Kassel: Weißenstein

Das 1143 erstmalig genannte Augustinerkloster Weißenstein auf einem Bergplateau nahe der Stadt Kassel wurde nach der Säkularisierung von den Kasseler Landgrafen Phi­lipp und Wilhelm IV. als Sommerwohnsitz und Jagdhaus genutzt. Landgraf Moritz errichtete an dieser Stelle ab 1606 ein Lustschloss, wie Schminke berichtet: "Landgraf Moritz erbaute daselbst das Schloß nebst dem schö­nen Lust­garten, pflegte sich auch an diesem Orte, welchen er Mauri­tiolum Leucopetraeum, villam Mauritianam, Moritzheim benann­te, öf­ters aufzuhalten."[282] Als Baumaterial wurden u.a. Steine vom Abbruch der Burg in Waldau verwendet.[283] Noch 1612 werden Bauarbeiten am „Herrenbau“ erwähnt,[284] im gleichen Jahr konnte hier bereits ein Fürstenlager abgehalten werden.[285] 1615-16 sind noch Arbeiten an der Grotte und den Teichen im Gange. Nach den wenigen erhaltenen Zeugnissen handelte es sich um eine dreiflügelige Anlage aus schlichten Gebäuden mit einem Ehrenhof nach Westen und rechteckigen Ecktürmen an den Außenfronten. „Der Lage nach ist dasselbe ungemein lustig, und von dreyen Seiten zu gebauet; die vierte Seite aber nach dem Walde und Cascaden zu offen. In dem mittleren Bau befinden sich die fürstlichen Gemächer […]. Die zwey Seitengebäude aber dienen zum Marstall und Logis für das fürstliche Gefolge.“[286] Diesen ersten Dreiflügelbau in Deutschland, der von der Talseite den Eindruck eines kastellartigen Vierflügelbaus erweckte,[287] überliefert auch eine jetzt identifizierte Zeichnung im Staatsarchiv Marburg.[288] Diese zeigt einen Plan der Anlage mitsamt einer weiträumigen Einfriedungsmauer, die auch die Teiche vor dem Ehrenhof umschließt und steht möglicherweise im Zusammenhang mit einem  Bericht des Baumeisters Johann Wiedekindt vom 26. Oktober 1625, der erklärt, „daß nunmehr die Beschliessung des Fürstlichen haußes Weißenstein Gantz fertig ist“.[289] Vom Ersatz des eingefallenen Zaunes zu Weißenstein im Jahre 1625 berichtet auch Heidelbach, der die diesbezüglichen Akten genau untersucht hat.[290]

Unter Landgraf Friedrich II.  wurde das Schloss 1766 bis 1769 umgebaut und das Corps de Logis aufgestockt. Wilhelm IX. ließ schließlich alle noch vorhandenen Teile abbrechen und zwischen 1786 und 1801 das von Simon Louis Du Ry und Heinrich Christoph Jussow geplante Schloss Wilhelmshöhe errichten.

Die skizzenhaften, ineinander verschachtelten Zeichnungen des Landgrafen auf einem Blatt, das auf der Rückseite zudem Darstellungen von Melsungen, Mittelhof und Fahre enthält, thematisieren die Positionierung der Wirtschaftsgebäude in separierten Höfen, wodurch eine weiträumige Anlage entsteht, wie sie Landgraf Moritz ähnlich auch in seinem Idealentwurf einer Schlossanlage (2° Ms. Hass. 107 [244] verso, rechts) konzipierte. Die strikte räumliche Trennung von herrschaftlichem Haus und Wirtschaftsgebäuden, die der hessische Fürst in seinen Schlossentwürfen bevorzugt, ist in der deutschen Architektur seiner Zeit durchaus unüblich[291] und geht möglicherweise auf Eindrücke zurück, die dieser auf seiner Reise nach Frankreich 1602 empfangen hatte.[292]

2° Ms. Hass. 107 [342] recto, oben

Entwürfe für einen separierten Wirtschaftshof

Die obere Zeichnung wird im Zentrum dominiert von einem Horizontalschnitt der Anlage auf einer Hangterrasse. Gezeigt wird eine rechteckige, symmetrische Schlossanlage aus drei gleich großen Höfen, wobei der mittlere im Ganzen den Schlosshof bildet, während die beiden seitlichen jeweils durch ein schmales Stallgebäude in Garten und Wirtschaftshof unterteilt sind. Das Hauptgebäude liegt an der mit Eckhäusern betonten Schlossmauer auf der abfallenden Seite des Hügels, auf der anderen Seite des Hofs bildet der Marstall dazu das Pendant. Das Innere dieses Gebäudes wird dreifach unterteilt in einen mittleren Saal sowie zwei flankierende Raumkomplexe, vermutlich Appartements zu Wohnzwecken.

Ein polygonaler Treppenturm, der eine besondere Erdauf­schüttung erfordert, sowie vier quadratische Türme geben der  Anlage an der Hangseite zur Stadt hin repräsentativen Charakter. An der Bergseite sind zwei große Fischteiche in der Fluchtung der Schlossmauern eingezeichnet, weitere Teiche ziehen sich am Fuß des Abhangs.

Die eigentlich von der Stadtseite her aufgenommene Ansicht des Geländes wurde in diesem Fall vom Zeichner zur Beschriftung um 180° gedreht. Die Anlage dieser Zeichnung erforderte zudem die Vervollständigung des beschädigten Blattes durch ein angeklebtes Papier, wobei sich bei näherer Untersuchung erweist, dass die rückwärtige Zeichnung zu diesem Zeitpunkt bereits angelegt war.

Dieselbe  räumliche Disposition zeigt auch der kleinere, unten rechts später eingefügte Grundriss, der lateinisch beschriftet ist. Unterschiede zeigen sich vor allem darin, dass hier das Schloss mit zwei zentralen Vorbauten und vier Ecktürmen versehen ist, wie es ähnlich auch für Fahre geplant war. Neu ist auch die Positionierung der Wirtschaftsgebäude an der Mauer auf der Bergseite.

Der lateinische Sinnspruch in der Mitte des Blattes: „Si tua res crescit, crescit labor & tibi Cura / Cura tibi seges est, messis & ipsa, Labor” steht nicht in inhaltlichem Zusammenhang mit den Darstellungen.

2° Ms. Hass. 107 [342] recto, unten

Entwürfe für einen separierten Wirtschaftshof

Die durch eine doppelte Trennlinie von der oberen Darstellung abgetrennte Zeichnung bietet eine perspektivische Ansicht der Anlage vom Berg her, wobei auch hier die Grunddisposition von drei nebeneinander angeordneten Höfen beibehalten ist. Das dreigeschossige Schloss ist ebenso wie auf der anderen Ansicht als  rechteckiger Bau mit Treppenturm und Ecktürmen an der Talseite gestaltet. Die vier Wirtschaftsgebäude sind hier jedoch rechtwinklig zum Schloss entlang der Vorhöfe aufgereiht. Ein Lattenzaun grenzt einen breiten Weg rings um die Schlossanlage ab und schafft eine Verbindung zu dem Garten auf der linken Seite. Ein kleines Portal führt im Vordergrund zu den genau definierten Fischteichen („Carpen deich“,  „Hechte“, „forellen“), die ebenso in dem Marburger Plan (s.o.)  aufgeführt sind  - weitere Teiche liegen rechts unten am Fuße des Berges. Nach Heidelbach gehörten zu Weißenstein insgesamt 13 Fischteiche, die exklusiv zur Versorgung des Hofes vorgesehen waren.[293]

Die kleine Plan-Skizze in der oberen Mitte entspricht ungefähr dem Grundriss der oberen Zeichnung, und ist gleichfalls mit lateinischen Erläuterungen versehen.

Direkt über der Schloßansicht befindet sich die nur schwer entzifferbare Beischrift: "Haec primo est[?] Inventio ex schedulae[?] / Leuco petreae, quae deinde anno 1604 mutila est". Demnach scheint sich die Zeichnung ebenso wie die anderen Varianten auf erste, später verworfene („mutila“) Entwürfe zu Weissenstein („Leucopetreae“) aus dem Jahre 1604 zu beziehen. Die zeichnerische Rekapitulation dieser frühen Pläne entstand möglicherweise in Zusammenhang mit den Plänen des Landgrafen für das Lustschloß in Fahre, die nach seiner Abdankung 1627 entstanden.


[282] Schminke 1767, S.416

[283] Holtmeyer 1910, S. 24

[284] HStAM Best. 53 e Pak. 61, fol. 15

[285] HStAM Best. 4b Nr. 85

[286] Schminke 1767, S.416

[287] vgl. Großmann 2010, S. 85

[288] HStAM Karten P II 4342

[289] HStAM Best. 17e Weißenstein 3

[290] vgl. Heidelbach 1909, S. 12-28

[291] Hoppe 2003, S. 89

[292] vgl. Hanschke 1998, S. 268

[293] Heidelbach 1909, S. 22