Reform als Prozess

Von Uni-Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep

Am 25. Oktober 1971 wurde die Universität Kassel - damals Gesamthochschule Kassel (GhK) - offiziell im so genannten Aufbau- und Verfügungszentrum (AVZ) in Kassel-Oberzwehren eröffnet. Einen Tag später nahm die neu gegründete Hochschule ihren Lehrbetrieb mit 2.913 Studierenden auf. Nach den Aufbaujahren und der Integration vorhandener Bildungseinrichtungen in Kassel und Witzenhausen wurde sie 1978 im Hessischen Universitätsgesetz als Universität gemeinsam mit den Universitäten in Marburg, Gießen, Frankfurt und der TU Darmstadt geführt. Seit 2002 nennt sich die Hochschule offiziell Universität Kassel.

40 Jahre nach ihrer Gründung hat die Universität Kassel eine Entwicklung genommen, die in den 70er Jahren vermutlich niemand für möglich gehalten hätte. Zum Wintersemester 2011/2012 zählt sie mittlerweile weit über 21.000 Studierende, davon rund zwölf Prozent internationale Studierende. Die Kasseler Universität hat in den 40 Jahren ihres Bestehens rund 45.000 Absolventinnen und Absolventen aus ihren eigenen Studiengängen sowie knapp 7.000 Fachhochschulabsolventen aus den in die Gesamthochschule Kassel übergeleiteten Fachhochschulstudiengängen in ihr berufliches Leben 'entlassen'. Seit 1971 wurden mehr als 60.000 Examina abgelegt, die Mehrfachabschlüsse eingerechnet. Zudem erfolgten etwa 3.000 Promotionen.

Neues Wissen zu erarbeiten und es weiter zu geben sind die wichtigsten Aufgaben einer Hochschule. Natürlich trägt eine Universität auch erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung von Stadt und Region bei. So flossen rund 2,94 Mrd. Euro laufende Zuschüsse (Landesmittel), 578,9 Mio. Euro Baumittel und 514,4 Mio. Euro Drittmittel seit der Gründung in die Universität Kassel. Sie gehört inzwischen mit ihren rund 21.600 Studierenden, rund 300 Professorinnen und Professoren, etwa 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem jährlichen Haushalt von mehr als 200 Millionen Euro inklusive Drittmitteln zu den mittelgroßen deutschen Universitäten.

Rückblick

Die Gesamthochschule Kassel ist damals Antwort auf die Bildungskatastrophe und Gegenmodell zu Traditions-Universitäten gewesen. Sie hat große Aufgaben bewältigt wie die Integration unterschiedlicher Hochschultypen in eine neue Hochschulstruktur und die Entwicklung neuer akademischer Studienstrukturen. Interdisziplinarität, Theorie-Praxis-Verbindung in Forschung und Lehre, berufspraktische Studien, Projektstudium, reformierte Lehramtsstudiengänge oder gestufte Diplom-Studiengänge nach dem Kasseler Modell sind wesentliche Elemente des frühen Reformansatzes. Von Beginn an werden Umweltthemen bearbeitet, schon bald kommen Fragestellungen etwa aus der Frauenforschung hinzu, regionale NS-Forschung u.a.m.. Sich in der Stadt und Region als Hochschule einzubringen ist von Anfang an eine Grundidee der Kasseler Hochschule.

Durch die Grenzöffnung rückt Kassel ab 1990 aus der geografischen Randlage wieder in die Mitte Deutschlands und Europas; die Uni baut diese Lage sowohl durch Internationalisierung als auch durch ihren Wissenstransfer aus. 1993 wird die Kasseler Hochschule in die Deutsche Forschungsgemeinschaft aufgenommen und beginnt, ihr Profil in der Forschung zu schärfen und ihre Personalstruktur im Hinblick auf eine zunehmende Forschungsorientierung umzubilden. Im Zuge des Bologna-Prozesses kann sie ihre Erfahrungen als Vorreiter der gestuften Studiengänge nutzen. Mit der europaweiten Einführung konsekutiver Studiengänge entfällt allerdings dieses Alleinstellungsmerkmal: Die Universität verzichtet ab 2002 auf den Namensbestandteil "Gesamthochschule" und heißt seither offiziell "Universität Kassel".

Das Jahr 2000 ist geprägt durch eine Zäsur: Das neue Hessische Hochschulgesetz ermöglicht den Hochschulen effizientere Organisations- und Entscheidungsstrukturen. Auf der Basis von Wirtschaftsplänen bzw. Zielvereinbarungen und mit Hilfe der kaufmännischen Buchführung können die Hochschulen seither weitgehend eigenverantwortlich über ihre Budgets entscheiden. Die Einnahmen aus Landesmitteln berechnen sich zunehmend nach Leistungskriterien. Die Gremienuniversität wird abgelöst durch ein Steuerungskonzept mit einem Präsidium mit Senat und Erweitertem Präsidium, das wesentliche Aufgaben der vormaligen Gremien übernimmt und von einem externen Hochschulrat unterstützt wird. Die zunehmende Autonomie ist Voraussetzung dafür, dass die Universität ihre Leistungsfähigkeit strategisch ausbauen konnte. Das heißt, sie hat sich selbst einer intensiven Stärken-Schwächen-Analyse unterzogen und daraus konsequent Cluster gebildet, die die vielfältigen vorhandenen Potentiale bündelten. Darüber hinaus wurden fach- und disziplinenübergreifend Forschungsfragen erarbeitet und Studiengänge entwickelt, die neu und attraktiv auf dem Bildungsmarkt waren.

Ein solches Cluster bildet beispielsweise die Umweltthematik. "Grüne Wissenschaft" in Forschung und Lehre findet sich etwa im europaweit einzigen ausschließlich auf Ökologische Agrarwissenschaft fokussierten Fachbereich in Witzenhausen mit seiner Lehr-,  Versuchs- und Transfereinrichtung Staatsdomäne Frankenhausen. Umweltforschung wird auch im Center for Environmental Systems Research (CESR) betrieben. Im Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES), in welches das aus der Kasseler Universität heraus entstandene Institut für Solare Energieversorgungstechnik e. V. (ISET) übergeleitet wurde, stehen Forschung und Anwendung im Zentrum, ebenso wie im Klimaanpassungsnetzwerk für die Modellregion Nordhessen (KLIMZUG Nordhessen) und dem Kompetenzzentrum für Klimaschutz und Klimaanpassung (CliMA). Zahlreiche umweltbezogene Studiengänge – etwa im Umweltingenieurwesen oder im Masterstudiengang Regenerative Energie und Energieeffizienz - bieten profilierte und weltweit beachtete Studienmöglichkeiten.

Mit dem Ausbau des Campus Holländischer Platz ab 2010 erhält die Universität hochaktuelle und zukunftsfähige Forschungsmöglichkeiten. Der begonnene Weg zur Stärkung des nationalen und internationalen Forschungsprofils der Universität Kassel wird sich weiter fortsetzen. Dabei kann die Hochschule ihr außergewöhnliches Fächerspektrum und die damit verbundene Pluralität von Perspektiven nutzen: Von der Kunsthochschule und den Kulturwissenschaften über die Technik-, Natur- und Gesellschaftswissenschaften wird Interdisziplinarität als Chance für die Forschung und eine aktuelle Lehre gesehen. Die Aufgabe von Wissenschaft ist es, auf gesellschaftliche Probleme zuzugehen und sich dabei durch fachübergreifende Zusammenarbeit weiterzuentwickeln. Forschungsprojekte und europaweite Forschungsnetzwerke stehen unter dem Motiv, dieses Wissen von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung bereit zu stellen. Mit ihren Kompetenzfeldern "Natur, Technik, Kultur, Gesellschaft" werden die Fachkulturen an der Kasseler Universität als gleichberechtigt wahrgenommen. Da sich die Realität nicht an Grenzen der Fachdisziplinen hält, wird bis heute ein inter- und transdisziplinärer Ansatz gepflegt. Die Uni Kassel ist eine junge Hochschule. Die Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ein steter ‚Jungbrunnen’ voller neuer Ideen. Auch die Professuren wurden zu 90 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre neu berufen. Die Uni ist also gut aufgestellt für die weiteren Schritte zu einer forschungsorientierten Universität.

International vernetzt und regional zu Hause

Heute sieht sich die Uni selbstbewusst als international vernetzt und zugleich als Entwicklungsmotor für die Region Nordhessen. Über 120 Partnerschaften mit Universitäten weltweit werden gepflegt, rund 140 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen jährlich zu Forschungszwecken an die Uni Kassel. Internationale Studiengänge werden angeboten und mit rund zwölf Prozent internationalen Studierenden zeigt die nordhessische Universität ihre weltweite Attraktivität.

Die Hochschule hat sich vom Regionalfaktor zum integralen Bestandteil der Regionalentwicklung gewandelt. Das zeigt sich besonders wahrnehmbar in Ausgründungen aus der Universität, aber auch durch die zahlreichen kulturellen und sozialen Initiativen und Impulse aus der Hochschule in ihr Umfeld: Vom Kulturzentrum Schlachthof über ein großes Angebot an Kunst-Ausstellungen, Grimm-Vorlesungen, Konzerten, bis hin zu Universitätsorchester oder –chor, Studententheater oder öffentlichen Veranstaltungen aus den Wissenschaftsbereichen. Die Uni ist aus Stadt und Region nicht mehr wegzudenken.

Und: Sie hat Verantwortung  für die Entwicklung Kassels und Nordhessens übernommen - durch den Transfer von Wissen über die Absolventinnen und Absolventen, über Forschungs- und Entwicklungsprojekte gemeinsam mit Wirtschaft, Kultur, Schule, Politik und Gesellschaft in Stadt und Region. Durch die Gründung von "UniKasselTransfer" im Jahr 2003 ist der Wissenstransfers der Universität Kassel zu einer Marke geworden. Sie steht für professionelle Beratung und Zusammenarbeit in der Schnittstelle Wirtschaft und Wissenschaft. Dazu gehört u.a. die Patentvermarktung, die Entwicklung der Weiterbildung zum Berufsbegleitenden Lernen in den Studien- und Managementprogrammen der UNIKIMS Management School, der Aufbau von Anwendungszentren, die Gründerförderung durch den Inkubator u.v.a.m.

Die Kasseler Hochschule lebt Reform als einen zu ihr gehörigen Prozess. Heute bestehen völlig andere Bedingungen als in den Gründungsjahren, aber es gibt viele Anstöße aus dieser Zeit, die noch bis heute wirksam sind. Beispiele sind etwa die gestuften Studiengänge, die Lehrerbildung, die Interdisziplinarität, die Befassung mit Umweltfragen, die Verbindung mit der Region oder die Anwendungsorientierung von Forschung.