Ahnaberger Kloster - Kassel

Das spätere Augustiner-Chorfrauenstift  auf dem Ahnaberg, ursprünglich außerhalb der Altstadt Kassels im Mün­dungsgebiet der Ahne in die Fulda gelegen (heute ungefähr auf dem Terrain der Max-Eyth-Schule am sog. Katzensprung), wurde in den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts als Prämonstratenser-Doppelstift begründet.[229] Über Aussehen und Umfang der ersten Klosteranlage ist nichts bekannt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden die Konventsgebäude erneuert.[230] Nach der Säkulari­sierung 1527 ließ Landgraf Wilhelm IV. 1567  in der alten Anlage ein Fruchthaus einrichten. Landgraf Hermann zu Hessen-Rotenburg beschrieb die bauliche Situation 1641: "ein sehr kostba­res stei­nernes Gebäu, inwendig mit einem lang, viereckten Hofe. Weil aber allbereit fürstliche Pallatia genug, ist dieses durch und durch mit vielen statt­lichen Böden durch­bauet und zum Pro­viant­haus ver­ordnet." [231]

Bis 1763 wurde der Gebäudekomplex weiterhin als Pferdestall und Fruchtmagazin genutzt und war Teil der Kasseler Festungswerke. 1763 erfolgte der Umbau zur ersten Kaserne der Garde du Corps und der Artillerie.[232]

Die Zeichnungen des Bestandes stammen überwiegend nicht von Landgraf Moritz selbst und dokumentieren Pläne zu einer neuen Nutzung des ehem. Klosters sowie einem Umbau des nahegelegenen Reithauses. Vermutlich stehen diese Pläne  im Zusammenhang mit den Verhandlungen des Landgrafen nach seiner Abdankung 1627 bezüglich eines Wohnsitzes in Kassel, in denen mehrfach der „Annaberger Hof“ erwähnt wird.[233]

 

2° Ms. Hass. 107 [21]

Unbekannter Zeichner, Lageplan, 1621

Der von einem unbekannten Zeichner angefertigte "Grundtriß deß Ahnberger Klosters / zue Cassel Anno 1621." präsentiert eine sorgfältige Aufnahme der Umrisse der Klostergebäude, versehen mit einem bezifferten Maßstab. Dabei entspricht die Anordnung der Gebäude nebst dem angrenzenden "Zimmerblatz“ und dem "Fstl. Zeughaus" der noch in Wessels detailliertem Stadtplan von 1673 [234] wiedergegebenen Disposition.

Es handelt sich vermutlich um eine Bestandsaufnahme, wobei die eingefügten Beschriftungen die Funktionen der Bauten (vorwiegend Ställe) erläutern. "Ihre fstl. Gn. / L.W. Kutschen / pferdt stall" bezieht sich offensichtlich auf die bereits von Landgraf Wilhelm IV. vorgenommene Umnutzung der Gebäude.

 

2° Ms. Hass. 107 [25]

Johan Wi(e)dekindt (?), Entwurf zum Umbau, 1627

Diese sehr präzise Grundrisszeichnung, die man einem der landgräflichen Baumeister, vermutlich Johann Wi(e)dekindt zuweisen kann,[235] ist betitelt "Ungefehrer abriss und Vor= / schlag wie das Anneberger Closter / zur fl Wohnung anzurichten / 4 ter Aprilis / Anno 1627." Auf Vorder- und Rückseite enthält das Blatt die Grundrisse zweier Geschosse der ehemaligen Klosteranlage. Wie der Vergleich mit dem Plan von 1621 (2° Ms. Hass. 107 [21])  zeigt, umfassen die geplanten Veränderungen vor allem Umnutzungen der einzelnen Gebäude.

Weitgehend unverändert bleibt vor allem der "Marstal uff / 32 Pferde" auf der linken Seite im Erdgeschoß. Die im alten Plan angrenzende Durchfahrt an der Vorderseite ist hier verschlossen und durch ein Treppenhaus ersetzt, an das eine „Stalstube“ und der große „Gesinde Sahl“ anschließen. Der rückseitig anschließende Bau, der durch ein gemeinsames Treppenhaus im linken Flügel erschlossen wird, enthält vor allem Vorratsräume wie die "Lichtkammer" und die "Silberkammer". Die kleineren Gebäude auf der rechten Seite sind im Erdgeschoß deutlich separiert,  sie beherbergen neben den vermutlich als Wachtstube zu interpretierenden Räumen neben der Einfahrt im hinteren Bereich die Küche mit den zugehörigen Räumlichkeiten.

Im Obergeschoß sind in den großen Flügelbauten Wohnräume vorgesehen,  die einheitlich durch einen Korridor an der Hofseite erschlossen werden. Über dem Gesindesaal und der Einfahrt erstreckt sich ein großer „Herren Sahl“, der von einem offenen Kamin und einem Ofen beheizt wird. Eine kleine Tür auf der rechten Seite erlaubt die Kommunikation mit den über eine kleine Treppe zu erreichenden Küchenräumen im Erdgeschoß.

Die neue, vereinheitlichende  Raumdisposition im Obergeschoß mit hofseitigen Korridoren zur Erschließung der Räume und die sorgfältig eingezeichneten Kamine und Öfen (und Aborte) reflektieren das Bemühen, die alten Räumlichkeiten in einen komfortablen Wohnsitz zu verwandeln. Vermutlich steht das Umbauprojekt im Zusammenhang mit den Bestrebungen des Landgrafen, nach seiner  am 17. März 1627 erfolgten Abdankung einen adäquaten Wohnsitz in Kassel zu behalten.[236] Dieser Plan ist aber nicht zur Ausführung gekommen, die Anlage wurde vielmehr unverändert  vorwiegend als Stallung genutzt.

 

2° Ms. Hass. 107 [56] recto oben

Ansicht von Süden

Die eigenhändige Zeichnung von Moritz auf der Rückseite eines fragmentierten Schriftstücks, zusammengeklebt mit Zeichnungen vom Nassauer Hof und Breitenau, zeigt eine Vogelschauansicht der Klosteranlage von Süden mit Tür- und Fensterverteilung wie in der Zeichnung von 1621 (2° Ms. Hass. 107 [21]).  Die dreigeschossige Vorderfront des massiven Steinbaus wird von zwei dreigeschossigen Stirngiebeln im Dachbereich gerahmt.

Übereinstimmend mit den bekannten Stadtplänen (Merian 1646, Wessel 1673) schildert der Landgraf die Gebäudesituation vor und neben dem ehemaligen Kloster zwischen "weisse gasse" und “Wall”.  Rechts unten schließt die "Jud[en] gasse" an, deren anschließende Bebauung in 2° Ms. Hass. 107 [253] verso, rechts dargestellt ist. Die Anlage des Reithauses auf der rechten Seite präsentiert die in den diesbezüglichen Entwürfen (2° Ms. Hass. 107 [22], [23], [24]) vorbereitete Bebauung.


[229] vgl. Heimerich 1979, S. 23 ff.

[230] vgl. Holtmeyer 1923, S. 139ff.

[231] zitiert nach Perst 1964/65, S. 215

[232] vgl. Gerd Fenner,  in: Onlinekatalog Architekturzeichnungen 2004/2005/2007, 1.34.1.1. Klosterkaserne

[233] in: HStAM Best. 4a 41/12

[234] HStAM Karten R II 46

[235] Stengel 1927, Anm. 177

[236] vgl. die Korrespondenz in HStAM Best. 4 a 41/12, in der mehrfach der „Annaberger Hof“ erwähnt wird