Landgrafenschloss - Kassel

Hoch über dem nordwestlichen  Steilufer der Fulda lag seit alters her die Burg der Landgrafen von Hessen, die über einer älteren Bebauung angelegt wurde. Landgraf Ludwig II. hatte 1466 als Teil umfangreicher Umbaumaßnahmen ein neues Herrenhaus errichten lassen, das wenig später nach einer Pulverexplosion erneuert werden musste. Landgraf  Philipp der Großmütige begann 1557 die umfassende Erneuerung und  Erweiterung der landgräflichen Burg unter Einbeziehung vorhandener Bausubstanz.  Auf den Neubau des Küchenbaues mit der zentralen Einfahrt im Südwesten folgten 1560 die Arbeiten am anschließenden stadtseitigen Backhausbau, während der zur Brüderkirche hin gelegene Frauenzimmerbau 1560-62 ausgebaut wurde. Landgraf Wilhelm IV. ließ schließlich 1570-74 den alten gotischen Wilhelmsbau an der Fulda, der nun als ‚Rotenstein‘ bezeichnet wird, renovieren. Landgraf Moritz  ergänzte die Umgestaltung mit dem Umbau der Kapelle zwischen diesem Flügel und dem Frauenzimmerbau. Das Schloss präsentierte sich jetzt als nicht ganz regelmäßige Vierflügelanlage mit polygonalen Wendeltreppentürmen in den Hofecken und  einem hohen Dach mit  zahlreichen Zwerchgiebeln. Diese repräsentative Residenz überdauerte mehrere Jahrhunderte, obschon es immer wieder Pläne für eine Umgestaltung gab. Nach dem großen Brand von 1811 unter König Jérôme von Westphalen begann Kurfürst Wilhelm I. 1813 mit den Planungen für einen wesentlich größeren Neubau am alten Platz, die Chattenburg. Bereits 1821 kamen die Bauarbeiten mit seinem Tod allerdings zum Erliegen. Heute steht an der Stelle des Landgrafenschlosses das in den fünfziger Jahren errichtete Regierungspräsidium. [203]

Die beiden Zeichnungen von der Hand Wilhelm Dilichs (2° Ms. Hass. 107 [198] + [199]) gehörten nicht zum ursprünglichen Konvolut, sondern wurden erst 1888 hinzugefügt,  wie aus dem ergänzenden Eintrag in der "Designation" (2° Ms. Hass. 107 a, fol. 8 verso) hervorgeht. Ebenso wie in der "Hessischen Chronica" von 1605  zeigen sie Ansichten des Landgrafenschlosses im Zustand von 1490 und 1605.

Die insgesamt vier erhaltenen Zeichnungen des Landgrafen Moritz - zwei davon befinden sich nicht im Bestand sondern sind in ein Manuskript eingebunden - beschäftigen sich hingegen  vor allem mit der Idee der Ergänzung eines neuen Flügels im Süden der Anlage, zur Rennbahn hin, ein Projekt, das auch in einer im HStAM  in anderem Zusammenhang aufgefundenen Zeichnung [204] thematisiert wird.

2° Ms. Hass. 107 [199]

Wilhelm Dilich, "Arx vetus Cassellae 1490"

Die Zeichnung Wilhelm Dilichs wurde zusammen mit dem zugehörigen Blatt 2° Ms. Hass. 107 [198] erst 1888 im Landesmuseum dem alten Bestand hinzugefügt.[205] Die beiden kleinformatigen Darstellungen geben genauso wie in der "Hessischen Chronica" von 1605  Ansichten des Landgrafenschlosses im Zustand von 1490 und 1605.

"Arx vetus Cassellae 1490", das alte Schloss, ist von der Stadtseite wiedergegeben, mit seiner Befestigung und dem angrenzenden Brüderkloster. Unter der mit einer Doppellinie gerahmten Darstellung ist ein erläuternder Text beigefügt, der leider nicht mehr vollständig erhalten ist: "das alde schloß zue Cassel In der gestaldt, welche due alhier siehst abe gemaldt, / sampt dem Brüder Closter undt Kirchen auch, wies da zue mahl Ist gewesen im gebrauche / als man hat schrieben 1490 Jahr, von stein undt Holtz gebawet wahr / das Castehl [...]". Es handelt sich hierbei nicht um den Text der „Hessischen Chronica“, der das Schloss ähnlich schildert als: „ein grossen baw am schloß gegen der stadt /  darauf er oben ein hölzern stockwerck  / mit thürnen und spitzen gezieret / setzen lassen“.[206] Nach alten Berichten  war aber das Fachwerk zu diesem Zeitpunkt bereits durch einen Steinbau ersetzt worden.[207] Offen bleibt, welche Bildquelle Dilich für seine Zeichnung benutzt hat. Die originale Nummerierung „.15.“ lässt vermuten, dass die Zeichnung ebenso wie das zweite Blatt ursprünglich in einen größeren Zusammenhang gehörte.

2° Ms. Hass. 107 [198]

Wilhelm Dilich, "Arx nova Cassellae 1605"

Die wie in 2° Ms. Hass. 107 [199] gerahmte Ansicht "Arx nova Cassellae 1605" zeigt das Schloss zur Zeit des Landgrafen  Moritz von Norden. Die hochaufragende, von Wällen geschützte Anlage mit den charakteristischen Zwerchgiebeln ist durch das schräg im Wall sitzende alte Tor zugänglich, das 1615 durch einen südlicheren Neubau ersetzt wurde. Die Darstellung entspricht bis ins Detail der Darstellung in der „Hessischen Chronica“. Der beigefügte Text  lautet in diesem Fall: "das neue schloß undt Casteel, ein schöne vestunge ohn allen Fehl, / Ins geviert gebawet worden Ist, Im 1605 Jahr wie man list, / durch moritz Landgraven zue Hessen, welcher Ist ein dapferer Held und vermesser / Welcher das gantze wergk in eine ordnung hat gebracht, undt alles aufwendig gemacht".  Die Zeichnung dokumentiert also die durch den Landgrafen vorgenommenen Um- und Ausbauarbeiten am Schloss, wobei der Text und die auch hier eingetragene  Nummerierung darauf hindeuten, dass sie Bestandteil einer Blattfolge  war, die Dilich vermutlich Landgraf  Moritz persönlich gewidmet hat.

2° Ms. Hass. 107 [200] recto

Ansicht von der Fulda her

Die eigenhändige Zeichnung des Fürsten präsentiert das Schloss mit seinen Befestigungen von der Fulda aus, wobei im Vordergrund der Vogelschau noch eine Ecke des „Ravelin“ auf der Aueinsel an der „kleinen fulda“, sowie die “grosse fulda“ mit dem gegenüberliegenden Ufer zu sehen sind.

De­tail­liert ist die Vierflügelanlage mit den charakteristischen Zwerchgiebeln, Türmen, Erkern und den beiden turmartigen Anbauten mit Altan dargestellt. Die Fassade des Fuldaflügels weist die Abfolge von Backhausbau, deutlich abgesetztem Rotenstein mit großem  Mittelgiebel und zwei kleineren Zwerchgiebeln und dem Frauenzimmerbau mit integrierter Kapelle auf, so wie sie sich nach den letzten Umbauten unter Landgraf Moritz präsentierte. In derselben Weise ist sie auch noch auf einem Fassadenaufriß aus dem 18. Jhdt zu sehen.[208] Der Innenhof ist in der Schrägaufsicht sehr verkürzt dargestellt, wobei die Darstellung des Frauenzimmerbaus  mit der Galerie perspektivisch missglückt erscheint.

Hinter dem „Rondel“ auf der rechten Seite befindet sich der auch bei Dilich dargestellte überdeckte Verbindungsgang zum Renthof, der hier zweistöckig wiedergegeben ist. Der Wassergraben dahinter reicht bis zur nördlichen Ecke des Walls, ab dort verläuft er trocken.  Den stadtseitigen Wall hatte Landgraf Moritz ab 1594 errichten lassen.  Als „stern“  wird an dieser Seite der alte Torbau bezeichnet, eine Bezeichnung, die auch in den Akten benutzt wird.[209] Der neue "Portengang" mit dem "wachthauß", 1615 errichtet,  befindet sich links daneben. Dieses neue Tor ermöglichte das Passieren des  Walles  direkt in den Vorhof hinein. So ist es auch auf dem Plan von Wessel 1673 eingezeichnet.[210]

2° Ms. Hass. 107 [200] verso, oben

Vermessungstabelle zum Landgrafenschloss

Die zu der Darstellung des Landgrafenschlosse auf der anderen Seite des Blattes gehörige Maßtabelle wird durch eine  Doppellinie von einer Darstellung von Kasseler Tor und Kasseler Straße in Melsungen abgetrennt. Sie ergänzt die Zeichnung durch die detaillierte Auflistung von Länge und Breite der gesamten Schlossanlage einschließlich der Gräben und Wälle.

Das identifizierbare Wasserzeichen im Papier legt eine Datierung in die Zeit nach der Abdankung des Landgrafen 1628/29 nahe.

2° Ms. Hass. 107 [201]

Entwurf für einen Anbau

In dieser Zeichnung entwirft Landgraf Moritz einen neuen Flügel im Südosten des Schlosses, der direkt an den turmartigen Eckrisalit mit Altan anschließt. Mit einem geschweiften Stirngiebel und zwei Zwerchhäusern sollte sich dieser neue Flügel optisch an den alten Bau anpassen. Zwei niedrigere, durch Gesimse unterteilte Geschosse und zwei Vollgeschosse gleichen die Höhe des Gebäudes dem alten Bau an. Neben dem Tordurchgang an der linken Seite des Gebäude sind noch ein Tor zur „hinabfahrt nach dem Ravelino“ (d.h. zur Aue), sowie eines zur „fahrt uff den Wahl“ rechts zwischen dem Gebäude und dem „Linden bergk" markiert.  Diese Planung steht möglicherweise im Zusammenhang  mit dem Neubau des Walltors 1615, das den direkten Zugang zum „vorhoff" und dem neuen Flügel gewährt hätte. Weitere Details zu diesem Projekt zeigen  zwei eigenhändige  Zeichnungen, die in ein alchemistisches Manuskript  des Landgrafen eingebunden  wurden, sowie eine in anderem Zusammenhang aufgefundene Zeichnung im HStAM.[211]

4° Ms. Chem. 60 [1,2, fol. 88 recto

Entwurf für einen südöstlichen  Anbau, Horizontalschnitt

Ähnlich wie 2° Ms. Hass. 107 [201] zeigt auch dieser Entwurf einen Anbau im Südosten des Landgrafenschlosses, der hier aber nicht direkt an den im Anschnitt dargestellten turmartigen Vorbau mit Altan anschließt, sondern durch ein kleines Portal, das den Zugang zum Wall hinter dem Schloss ermöglicht, separiert ist. Dadurch entfällt gegenüber dem anderen Entwurf eine Fensterachse des Gebäudes, das auch hier zum Hof hin an zentraler Stelle einen in die Fassade eingelassenen Brunnen aufweist. Der Horizontalschnitt in Höhe des Gesimse über den beiden unteren Geschossen ermöglicht den Einblick in die Raumdisposition der oberen Etage mit einem  zentralen Saal, einer Stube, zwei Kammern und einem Vorgemach, das vermutlich von der Treppe in der linken hinteren Ecke aus zugänglich sein sollte.

4° Ms. Chem. 60 [1,2, fol. 88 verso

Entwurf für einen südöstlichen Anbau mit Laboratorium, Horizontalschnitt

Ebenso wie die Studie auf der Vorderseite präsentiert auch dieser Entwurf einen Horizontalschnitt  durch den geplanten neuen Flügelbau im Südosten des Schlosses. Im Grundriss  wiedergegeben und lateinisch beschriftet ist hier hinter der Fassade der beiden unteren Geschosse allerdings das untere Geschoß, in dessen Zentrum ein Laboratorium mit zwei Herdstellen stehen sollte.  Neben dem „vestibolum“ mit der Treppe auf der linken Seite, befindet sich ein als „Museu“ bezeichneter Raum, der möglicherweise Kunstgegenstände aufnehmen sollte,[212] während „Cubile“ (d.h. Schlaflager) und „Conclave“ (d.h. Gemach) auf der rechten Seite zur Unterbringung von Materialien und Personal vorgesehen gewesen sein könnten.[213] Damit hätte dem Landgrafen neben dem im Lusthaus in der Aue vermuteten Laboratorium in unmittelbarer Nähe des Schlosses weitere großzügige Räume für seine alchemistischen Experimente zur Verfügung gestanden.

 


[203] vgl. Heppe 1995, Hanschke 2009

[204] in HStAM Best. 4b 35, eingebunden in Hofrechnungen

[205] der Eintrag im Übergabeverzeichnis 2° Ms. Hass. 107 a, fol. 8 verso lautet: „a.d. Hess: Künstleralbum entnommen 1888“

[206] Dilich 1650, S.158

[207] Heppe 1995,  S. 17

[208] Museumslandschaft Hessen Kassel, Graphische Sammlung, GS 1599, vgl. Onlinekatalog Architekturzeichnungen 2004/2005/2007

[209] vgl. Heppe 1995, S. 121

[210] Heppe a.a.O., Abb. 15

[211] 4° Ms.chem. 60 [1,2  fol. 88 recto + verso, ein Blatt eingebunden in: HStAM Best. 4b 35

[212] Kümmel 1996, S. 164

[213] Heiner Borggrefe in: Katalog Lemgo/Kassel 1997, S. 362