a. Melsungen: Landgrafenschloss

In Merians Topographie wird das landgräfliche Schloß wie folgt beschrieben: „ist solches zimblich alt / doch gantz von Steinen / vier Wanderungen hoch auffgeführet / darinnen 4. Grosse Säle vber einander / […]. Ostenwerts gegen der Fulda ist der Hof mit einer geringen Mauer geschlossen / die andere beyde seyten aber gegen der Statt / vnnd Baumgarten / sind (wiewol in keiner gewissen Formb) mit einem Marstal / Renthofe / vnd andern Gebäuen / zugemacht / vnd der Hof ist langlecht / vnnd nicht gantz geschlossen / sondern hat daselbst eine Durchfahrt / auß dem Schloß / gleich nach dem Garten / vnnd der Landstrasse von der Statt / massen das Schloß auff der Ringmauren ligt.“[319]

Das längsrechteckige Hauptgebäude wird an der Stadtseite durch einen recht­ecki­gen Mittelrisalit gegliedert, der eine Wendeltreppe sowie Nebenräume beinhaltet. Weitere Risalitvorbauten befinden sich auch an den Stirnseiten, während rückseitig zwei Aborterker das Gliederungsmotiv aufgreifen. An der Westseite schließt sich in rechtem Winkel das ­Haus des Bur­ggrafen an. Südlich erstrecken sich entlang des kleineren Vorhofs die Gebäude von Zehntscheuer und Marstall. An den Hinterhof des Schlosse grenzt westlich der Schlossgarten an. Dieser Komplex ist noch heute im Wesentlichen unverändert erhalten.

Die Zeichnungen beinhalten vor allem Entwürfe für einen neuen Flügel im Vorhof sowie die (heute noch vorhandene) Verbindungsgalerie zwischen Schloss und Burggrafenhaus, die nach Maßgabe der beiliegenden Bauanweisungen von 1627 (2° Ms. Hass. 107 [265]) zu diesem Zeitpunkt verändert wurde. Mehrere Idealentwürfe belegen die intensive Beschäftigung des Landgrafen mit seinem designierten Alterswohnsitz, den er offensichtlich gerne in eine „moderne“,  symmetrische Anlage ausgebaut hätte.[320] Von ganz besonderem Interesse sind die dem Bestand beiliegenden, 1624 datierten schriftlichen "Anweisungen" an die "Tapecari"  zur Ausstattung der Räume im Obergeschoss mit Wandteppichen, die Ansichten von Städten, Burgen und Schlössern der Landgrafschaft Hessen-Kassel zeigen sollten.

2° Ms. Hass. 107 [264]

Anweisung für die Raumausstattung im Obergeschoss, 1624

Das Schriftstück beginnt auf der linken Seite in einer unbekannten Handschrift: "Verordnung derer Tapecari In Illust. gemach zur Melsunge / sollen 9 stück von den 9 stätten des nieder fürsten thumbs, Hessen / Rijnischen quartirs, in nachfolgender ordtnung verfertigt werden“ und listet diverse Räume und ihre Dekoration auf („In Illustrissimi Vorsahll“, „In dem kleinen gemach nach dem / Marstall zue.“, „Im Kleinen gemach nach der bürge garten zu“). Die rechte Spalte, die Moritz‘ eigene Handschrift trägt, resümiert "Summa dieser Tapezerey uff der zweiten Wanderung / im grossen herrnbaw zu Milsungen“ und veranschlagt die Kosten. Darunter folgen noch weitere Ausstattungspläne für die Privaträume: „Verzeichnis der Schlösser so zu die Cammern / zu machen sein“, wobei aufgezählt werden: „in Illi. schlafkammer.“, „In die Cammer des klein gemachs nach den schlos / hof.“, „In der jung herrn schlaf Cammer“, sowie „In Illi. ruhe Cammer“. Die Auflistung der Ortsnamen, die zum überwiegenden Teil auch in der im Staatsarchiv Marburg erhaltenen eigenhändigen Landtafel des Landgrafen[321] eingetragen sind, dokumentiert eine umfassende bildliche Darstellung des hessischen Herrschaftsgebietes in den Räumen des Schlosses. Dabei sind die Darstellungen der Städte in den Gemächern regional gruppiert, während in den mit Schlossansichten dekorierten Kammern offensichtlich spezielle Vorlieben zum Tragen kamen. In „Ill[ustrissim]i Schlafkammer“ waren demnach acht Wandteppiche vorgesehen: neben Kassel, Weißenstein und Burghasungen auch die „Moritzburg vor Wolfhagen“[322] sowie die „Hermansburg“ bei Grebenstein, Sababurg, Trendelburg und die Gieselwerder „Schantze“.

In dieser Form dokumentiert das Schriftstück ein umfangreiches Ausstattungsprogramm, das in der Aufzählung der Städte und Schlösser der Landgrafschaft Hessen-Kassel eine eindrucksvolle Dokumentation des fürstlichen Herrschaftsgebietes darstellt. Eine inhaltlich entsprechende Wanddekoration mit Vogelschauansichten der königlichen Schlösser, - allerdings als Wandmalerei,  konnte Landgraf Moritz auf seiner Reise nach Frankreich 1602 in der „galerie des cerfs“ im Schloss Fontainebleau besichtigen.[323] Gemalte Landtafeln bildeten auch das Dekorationsprogramm im Festsaal des Stuttgarter Lusthauses.[324] Zeitgenössische Nachweise für topographische Darstellungen in Wandteppichen fehlen allerdings gänzlich, insofern handelt es sich um ein wirklich einzigartiges Programm des Landgrafen Moritz, das eindrucksvoll seine persönlichen Interessen illustriert, - dessen konkrete Umsetzung allerdings nicht belegt werden kann.

2° Ms. Hass. 107 [230] recto, oben

Landgrafenschloss mit Kasseler Tor

Die obere Zeichnung auf der Vorderseite eines Blattes mit mehreren Zeichnungen von Melsungen zeigt das Schloss und seine nähere Umgebung in der Vogelschau von Südosten, aus Richtung der Kasseler Straße. Die Fachwerkbauten am vorderen rechten Bildrand markieren den Beginn der Bürgerstadt. Der langestreckte Marstall auf der linken Seite neben dem Kasseler Tor gehört zum landgräflichen Wirtschaftshof, dem sogen. Stallhof. Der große Schlosshof wird beherrscht von dem sehr detailliert geschilderten Landgrafenschloss, einem schlichten, dreigeschossigen Bau mit zentralem Trep­penturmrisalit an der Hoffront. Ihm zur Seite steht auf der Westseite das    Burggrafenhaus, dessen ebenfalls zentral vorspringender  Risalit auf der Rückseite mit einem zierlichen Turm korrespondiert. Ein Torbogen, der in diesem Fall noch nicht durch die später hier vorhandene Galerie überbrückt wird, führt in den Hinterhof mit dem kleinen Gebäude am Eckturm, das in 2° Ms. Hass. 107 [233] recto, unten als „Backhaus“ bezeichnet wird. Die gegenüberliegende Ecke des Hinterhofs markiert ein Rundturm mit Fachwerkobergeschoss und welscher Haube.

Bei dieser sehr detaillierten Zeichnung mit Maßangaben handelt es sich vermutlich um eine weitgehend getreue Aufnahme des damals vorhandenen Baubestandes im Schlosshof, allerdings entspricht die Gestaltung des Kasseler Tores mit den beiden geschweiften Stirngiebeln vermutlich nicht dem damaligen Zustand.

2° Ms. Hass. 107 [258]

Aufrisse der Stirnseiten

Das leider auf der linken Seite stark beschädigte Blatt, das möglicherweise nicht von Landgraf Moritz, sondern von einem Baubeamten angelegt wurde, liefert detaillierte Aufrisse der beiden Stirnseiten des Melsunger Schlosses, versehen mit diversen Maßzahlen.

Die nordöstliche Seite wird geprägt von der Abfolge von Treppenrisalit, Hauptbau mit Stirnrisalit und rückseitigem Aborterker, wobei Risalite und Erker gleichermaßen über geschweifte Giebelaufsätze verfügen, die von Fachwerkbalken durchzogen sind. In dem komplett erhaltenen südwestlichen Aufriss ist detailliert der obere Abschluss des hofseitigen Treppenrisalits eingezeichnet, mitsamt den seitlichen Zwerchhäusern, wie sie auch in 2° Ms. Hass. 107 [230] recto, oben zu sehen sind. Deutlich erkennbar sind an dieser Stelle die Vorhangbögen im Fachwerkgerüst, die noch ein altertümliches Relikt gotischer Formen darstellen,[325] und die spezielle Ausformung der geschweiften „Landgrafengiebel“, die heute nicht mehr vorhanden sind. Sehr genau werden auch die rückseitigen Mansarden und die Position und Form der Fenster und Türen samt ihrer Maße vermerkt.

Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine Bestandsaufnahme, die unter Berücksichtigung des Wasserzeichens bereits 1620 entstanden sein könnte.

2° Ms. Hass. 107 [300] verso, links

Schlosshof und Marstall

Die mittig mit der Bezeichnung "der schloßhof zu Melsungen" versehene Darstellung auf einem Blatt, das auf der Rückseite eine 1627 datierte Zeichnung von Rückerode enthält, präsentiert das Schloss mit dem Stall­hof  im Grundriss bzw. Horizontalschnitt, während die Mauer mit dem Rundturm und das Kasseler Tor im Hintergrund in der gewohnten schrägen Vogelperspektive zu sehen sind. Der Horizontalschnitt des Schlossgebäudes, der vermutlich oberhalb des Erdgeschosses gelegt ist, zeigt die Risalite auf Vorder- und Schmalseite als Gehäuse für Wendeltreppen, während der rückwärtige Erker zwei Aborte beherbergt. Eine Säulenreihe unterteilt mittig den die gesamten Fläche einnehmenden „gesinde sahl“. Während der Grundriss des Marstalls auf der anderen Seite des Hofes durch beidseitig angeordnete Stallboxen gekennzeichnet ist, werden die Räume des daran rechtwinklig anschließenden Verbindungsflügels zum Kasseler Tor als Viehstall und Wohnung für den Pförtner gekennzeichnet. Eine kleine Tordurchfahrt ermöglicht, wie auch in den anderen Zeichnungen, den direkten Zugang zur „Cassel gasse“.

Die arithmetischen Berechnungen im unteren Drittel des Blattes könnten sich möglicherweise auf die Berechnung von Mauerwerk beziehen.

2° Ms. Hass. 107 [259] verso, links

Landgrafenschloss von Nordwesten

Die in ähnlicher Form wie die Ansicht des geplanten Lustschlosses Fahre (2° Ms. Hass. 107 [117] recto) mit einer französischen Beschriftung versehene kleine Vogelschau zeigt das Schloss mit Vorhof und Garten zwischen Kasseler Tor und Eulenturm von Norden.  Die Anordnung von „Cour du Chasteau“, „Cour dÈtable“ und „Jardin du chasteau“ suggeriert das Bild einer absolut regelmäßigen, geschlossenen Anlage, - die sie ja tatsächlich nie war.

Zwei kleinere Anbauten mit hohem Schornstein auf der Rückseite des Burggrafenhauses markieren die Position der Küchenräume an dieser Stelle. Die Rückfront des Schlossbaues wird in Abwandlung des Baubestandes durch zwei durchgehende Risalite an der Stelle der Aborterker gegliedert, eine Umgestaltungsidee des Landgrafen, die auch in einer weiteren Zeichnung (2° Ms. Hass. 107 [137] recto) thematisiert wird, aber offensichtlich nicht realisiert wurde. In Ergänzung der in 2° Ms. Hass. 107 [230] recto, oben gegebenen Disposition der verschiedenen Haupt- und Nebengebäude überbrückt in diesem Fall ein Torbogen mit darüber gelegener Galerie den Abstand zwischen Schloss und Burggrafenhaus. Diese Verbindungsgalerie wird auf der Vorderseite des Blattes wie auch in weiteren Zeichnungen ausführlich  thematisiert.

Das außerhalb des Schloßgeländes neben dem „tour des hulotts" - dem Eulenturm, dessen Name später auf den südwestlichen Turm überging [326] - gelegene Terrain ist beschriftet als "plan appartenent aux gentils / hommes de Riedesel. longue /  230 pieds et large autant que le / grenier du chasteau“. Dieses Gelände interessierte den Landgrafen besonders im Zusammenhang mit der Errichtung eines neuen Renthofs (vgl. Melsungen, Riedeselscher Hof).

2° Ms. Hass. 107 [239] recto, rechts

Landgrafenschloss und Kasseler Tor von Norden

Ebenso wie 2° Ms. Hass. 107 [259] verso, links präsentiert die kleine Ansicht von Norden die Rückseite des Schlosses mit zwei Risaliten an der Stelle der hier vorhandenen Aborterker. Verändert erscheint allerdings das Kasseler Tor, das ebenso wie in weiteren Zeichnungen im Zusammenhang mit den Planungen für eine neue Kanzlei (vgl. z.B. 2° Ms. Hass. 107 [236]) durch ein zweites Geschoss erhöht wird.

2° Ms. Hass. 107 [137] recto

Umbauentwurf für die hintere Fassade

Das kleine Blatt, das auf der Rückseite einen Entwurf für das Lustschloss Fahre trägt, zeigt auf der Vorderseite den Ausschnitt einer dreigeschossigen Front mit zwei Risaliten hinter einem "Zwing[er]". Die schwer lesbare Notiz in der Zeichnung lautet: "nach Stutgarder schlosse[?] gemachen  sollen die / hinder[...] vorbauwe werden". Es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen Entwurf für die auch in 2° Ms. Hass. 107 [259] verso, links + [239] recto, rechts eingezeichnete Erweiterung der rückseitigen Aborterker durch entsprechende Anbauten im Erdgeschoss, auch wenn die Anzahl der Fensterachsen zwischen den Vorbauten nicht der Realität entspricht. Die Dreigeschossigkeit der Fassade mit Doppelbahnenfenstern sowie die Fachwerkaufbauten auf den Risaliten verweisen jedoch eindeutig auf das Melsunger Schloss.

Interessanterweise erhält auch die Mauer mit dem hier eingezeichneten kleine Anbau im  Horizontalschnitt, beschriftet "Alhier könte noch / dies kämmerlein gemacht werden", einen Umbauvorschlag.

Landgraf Moritz fertigte vermutlich auch diese Zeichnung, wie so viele andere, aus der Erinnerung.

2° Ms. Hass. 107 [232] verso, oben rechts

Umbauentwurf

Auf einem Blatt mit mehreren Darstellungen aus dem Stadtgebiet von Melsungen befindet sich auch diese Ansicht des Schlosses von Osten in der Vogelschau.  Relativ detailliert sind die einzelnen Bauten geschildert, deren grundsätzliche Position den in 2° Ms. Hass. 107 [230] recto, oben gezeigten Gegebenheiten entspricht. Auffallend verändert erscheint hier allerdings der zentrale Treppenrisalit am Schloss, der turmartig aufgestockt ist und über dem Dachfirst ein abschließendes (offenes?) Belvedere-Geschoß aus Fachwerk erhält. Auf diese Weise setzt sich der Hauptbau markant von den Nebengebäuden ab und erhält ein besonderes Würdemotiv.

2° Ms. Hass. 107 [233] recto, unten

Landgrafenschloss mit Entwurf für einen neuen Flügel

Die Darstellung auf einem Blatt mit diversen Ansichten der Riedeselschen Vogtei in Melsungen präsentiert das Schloss mit seinen Nebengebäuden von der Stadt her, wobei die Gebäude des Vorhofes sowie die Bürgerhäuser an der Kasseler Gasse im Grundriss gezeigt sind. Der "vornembste schloß baw" wird in diesem Fall symmetrisch flankiert vom „küchen / baw“ auf der linken, sowie von "Neuer / schloßbaw" mit „Capelle“ auf der rechten Seite, einem langgestreckten Gebäude, das in Größe und Ausgestaltung das gegenüberliegende Burggrafenhaus nachahmt. Tordurchgänge mit darüber gelegenen Galerien verbinden die drei Gebäude untereinander. In dieser Form entsteht eine betont regelmäßige Schlossanlage, wie sie Landgraf Moritz als Idealbild vorschwebte.

2° Ms. Hass. 107 [235] recto

Idealentwurf

In diesem Ideal-Entwurf thematisiert der hessische Fürst den hypothetischen Ausbau des Melsunger Schlosses, dessen Haupt- und Nebengebäude im Vordergrund eindeutig zu identifizieren sind, zu einer symmetrisch angelegten, von einem befestigten Graben umgebenen, repräsentativen Schlossanlage. Ähnlich wie in 2° Ms. Hass. 107 [233] recto, unten wiederholt ein zweiter Flügel auf der Stadtseite die Anlage des Burggrafenhauses. Der Stallhof wird zum „Rendthof“ und durch den  spiegelbildlich angelegten neuen „Stallhof“ mit weiteren Gebäuden ergänzt. Rundtürme sitzen auf den Ecken der Befestigungsmauer, die von einem breiten Wassergraben umzogen ist. Kongenial ist die Anlage der Stadt, die sich im Halbkreis um die Schlossanlage anlegt und von radialen Strassen durchzogen wird. Ganz offensichtlich handelte es sich hier um eine Gedankenspielerei des Landgrafen, der Schloss und Stadt nach „modernen“ Gesichtspunkten gestalten wollte. Die Anlage einer idealen Stadt hatte ihn ja schon um 1606 im Zusammenhang mit der ehemaligen Klosteranlage Breitenau beschäftigt (2° Ms. Hass. 107 [34] + [35]).

2° Ms. Hass. 107 [235] verso

Idealentwurf

Die Vogelschauansicht auf der Rückseite des Idealentwurfs für Schloss und Stadt Melsungen verbildlicht die Gegenansicht zu der Darstellung auf der Vorderseite, den Blick von der Stadt her auf die Schlossanlage „nach Melsungischer art Inventirt". Ebenso wie dort sind die vorhandenen Gebäude zu einer symmetrischen Anlage mit umlaufendem Wassergraben ergänzt und erinnern in ihrer konsequenten Regelmäßigkeit an die Modelle, die Jacques Androuet Du Cerceau in seinem Livre d’Architecture von 1582 in vielen Varianten vorstellte.[327]

2° Ms. Hass. 107 [234] verso, oben

Landgrafenschloss mit Entwurf für eine Galerie

Ebenso wie in 2° Ms. Hass. 107 [233] recto, unten visualisiert Landgraf Moritz  in dieser Zeichnung einen Entwurf für einen ergänzenden Flügel, der den Schlosshof zur Kasseler Strasse hin abschließt und durch einen überbauten Torbogen mit dem Hauptgebäude verbunden wird. In diesem Fall ist er aber als zum Hof hin offene, mit einem Geschoss überbaute Galerie ausgestaltet, ein südländisch anmutender Kontrapunkt zu den beiden massiven Steingebäuden mit ihren regional verwurzelten Fachwerkdetails.

Die Gebäude des Vorhofs sind auch hier in Grundrissplänen zweitrangig behandelt.

2° Ms. Hass. 107 [261] recto, oben

Hinterhof mit Verbindungsgalerie und Lustgarten

Die Vogelschauansicht präsentiert den westlichen Hinterhof des Schlosses mit der Verbindungsgalerie zwischen fürstlichem Wohnsitz und Burggrafenhaus/Küchenbau nebst einem Pflanzplan für den angrenzenden Lustgarten. Das Bemühen des Landgrafen, die Verbindungsgalerie mit ihren beiden Bögen und der Balustrade unverkürzt darzustellen, führt allerdings in diesem Fall zu einer fehlerhaften, missverständlichen Darstellung der beiden Gebäude, die nicht im korrekten rechten Winkel angeordnet sind.

Die Anreicherung der Beete des Lustgartens mit lateinischen Pflanzennamen von „Anis“ bis „Zucca“ entspricht eher der Zurschaustellung enzyklopädischen Wissens als einem tatsächlich gestalterisch wirksamen Pflanzplan.

2° Ms. Hass. 107 [238] recto, oben mittig

Lustgarten am Schloss

Die extrem kleine Skizze auf dem mit diversen Zeichnungen gefüllten Blatt präsentiert das mit einer Mauer eingefriedete Terrain des "lustgarten zu Milsung[en]", der im Westen an Schloss und Burggrafenhaus anschließt und vom Hinterhof aus zugänglich war. Im Hintergrund erkennt man das westliche Eckgebäude des Hinterhofes mit dem runden Turm und die Küchenanbauten am Landgrafenhaus, während an der rechten Seite der Eulenturm die Grenze zur Stadt hin markiert.

2° Ms. Hass. 107 [259] recto

Verbindungsgalerie

Die Detailzeichnung gibt die Verbindungsgalerie zwischen Wohngebäude und Burggrafenhaus im "hin­derhof des schlosses Milsungen" von Westen wieder, wobei wie in 2° Ms. Hass. 107 [261] recto, oben rechts die perspektivischen Regeln zugunsten der genauen Darstellung der Torbögen mit der darüber positionierten umlaufenden Balustrade außer Acht gelassen sind. An dieser mehrfach dargestellten Verbindungsgalerie wurden 1627 tatsächlich Veränderungen vorgenommen, wie die dem Bestand beiliegenden Melsunger Bauanweisungen von 1627 (2° Ms. Hass. 107 [265]) nahelegen, wo von einer „Versetzung des gehawenen Thores undt / ganges  Zwischen dem Gn undt Küche[n] Baw“ die Rede ist.

Ein bemerkenswertes Detail stellt die Darstellung der „Abzucht“ dar, eines Abzugskanal hinter der Küche, der Landgraf Moritz‘ Sinn für jedes noch so kleine Detail bezeugt.[328]

2° Ms. Hass. 107 [260]

Hinterhof mit Verbindungsgalerie

Der Hinterhof des Schlosses mit der Verbindungsgalerie und dem Eckgebäude am runden Turm ist das Thema einer weiteren, sorgfältig mit Lineal und Blindlinien angelegten Zeichnung des Landgrafen. Die in diesem Fall perspektivisch korrekt geschilderte Lage der Gebäude gibt den räumlichen Zusammenhang der Gebäude anschaulich wieder. Die Galerie mit ihrer steinernen Balustrade wird allerdings in diesem Fall von Konsolen getragen, die in den anderen Zeichnungen und im heutigen Baubestand durch massive Pfeiler ersetzt sind.

Der Horizontalschnitt/Grundriss des in der Ecke der Einfriedungsmauer gelegenen Gebäudes gibt eine Nutzung als Wohnung mit einer im Rundturm platzierten Küche an.

2° Ms. Hass. 107 [261] verso, mittig rechts

Hinterhof mit Entwurf für eine Verbindungsgalerie

Ähnlich wie die Darstellung auf der Vorderseite des Blattes thematisiert auch diese Zeichnung, die von weiteren Detailskizzen begleitet wird, die Verbindungsgalerie zwischen fürstlichem Wohnsitz und Burggrafenhaus in eigenwilliger perspektivischer Ansicht, die wahrscheinlich dem Bemühen geschuldet ist, das Bauwerk im Winkel mit allen wesentlichen Details zu zeigen. Deutlich wird, dass die Galerie von der ersten Fensterachse des Burggrafenhauses bis zum Risalit an der westlichen Stirnseite des Schlosses reichen sollte und von zwei massiven Pfeilern an den Gebäudeecken getragen wird - so wie sie sich auch heute noch dem Betrachter präsentiert.

2° Ms. Hass. 107 [261] verso, oben rechts

Entwurf zur Verbindungsgalerie

Die kleine Detailzeichnung, beschriftet "Muster vom gestu[…] uff die galerie" zeigt die Konstruktion von hölzernen Aufbauten auf der Balustrade der Galerie, die vermutlich zum Aufbau eine Überdachung, wie in 2° Ms. Hass. 107 [261] verso, unten rechts geschildert, dienen sollten.

2° Ms. Hass. 107 [261] verso, unten rechts

Entwurf für eine Verbindungsgalerie

In dieser Detailansicht schildert Landgraf Moritz ein weiteres Mal die Verbindungsgalerie am Schloss, die in diesem Fall mit einer hölzernen Überdachung geschützt ist. In ähnlicher Form ist sie auch heute rekonstruiert.

2° Ms. Hass. 107 [262]

Entwurf für das Lehrgerüst der Verbindungsgalerie

Die Zeichnung, beschriftet "Muster des bogens zu der galerie hinden am schlosse / zu Milsung[en], da die galerie uffkömmet.", präsentiert das Holzgerüst (Lehrgerüst) für die Konstruktion des Bogens unter der Galerie, die an die westliche Stirnseite des Schlosses angelehnt ist.


[319] Topographia Hassiae, 1656, S. 108

[320] vgl. Helm 1967, S. 15 f.

[321] HStAM Karten P II 10.529

[322] nach Merian „hat Herr LandGraff Moritz an dieser Statt einen ansehnlichen Schloßbaw angefangen; ist aber wegen deß eingefalnen Kriegswesens verblieben“, Merian, Topographia Hassiae 1655, S. 146, Rommel zählt sie zu den unausgeführten Projekten des Landgrafen, vgl. Rommel 1937, S. 417

[323] Rommel 1839, S. 453f.

[324] vgl. Weber-Karge 1989, S. 88 f.

[325] vgl. Großmann 2010, S. 98f.

[326] vgl. Helm 1967, S.22

[327] vgl. Chatenet 2010

[328] vgl. Helm 1967, S. 24