Kassel 19_20_Jh

Kassel im 19. und 20. Jahrhundert

Machbarkeitsstudien

 

[2.1] Ergebnisse der Kommunalwahlen von 1933

 

  1. Datenquelle
    Kasseler Post vom 13. März 1933 (51. Jahrgang, Nummer 72)
     
  2. Die Ergebnisse in den Stimmbezirken
    Tabelle 1
    Die Wahlergebnisse (Anzahl Stimmen, die auf die 8 Parteien entfallen sind [Bereich P]) sind angegeben für

    Die vorliegende Quelle ist teilweise schwierig zu lesen; deshalb sind Fehler bei der Erfassung nicht auszuschließen. Zur Abschätzung des Erfassungsfehlers wurden die Spaltensummen mit den in der Quelle angegebenen Summen verglichen. Die Abweichung (letzte Zeile in der Tabelle 1) beträgt +/- 1 %.
     
  3. Gesamtergebnis für die Stadt Kassel
    Tabelle 2 :
    Liste Partei Anzahl Stimmen Stimmenanteil
    in Promille [VT]
    1 NSDAP 47152 456
    2 SPD 29271 283
    3 KPD 7654 74
    4 Zentrum 4196 41
    5 Kampffront 10777 104
    6 Christlich-Sozialer Volksdienst 2776 27
    7 Staatspartei 1565 15
    8 Sozialistische Kampfgemeinschaft 43 0
    Summe   103434 1000

     
  4. Raumbezug

    Leider liegt eine Karte mit den Flächen der Stimmbezirke nicht vor, so dass eine entsprechende Visualisierung der Wahlergebnisse für die verschiedenen Bereiche der Stadt nicht möglich ist.
    Der Raumbezug ist nur mithilfe der Adressen der in der Tabelle 1 angegebenen Wahllokale möglich unter der Annahme, dass das Wahllokal für einen Stimmbezirk innerhalb der Fläche des Stimmbezirks liegt (oder zumindestens in der Nähe).
    Dieser eingeschränkte Raumbezug wird weiter vergröbert durch die Tatsache, dass für die meisten Stimmbezirke keine eindeutige Wahllokal-Punkt-Koordinate möglich ist, da die Wahllokale zu mehreren Stimmbezirken zusammenfallen.

    Tabelle 3

    In Tabelle 3 sind die 122 Stimmbezirke (ohne die in den Krankenhäusern) nach den Adressen der Wahllokale sortiert. Es ergeben sich 55 verschiedene Orte für die Wahllokale. Einige Orte liegen in unmittelbarer Nachbarschaft (so die zu den Stimmbezirken 111 (Wolfhager Str.174), 113+114 (Wolfhager Str.178 ), 115+116 (Wolfhager Str. 176)). Um die Visualisierung durch engbeieinanderliegende Symbole zu vermeiden, wurden diese drei Orte zu einem Ort zusammengefasst. Entsprechend wurde bei den Orten 8 und 23 (fette Spalte ORT in Tabelle 3) verfahren. Insgesamt verbleiben somit 51 Orte.

    Den Adressen dieser 51 Orte wurde mithilfe des Datenbestandes aus dem Projekt "Sozial-räumliches Informationssystem Cassel" (Prof. Peter Jüngst) eine Punkt-Koordinate als Grundlage für die Visualisierung der Wahlergebnisse zugeordnet.

    Karten
    Karteninhalt Stadt als Ganzes Innenstadt Anmerkung
    Lage der Orte 1..51 PDF 185 KB PDF 96 KB   A
    Anzahl Stimmbezirke pro Ort PDF 183 KB PDF 105 KB   B
    Summe Stimmen in allen Stimmbezirken pro Ort PDF 162 KB PDF 83 KB   C

    Anmerkungen :
    [A]
    In der Karte ist die Nummer des Ortes angegeben (Spalte ORT in Tabelle 3)
    [B]
    Die maximale Anzahl Stimmbezirke pro Ort liegt bei der Stadthalle vor: 6 Stimmbezirke (92+93+94+95+98+102)
    [C]
    Die Anzahl abgegebener Stimmen pro Stimmbezirk schwankt zwischen 539 (Stimmbezirk 68 - Philippinenhof) und 1373 (Stimmbezirk 109 - Zentgrafenstr. 101). Durch die teilweise Zusammenfassung mehrerer Stimmbezirke zu einem Ort schwankt die Anzahl pro Ort, wie sie in der Karte dargestellt wird, noch stärker : zwischen 539 (Ort 30 = Philippinenhof) und 5772 (Ort 11 = Stadthalle). Die Vergleichbarkeit der Ergebnisse auf der Grundlage der notwendigen Zusammenfassung der Wahlergebnisse bezüglich der Orte ist deshalb zu problematisieren.
     

  5. Visualisierung mittels Karten

    Da der Raumbezug nur für die 51 Orte der unterschiedlichen Wahllokale vorhanden ist, beziehen sich die Aussagen in den folgenden Karten jeweils auf die Summen der Stimmen, die für die Parteien in allen Stimmbezirke eines Ortes abgegeben wurden.

    Karten :
    Karte Karteninhalt Karten zeigen Anmerkung
    3 stärkste Partei :
    NSDAP oder SPD
    PDF (159 KB)   A
    4 Stimmenanteil NSDAP PDF (196 KB)   B
    5 Stimmenanteil SPD PDF (197 KB)   B
    6 Stimmenanteil KPD PDF (199 KB)   B
    7 Vergleich Stimmen
    NSDAP und SPD
    PDF (192 KB)   C
    8 Vergleich Stimmen
    NSDAP und SPD
    PDF (143 KB)   D

    Anmerkungen :

    [A]
    Die Aussage "NSDAP ist die stärkste Partei" bzw. "SPD ist die stärkste Partei" pro Ort muss nicht bedeuten, dies dies für alle Stimmbezirke dieses Ortes ebenso gilt. Hierzu einige Beispiele (siehe auch Tabelle 3)
    Ort 11 (Stadthalle) : in allen 6 Stimmbezirken gilt : NSDAP > SPD
    Ort 15 (Bürgerschule 27) : in allen 4 Stimmbezirken gilt : NSDAP < SPD
    Ort 20 (Bürgerschule 7) : in zwei Stimmbezirken gilt : NSDAP > SPD; in zwei Stimmbezirken gilt : NSDAP < SPD.

    [B]
    Ziel der Karten 4,5,6 ist die Markierung der Stadtbezirke, in denen die Parteien NSDAP (Karte 4), SPD (Karte 5), KPD (Karte 6) besonders stark bzw. schwach vertreten sind. Hierzu wird der lokale Stimmenanteil auf den globalen Stimmenanteil (= Ergebnisse für die gesamte Stadt - siehe Tabelle 2) bezogen :
    Indikator := (lokaler Stimmenanteil) X 1000 / (globaler Stimmenanteil)
    Ein Indikatorwert von 1000 bedeutet also, dass der lokale Stimmenanteil für die betreffende Partei genau dem globalen Stimmenanteil betrifft, ein Wert von 2000, dass er doppelt so groß ist, ein Wert von 500, dass er nur halb so groß ist.
    Symbolik in den Karten :
    Kreise : kleiner als der Mittelwert
    Quadrate : größer als der Mittelwert
    große Symbole mit zentralem Punkt : Extremwerte (besonders klein bzw. besonders groß).

    Bemerkenswert ist die unterschiedliche Streuung der Indikatorwerte, die als Maß für die Inhomogenität der Situation für die unterschiedliche Bezirke der Stadt genutzt werden kann:
    Partei Indikatorwert
    Minimum ... Maximum
    Interpretation
    NSDAP 509 ... 1445 geringe Streuung
    SPD 170 ... 1770 starke Streuung
    KPD 68 ... 3703 sehr starke Streuung

    [C]
    In Karte 7 wird der lokale Stimmenanteil der NSDAP mit der der SPD verglichen :
    Indikator := (Anteil NSDAP) X 1000 / (Anteil SPD)
    Der Indikatorwert = 1000 bedeutet somit gleiche Stimmenanteile.
    Die Symbolik in Karte ist so gewählt, dass Kreise die Orte mit SPD-Vormacht und Quadrate die mit NSDAP-Vormacht darstellen. Besonders hervorgehoben werden durch die Mehrfachquadrate die Orte mit übermachtigem NSDAP-Anteil (5 fach so viel wie die SPD und noch mehr)

    [D]
    Karte 8 zeigt den Indikator aus Karte 7 für den Bereich Innenstadt. Zur besseren Abgrenzung der Stadtbereiche bei der Interpratation der Ergebnisse sind die Grenzen der Genetischen Bezirke (Datenbestand Jüngst) eingezeichnet. Diese Bezirke markieren primär Bezirke der Stadtentwicklung; sie können aber auch zur Abgrenzung bei Fragen der Bevölkerungsstruktur genutzt werden.
     

  6. Interpretation

    Ist die NSDAP im gesamten Stadtgebiet die deutlich stärkste Partei oder gibt es Gebiete, in denen die konkurrierenden Parteien SPD + KPD den Anteil der NSDAP überflügeln ?

    1. Das Stadtgebiet zerfällt in große homogone Bereiche mit einer NSDAP-Mehrheit einerseits und einer SPD-Mehrheit andererseits; nur in Bettenhausen und Wahlershausen ist das Bild uneinheitlich.
    2. Die Bezirke Altstadt und Freiheit mit einer SPD-Mehrheit sind deutlich gegen die anschließenden Bezirke im Westen mit einer NSDAP-Mehrheit abgegrenzt [Karte 8].
    3. Die Nordstadt (beiderseits der Holländischen Straße) weist im mittleren Teil eine NSDAP-Mehrheit, sonst eine SPD-Mehrheit auf.
    4. Einige Bezirke, bei denen von einer durch Arbeiter geprägten Bevölkerungsstruktur ausgegangen werden kann, zeigen unerwartete NSDAP-Mehrheitsverhältnisse (Rothenditmold, Bettenhausen)

    Leider liegen keine Daten zur Bevölkerungsstruktur vor, zu der man die Wahlergebnisse in Bezug setzen könnte.


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Seite erstellt am 07.01.2010 von Klaus Horn
E-Mail = horn.gis BEI www.uni-kassel.de