Ansbach, Residenzschloss

Das Schloss in Ansbach entstand 1398-1400 unter Kurfürst Friedrich I. als Sitz der hohenzollerischen Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Palas und Kemenate der spätmittelalterlichen Wasserburg standen an der Stelle des Nordost- und des Nordwestflügels des späteren Renaissance- Schlosses.[390] Ebenfalls aus dieser frühen Phase stammen der Westbau (Dürnitz) und der massive  Südbau, die auch in der Vogelschau-Ansicht des Landgrafen Moritz von Südosten (2° Ms. Hass. 107 [31]) deutlich erkennbar sind. 1417 wurde die Kapelle errichtet, deren genauer Standort im Südwesten der Anlage aus den beiden weiteren Zeichnungen des Landgrafen Moritz (2° Ms. Hass. 107 [29] + [30]) ersichtlich wird. Ab 1445 diente die stattliche Wasserburg Markgraf Albrecht Achilles als Residenz. Um diesem Zweck zu genügen, ließ er um 1470 im Osten ein Wirtschaftsgebäude und im Südosten hinter der Kapelle einen parallel verlaufenden Vorbau errichten. Unter Markgraf Georg Friedrich d.Ä. fanden umfangreiche Umgestaltungen statt. Nordwest- und Nordostflügel wurden zwischen 1565 und 1575 bis auf den Keller abgerissen und neu errichtet. An der Seite zum Innenhof wurde ihnen ein bis zum Dachansatz reichender mehrgeschossiger Arkadengang vorgelegt. Diese beeindruckende Galerie, die an diejenige des Stuttgarter Schlosses erinnert, hat Landgraf Moritz in allen drei Zeichnungen dargestellt, war sie doch deutlich größer als diejenige am Kasseler Schloss und führte hier (wie auch in Stuttgart) über ein abgeschrägtes Zwischenstück vor dem Schlossturm übereck an beiden Flügeln entlang. Markgraf Joachim Ernst ließ 1622 die Kapelle erneuern und ihr ein Wohngeschoss aufsetzen. Diesen Umbau hielt Landgraf Moritz ebenfalls in seiner Zeichnung des Innenhofs 2° Ms. Hass. 107 [30]) fest.

Wie die Im Bestand vorhandenen datierten eigenhändigen Zeichnungen der unweit gelegenen Schlösser Coburg (2° Ms. Hass. 107 [89]) und Cadolz­burg (2° Ms. Hass. 107 [88]) nahelegen, ist ein Besuch von Landgraf Moritz in Ansbach in direktem zeitlichem Zusammenhang im September/Oktober 1629 zu vermuten. Frühere Aufenthalte sind für 1606 [391] sowie 1612 anlässlich der Hochzeit des Markgrafen Joachim Ernst mit Sophia von Solms [392] überliefert. Das Wasserzeichen auf dem Blatt mit dem Grundriss (2° Ms. Hass. 107 [29]) verweist jedoch auf eine Entstehung erst 1629/30. Zu dieser Zeit führte Moritz Schwägerin Markgräfin Sophie (die Schwester seiner ersten Frau Agnes von Solms) zusammen mit ihrem Bruder Friedrich von Solms-Rödelheim die Vormundschaftsregierung in Brandenburg-Ansbach für ihren noch unmündigen Sohn.

Die diversen Unstimmigkeiten bei den dargestellten Gebäuden, u.a. auch die Verwendung norddeutscher Fachwerkstrukturen, lassen allerdings vermuten, dass die Zeichnungen nicht direkt vor Ort, sondern im Anschluss an den Besuch als Gedächtnisstütze angelegt wurden. Dies könnte das Fehlen bestimmter Gebäudeteile und auch die teilweise differierenden Proportionen erklären.[393] In der Barockzeit erfolgte eine radikale und umfassende Umge­staltung der gesamten Schlossanlage durch verschiedene Architekten, so dass heute von dem Zustand des Residenzschlosses zu Zeiten des Landgrafen Moritz nichts mehr zu erkennen ist.

 

2° Ms. Hass. 107 [29]

Lageplan

Die Grundrissskizze von der Hand des Landgrafen präsentiert die Schlossanlage in ihrem Zustand um 1630, wobei die nördliche Ecke rechts unten liegt. Außerhalb des umlaufenden Grabens ist rechts der Marstall angedeutet, während unten vor dem Graben „der Renplatz“ angegeben ist. Marstall und Schloss  werden im Norden durch das Schlosstor verbunden, das einen direkten Zugang bis zum Turm ermöglichte. Der Nordwest- und der Nordostflügel mit dem Treppenturm in der inneren Ecke werden durch die umlaufende mehrstöckige Galerie ergänzt, die einen äußeren Zugang zu den Raumfolgen im Innern ermöglichte.  Nach Süden hin  schließt sich der breite Dürnitz-Westbau an, der ebenso wie der Südbau mit dem massiven Rundturm noch aus der Zeit um 1400 stammte. Die dazwischen liegende alte Kapelle von 1417 wurde 1622 erweitert und überbaut. An dieser Stelle fehlt in Moritz Darstellung  der parallel verlaufende Vorbau am Schlossgraben, der um 1470 erbaut wurde. Aus dieser Zeit stammte auch der Südostflügel mit dem „Roten Turm“  an der Hofseite, der durch ein zum Graben hin vorgelegtes Wirtschaftsgebäude ergänzt wurde. Die an dieser Stelle anschließenden Küchengebäude fehlen hier ebenfalls gänzlich.

Die feststellbaren Diskrepanzen bezüglich des historisch belegten Baubestandes, sowie die sehr skizzenhaft und  in einigen Proportionen ungenaue Zeichenweise legen den Schluss nahe, dass diese Zeichnung nicht direkt vor Ort, sondern später als Rekapitulation einer genauen Inaugenscheinnahme angelegt wurde.

 

2° Ms. Hass. 107 [30]

Innenhof von Nordosten

Das Blatt zeigt eine Bestandsaufnahme des Schlosshofes von Nordosten, wobei der Nordostflügel der besseren Übersichtlichkeit halber im Erdgeschoß auf einer Linie oberhalb der Fenster geschnitten dargestellt ist. Am Übergang zum Nordwestflügel, der im Anschnitt gegeben ist, befindet sich der im Grundriss 2° Ms. Hass. 107 [29] achteckig dargestellte, hier aber rund eingezeichnete Treppenturm, der gemeinsam mit der Galerie die Erschließung des viergeschossigen Gebäudes gewährleistete. Der Südostflügel auf der linken Seite ist mit seinem geschweiften Stirngiebel deutlich als separates Bauwerk gekennzeichnet. Dieser erstreckt sich weit in die Tiefe bis zum Beginn des alten Südbaus, dessen Beginn durch den vorkragenden „roten Turm“ mit seinem spitzen Helm markiert wird. Ein kleiner Verbindungsbau schließt die Lücke zur Schlosskapelle,  die 1622 durch zwei Fachwerkgeschosse überbaut worden war. Der Eingang erfolgte über die anschließende Dürnitz, die als massives Gebäude mit geschweiftem Treppengiebel den Hof dominiert. Daneben ist im Hof der Brunnen positioniert, der unter Markgraf Georg Friedrich erneuert worden war [394] und über zwei Schalen von der Statue eines Ritters mit langer Lanze bekrönt wird.

Einige Details (Brunnen, Kapelle) und die Maßangaben lassen in dieser Zeichnung eine Bestandsaufnahme des Landgrafen vor Ort vermuten. Auch hier fehlt aber ein Gebäude (der Vorbau im Süden), zudem  lassen Ungereimtheiten in Bezug auf das Fachwerk und die Fenstergliederung zumindest auf einen sehr freien Umgang mit den vorgefundenen Realitäten schließen.

 

2° Ms. Hass. 107  [31]

Ansicht von Südosten

Die detaillierte Vogelschau-Ansicht­ zeigt die Vierflügelanlage von Südosten, aus dem Bereich der Schlossvorstadt. Die an dieser Stelle skizzierten Gebäude (Reithaus, Jägerhaus)  lassen sich an ähnlicher Stelle auch in dem 1642 datierten Kupferstich von Wenzel Hollar wieder finden.[395] Entlang der im schiefen Winkel auf die Südostseite des Schlosses zulaufenden späteren Jägergasse waren zu diesem Zeitpunkt erst wenige Häuser errichtet, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem fürstlichen Hof standen.[396] Bei dem wehrhaft aufragenden Gebäude links am Was­sergraben handelt es sich um den sogen. „Voitischen Turm“, eine Bastei in der hier anschließenden Stadtmauer, [397] deren Position allerdings nicht ganz korrekt angegeben ist.

Die von Moritz bevorzugte Vogelperspektive mit einem relativ niedrigen Augenpunkt ermöglichte ihm, die komplexe Anlage des Schlosses mit seiner abwechslungsreichen Dachlandschaft und der  mehrgeschossigen Galerie im Hof darzustellen, - ein Überblick, der so vor Ort gar nicht möglich war. Der Nordwest- und der Nordostflügel heben sich nicht nur durch die vorgelegten Arkaden mit Korbbögen, sondern auch durch die Zwerchhäuser und den Turm in der Ecke vom älteren Baubestand ab.  Allerdings muss man auch hier gewisse Ungenauigkeiten in der Darstellung  konstatieren. So gab es an der Innenseite des Nordostflügels vermutlich nur drei, nicht vier Zwerchhäuser und der auf den anderen zeitgenössischen Ansichten zwei bis dreigeschossige Turm erscheint auf ein Geschoß verkürzt und durch das Weglassen der Laterne vereinfacht. Auch die Anzahl der Arkadenöffnungen (fünf vor jedem Flügel und drei vor dem Treppenturm) differiert  vom überlieferten Bestand. Die Darstellung der Südostfront mit der hinteren Schlossbrücke und dem massiven Rundturm am Südbau lässt zudem die beiden vorgelegten Küchengebäude mit den hohen Schornsteinen vermissen, die neben dem Wirtschaftsgebäude am Graben angelegt waren. Ebenso  fehlt die spitze Turmhaube des „Roten Turms“ an der Hofseite, der aber auf den beiden anderen Ansbacher Blättern korrekt eingezeichnet ist.

Auch wenn diese Zeichnung eine eindrucksvolle Ansicht der Anlage des Ansbacher Schlosses im Zustand der Renaissance-Zeit bietet, so lassen doch die an einigen Stellen feststellbaren Ungenauigkeiten und Differenzen vermuten, dass es dem Landgrafen in seiner Zeichnung nicht auf historische Wirklichkeitstreue ankam, sondern er vielmehr sein Augenmerk auf bestimmte, ihn interessierende Eigentümlichkeiten des Baues legte.


[390] vgl. Maier  2005

[391] Christoph Philipp Hinold, Ausführl. Beschreibung von dem Ursprung, Alterthum und Merckwürdigkeiten der Hoch-Fürstl. Residenz Ansbach [...], 1755, S. 14

[392] Maier 2005, S.26, Anm. 68

[393] vgl. Maier 2005, S.58ff.

[394] Maier 2005, S.63

[395] Schuhmann 1971, Abb. S.36/37

[396] Maier 2005, S. 245

[397] Maier 2005, S. 67, Anm. 160