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10.05.2014 14:07

1. Kasseler Forschungstagung

Anfang März trafen sich in Kassel gut 50 Teilnehmer zur 1. Kasseler Holzbautagung. Im Mittepunkt standen die Themen Erdbebensicherheit und Brandschutz von Holztragwerken.

3D-Modell

Schwingtisch, der ein belastetes Wandelement in den Bereich der Eigenfrequenz bringt

Als neues Format waren am ersten Tag drei Workshops angeboten, bei denen die Teilnehmer die Möglichkeiten hatten, hier sich intensiv in kleinen Gruppen mit speziellen Fragen der Erdbebenbemessung auseinander zu setzen.
Dipl.-Ing. Burkhard Walter von der Ingenieurgesellschaft Walter in Aachen vermittelte in den drei Stunden in seinem Workshop einen sehr kompakten Überblick zum Entwurf und zur Berechnung von Aussteifungssystemen im Holzbau. Dipl.-Ing. Tobias Vogt und Dipl.-Ing. Johannes Hummel, beide wissenschaftliche Mitarbeiter am Fachgebiet Holzbau und Bauwerkserhaltung der Universität Kassel, führten ihre Teilnehmer in die Versuchstechnik im Holzbau ein. D.h. es wurden zuerst auf theoretischer Grundlage Bauteile und Verbindungen dimensioniert, welche anschließend im Labor unter realistischen Bedingungen geprüft wurden. Besonders eindrucksvoll war es, den Schwingtisch der Universität Kassel in Aktion zu erleben, bei dem ein mit 2,5 t belastetes Wandelement in den Bereich der Eigenfrequenz gebracht wurde.

Der zweite Tag begann mit zwei Themenblöcken zur Erdbebensicherheit. Dipl.-Ing. Johanndes Hummel und Dipl.-Ing. Michael Schick von der Universität kassel stellten die Empfehlungen zur Erdbebenbemessung vor, die man aus dem internationalen Forschungsprojekt Optimber-Quake abgeleitet hatte. Dieses Projekt wurde federführend von der Universität kassel in den Jahren 2011 - 2013 gemeinsam mit italienischen und beglischen Partnern bearbeitet worden.
Die gute Kooperation zwischen den Forschungseinrichtungen in Graz und Kassel wurden im Vortrag „Brettsperrholz auf dem Rütteltisch“ von Dipl.-Ing. Georg Flatscher deutlich. Georg Flatscher hatte im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes der TU Graz einen 1:1-Versuch an einem dreigeschossigen Gebäude konzipiert. Der Versuch selbst war auf einer entsprechend ausgerüsteten Anlage in Portugal durchgeführt worden. Für die vorbereitenden Versuche zur Optimierung der Verankerung der Brettsperrholzelemente hatte Flatscher den Wandprüfstand der Universität Kassel genutzt. In einem Video konnte eindrucksvoll gezeigt werden, wie robust Brettsperrholzkonstruktionen auf Erdbe-beneinwirkungen erheblicher Stärke reagieren.
Einen Schritt weiter ging Dr.-Ing. René Steiger von der Empa Dübendorf, der mit seinen Kollegen gleich ein komplettes dreigeschossiges Mehrfamilienhaus in Holzrahmenbauweise in Schwingung versetzte. Die – in „Bauen mit Holz“ bereits veröffentlichten Ergebnisse – quantifizieren sehr gut die Steifigkeitseinflüsse, die üblicherweise in einer Berechnung nicht quantifiziert werden können. Dazu zählen insbesondere die Beiträge des Innenausbaus sowie Reibungseinflüsse.
Der Block zur Erdbebensicherheit wurde abgeschlossen mit einem Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Ekkehard Fehling und Prof. Dr.-Ing. Werner Seim, beide von der Universität Kassel, zur Einführung des EC 8 in Deutschland. Ekkehard Fehling machte in seinem Beitrag deutlich, dass es zwingend erforderlich ist, Inkonsistenzen bei den grundlegenden Annahmen zur Baugrundbeschleunigung, die bisher an den Landesgrenzen in Europa existieren, zu beseitigen. Er zeigte auf, dass es derzeit zwei Forschungsgruppen gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Beide Projekte sind noch nicht abgeschlossen. Es gibt aber klare erste Hinweise darauf, dass eine Überarbeitung der entsprechenden Erdbebenzonierung in Deutschland eher zu einer Verschärfung der Anforderungen führen wird. Diese Vorlage nahm Prof. Seim in seinem Beitrag auf, indem er erläuterte, wie sich insbesondere der Holzbau diesen Herausforderungen mit klaren, ausreichend umfassend, aber nicht ausufernden Regelungen stellen kann. Er konnte anschaulich zeigen, wie Forschungsergebnisse des Projektes OptimberQuake direkt in die anstehenden Überarbeitungen nationaler und europäischer Regelungen einfließen werden.
Die beiden abschließenden Vorträge der Tagung waren dem Thema Brandschutz gewidmet. Prof. Dr.-Ing. Stefan Winter von der TU München stellte Fassaden aus Holz in den Mittelpunkt seines Vortrags. Anhand zahlreicher von ihm und seinen Mitarbeitern konzipierter und umgesetzter Beispiele konnte er eindrücklich zeigen, wie mit den richtigen Konzepten und den zugehörige Details dort, wo Holz drin ist, auch Holz dran sein kann.
Dr.-Ing. Dirk Kruse befasste sich in seinem Vortrag mit Aufstockungen in Holzbauweise. Ein Thema, welches durch die Verdichtung städtischer Bebauung ständig an Bedeutung gewinnt. Klar und auch für den brandschutztechnischen Halblaien gut nachvollziehbar zeigte er, wie mit unter Berücksichtigung baurechtlicher Randbedingungen sowohl für den Bestand als auch für die eigentliche Aufstockung wirtschaftliche und sichere Lösungen gefunden werden können.
Tagungsleiter Prof. Werner Seim zeigte sich sehr zufrieden mit der Premiere dieser Tagung: „Es ist uns gelungen, gleich beim ersten Mal Teilnehmer aus allen Bereichen anzusprechen, die sich mit Innovationen und Entwicklungen für den Holzbau befassen. Die gute Mischung aus Vertreterinnen und Vertretern aus Ingenieurbüros, der Industrie, den ausführenden Betrieben und den Hochschule auf der einen Seite und die vielfältigen Diskussionen haben mich überzeugt, dass wir mit unserem Konzept auf dem richtigen Weg sind, und die Veranstaltung in zwei Jahren eine Fortsetzung finden wird.“

 

Dieser Artikel wurde auch in der 13. Ausgabe der Zeitschrift 'Holz-Zentralblatt' des Jahres 2014 veröffentlicht.

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