Greifenstein, Burg

Am Ostrand des Westerwaldes befindet sich noch heute die mit ihrer Doppelturmfassade weithin sichtbare Ruine der befestigten Höhenburg Greifenstein. Von ihrem Ursprung ist nichts überliefert, im 13. Jahrhundert wurde Greifenstein als Sitz des Rudolf II. von Beilstein erwähnt.[192] Die beiden markanten Türme und die Reste der Kernburg stammen vom Ende des 14. / Anfang des 15. Jahrhunderts. Die 1432 in den alleinigen Besitz der Grafen von Solms-Braunfels gelangte Burganlage kam 1602 an den mehrfach als Festungsbaumeister in Erscheinung getretenen Grafen Wilhelm I. (1570-1832), der Burg und Stadt ab 1606 mit einer Wallanlage zu einer Festung ausbaute, in welche die alten Befestigungsanlagen integriert waren.[193] In einer zweiten Phase ließ er zusätzlich ab 1620 die Südostseite der Burg sichern. Dabei entstand das massive Rondell („Rossmühle“), das eine Mauerstärke von fünf Meter aufweist.

Die Zeichnungen des Landgrafen Moritz, die auf zwei Blättern mit einem übereinstimmenden Wasserzeichen angelegt sind, wobei eine Ansicht auf den 28.8.1630 datiert ist, könnten anlässlich eines Besuches entstanden sein, den der Fürst von seinem damaligen Quartier in Frankfurt aus unternahm. Greifenstein gehörte nach Meinung des Landgrafen ebenso wie Butzbach und Lich zu den Residenzen „derjenigen […] Fürsten Graven und hern so auß Francfort in einem Tag […]  besucht werden können“, wie es in einem Verzeichnis vom 3.9.1629 heißt.[194] Wilhelm I. von Solms-Braunfels zu Greifenstein war 1620-22 Generalleutnant des hessischen Heeres gewesen, danach stand er in kaiserlichen Diensten, aus denen er 1629 ausgeschieden war. Ein Besuch des Landgrafen bei diesem alten Bekannten erscheint also plausibel, allerdings lassen die Diskrepanzen der Darstellung zum Baubestand zweifelhaft erscheinen, ob die Zeichnungen tatsächlich vor Ort entstanden sind.

Eine weitere Darstellung, die in Feder über einer Graphitvorzeichnung angelegt wurde, stammt vermutlich von einem fachkundigen Zeichner, einem Architekten oder Landvermesser.

2° Ms. Hass. 107 [189]

Kernburg mit äußerem Burghof und Zwinger, Grundriss

Der ausführlich beschriftete Plan der Kernburg mit den umgebenden Höfen zeigt die am höchsten gelegenen Teile der Anlage im Grundriss, während die tiefer gelegenen Bereiche im Horizontalschnitt gegeben sind. Direkt an die beiden Rundtürme, den sog.  Nassauer Turm und den Bruderturm, schloss sich die „herrn / küche“ mit großer Feuerstelle an, an die östlich das Torgebäude am unteren Zwinger, dem zweiten Verteidigungsring,  angrenzt. Die beiden südlich anschließenden Flügel enthalten im Erdgeschoß ebenfalls Wirtschaftsräume  und werden durch Wendeltreppen an den Fassaden vertikal erschlossen. Der alte Palas aus dem 13. Jahrhundert mit seinen massiven Mauern schließt den inneren Burghof nach  Süden hin ab. Direkt im Anschluss daran verzeichnet Landgraf Moritz hier einen „Cantzley bau" am "Cantzley hof", vermutlich eine von ihm entwickelte Idee, ein Verwaltungsgebäude im Kernbereich der Burg anzusiedeln.

2° Ms. Hass. 107 [190] verso, rechts

Innenhof  der Kernburg von Süden

Die von Süden gesehene Vogelschauansicht gibt den „Innerste[n] Schloßhof“ in weitgehender Übereinstimmung mit dem Grundriss 2° Ms. Hass. 107 [189] wieder. Um einen ungehinderten Einblick in den Hof zu ermöglichen, ist der große Saal im Vordergrund im Horizontalschnitt des Erdgeschosses gezeigt,  wodurch die beiden angrenzenden dreigeschossigen Flügel im Querschnitt präsentiert werden können – eine eigentümliche Darstellungsweise, die Landgraf Moritz mehrfach angewendet hat.[195]

2° Ms. Hass. 107 [190] recto, oben rechts

Ansicht von Süden

Die Vogelschauansicht mit der Beischrift "das grävlich Solmische  hauß Greiffenstein. / wie man das vom westerfeldt her zu sichern / deliniiert den 28. Augusti 1630. M. H. L." befindet sich auf einem Doppelblatt mit mehreren Zeichnungen von Greifenstein. Sie zeigt die südliche Seite der Anlage mitsamt des Vorhofes und der Kapelle. Wie in der rückseitigen Ansicht imaginiert Landgraf Moritz vermutlich auch hier eine Ergänzung der vorhandenen Gebäude im inneren Vorhof. In diesem Fall zeichnet er parallel zum ebenfalls erneuerten Palas ein zweigeschossiges Gebäude anstelle der Mauer zum "Vor hoff da die streichen / stehen". Dadurch wird die Anlage stärker regularisiert. Der Rundturm an der südöstlichen Ecke entspricht in seiner Größe zudem nicht dem dort 1620 angelegten Rondell („Rossmühle“), so dass sich die Frage erhebt, ob die Zeichnung möglicherweise aus der Erinnerung angelegt wurde.

2° Ms. Hass. 107 [190] recto, unten rechts

Ansicht von Norden

Die zweite Vogelschauansicht auf der Vorderseite des Doppelblattes zeigt die Burganlage mit Viehhof und Wassergraben von Norden. Der Viehhof beherbergt mehrere langgestreckte Gebäude entlang der Mauer am Burggraben sowie einen Flügelbau in T-Form in der Mitte des Hofes. An dieser Stelle können mehrere Bauten nachgewiesen werden, deren genaue Lage und Aussehen aber nicht überliefert sind. Die Gestaltung des „Mittel Zwinger“ mit zwei Eckgebäuden sowie einem zentralen erkerartigen Gebäude auf der Mauer entspringt vermutlich wieder der gestalterischen Phantasie des Landgrafen, der an dieser Stelle die beiden heute noch vorhandenen Bollwerke außer Acht lässt.  Das Aussehen der Kernburg entspricht weitgehend der in dem Grundriss/Horizontalschnitt 2° Ms. Hass. 107 [189] gezeigten Anlage.

2° Ms. Hass. 107 [188]

Unbekannter Zeichner, Burganlage von Südwesten

Die über einer Graphitvorzeichnung von versierter Hand angelegte, vermutlich unvollendete Zeichnung zeigt die Burganlage ähnlich wie in 2° Ms. Hass. 107 [190] recto, oben rechts von Südwesten. Sehr präzise vermerkt der Zeichner die genaue Position der unterschiedlichen Höfe und Gebäude sowie die architektonischen Details nebst den Schießscharten in der äußeren Mauer mit den hier positionierten Kanonen. Im Gegensatz zu den Handzeichnungen des Landgrafen herrscht hier das Bemühen vor, ein getreues Abbild der Anlage zu geben.

Bei dem unbekannten Baumeister oder Vermesser, der die Zeichnung anfertigte, könnte es sich möglicherweise um August Rumpf handeln,  der für Graf Wilhelm I. zunächst  in Ungarn tätig war und 1627 Baumeister in Greifenstein wurde.[196]


[192] vgl. Knappe 1995, S. 287f.

[193] vgl. Brohl 2009, S. 48-50

[194] in: HStAM Best. 4a 38/19

[195] vgl. z.B. die Zeichnung der Cadolzburg 2° Ms. Hass. 107 [88]

[196] Brohl 2009, S. 63