Samm­lung von tech­ni­schen und prak­ti­schen Hin­wei­sen für die Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung schrift­li­cher elek­tro­ni­scher Fern­prü­fun­gen

Vor­be­mer­kung

Wie weit sind Präsenzklausuren und schriftliche elektronische Fernprüfungen vergleichbar?


Die Vorstellung, das eine Präsenzklausur klassischer Art unter identischen Bedingungen als Klausur unter Aufsicht am heimischen Computer geschrieben werden könnte, führt zu einer Reihe von Problemen. Es kann aber versucht werden, ein Prüfungsformat zu finden, das sowohl in Präsenz als auch unter Videoaufsicht am heimischen Computer unter Wahrung der Chancengleichheit absolviert werden kann. Die Universität Kassel wird die IT-Unterstützung kontinuierlich weiter verbessern. Dabei ist sie auf einen intensiven Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrenden, die diese Option nutzen, und den mit der Realisierung Befassten angewiesen.

Welche Formen von schriftlichen elektronischen Fernprüfungen gibt es?


Es gibt schriftliche Fernprüfungen mit und ohne Videoaufsicht. Ohne Aufsicht ist die Prüfung keine Klausur, sondern eine Art Minihausarbeit mit einem begrenzten Bearbeitungsfenster von bspw. nur wenigen Stunden oder identischer Bearbeitungszeit wie eine Klausur. Verbreitet ist die Bezeichnung „open-book exam“. In ihm sind Hilfsmittel wie z.B. Bücher, Internetrecherchen, etc. erlaubt, es wird aber versichert, dass die Lösungen selbstständig ohne fremde Hilfe erstellt wurden.

In der klassischen Klausur unter Aufsicht sind Hilfsmittel in der Regel nicht erlaubt. Bei schriftlichen elektronischen Fernprüfungen mit Videoüberwachung („Online-Klausur mit Videoüberwachung“) kann versucht werden, die Nutzung von unerlaubten Hilfsmitteln einzuschränken. Eine vergleichbar gute Überwachung wie in Präsenzklausuren ist aber kaum möglich, da aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes und der Privatsphäre im Umfeld der Wohnung die Videoüberwachung nur sehr eingeschränkt erfolgen darf. Daher kann eine unerlaubte Benutzung von Spickzetteln, Handys, etc. wohl nicht wie bei Präsenzklausuren verhindert werden.
Bei der Konzeption ist daher genau zu überlegen, was man mit einer Videoüberwachung erreichen möchte und erreichen kann. Wenn die Videoüberwachung verzichtbar ist, ist das open-book Exam die deutlich einfachere Lösung.
Möchte man auf eine Überwachung nicht verzichten, muss genau überlegt werden, welche Hilfsmittel durch eine kontinuierliche Videoüberwachung des Porträts bei eingeschaltetem Mikrophon verhindert werden können und welche nicht, wobei z.B. bei der Nutzung von Zoom durch den stichprobenartigen Einsatz der Pin-Funktion (Vollbild) ein deutlich größeres Porträt-Bild  Einzelner erreicht werden kann, als bei der gleichzeitigen Kachelansicht aller Prüfungsteilnehmer*innen. Es kann z.B. verhindert werden, dass jemand längere Zeit telefoniert, seinen Blick dauerhaft vom eingesetzten Endgerät abwendet und die Aufgaben mit Dritten bespricht.

Wie ist eine Videoüberwachung z.B. mit Zoom möglich?

Die Videoüberwachung kann mit Zoom durchgeführt werden. Dabei ist sicherzustellen, dass jede Aufsichtsperson maximal so viele Studierende gleichzeitig auf ihrem Bildschirm als Kachel überwacht, dass eine Überwachungsqualität vergleichbar zur Präsenzklausur gegeben ist. Je nach Anzahl der Teilnehmer*innen und verfügbarer Aufsichtspersonen werden ein oder mehrere Zoom-Meetings erstellt. In jedem Zoom-Meeting wird für jede Aufsichtsperson eine Breakout-Session erstellt, während ein*e Prüfer*in der Hauptsession verbleibt. Die Prüfungsteilnehmer*innen sammeln sich zunächst im Warteraum des Meetings (bzw. verteilen sich auf mehrere Meetings). Die Aufsichtsperson in der Hauptsession lässt dann jeweils eine Person in das Meeting, kontrolliert ihren Namen, Lichtbildausweis, Studierendenausweis, etc. und verschiebt sie dann zu einer anderen Aufsichtsperson in eine Breakout-Session. Weiteres wird dann in den Breakout-Sessions geklärt (Kameraposition, etc.). In jedem Videobild muss der korrekte Name der zu prüfenden Person (kein Nickname) eingetragen sein, damit das jeweilige Verhalten der zutreffenden Person zugerechnet werden kann. Für Fragen von Teilnehmer*innen können die Hosts und Co-Hosts wenn gewünscht zwischen den Breakout-Sessions hin- und herwechseln. Aufzeichnungen sind untersagt. Als Nachweis von Täuschungen sind genaue Protokolle der Aufsichtspersonen erforderlich. Es wird empfohlen, eine weitere Aufsichtsperson als Zeugen hinzuzuziehen und das Protokoll der Täuschung mit zu unterschreiben. Weiterhin müssen vor der Klausur alle Teilnehmer*innen und Aufsichtspersonen genau instruiert werden, welche Ereignisse als Täuschung gewertet werden und welche nicht. Für die Überwachung des Tons haben alle Studierenden ihr Mikrophon eingeschaltet. Damit niemand durch Geräusche gestört wird, sollten alle Studierende ihren Lautsprecher ausschalten oder leise drehen. Fragen an die Aufsicht können über den Tonkanal gestellt und beantwortet werden (Lautsprecher an). Werden von den Studierenden Kopfhörer benutzt, ist ein Betrugsversuch nicht auszuschließen, wenn der Kopfhörer z.B. an ein Telefon anstelle des Computers angeschlossen wurde. Um eine Frage anzumelden, kann die Chat-Funktion oder die Hand-heben-Funktion eingesetzt werden. Planen Sie ausreichend Zeit für die Einlasskontrolle und weitere Vorbereitungen ein.

Wie kann die Nutzung anderer Programme auf dem von den Prüfungsteilnehmer*innen genutzten Computer verhindert werden?


Eine Software, die die Nutzung anderer Programme auf dem Computer unterbindet, kann gegenwärtig von der Universität Kassel nicht zur Verfügung gestellt werden. Ohnehin gewinnt man nicht viel durch solch eine Software, da Studierende bei Betrugsabsicht mit Zweitgeräten arbeiten können.

Lassen sich die üblichen Papierklausuren in der Form von schriftlichen elektronischen Fernprüfungen durchführen?


Ein denkbares und recht einfach realisierbares Format für eine Klausur mit Videoüberwachung und ebenso für open-Book exams ist das Arbeiten auf Papier. Die Aufgabenstellung erfolgt über Moodle z.B. als pdf-File, das bei Klausurbeginn den Studierenden zur Verfügung gestellt wird. Die Studierenden bearbeiten die Aufgaben in selbstgewählter Reihenfolge, während sie ihre Webcam so positioniert haben, dass ihr Porträt zu sehen ist. Eine direkte Beobachtung des Papiers ist schwierig und nicht empfehlenswert, da viele Studierenden keine bewegliche Webcam haben. Dennoch kann beobachtet werden, dass die Studierenden konzentriert an ihren Aufgaben arbeiten und nicht durch die Wohnung laufen, um Informationen zu beschaffen oder zu kommunizieren. Am Ende der Klausur werden die Lösungen mit einem Scanner, Smartphone oder Fotoapparat abfotografiert, auf den PC übertragen und auf Moodle fristgerecht hochgeladen. Bedenken Sie, dass der Versand per Mail eine fristgerechte Abgabe nicht überprüfbar macht, da der Eingang z.T. erheblich verzögert sein kann und sich die Absende-Uhrzeit auf die Uhr des Absenders bezieht, die manipuliert sein könnte. Die Handschrift der Studierenden stellt im Zweifelsfall eine Möglichkeit zur Überprüfung der selbstständigen Arbeit dar. Auf den Abgaben sollte in jedem Scan/Foto der Name erscheinen, um zusätzliche Sicherheit vor Verwechslungen zu geben. Grundsätzlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass etwas abgeschrieben wird, das vorher bereitgelegt wurde. Bei geeigneter Aufgabenstellung ist solch eine unmittelbare Vorbereitung aber schwer möglich. Bei der Abgabe ist darauf zu achten, dass nicht alle Studierenden ihre Lösungen unmittelbar gleichzeitig hochladen, da das Moodle-System ansonsten bei sehr großen Klausuren zusammenbrechen könnte. Es ist empfehlenswert, das Hochladen nach Ende der Klausur zeitlich um einige Minuten zu staffeln und abzuwarten, bis alle erfolgreich hochgeladen haben. Dabei kann der Videokontakt aufrecht erhalten bleiben, so dass ein Weiterschreiben verhindert werden kann und ggf. Unterstützung bei Problemen gegeben werden kann.

Das Arbeiten auf Papier unter Videoüberwachung bietet den Vorteil, dass selten am Computer gearbeitet wird und so ein umfangreiches Benutzen anderer Programme (Internet, Mail, etc.) direkt auf dem Computer in der Überwachung auffallen würde.

In Moodle kann für solche Papierklausuren die Aktivität „Aufgabe“ verwendet werden. Ihre Benutzung wird hier erklärt: Moodle: Aktivität "Aufgabe" (Youtube)

Weiterführende Informationen sowie weitere Anleitungen finden Sie hier:
https://docs.moodle.org/35/de/Aufgabe

Wie kann Moodle mit der Aktivität „Test“ noch für Online-Klausuren eingesetzt werden?

Mit der Aktivität „Test“ können Lehrende Tests mit unterschiedlicher Fragetypen (Multiple-Choice-Fragen, Wahr-Falsch-Fragen, Kurzantwort-Fragen, usw.) direkt in Moodle erstellen. Bei dieser Prüfungsform arbeiten die Studierenden direkt am Computer und blicken im Wesentlichen andauernd auf den Computer. Das parallele Nutzen unerlaubter Programme auf dem Computer kann zwar technisch nicht verhindert werden, aber bei geeigneter Fragestellung ist die zur Verfügung stehende Zeit zu kurz, um umfängliche Recherchen oder Rückfragen per Mail vorzunehmen. Die Fragen erscheinen sequentiell und werden in vorgegebener Reihenfolge abgearbeitet. Es ist empfehlenswert, die Einstellung der Fragenparameter sorgfältig zu wählen, so dass z.B. nur ein Antwortversuch zulässig ist und den Studierenden keine automatischen Bewertungen angezeigt werden. Auch bei dieser zeitlich getakteten Bearbeitung sollte den Studierenden die Gelegenheit zum Nachdenken, kurzen Konzentrationsunterbrechungen und Aufblicken vom Bildschirm gegeben werden. Bei der Aufgabenerstellung prüfen Sie am besten vorher, ob die Lösung unmittelbar gegoogelt werden kann und die Aufgabe so anfällig für Betrug ist.
Eine Anleitung zur Einrichtung solcher Aufgaben mit der Aktivität „Test“ in Moodle finden sie hier: Online Tests anlegen [v.3.5] (Youtube).

Weiterführende Informationen sowie weitere Anleitungen finden Sie hier: https://docs.moodle.org/35/de/Test

Auch bei dieser Art von Prüfung kann es zu Performance-Problemen in Moodle kommen, da sehr viele Personen u.U. in der gleichen Sekunde eine Aufgabe beenden. Der Test sollte daher so konzipiert sein, dass es zu leichtem Zeitversatz kommt. Das kann z.B. dadurch erreicht werden, dass unterschiedliche Gruppen von Studierenden um 2 min versetzt zueinander den Test starten und beenden. Bei echter Gleichzeitigkeit von mehr als 50-100 Zugriffen ist mit Störungen zu rechnen.

Wie wird für den Fall vorgesorgt, dass Performance-Probleme nicht mehr vermieden werden können?

Aktuell wird die vorhandene Moodle-Installation nochmals mit zusätzlicher Hardware möglichst weit aufgerüstet, um die Performance auch in etwas größeren Prüfungen zu verbessern. Sollte sich abzeichnen, dass trotz Einhaltung der o.g. Hinweise zum Design und zur Durchführung von open-book-exams und online-Klausuren mit Videoüberwachung die Stabilität des Moodle-Systems nicht ausreicht, wird versucht werden, durch eine zusätzliche funktional identische Moodle-Installation den Problemen zu begegnen. Letzteres wäre aber mit neuen Fragen zur Migration verbunden und verursacht für Lehrende zusätzlichen Arbeitsaufwand.

Wie können Sie als Lehrende*r vorab den Prüflingen Gelegenheit geben, die elektronische Fernprüfung zu erproben?

Legen Sie für den Funktionstest, der den Studierenden zusteht, einen Termin fest, an dem Sie unter realistischen Bedingungen eine kleine Dummy-Klausur durchführen. Testen Sie die Einlasskontrolle mit Ausweisüberprüfung, Videoüberwachung in separaten Gruppen, Kommunikation mit den Studierenden während der Klausur, Aufgabenstellung und Abgabe. Sie selbst können so Erfahrungen mit den Beobachtungsmöglichkeiten sammeln und schauen, wie Sie die Abgaben sicher verwalten.

Wie können Sie als Lehrende*r im Falle von technischen Störungen während der Klausur eine Kontaktmöglichkeit für alle Anfragen der Studierenden ermöglichen?

Den Studierenden muss von Ihnen eine Kontaktmöglichkeit mit einer Ansprechperson während der Prüfung geboten werden, an die sie sich im Falle von Problemen unabhängig vom Prüfungssystem wenden können. Dies könnte z.B. telefonisch in Form einer Hotline erfolgen (darf dann allerdings nicht als Betrugsversuch wegen Telefonierens gewertet werden). Als Ansprechpersonen sind Sie als Prüfer*in bzw. ihre Mitarbeiter*innen gemeint, nicht aber Dritte.

Wie können Sie als Lehrende*r mit einem Prüfungsabbruch aufgrund technischer Probleme umgehen?

Wenn die Prüfung wegen einer technischen Störung abbricht, gilt sie als nicht unternommen. Aufgrund der Freiversuchsregel ist es unerheblich, wer den Abbruch verschuldet hat, da Studierende in diesem Zusammenhang eine Prüfung ohne Nachteile abbrechen können. Im HISPOS wird ein FNB vermerkt, ebenso wie im Fall des Nichtbestehens. Es ist damit zu rechnen, dass es aufgrund kleiner oder größerer Netzstörungen Unterbrechungen unterschiedlicher Länge geben kann. Sie müssen sich überlegen, ab welchem Umfang der Störung eine Prüfung eines/einer Studierenden als abgebrochen gilt. Wenn die Störung alle Studierenden betrifft, muss ein erneuter Prüfungstermin angeboten werden. Sind nur einzelne Personen betroffen, reicht das Angebot einer weiteren Prüfungsgelegenheit im selben Prüfungszeitraum, das kann auch eine nachfolgende Präsenzprüfung sein.

Was ist bei der parallel anzubietenden Präsenzklausur zu beachten?

Die Präsenzprüfung, die zusätzlich zu einer Online-Klausur mit Videoüberwachung angeboten werden muss, kann entweder genau gleichzeitig mit denselben Aufgaben stattfinden oder zu einer anderen Zeit in einem gleichen Prüfungszeitraum mit anderen, aber gleichwertigen Aufgaben. Findet der Präsenztermin nach dem Onlinetermin statt, kann er als Ausweichtermin im Falle von technischen Störungen genutzt werden. Es ist sicherzustellen, dass Chancengleichheit für die Studierenden im Online- und Präsenzformat besteht.