Speyer

Die insgesamt fünf Blätter mit Zeichnungen von städtischen Situationen in Speyer waren im Bestand verstreut abgelegt (teilweise unter Frankfurt und Pfaffenhausen) und konnten erst im Zuge der Forschungen zusammengeführt werden.

Die alte Reichstadt Speyer war seit 1527 beständiger Sitz des Reichskammergerichts. Landgraf Moritz besuchte Speyer mehrfach, nach seiner Abdankung vor allem im Zusammenhang mit dem Alimentationsprozess  gegen seinen Sohn Landgraf Wilhelm V.  am Reichskammergericht.[450] Die Zeichnungen von verschiedenen Stadthöfen an der Allerheiligengasse sind wahrscheinlich sämtlich im Sommer 1630 im Zusammenhang mit einem Aufenthalt des Fürsten entstanden, der für den  Juli belegt ist. Der Fürst reiste seinerzeit von Frankfurt aus dorthin.[451]

2° Ms. Hass. 107 [314]

Stadthof an der Herdgasse, Grundriss

Bei dem von zwei Seiten zugänglichen, kompakten Stadthof, bezeichnet als „Herr Paul Augspur / ger hauß in Speyer / in der herdgasse“, der neben den Vordergebäuden auch den „Mittelhof“ und einen „Stallhof“ umfasst, handelt es sich  höchstwahrscheinlich um denjenigen Hof, den Landgraf Moritz am 20.7.1630 von Johann Paul Augsburger in  Speyer anmietete. Der Mietvertrag[452] listet „vier Stuben, fünf Cammern, sampt acht Beth… auf sechs Personen beneben dero officirer und dienern“, dazu noch Stallungen und Speicher auf. Einschließlich Bewirtung beliefen sich die Kosten auf wöchentlich vier Reichstaler. Die erwähnte Herdgasse (heute Herdstraße) lag in der südlichen Altstadt und führte von der Kleinen Pfaffengasse zum Weißen Tor. Der Hof an der Ecke zum heute nicht mehr vorhandenen Rosen gäslein“ verfügte laut dieser Zeichnung über Wohnräume und Küchen an der Straße sowie verschiedene Ställe im hinteren Bereich („Reise stall zu 12 Pfe.“, „kutschen stall zu 5 pfe.“ und „pferdtstall zu 4 pfe.“) und einen zu einem kleinen Garten an der Rückseite hin gelegenen, großen „Sahl“.

2° Ms. Hass. 107 [315]

Stadthof an der Herdgasse, Grundriss, 1630

Das kleine, mehrfach verwendete Notizblatt mit einem lateinischen Text auf der Rückseite,  der auf der Vorderseite in die Darstellung hinein reicht, trägt in der Zeichnung eine Datierung auf den 17.7.1630. Der skizzenhafte Grundriss präsentiert wiederum den auch in 2° Ms. Hass. 107 [314] dargestellten Stadthof an der Herdgasse, der dem Landgrafen vermutlich seinerzeit als Quartier diente. Angedeutet ist hier zudem die Bebauung bis zum „Weissethurm“, wodurch eine ungefähre Verortung des Hofes zwischen der heutigen Allerheiligenstraße und der Brudergasse möglich wird.[453] Die Anordnung der einzelnen Räume im Hof entspricht weitgehend dem in dem genannten Grundriss geschilderten Sachverhalt, allerdings in diesem Fall skizzenhafter und unvollständiger. Möglicherweise diente die Zeichnung als Grundlage für die sorgfältiger ausgeführte Darstellung in 2° Ms. Hass. 107 [314].

2° Ms. Hass. 107 [171]

Hof an der Allerheiligengasse, Grundriss

Die ebenso wie 2° Ms. Hass. 107 [166] verso, rechts und 2° Ms. Hass. 107 [168] ehemals Frankfurt  zugeordnete Zeichnung kann nach eingehender Untersuchung in Speyer lokalisiert werden. Der dargestellte Hof zwischen Stadtmauer und Allerheiligengasse, gegenüber vom  „Barfüsser Closter“ (Franziskanerkloster), dürfte unweit des Neupörtel im südwestlichen Teil der Altstadt gelegen haben.[454] Hier findet sich eine übereinstimmende Situation mit den beiden kleinen „gäslein“, die von der Allerheiligengasse abzweigen.

Landgraf Moritz verzeichnet den Hof neben dem „Metzgers hauß“ mit seinen Bestandteilen um den geschlossenen „hauß platz“. Hinter dem Gebäude liegt ein Garten vor der Stadtmauer. Eine Vogelschauansicht dieses Hofes präsentiert 2° Ms. Hass. 107 [168].

2° Ms. Hass. 107 [168]

Hof an der Allerheiligengasse

Einen Einblick in den in 2° Ms. Hass. 107 [171] im Grundriss dargestellten Hof an der Allerheiligengasse in Speyer gibt diese Vogelschau aus Richtung der plan dargestellten Stadtmauer. Rechteckige Gartenkompartimente bedecken die Fläche zwischen dem „Cammer botten hauß“  an der Mauer und dem „hauß so zu verkauffen", sowie der „scheuer“ und dem „Metzgershauß”. Der große, vierseitig geschlossene Fachwerkhof verfügt über ein steinernes Erdgeschoß  und an der Hofseite über eine eindrucksvolle Galerie, die aber im zugehörigen Grundriss  so nicht eingezeichnet ist. Möglicherweise hat auch hier der hessische Fürst eigenmächtig  „Verbesserungen“ eingetragen, die seinem Bedürfnis nach Symmetrie entsprachen. Einen Schritt weiter ging er dann in dem Entwurf 2° Ms. Hass. 107 [166] verso, rechts, der an dieser Stelle einen prächtigen Neubau konzipiert.

2° Ms. Hass. 107 [166] verso, rechts

Hof an der Allerheiligengasse, Entwurf

Die dritte an der Allerheiligengasse in Speyer zu verortende Zeichnung des Landgrafen Moritz, die auf der Rückseite einer Darstellung des Augsburger Hofs in Frankfurt platziert ist, zeigt einen detaillierten Entwurf für einen prächtigen dreigeschossigen Neubau mit zentralem Wendeltreppenturm („Schnecke“), flankiert von zwei zweigeschossigen Stallflügeln mit geschweiften Stirngiebeln. Diese rahmen  „das gärtlein“ an der Stadtmauer, dessen Bepflanzung liebevoll mit lateinischen Gattungsnamen in den Beeten präzisiert wird. Den Bezug zu der in 2° Ms. Hass. 107 [166] verso, rechts und [171] geschilderten topographischen Situation stellen „die heiliggaß“ rechts hinten mit der Mauer zum Franziskanerkloster, das davor gelegene „Postgäs /lein“ und die „stadtmauer“ im Vordergrund her. Die durchdachte, symmetrische Konzeption und die sorgfältige, detaillierte Schilderung kennzeichnen diese Zeichnung als Idealentwurf für einen repräsentativen städtischen Wohnsitz.

2° Ms. Hass. 107 [277] recto

Hof in der Allerheiligengasse

Das ehemals unter „Pfaffenhausen“ abgelegte Blatt zeigt Stadtsituationen, die ebenfalls an der Allerheiligengasse in der südlichen Altstadt von Speyer zu verorten sind. Ausschlaggebend für die falsche Zuordnung, die bereits in der Übergabeliste von 1786 (2° Ms. Hass. 107a) so notiert wird, war vermutlich die erläuternde Beschriftung  auf der Vorderseite: "dieses sind lauter pfaffen / hause in das stift Allerheilig[en] / gehörig." Den korrekten Zusammenhang erschließt jedoch die „heilig gasse“ links in der Darstellung  mit dem daran anstoßenden "Vorhof D. Nagels hauses / in Speier, das Paradis genandt"  und der ebenfalls zum Allerheiligen Stift zugehörigen „vicariy“ (Vikarie). Mit „D[oktor] Nagel ist vermutlich der Prokurator am Reichskammergericht  Arnold Nagel [455] gemeint, wie auch die Beschriftung "des g. / advoca / ten h." nahelegt.

Landgraf Moritz gibt auch in dieser Zeichnung die Gebäude im Vordergrund im Grundriss, während die dahinter gelegene Bebauung in Vogelschau gesehen ist. Bei dem auf der anderen Straßenseite angesiedelten, detailliert geschilderten Gebäude mit „vorhöflein“ handelt es sich mutmaßlich um eine weitere Darstellung des im Grundriss wiedergegebenen Wohnhauses von Dr. Nagel, gesehen von der Gegenseite.

2° Ms. Hass. 107 [277] verso, oben

Hof in der Allerheiligengasse

Die kleine Zeichnung auf der Rückseite des Blattes  mit der Darstellung von Dr. Nagels Wohnhaus in der Allerheiligengasse, zeigt den Vorhof dieses Hauses ("D. Nagels vorhöflein") und das zum Allerheiligenstift gehörige Gebäude in ähnlicher Anordnung wie auf der Vorderseite. Das Vikarienhaus, ein kleines, verwinkeltes Fachwerkgebäude ist in dieser Version detaillierter dargestellt.

Ein konkreter Hintergrund für die Zeichnungen auf diesem Blatt ist nicht bekannt. Möglicherweise fertigte der Fürst die Zeichnungen für den ihm bekannten Advokaten im Zusammenhang mit einer beabsichtigten Erwerbung der Vikarie, wie sie in dieser Zeit für das Reichskammergerichtspersonal nachweisbar sind.[456]


[450] siehe die Akte im HStAM Best. 4e Nr. 2335

[451] siehe den Brief vom 24.7.1630 in: HStAM Best. 4a 38/20, vgl. Lemberg 1994, S. 357

[452] vorliegend in: HStAM 4a 38 Nr. 20

[453] vgl. die Karte des Zustands von 1525, Beilage zu Band II der „Geschichte der Stadt Speyer, Stuttgart 1983

[454] vgl. die Karte des Zustands von 1525, Beilage zu Band II der „Geschichte der Stadt Speyer, Stuttgart 1983

[455] siehe die namentliche Erwähnung in den Akten in: HStAM Best. 4a Nr. 41/17 und Best. 4a 38/12

[456] vgl.  Engels 2009, S. 539