was der Automat noch alles anstellt.

16. August

Wenn in Hollywood-Filmen Professoren vor Studenten reden, dann legen ihnen die Drehbuchautoren meist furchtbares Zeug in den Mund, Lebensberatung im Predigtton, ungefähr so: "Wir sind zu lebendig, um zu sterben, und zu tot, um zu leben." Und sinnsuchende Studenten notieren das dann auch noch in ihre Blöcke.

Ich hätte nicht geglaubt, dass die Realität diesen Filmen nahekommen kann - bis zum November 2012, bis zu einen Beitrag über den Modephilosophen Byung-Chul Han, so eine Art Westentaschen-Sloterdijk, in der ZDF-Sendung Aspekte (die damals eigentlich noch ganz okay war). Man kann das hier auf YouTube ansehen. Auftritt Han in einem Seminarraum der Universität der Künste Berlin. Der Meister verkündet: "Wir sind zu lebendig, um zu sterben, und zu tot, um zu leben." Sinnsuchende Studenten notieren das in ihre Blöcke.

Daran musste ich denken, als Jens Bisky am Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung einen wunderbaren Verriss von Byung-Chul Hans neuem Buch "Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken" ablieferte. Ich lebe in einem Haushalt, in den ohne mein Zutun mehrere Byung-Chul Han-Bücher gelangt sind, und kann nur zustimmend nicken, wenn Bisky aufzählt, was die Werke von Han ausmacht, nämlich "der besserwisserische Sound, Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, schlicht verunglückte Sätze, Halbwahrheiten und falsche Behauptungen". Sehr schön auch dies: "Eher badet der Teufel in Weihwasser, als Byung-Chul Han sich mit Empirie befasst". Es ist nicht alles schlecht in der Süddeutschen Zeitung.

9. August - Premiere: Ein Gastbeitrag auf meinem Blog!

Unterirdisch
von Guido Bünstorf

Unterirdisch – das ist der Titel einer lesenswerten (aber leider nicht online verfügbaren) Reportage der Journalistin Helga Einecke über das Kasseler Unternehmen K + S, die am 2. August 2014 in der Süddeutschen Zeitung erschien. Unterirdisch – das wäre auch ein passendes Urteil darüber, wie die Autorin über den Zusammenbruch des Kartells auf dem Kali-Weltmarkt und seine Auswirkungen auf K + S berichtet. Studierende, die an der VWL III-Klausur im letzten Wintersemester teilgenommen haben, erinnern sich vielleicht (Aufgabe 2): Bis 2013 wurde der Großteil des globalen Kali-Marktes von den Anbietern Canpotex und BPC bedient, die mit Hilfe einer klassischen Mengenbegrenzung den Kalipreis auf ca. 400 Dollar pro Tonne hielten. Hinter BPC steckte ein Kartell des russischen Unternehmens Uralkali und Belaruskali aus Weißrussland. Als Uralkali dieses Kartell Mitte 2013 überraschend aufkündigte, ging der Kali-Weltmarkpreis in den Keller, genau wie es die Standard-VWL vorhersagt. Und mit ihm der Aktienkurs von K + S.

Ein Kartell zerbricht, und dadurch sinkt der Preis für ein Produkt , das vor allem in der Erzeugung von Nahrungsmitteln eingesetzt wird. Tendenziell werden also weltweit die Lebensmittel billiger. Grund zur Freude, sollte man meinen. Nicht jedoch in der Welt von Frau Einecke, die sich in ihrer Reportage unter anderem auch der Werra-Versalzung durch K + S-Abwässer widmet. Für sie ist der Zusammenbruch des Kali-Kartells „die schlimmste Sache“, durch die K + S „zum Spielball russischer und weißrussischer Geschäftsinteressen, der Börsen, der Spekulanten“ wurde.  Eindrücklich schildert ihre Reportage, wie K + S-Vorstandschef Steiner, an diesem „schwarzen Dienstag“ gerade auf Dienstreise in Kanada und von einer bösen Magenverstimmung geplagt, dem Krankenbett entstieg, um angesichts der „Amok“ laufenden Russen „Übleres zu verhindern“. Und wie er K +S in der Folgezeit ein großes Sparprogramm verordnete, um auf die veränderte Marktlage zu reagieren.

Gewiss, K + S ist ein großer Arbeitgeber in unserer Region und der einzige Kasseler DAX-Konzern. Aber wenn die Profitabilität des Unternehmens davon abhängt, dass man auf einem Kartell der Marktführer Trittbrett fährt, dann ist das noch lange keine Rechtfertigung für dieses Kartell. erst recht nicht in einer Welt, in der ein erheblicher Teil der Bevölkerung hungert und die Lebensmittelpreise steigen. Um das so zu sehen, muss man sich allerdings daran erinnern, dass es auf einem Markt nicht nur Anbieter gibt, sondern auch Nachfrager. Klingt trivial. Aber selbstverständlich ist es offensichtlich nicht.

15. Juli

Ich lese gerade ein sehr schönes Buch von Howard Wainer, 2009 unter dem irreführenden Titel "Picturing the uncertain world: how to understand, communicate, and control uncertainty through graphical display" bei Princeton University Press erschienen. Gut lesbar und trotzdem anspruchsvoller als populärwissenschaftliche Klassiker à la "So lügt man mit Statistik". Der Verlag hat ein Kapitel online gestellt: The Most Dangerous Equation. Neugierig? Die Gleichung steht oben, mehr wird nicht verraten.

16. Juni

Wenn ich Drehbücher für den "Tatort" schreiben würde, was eigentlich verlockend wäre, hätte ich am Bahnhof Wilhelmshöhe vorgestern eine wertvolle Inspiration für eine Anfangsszene bekommen: Ökonomieprofessor entdeckt den neuen Fleischautomaten vor Gleis 3/4. Wundert sich, dass es so was noch gibt. Steaks, Schnitzel und Würstchen liegen da in Klarsichtfolie verpackt direkt hinter den gläsernen Klappen, so dass man näher herankommt als beim Metzger. Der neugierige Professor schaut genau hin und sieht keine Fleischstücke mehr, sondern dreidimensionale Landkarten aus Sehnen, Fett und Blut. In der dritten Reihe von unten dann sieht das Fleisch irgendwie ganz anders aus. In der Tat, eine sauber abgetrennte Hand. Oder doch nicht? Er kann es nicht recht erkennen, müsste 4,00 Euro einwerfen, um an das Fach zu kommen, hat bloß kein Kleingeld dabei. Will irgendwo wechseln gehen, aber nach 22 Uhr ist Kassels Fernbahnhof tot wie ein Serranoschinken. Außer McDonald's, aber da ist die Schlange lang. Also ruft er doch gleich die Polizei, draußen vor dem Bahnhofsgebäude, was ermöglicht, dass ein Langhaariger in grauem Mantel, dem Gang nach stark alkoholisiert, 4 Euro in den Automaten wirft, die Hand herausnimmt und seinem Hund zuwirft.

Beginn Vorspann. Wird man dem Ökonomieprofessor glauben? (Zunächst eher nicht.) Hat der Mann mit dem Hund gemerkt, was er da aus dem Automaten gezogen hat? Oder wollte er gut getarnt ein Beweisstück vernichten? Das wie in den Automaten gekommen ist? Spannende Sache.

Den Fleischautomaten gibt es wirklich, auch wenn schon dieser Teil der Geschichte sich ausgedacht anhört, trotzdem bin ich, glaube ich, des Product Placements unverdächtig.

3. Juni

Aus Berlin kannte ich schon die Vöner, das sind Döner mit veganem Fleischersatz. In der Nähe der Uni Kassel hat vor einiger Zeit auch ein Vöner-Laden eröffnet, er heißt "Zum glücklichen Bergschweinchen", und als ich zum ersten Mal drin war, musste ich natürlich nach dem Namen fragen. Die Antwort fasse ich kurz zusammen: In 100 Mio. Jahren, wenn die Menschen längst ausgestorben sind, werden die kleinen Bergschweinchen die letzten Säugetiere sein; sie werden von fußballgroßen Silberspinnen gehalten und mit Grassamen gefüttert, die die Spinnen in ihren Netzen sammeln. Während ich mich damit zufrieden gab, hakte ein Journalist - hier nachzusehen auf YouTube - nach: "Das haben Sie sich doch jetzt ausgedacht?"

Die richtige Antwort wäre gewesen: Nein, das hat sich Dougal Dixon ausgedacht, ein Paläontologe und Vertreter der spekulativen Biologie, und zwar in einem seiner Bücher: "Die Zukunft ist wild" (The Future is Wild). Lief auch mal als Doku auf ZDF. Unheimlich nützlich sowas; wenn die Menschen doch nicht aussterben und Sie das hier in 200 Millionen Jahren lesen, und wenn Ihnen im nördlichen Regenwald auf seinen acht Beinen ein elefantengroßer Tintenfisch entgegenspaziert, dann brauchen Sie sich keinen Namen auszudenken, Sie wissen schon, es ist der Kolosskalmar (englisch Megasquid; die Bergschweinchen heißen Poggle).

Die Antwort der sympathischen Vöner-Wirtin: "Nein, das sind Wissenschaftler, die haben das gewissenschaftet." Sehr schön, ein neues Verb. Wir Ökonomen sollten auch dazu übergehen, Prognosen für die Zeit in ein paar Millionen Jahren zu wissenschaften. Dann kann uns keiner widerlegen, und endlich sind wir in der glücklichen Position von Leuten wie Peter Sloterdijk, die ganz unterhaltsam und gebildet über Welten erzählen, die es nicht gibt, die es aber vielleicht mal gegeben haben könnte oder die es in Zukunft geben könnte, Welten mit Leuten, die ihre Steuern zwar nicht zahlen müssen, dies aber in Sloterdijks Phantasie freiwillig tun. Homines oeconomici und ihre Verwandten, die echten Menschen, werden sich da zwar nicht besonders hervortun, aber vielleicht die glücklichen Bergschweinchen?

27. März

Die Universitätsbibliothek Konstanz macht gerade Schlagzeilen (soweit eine UB Schlagzeilen machen kann), indem sie den Bezug von Zeitschriften des Elsevier-Verlags einstellt. Das ist keine Kleinigkeit. Die UB Konstanz ist die wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Bibliothek in Baden-Württemberg, sie hat den größten Bestand und tolle Öffnungszeiten: 24 Stunden pro Tag! Elsevier wiederum ist einer der wichtigsten wissenschaftlichen Verlage; ein gutes Viertel meiner Veröffentlichungen in referierten Zeitschriften (und das sind die, auf die es ankommt) sind bei Elsevier erschienen, u.a. in Economics Letters, im Journal of Economic Behavior & Organization und im Journal of Economic Psychology. Elsevier weiß, dass Universitätsbibliotheken ihren Nutzern eigentlich Zugang bieten müssen. Leider hat dieses Wissen den Verlag gierig und die Zeitschriften absurd teuer gemacht. Spannender Konflikt. Ich habe keine Ahnung, wie er ausgehen wird, dafür aber einen Reisetipp: Wer in der Nähe von Konstanz ist, sollte sich die Universitätsbibliothek (die allerdings gerade saniert wird) einmal ansehen. Die Universität ist enorm hässlich, die Bibliothek dafür sehr interessant. Man stelle sich mehrere Stockwerke mit großer Fläche vor, die zerschnitten und auseinandergezogen wurden, so dass die Teile etwa fünf Meter voneinander entfernt sind. Dann wurden die geteilten Ebenen vertikal um etwa ein halbes Stockwerk gegeneinander versetzt. Die Lücke zwischen den Ebenen wurde durch Treppen miteinander verbunden.

Was wurde damit erreicht? Luft und Licht und ein interessanter Ausblick auf Bücherregale von oben, aber das haben wir in Kassel auch sehr schön. Der wirkliche Clou sind die besagten Treppen, die etwa zehn Stufen haben. Sie sind so breit, dass man gerade noch einander vorbeigehen kann, aber der Abstand, in dem man normalerweise aneinander vorbeigeht, ist nicht möglich. Ich war schon ewig nicht mehr dort, trotzdem sind mir die Entscheidungen, die einem diese Treppen am laufenden Band abverlangen, noch gut in Erinnerung: Warten und dem Entgegenkommenden die Treppe allein überlassen? Die Treppe gleichzeitig betreten, sich in der Mitte begegnen und sich dann mit einer leichten Körperdrehung schmaler machen? Sich ansehen dabei? Lächeln? Für den Soziophoben in mir eigentlich unangenehm, für den Sozialwissenschaftler in mir sehr spannend. Ich hoffe, die Treppen überleben die Sanierung.

22. Februar

Interessantes Seminar in Radein mit spannenden Vorträgen.
Aber manchmal gucke ich doch auf den Tisch.
Der Tisch guckt zurück.

11. Februar

 

 

Bilderrätsel: Für welche deutsche Stadt steht dieses Foto? Lösung ganz unten in diesem Blog

19. Januar

Frage an Seasick Steve: "Have you got any words of advice for young people?"

Seasick Steve: "Stay young!"

18. Januar 2014

Bundespräsident Gauck, dessen größter Fan ich bisher eher nicht war, hat vorgestern eine bemerkenswerte Rede zum 60-jährigen Bestehen des Walter Eucken-Instituts in Freiburg gehalten. Er erinnert daran, dass Walter Eucken und andere sich selbst als Neoliberale bezeichneten, um sich vom simplen Laissez-Faire-Kapitalismus abzugrenzen; ihr Anliegen war ein Staat, der die Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen weniger energisch verhindert. "Wer dies im Hinterkopf hat", so Gauck, "kann es (..) nur merkwürdig finden, dass der Begriff 'neoliberal' heute so negativ besetzt ist". Es mag merkwürdig sein, es ist gewiss schade, aber doch gut erklärbar. Erstens hat die FDP mitgeholfen, die Ideen des Liberalismus zuschanden zu reiten. Vor allem aber ist es ein Kuschelbegriff von Rednern (ob auf Kanzel oder Kabarettbühne) geworden, die einen billigen Erfolg suchen: Wenn man Neoliberalismus nie explizit definiert, das Wort aber immer so verwendet, als sei es ein Synonym für alles Böse in der Welt, dann kann man schließlich, ohne dass jemand widerspricht, den Neoliberalismus für böse erklären, das ist eine gedankenlose Tautologie, aber man erntet billige Zustimmung. Als Kollateralschaden ist das Adjektiv 'liberal' jetzt auch noch den Kämpfern für Bürgerrechte und gegen die Stasi 2.0 abhanden gekommen.

P.S. (19.1.): Ein interessantes Papier zum Begriff des Neoliberlismus - Genese, Verwirrung, Bedeutungswandel - ist: Taylor C. Boas & Jordan Gans-Morse: "Neoliberalism: From New Liberal Philosophy to Anti-Liberal Slogan", Studies in Comparative International Development 44 (2009), 137-161

27. September

Das Buch "Hard-boiled. An Anthology of American Crime Stories" ist, wer hätte das gedacht, bei Oxford University Press erschienen. Eine Weile wird sich das gut verkauft haben, und dann stellte sich die Frage: Noch eine Auflage drucken? Oder aus dem Programm nehmen? Seit einiger Zeit gibt es einen guten Kompromiss: Bücher, die nicht - oder nicht mehr - in großen Stückzahlen verkauft werden, bleiben mit "print on demand" zu vertretbarem Aufwand lieferbar. Bei Oxford University Press liest sich das dann so:

"This item is printed to order. Items which are printed to order are normally despatched and charged within 5-10 days".

Das Buch hat etwas über 500 Seiten und kostet, obwohl es der Preisbindung nicht unterliegt, 18,50 Euro bei thalia.de wie auch bei Amazon. Das ist nicht gerade harter Preiswettbewerb. Amazon spielt aber eine andere Karte, oder eigentlich zwei. Erstens haben die sich mal wieder ein Stückchen Wertschöpfungskette einverleibt und drucken das Buch selbst, siehe Fotobeweis oben. 

Zweitens können sie schneller liefern als der Verlag selbst oder als Thalia. Vermutlich drucken sie einige wenige Exemplare als Puffer und erkaufen sich mit ein paar Cent Lagerkosten die schnellere Lieferzeit (ich hatte das Buch Montag bestellt und Mittwoch bekommen.)

P.S.: Amazon hat sich die Druckmaschinen übrigens nicht allein dafür angeschafft, Bücher großer Verlage nachzudrucken. Sie bieten einen kompletten Service für Klein- und Selbstverleger, interessanter Artikel dazu hier.

P.P.S.: Und wie ist jetzt das Buch? Kann ich noch nicht sagen. Aber ich hatte in diesem Sommer zwei "Hard-boiled" oder "Noir"-Krimis gelesen, die ich beide sehr empfehlen kann, "The Killer Inside Me" von Jim Thompson und noch besser "Down There" von David Goodis (deutsche Titel: "Der Mörder in mir" und "Schießen Sie auf den Pianisten"). 

31. August

Gerade gelesen: "Stoner" von John Williams, nach nicht einmal 300 Seiten ist uns das Leben eines - fiktiven und nicht besonders bedeutenden - amerikanischen Professors auf wundersame Weise vertraut. Hier ein schönes Zitat daraus:

"The years immediately following the end of the Second World War were the best years of his teaching; and they were in some ways the happiest years of his life. (...) He worked harder than he had ever worked; the students, strange in their maturity, were intensely serious and contemptuous of triviality. Innocent of fashion or custom, they came to their studies as Stoner had dreamed that a student might - as if those studies were life itself and not specific means to specific ends." [John Williams: Stoner, nyrb 2006, S.248f. Die erste Ausgabe ist 1965 erschienen, eine deutsche Übersetzung in diesem Jahr.]

William Stoner steht in einer Reihe mit anderen Professoren als Romanfiguren: George Falconer aus Christopher Isherwoods "A Single Man" (deutsch: Der Einzelgänger) oder Vladimir Nabokovs Pnin. Ich mag die alle sehr, wobei mir klar ist, dass andere Leser diese Protagonisten für reichlich daneben halten mögen, durchaus aus guten Gründen. Aber diese Ambivalenz ist es gerade, die Professoren zu brauchbaren Romanfiguren macht: Man kann in diesem Beruf gleichzeitig Held und Schluffi sein, vergeistigt und in Kämpfe mit der Welt verwickelt, kompetent und komplett ahnungslos. 

7. August

Ich bin mittlerweile so alt, dass ich das Treiben junger Menschen nicht mehr ganz verstehe (Facebook, Piercings). Das ist sehr interessant und fördert die Toleranz gegenüber den noch älteren, die meine Welt nicht mehr ganz verstehen.

Ich hatte einmal das Vergnügen, Zeuge einer Unterhaltung des längst emeritierten Professors L. mit dem ebenfalls nicht mehr ganz jungen Dr. G. zu werden, der erzählte, seine Tochter mache nun eine Hauswirtschaftslehre, was Professor L. sehr begrüßte, solche Fähigkeiten kämen den Frauen ja zunehmend abhanden, aber für ihn gelte: "Die Grundfunktionen müssen vorhanden sein."

Als sich bei Professor L. die allerersten Zeichen von Demenz zeigten (er verlief sich gelegentlich, war aber nach wie vor ein ausgezeichneter Schachspieler), schob seine Frau ihn sofort in ein Altersheim ab.

Zuvor erzählte Professor L. mir gelegentlich von seiner Zeit als Ökonomie-Professor, Spezialgebiet Kybernetik, an der Humboldt-Universität der Vorwendezeit. "Vor meinen Vorlesungen ging erstmal der Pedell in den Hörsaal. Der sorgte für Ruhe. Und dann kam ich. - Habt Ihr auch noch einen Pedell an der Universität Kassel?"

1. August

Manchmal brechen Stücke der spanischen Mittelmeerküste ab. Fällt ein Ferienhaus ins Wasser, werden die Einzelteile zu Kieseln geschliffen und irgendwann wieder an den Strand gespült. Was will uns das sagen?

Vinaròs, im Juli 2013

Urlaub. Was Lustiges aus Spanien bloggen? Über Kreisverkehr oder ungenießbares Weißbrot? Ach, was soll’s. "Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Matthäus 7,3) Hier ganz im Ernst ein spanischer Splitter und ein deutscher Balken.

El Pais berichtete hier groß über folgenden Skandal (hört sich an, als könnte ich das lesen, was leider nicht stimmt, Gruß an die Übersetzerin): Die spanische Verfassung verbietet Richtern und Staatsanwälten, andere öffentliche Funktionen anzunehmen oder politischen Parteien und Gewerkschaften anzugehören. Nun wurde Francisco Perez de los Cobos Ende Dezember 2010 zum Präsidenten des Verfassungsgerichts ernannt, war aber 2011 noch Mitglied der Partido Popular und zahlte einen Mitgliedsbeitrag von 37,14 Euro pro Jahr (in der Tat, siebenunddreißig Euro).

Soweit der Splitter. Der deutsche Balken heißt Peter Müller, ist seit 2011 Verfassungsrichter und war zuvor saarländischer Ministerpräsident. Schade, wir bräuchten ein versorgungspostenfreies Verfassungsgericht, gerade in Zeiten, da das Grundgesetz gegen den deutschen Innenminister verteidigt werden muss.

12. Juli

Heute war die jährliche Übergabe der Zeugnisse (Zeugniskopien, um ehrlich zu sein) im Gießhaus. Mein Beitrag zu dieser Veranstaltung war wieder mal das Abschlussarbeitenthemenquiz. Hier zwei Beispiele, im ersten werden fünf Themen von Bachelor- oder Masterarbeiten genannt, die von Absolventen des aktuellen Jahrgangs tatsächlich verfasst wurden, nur ein Thema habe ich mir ausgedacht - welches?

  1. Kontaktverhalten chinesischer Studenten gegenüber den Dozenten an deutschen Universitäten: Probleme und Gegenmaßnahmen - Eine Untersuchung mit chinesischen Studenten an der Universität Kassel
  2. Chinesischer Kunstmarkt heute - Eine empirische Analyse von chinesischen Galerien der zeitgenössischen Kunst
  3. Wachstum und FDI in chinesischen Städten: In welche Richtung geht die Kausalität?
  4. "I like Chinese" - Langfristige Imagewirkung eines Monty Python-Songs
  5. Möglichkeiten und Grenzen des szenischen Spiels im
    DaF-Unterricht in China. Ergebnisse einer Untersuchung an
    der Sun Yat-sen Universität
  6. Herausforderungen durch interkulturelle Lernunterschiede in der Volkswagen After Sales Qualifizierung am Beispiel China

Das zweite Beispiel ist schon etwas älter, von 2011, aber besonders nett. Drei der folgenden Abschlussarbeitstitel habe ich mir ausgedacht, nur einer ist echt - aber welcher?

  1. Technische Analyse mit bayerischen Brezelkurven
  2. Technische Analyse mit chinesischen Pinseltabellen
  3. Technische Analyse mit griechischen Säulendiagrammen
  4. Technische Analyse mit japanischen Kerzencharts

(Lösungen ganz unten in diesem Blog.)

3. Juli

Heute beginnen wieder die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt. Zu gewinnen gibt es den Bachmann-Preis, einen der wichtigsten Literaturpreise im deutschen Sprachraum. Das ORF will trotzdem die Unterstützung und Übertragung einstellen, heißes Feuilleton-Thema in den letzten Tagen.

Die Lesungen und Jury-Diskussionen kann man in diesem Jahr aber wie gewohnt ansehen und auch via Livestream im Internet verfolgen (http://bachmannpreis.eu). Das kann sehr interessant sein. Ein Fan der Veranstaltung bin ich seit 2011, als Antonia Baum aus ihrem Roman "Vollkommen leblos, bestenfalls tot" las. In der anschließenden Diskussion der Juroren wird der Text stark kritisiert. Als die erste zu reden beginnt, denke ich: Oha, die hat Zähne wie Häuser. Und dann zitiert sie (man kann das Video im Archiv noch ansehen) aus der Lesung die Stelle "Seine Zähne waren wie Häuser" und kommentiert: "Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen". Die Frau möchte man beim Lesen expressionistischer Lyrik beobachten.

14. Juni

Für alle, die sich schon mal gefragt haben, wie der Bäcker am Bahnhof Wilhelmshöhe zu den seltsamen Namen für sein Gebäck kommt (Zimtwuppi & Co.), hier die Antwort: Die lassen das von ihren schwäbischen Praktikanten machen. Da bin ich gestern erst drauf gekommen.

Rückblende - vor gut zehn Jahren arbeitete ich am DIW Berlin, wo ein frisch eingeflogener Praktikant von der Universität Hohenheim erzählte, dass er sich am Morgen beim Bäcker zwei Brötchen hätte kaufen wollen, nur Schwierigkeiten mit der Bezeichnung gehabt hätte. "Weckle" sagt man nicht in Berlin, soviel war ihm klar, also improvisierte er und sagte "Zwei Weckchen bitte", völlige Ratlosigkeit bei der Verkäuferin auslösend (durch Draufzeigen kam er dann doch noch zu seinen Schrippen). Nette Geschichte, hab ich seitdem immer mal wieder erzählt. Jetzt aber beim Bäcker im Bahnhof Wilhelmshöhe gesehen: "Rosinenweckchen 1,19 €".

P.S.: Ein Rosinenweckchen vom selben Bäcker kam schon in meinem Eintrag vom 8. Februar vor. Ich bin ziemlich sicher, dass es damals noch nicht "Weckchen" hieß. Also vermutlich ein Praktikum in den letzten Semesterferien.

3. April 2013

Beim MAGKS-Doktorandenworkshop am 21./22.März im Schloss Rauischholzhausen habe ich, da sich für diese Aufgabe sonst keiner fand, eine Stunde lang den Unterhalter gespielt. Unter anderem mit Etch-A-Nomics, eine Art Montagsmaler für Ökonomen, erfunden von Meghan Millea. Aufgabe war, ökonomische Begriffe (oder Ökonomen) zu zeichnen bzw. zu erkennen, vier Highlights von vier verschiedenen Zeichnern habe ich hier mal reinkopiert. Viel Spaß beim Raten, die richtigen Lösungen (von denen zwei nur Ökonomen ein Begriff sind) stehen ganz unten in diesem Blog.

28. März

Foto: Birgit Ladwig

Willi Winzig ist der nom du guerre eines fliegenden Händlers, der gestern und heute mal wieder den Marktplatz von Friedrichshagen beehrt hat. Das Foto mit der eigentümlichen Point of Sale-Werbung wurde an seinem Marktstand aufgenommen. "Solingen-Deutschland. Stundenlöhne von 6 € machen diesen Preis für Sie möglich" und "Herkunftsland Pakistan. Von Kinderhand poliert". Was, fragte ich mich, mochte der Grund dafür sein, herauszuposaunen, was viele andere lieber verschweigen? Hier ein paar Möglichkeiten:

A) Es handelt sich um ein Qualitätssignal: Diese Scheren sind zwar billig, aber nur wegen der Löhne, nicht etwa wegen des eingesetzten Materials.

B) Es handelt sich um ein Preissignal: Billiger als diese Scheren werdet Ihr keine finden, Billigproduzenten werden nicht unterbieten können, was von Billigproduzenten stammt.

C) Winzig wirbt hier um Kunden, die der Meinung sind, dass für Kinder in unterentwickelten Ländern Einkommen aus Arbeit besser ist als gar kein Einkommen (interessanter ökonomischer Blogbeitrag dazu hier).

D) Es ist nicht Werbung, sondern Protest. Willi Winzig nagt das System von innen an, eine Mischung aus Friedrich Engels und Philip Rosenthal im Kleinstunternehmerformat.

Ich habe versucht, die Lösung durch bloßes Nachdenken zu finden, was natürlich nicht klappen konnte. Birgit ist auf die eigentlich naheliegende Idee gekommen, Willi Winzig zu fragen. Die Antwort bestand aus Gegenfragen und allerlei weltpolitischen Bezügen, aber verkürzt kann man sagen: C) und D).

Damit wäre noch nicht die Frage geklärt, wie sich solche Werbung auf den Absatz auswirkt. Vielleicht hat ja einer der Marketing-Kollegen Lust, dazu mal eine Bachelorarbeit zu betreuen.

11. März

Gestern hat Rainer Brüderle auf dem FDP-Parteitag eine Rede gehalten, an deren Ende er sagte: "Wir haben seit Jahrzehnten für die Freiheit gekämpft. Wir haben Deutschland entscheidend geprägt. Wir überlassen nicht diesen Fuzzis, diesen fehlprogrammierten Typen, unser Land."

Die Formulierung "unser Land" in diesem Zusammenhang von einem demokratischen Politiker zu hören, hat mich ziemlich gestört. O.k., Hitze des Wahlkampfs. Aber hier mal was zum Nachdenken, FDP: Die meisten Ökonomen sind mehr oder weniger liberal, warum mögen sie Dich nicht? Wir Ökonomen kennen die Leistungsfähigkeit von Märkten. Wo wir Marktversagen sehen, verlieren wir Staatsversagen nicht aus den Augen. Warum ist es so verdammt schwer, FDP zu wählen?

Hier eine Antwort. Burkhard Hirsch und Gerhart Baum haben in der Tat für die Freiheit gekämpft und dieses Land entscheidend positiv geprägt. Warum war es wichtig, dass sich der vergessene linksliberale Flügel der FDP für bürgerliche Freiheitsrechte eingesetzt hat? Dazu hört man nichts mehr. Mit den Gründen für Freiheit ist es wie mit alten Volksliedern: Jeder kennt sie, keiner singt sie. Werden sie lange genug nicht gesungen, sind sie uns doch nicht mehr so präsent, wie wir dachten. Die FDP hätte da eine Aufgabe gehabt und hat's ziemlich vermasselt.

Und dann ist da noch die unternehmerische Freiheit. Für Ökonomen kein Ziel an sich, sondern ein Instrument zum Erreichen anderer Ziele wie Innovation und effiziente Güterproduktion. Der FDP fehlt leider das qualifizierte Personal, um diesen Zusammenhang darzustellen. Wenn man mit schöner Regelmäßigkeit nur Juristen, Lehrer, Weinkönige und Ärzte als Kandidaten das Amt des Wirtschaftsministers aufbieten kann, dann darf man sich nicht wundern, wenn die nur einfache Botschaften verbreiten, wenn unternehmerische Freiheit also zur Ideologie wird, wenn ohne Nennung überzeugender Gründen jede Regulierung als schlecht gilt, jeder Steuersatz als zu hoch, jede Staatsquote als zu hoch.

Wir haben seit Jahrzehnten für ökonomisches Denken gekämpft. Der Ordoliberalismus hat Deutschland entscheidend geprägt. Wir überlassen nicht dieser FDP, diesen fehlprogrammierten Ideologen, unseren Liberalismus.

8. Februar

Beim Bäcker am Bahnhof Wilhelmshöhe bekomme ich einen Cent heraus. Ich frage mich, warum ich geduldig auf die Münze warte. Vielleicht weil ein "Stimmt so" bei diesem Betrag erst recht peinlich ist, oder weil ich mir mit 1,19€ für ein Rosinenbrötchen den Glückspfennig teuer genug erkauft habe.

Im Zug nach Berlin setze ich mich an einen Vierertisch, damit ich meine Beine ausstrecken kann, und schlafe bald ein, schließlich ist es der erste ICE, 6 Uhr 43, nachdem ich die letzte Nacht durchgearbeitet habe. Als ich wieder aufwache (Restkoffein aus der Club-Mate), sitzt links neben mir eine junge Frau, blass mit dunkelblonden Haaren, ihr gegenüber ein Mann in ihrem Alter mit randloser Brille und kräftig-gesunder Gesichtsfarbe. Die Frau flüstert rücksichtsvoll, ich verstehe fast nichts, aber sie spricht Deutsch mit überraschendem italienischem Akzent. Der Mann antwortet kaum einmal, er guckt missmutig. Die Frau holt einen großen Briefumschlag aus ihrer Tasche und aus dem Umschlag etwas, das ich, ohne auffällig rüberzugucken, nicht genau erkennen kann. Müsste ich raten, würde ich sagen: Informationsmaterial einer Klinik für künstliche Befruchtung. Sie will dem Mann etwas zeigen und reicht es ihm hinüber, aber er zuckt nur mit den Schultern.

Unter dem Tisch, direkt vor ihren Füßen, liegt der blanke Glückspfennig, der den Weg durch das kleine Loch in meiner Jackentasche gefunden haben muss. Ich bin jetzt sehr zufrieden damit, dass ich die Münze vorhin eingesteckt hatte, und möchte unbedingt, dass die Frau sie findet.

Irgendwann rutscht der Mann zur Seite auf den Platz mir gegenüber, er starrt aus dem Fenster.

Am Berliner Hauptbahnhof steigen die beiden mit wenig Gepäck aus. Sie sagt "Tschüss", er nicht. Durch das Zugfenster (ich fahre bis Ostbahnhof weiter) sehe ich die beiden auf dem Bahnsteig, sie redet lächelnd auf ihn ein. Der Glückspfennig liegt immer noch unter dem Tisch. Ich bücke mich und stecke ihn ein.

24. Januar (plus Update)

Ich hatte ohnehin vermutet, dass das falsche Zuschreiben von Zitaten (siehe vorheriger Eintrag) ansteckend ist. Das hat sich nun als zuteffend herausgestellt. Mein Kollege Achim Lerch, vielen an der Uni Kassel noch in guter Erinnerung, meldete sich mit folgenden Klassikern:

"Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst." Heinrich von Pierer

"Money matters." Peer Steinbrück  

17. Januar 2013

Marc-Uwe Kling, Autor der wunderbaren "Känguru-Chroniken", macht sich im zweiten Band, dem "Känguru-Manifest", einen Spaß daraus, Zitate falsch zuzuordnen, hier zwei Beispiele:

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Silvio Berlusconi

"Hey du, möchtest du ein A kaufen?" Standard & Poor's

Mehr kann man sich auf Youtube vom Autor vorlesen lassen (hier und, mit anderen Zitaten, hier). Man kann sich auch selbst daran versuchen. Vier Zitate von berühmten Ökonomen:

"The best of all monopoly profits is a quiet life." Gerhard 'Gazprom' Schröder

"Produktiver Arbeiter zu sein ist kein Glück, sondern ein Pech." John Henry

"In the long run we are all dead." Angela 'Nicht solange ich lebe' Merkel

"It was not the possibility of planning as such which has been questioned (...) but the possibility of successful planning."  Klaus Wowereit

(Wahre Urheber der Zitate: Hicks, Marx, Keynes, Hayek)

1. Dezember

Vor einiger Zeit wurden bei uns auf dem Flur aus feuerpolizeilichen Gründen die Pinwände entfernt. An einigen Stellen blieben schlichte Dübellöcher, an anderen eher Höhlen. Und wie das so ist mit Zivilisationsruinen: Nach einiger Zeit werden sie besiedelt.

19. November

In der politischen Ökonomie arbeiten wir oft mit politischen Indizes zur Lage der Länder dieser Welt, in der ökonomischen Glücksforschung mit Datensätzen, die u.a. das von den Befragten selbst eingeschätzte Glücks- und Lebenszufriedenheitsgefühl enthalten. Es ist interessant, was die ökonometrischen Auswertungen ergeben, aber manchmal ist es auch gut, sich einzelne Geschichten dahinter anzuhören. Birgit, die gerade für zwei Wochen in Nicaragua ist, schrieb mir über die Begegnung mit einem ehemaligen Guerillero - nun sandinistischer Stadtrat - Folgendes:

"Wir haben ihn gefragt, ob er glücklich ist. Die Frage ist ihm schwer angekommen. Ich glaube, er hat sich vieles für sein Land anders erträumt, als es jetzt Realität ist. Er würde alles so wieder machen. Er hätte nicht mit verschränkten Armen dasitzen können, während Somoza und seine Guardia das Land und die armen Bauern auspressen und Leute verfolgen und umbringen, die dagegen aufbegehren. Ja, sagte er, er sei glücklich. Jedoch, er sah dabei so ernst aus. Aber so ist das wohl."

Das war das Ende des Gespräches. Hier der Anfang: "¿Podés contarme algo de la guerra y la revolución? (Kannst Du mir etwas vom Krieg und der Revolution erzählen?), was er dann natürlich auch gemacht hat. Ich glaube, der hat das auch ganz gut gefunden, dass sich jemand dafür interessiert hat. Dieser Mensch ist jetzt gut 50 Jahre alt und wurde mit ca. 14 oder 15 Jahren von der FSLN für den Kampf in den Bergen trainiert, oft hatten die anderen, die mit ihm ausgebildet wurden, sowie auch die Ausbilder Kapuzen auf, damit die Identitäten geheim blieben. Oft lebte er in kleineren Städten unter falschem Namen in Familien, die ihn versteckten, er hatte nur Kontakt zu seinen Compañeros aus der jeweiligen Untergrundzelle, mit denen (und anderen Zellen) Banküberfälle - zur Finanzierung von Waffenkäufen - und Anschläge auf die Offiziere der Guardia von Somoza geplant wurden. In jener Ära noch ohne Mobiltelefone gab es dann auch Kontaktpersonen, die die Verbindung zwischen den jeweiligen Zellen hielten. Es war weiterhin die Rede von der ersten Erfahrung des Tötens und des Getötetwerdens der eigenen Kameraden und was das mit einem macht. Der Mann ist selber auch mehrmals verwundet worden (was man ihm auch ansieht). Weiterhin von den Ängsten und Träumen, die die Leute hatten, und von der Überzeugung, sich aber doch für die richtige Sache einzusetzen, zumal ein Diktator ja auch nicht einfach durch gutes Zureden seine Macht aufgibt. Er war denn auch derjenige, unter dessen Kommando die Stadt San Marcos eingenommen wurde, außerdem war er dabei, als die Sandinisten in Managua einmarschierten. Das Schönste sei für ihn gewesen, wie die Leute ihn und seine Soldaten empfangen hatten, sie zum Essen und in ihre Häuser einluden."

Die Dankbarkeit, die den Sandinisten immer noch entgegengebracht wird, trägt General Daniel Ortega durch eine putinesk hingebogene dritte Amtszeit als Präsident, und er erfreut sich gewisser, nun ja, unternehmerischer Erfolge. Die Polizei genießt hohes Ansehen, bei anderen dringend benötigten Institutionen liegt es im Argen. Unser ernster Guerillero sieht vermutlich die Fäden liegen, aus denen die Zukunft dieses armen Landes gestrickt wird, und wenn man die Lupe wieder zur Seite legt, dann ist auch Nicaragua wieder nur ein Datenpunkt, der in ökonometrische Studien wie diese oder diese eingeht. Aber so ist das wohl.

30. Oktober

Vor einiger Zeit hatte ich Peter Leesons Buch "The Invisible Hook: The Hidden Economics of Pirates" für die UB beschafft. In unserem MAGKS-Doktorandenseminar kamen wir dann auf das Thema Piraten - warum, darüber berichte ich vielleicht später mal. Jedenfalls wollte ich dieses Buch nun wieder ausleihen, musste aber feststellen, dass es geklaut war. Sehr witzig, Buchpirat. Aber man isst ja auch keine Kochbücher. Und wie endeten die berühmten Piraten?
Klaus Störtebeker: 1401 enthauptet
Sir Francis Drake: 1596 an Bord seines Schiffes an der Ruhr gestorben
Blackbeard: 1718 enthauptet
Anne Bonny: 1720 zum Tod durch den Strang verurteilt und wegen Schwangerschaft verschont
Bartholomew Roberts: 1722 von Kartätschenkugeln getötet
Was ich sagen will: Bücher zu klauen ist nicht nur doof, sondern auch ungesund.

Glücklicherweise sind einige der Piraten-Papiere von Leeson online verfügbar, zum Beispiel hier, hier und hier.

6. Oktober

Links zu ein paar von meinen nichtökonomischen Texten finden sich ganz unten auf der Publikationsseite. Eine Geschichte aus dem letzten Jahr ist kurz genug, um hier eingefügt zu werden:

Schach
Als der erste Bauer fiel, riss Läufer einen Witz über dicke Kartoffeln, die auf den dummen Bauern wachsen. Als der zweite Bauer in der Kiste landete, schnipste Springer ihm lässig eine Zigarettenkippe hinterher. Am Schicksal des dritten Bauern war Läufer nicht ganz unschuldig, er hatte ihm ein Bein gestellt. Und immer wieder sangen sie:
   "Die kleinen, doofen Bauern
    sind wirklich zu bedauern,
    kurze Beine, dicker Arsch,
    das erschwert den Marsch."
Doch ein Bauer kam durch, erreichte die letzte Reihe, verwandelte sich und wurde mächtiger als Läufer und Springer zusammen. "Das gibt jetzt Ärger", murmelte Springer. Läufer schaute betreten auf seine glänzenden Stiefelspitzen. Die neue Figur ballte triumphierend eine Faust, weitete ihren Brustkorb mit einigen tiefen Atemzügen und sang: "Die kleinen, doofen Bauern sind wirklich zu bedauern..."
Erleichtert erhoben Läufer und Springer ihre Gläser (Whiskey, Single Malt) auf den, der die Regeln dieses Spiels gemacht hatte.

1. September

Apropos ungesicherte Zitate: Von einem Aushang im Schaufenster des legendären Stuttgarter Buchhändlers Wendelin Niedlich hatte ich mir mal die Anekdote abgeschrieben, nach der Robert Walser 1917 in Zürich Lenin begegnete und ihm nur eine einzige Frage stellte: "Haben Sie auch das Glarner Birnbrot so gern?" Hier (S.44) kann man nachlesen, dass das wahrscheinlich nicht stimmt (als Lenin in Zürich war, war Walser in Biel). Trotzdem schöne Geschichte.
Was hätten Sie Lenin gefragt?

31. August

Gestern ausnahmsweise einen Film gleich am Starttag gesehen (und nicht sechs Wochen danach in unserem Stadtteilkino), und es hat sich wirklich gelohnt: Der neue Woody Allen-Film "To Rome With Love", viel besser, als der bloß ganz nette Trailer vermuten lässt. - Von Woody Allen geistert ein Zitat durchs Internet, für das ich gern mal eine vernünftige Quellenangabe hätte (ich freue mich über jeden Hinweis): "I have questions to all your answers". Genau die richtige Einstellung zu Forschung und Lehre.

22. August

Im akademischen Wettbewerb gibt es verschiedene Strategien, einige sind dubios bis illegal und fallen ihren Anwendern zum Glück gelegentlich auf die Füße, andere sind harmlos, wie zum Beispiel die Suche nach einem cleveren Profil. Eine Zeit lang glaubte ich, wenigstens das Ziel "bester Ökonom unter den Schachspielern" oder "bester Schachspieler unter den Ökonomen" in Reichweite zu haben, bis dann auch für einen Mikroökonomen der Starmakroökonom Kenneth Rogoff nicht mehr zu übersehen war, der in beiden Kategorien in einer anderen Liga spielt.
Besser hat es da mein früherer Kollege und zweimaliger Koautor Hans Pitlik getroffen, von dem man wohl wirklich sagen kann: Bester Ökonom unter den Punkschlagzeugern, bester Punkschlagzeuger (XXX, The Westerwaves) unter den Ökonomen.

11. August

Gendern oder nicht? Meine Töchter wissen schon, dass sie sich in dieser Frage nie einig sein werden, streiten sich aber trotzdem gern darüber. Ich halte mich da raus und trage nur ein paar Zitate aus einem Buch bei, dessen Autor sich entschieden hat, grundsätzlich nur die weibliche Form zu verwenden (Ausnahme: "Freier"). Hier drei charakteristische Zitate:

  • "Wenn die Konsumentinnen sich beim Konsum strafbar machen, wird dadurch ein besserer Zugriff auf die Drogenhändlerinnen erwartet."

  • "Verbrecherinnenorganisationen legen ihr Geld nicht nur nach Renditegesichtspunkten an, sondern auch nach der Möglichkeit, das Geld reinzuwaschen und Spuren der illegalen Herkunft zu verwischen."

  • "Das gibt die Möglichkeit, sich weiterhin ein einfaches Feindinnenbild zu bewahren und sich nun doch gegen die Prohibition zu verwenden."

Quelle: Rolf Suter, Die Gewinnerinnen der Drogenprohibition, 3. Auflage, Zürich 1991, S. 29, 95, 27.

8. August

Irgendwann bin ich mal auf den Verteiler einer monatlichen Ökonomen-Befragung von n-tv und "Euro am Sonntag" (?) gerutscht. Das ist manchmal ein fröhliches Raten (Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland in den nächsten 6 Monaten aus dem Euro austritt? Ich habe 30% geboten.)
Jetzt aber war mal wieder was für Mikroökonomen dabei:
Frage 6.a) "Die Debatte um das Ehegatten-Splitting ist neu entbrannt. Anlass war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach homosexuellen Beamten, die in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft leben, dieselben steuerlichen Vorteile zu gewähren seien wie heterosexuellen Ehepaaren. Eine Gruppe von CDU-Abgeordneten will nun grundsätzlich allen eingetragenen Partnerschaften von Homosexuellen steuerlich dieselben Privilegien gewähren wie heterosexuellen Eheleuten. Dies gilt insbesondere für das Ehegatten-Splitting. Familienministerin Kristina Schröder hat sich diesem Vorstoß angeschlossen. Sollten eingetragene Lebensgemeinschaften steuerlich heterosexuellen Ehepaaren gleich gestellt werden und damit auch Anspruch auf das Ehegatten-Splitting erhalten?"
Meine Antwort: Nein. Begründung: Ehrlich gesagt ist dies eine Frage, über die ich - angesicht von wichtigen Problemen, die wirklich zu verstehen gerade viel Mühe kostet - nicht lange nachdenken möchte. Ich hatte zunächst spontan ein "Ja" angeklickt, das war politökonomisch motiviert: Ich dachte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Ehegattensplitting endlich ganz abgeschafft wird, steigt, wenn Leute davon profitieren, für die dieses Privileg zunächst gewiss nicht gedacht war. Auf den zweiten Blick war das falsch gedacht, denn das Ehegattensplitting wird sich hartnäckiger halten, wenn mehr Wähler davon profitieren. Also doch "Nein".
P.S.: Normalerweise gebe ich beim Ökonomenbarometer nicht so lange Antworten. Bin mir halt nicht sicher. Habe ich was übersehen? Wer sieht, was ich übersehen habe, kann mir gern eine Mail schreiben.
Frage 6b) "Die OECD rät stattdessen zur kompletten Abschaffung des Ehegatten-Splittings. Es sei nicht sinnvoll, „Nicht-Arbeit steuerlich zu fördern“. Dies könne sich Deutschland angesichts der rasanten Alterung der Bevölkerung und der wachsenden Knappheit an Arbeitskräften „nicht leisten“. Sollte das Ehegatten-Splitting komplett abgeschafft werden?"
Meine Antwort: Ja. Begründung: Wo die OECD Recht hat, hat sie Recht, auch wenn es fischig ist, das Konzept des "Sich-etwas-nicht-leisten-könnens" auf Staaten anzuwenden.
Frage 6 c) "Andere europäische Länder (z.B.Frankreich oder Österreich) praktizieren statt des Ehegattensplittings ein Familiensplitting. Dabei wird die Steuerlast von Familien über eine gemittelte Berechnung der Einkommen von Eltern und ihrer Kinder bei progressiven Steuertarifen teils deutlich reduziert. Sollte die Bundesregierung statt eines umfassenden Ehegattensplittings für alle eher auf ein Familiensplitting setzen?"
Meine Antwort: Ja. Begründung: Mein "Ja" soll heißen: Besser als Ehegattensplitting. Optimal kann es nicht sein, zur Förderung von Familien und Kindern das Steuerrecht einzusetzen.

7. August 2012

Rainald Goetz sagte was Interessantes bei seiner Antrittsvorlesung zur Heiner Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik 2012 an der FU Berlin:

"Kein Mensch kann einem noch so stringent oder gar luzide ausgedachten und vorformulierten Text, der ihm vorgelesen wird, mehr als 15 Minuten rein freudig wirklich folgen. Wäre ich Professor geworden, so wie es mein ursprünglicher Lebensplan vorgesehen hatte (...), dann könnte ich das heute, was vom Professor erwartet werden kann: Dass er im freien Vortrag, auf Stichpunkte gestützt, das seinen Zuhörern darlegt, was er sagen will. Dass Hegel das angeblich nicht konnte, spricht vielleicht sogar wirklich gegen Hegels System."

Goetz las deutlich mehr als 15 Minuten vor, sehr lebendig und unterhaltsam, einiges schaurig blödsinnig über die angebliche Nichterlernbarkeit des Schreibens, trotzdem hier der LINK

4. Juni 2012

Meine große Tochter meint, ich soll mehr in meinen Blog schreiben. Daher auch an dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem großartigen Abitur!

25. Mai 2012

Wer will, kann meinen Vortrag beim Science Slam (hat bei starker Konkurrenz für einen knappen Sieg gereicht) hier ansehen: http://univideo.uni-kassel.de/video/3-Science-Slam-Prof-Dr-Bjoern-Frank/cea84109f12206101d0491e6c0c8611c

Da ich schon mehrfach gefragt wurde, ob es sich wirklich um eine echte Forschungsarbeit mit echten Daten handelt, hier der link zum Papier: www.dice.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Wirtschaftswissenschaftliche_Fakultaet/DICE/Discussion_Paper/037_Haucap_Herr_Frank.pdf

15. April 2012

Ich habe übrigens die Ehre und das Vergnügen, den Fachbereich 7 beim 3. Kasseler Science Slam am 4. Mai zu vertreten: http://www.scienceslam-kassel.de/   In den letzten beiden Jahren war der Science Slam ausverkauft, so dass es sich empfiehlt, Karten im Vorverkauf zu besorgen.

28. März 2012

Hat man 10 Stempel auf der Rabattkarte von unibuch in der Gottschalkstraße, bekommt man eine Wertmarke für einen Kaffee nebenan im Nordpol. Ich trinke aber keinen Kaffee und schenke die Marke dem ersten, der mir sagen kann, woher die Reimwörter am Ende folgenden vier Zeilen geklaut sind:

   Die Mutter singt von dunklen Dingen
   Singt am Ende gar die Sonne fort
   Sagt das Kind: Hör auf zu singen!
   Drauf sie: Was ist das Zauberwort?

P.S.: Der Kaffee ist vergeben!

9. März 2012

Was man alles vergisst. Nicht nur seine Eröffnungsvorbereitung (schlimm genug). Folgenden alten Notizzettel gefunden:

"Schönes Zitat aus Michael Holroyds ansonsten nicht so toller Carrington-Biographie, in der der Bloomsbury-Kreis von Künstlern und Intellektuellen eine wichtige Rolle spielt und "wo der Premierminister in Begleitung von Maynard Keynes mit den Worten 'Mr. Keynes und ein weiterer Gentleman' angekündigt wurde."

Ich habe erschreckenderweise nicht die geringste Erinnerung an dieses Buch oder daran, es gelesen zu haben. Nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist mir der schöne Carrington-Film mit Emma Thompson in der Titelrolle. Schade nur, dass Keynes darin nicht vorkommt.

5. März 2012

Apropos Bücher: Hier eine kleine Liste mit Büchern, die für mich One Hit Wonders sind: Tolle Bücher von Autoren, deren übrige Werke mich nicht so begeistert haben:

  • Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day

  • Donna Leon: Venezianisches Finale (Death at La Fenice)

  • Fanny Morweiser: O Rosa

  • Herbert Rosendorfer: Der Ruinenbaumeister

  • Javier Tomeo: Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief

  • Martin Walser: Der Abstecher/Die Zimmerschlacht

4. März 2012

Süddeutsche Zeitung Magazin 49/2011 vom 9. Dezember. Vor dem Wegwerfen nochmal reingeschaut. Ein Interview mit drei Leuten, die Felix Krull, Wilhelm Meister und Katharina Blum heißen. Wilhelm Meister wird gefragt, ob er Goethes Bücher über "Wilhelm Meister" mal gelesen hat. Antwort: "Ehrlich gesagt, nein, ich bin keine große Leseratte. Mein letztes Buch ist zwei Jahre her, aber ich habe mir vor unserem Gespräch die Zusammenfassung bei Wikipedia angeschaut (...)."

Man muss "Wilhelm Meister" - ich meine jetzt die beiden Bücher - weder mögen noch lesen, aber Studenten, die zwei Jahre lang kein einziges Buch lesen, treiben mich wirklich zur Verzweiflung. Studenten? Ja, der befragte Wilhelm Meister studiert, und zwar, jetzt kommt's, Kommunikations- und Multimediamanagement. Kotz.

 

Lösungen zu Etch-A-Nomics (siehe Blog-Eintrag vom 3. April 2013), im Uhrzeigersinn, beginnend links oben:
Notenpresse, Chicken Game, Rat Race, Karl Marx (man beachte Hammer und Sichel)

Lösungen zum Abschlussarbeitenthemenquiz vom 12. Juli 2013: Die Antwort ist jeweils Nr. 4.

Lösung zum Städterätsel (siehe Blog-Eintrag vom 11.2.2014): Berlin ("Arm aber sexy")

Lösung zum Quiz vom 30.1.2015: Nr. 1 (Grüne Hochschulgruppe Kassel), Nr. 3 (Juso Hochschulgruppe Kassel und Witzenhausen) und Nr. 4 (Kleinste Radikale Minderheit) sind echt, Nr. 2 habe ich mir ausgedacht. Lösung zur Zusatzaufgabe: Es handelt sich natürlich um das Känguru in Marc-Uwe Klings Büchern "Die Känguru-Chroniken", "Das Känguru-Manifest" und "Die Känguru-Offenbarung", die ersten beiden sind wirklich zu empfehlen.

Zum Eintrag vom 11.4.2019: Professorinnen und Professoren sind natürlich entzückt, wenn Studieninteressierte schon mal was aus ihrem Fach gelesen haben, egal was, im Fall Psychologie vielleicht Sigmund Freud oder Dan Ariely, Erich Fromm oder Dieter Frey, Hauptsache, man bekommt ein paar konsistente Sätze zusammen und kann vermitteln, wieso man das interessant fand.